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Full text of "Die Einführung der Reformation im Lüneburgischen durch Herzog Ernst den Bekenner"

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Die Einführung 

der 

Reformation im Lüneburgischen 

durch 

Herzog Ernst den Bekenner. 


Eine von der philosophischen Fakultät der Georg- Augusts-U niversitat 

zu Göttingen 

am 4. Juni 1886 

gekrönte Preisschrift. 

Von 

Adolf Wrede, 

aus Gross-Freden. 

Motto: In Schule und Litteratur mag 
man kirchliche und politische 
Geschichte von einander son- 
dern, in dem lebendigen Da- 
sein sind sie jeden Augen- 
blick verbunden und durch- 
dringen einander. 

Ranke. 


Göttingen, 1887. 

Druck der Dieterich’schen Univ.-Buchdruckerei. 
(W. Fr. Kiatner). 



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Urteil der Fakultät. 


Statt der Vorschrift smässigen Inhaltsübersicht 1 ), deren Fehlen indess nur als ein un- 
wesentlicher Mangel bezeichnet werden kann, geht der Darstellung eine umfassende Übersicht 
„über die Quellen und Litteratur“ mit der Bestimmung voraus, „einen Überblick über die all- 
mähliche Entwickelung und Erweiterung“ des in Frage stehenden Forschungsgebietes zu geben. 
Schon diese litterarisch-kritische Einleitung zeigt, dass der Verfasser seine Aufgabe mit wissen- 
schaftlichem Geiste erfasst und an deren Lösung mit der rechten Methode, sowie mit hingebendem 
Fleisse herangetreten ist. 

Hatte die Fakultät es als wünschenswert bezeichnet, dass ausser den weit zerstreuten, 
gedruckten Quellen auch die leicht zugänglichen Akten des k. Staatsarchivs in Hannover be- 
nutzt würden , so ist der Verfasser der vorliegenden Abhandlung noch einen sehr bemerkens- 
werten Schritt weiter gegangen: er hat ausser den Akten des genannten Archivs auch eine 
Menge bisher zum Teil unbenutzter Urkunden des Stadtarchivs zu Lüneburg, sowie eine Reihe 
von Handschriften der Öffentlichen Bibliotheken zu Lüneburg, Wolfenbüttel, Hannover und Göt- 
tingen herangezogen. 

Des so in erfreulicher Weise vermehrten Quellenmaterials ist der Verfasser (Dank seiner 
ausdauernden Arbeitskraft) bis in die Einzelheiten Herr geworden ; aber während er mit sorg- 
fältig abwägender Kritik eine Fülle von Detailfragen behandelt, verliert er den Zusammenhang 
der Ereignisse und die leitenden Gesichtspunkte nicht aus dem Auge. Der Stoff ist wohlge- 
gliedert, die Darstellung schlicht und anschaulich; nur hie und da lässt eine Unebenheit im 
Stil die letzte Feile vermissen. 

Von der Menge des Neuen, das die Abhandlung bietet, dient manches zur Bereicherung 
unserer Kenntniss von dem reformatorischen Wirken des Herzogs Ernst selbst, anderes lässt 
seine geistlichen und weltlichen Mitarbeiter in neuem Lichte erscheinen, nicht geringer sind die 
Aufschlüsse, die wir über den Widerstand erhalten, den der Rat der Stadt Lüneburg und noch 
mehr die Klöster des Landes leisteten. Dem nüchternen und besonnenen Urteil des Verfassers 
wird man in der Regel beistimmen können , und wenn etwa die Frage , ob der Reichstag von 
1526 einen so wichtigen Einschnitt in der Reformationsgeschichte des Landes bilde, in anderem 
Sinne beantwortet werden muss -), so hat doch auch hier eine unhaltbare , durch Ranke be- 
gründete Auffassung die quellenraässige Darlegung der Thatsachen nicht beeinträchtigt. 

Nach dem Allen darf die vorliegende Arbeit als eine wissenschaftliche Leistung be- 
zeichnet werden, die bestimmt erscheint, in der Litteratur der Braunschweig - Ltineburgischen 
Landesgeschichte , wie in der Litteratur der Reformationsgeschichte eine achtungswerte Stelle 
einzunehmen. 

1) Wurde hiuzugefugt. 2) Wurde geändert. 


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V 


Dem Andenken 


meiner Eltern. 


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Inhalt. 


Quellen und Bearbeitungen 1 

Einleitung: Die Hildesheimer Stiftsfehde und das Fürstentum Lüneburg .... 13 

I. Abschnitt: Die Einführung der Reformation im Fürstentum Lüneburg bis zum Jahre 

1530 18 

Die Söhne Heinrichs des Mittleren 18 

Die Lage des Fürstentums und die ständischen Verhältnisse 22 

Die kirchlichen Verhältnisse des Fürstentums 27 

Erste Regungen des Luthertums. Die BarfÜsser in Celle 31 

Die ersten Massrcgeln gegen die Klöster und die Landtage zu Celle und 

Uelzen 41 

Widerstand der Prälaten und der Stadt Lüneburg gegen die Forderungen 

des Herzogs 56 

Erstes aktives Vorgehen des Herzogs in Sachen der Religion .... 60 

Die Landtage des Jahres 1527 74 

Folgen des Landtages vom August 1527 85 

Einsetzung lutherischer Prediger in den Klöstern und die Übernahme der 
Verwaltung der Klostergüter durch den Herzog 93 

II. Abschnitt: Die Reformation der Stadt Lüneburg und der Widerstand der Klöster 110 

Vorgänge in Lüneburg bis zur Ankunft des Urbanus Rhegius . . . 110 

Der Ratschlag zu Notdurft der Klöster 127 

Urbanus Rhegius 132 

Erster Aufenthalt des Urbanus Rhegius in Lüneburg 138 

Das Kloster St. Michaelis 146 

Bardowik und Ramelsloh 163 

Zweiter Aufenthalt des Urbanus Rhegius in Lüneburg 179 

Die Streitigkeiten des Herzogs mit der Stadt Lüneburg 195 


Das Fürstentum und die Klöster seit der Ankunft des Urbanus Rhegius 205 


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Die vorliegende Arbeit wurde, nachdem mir für dieselbe von der philoso- 
phischen Fakultät der Preis zuerkannt war, noch in einigen Punkten erweitert 
und verbessert, besonders durch Benutzung der Gebhardischen Sammlung in 
Hannover. 

.Den Beamten der von mir besuchten Bibliotheken und Archive sage ich 
für ihre freundliche und liebenswürdige Unterstützung an dieser Stelle meinen 
besten Dank. 


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, *- * i > * * 

Quellen und Bearbeitungen. 

Der Darstellung der „Einführung der Reformation im Lüneburgischen durch 
Herzog Ernst den Bekenner“ will ich eine kurze Übersicht über die Quellen 
und Litteratur voranschicken , wobei es mir natürlich nicht so sehr darauf au- 
kommen kann, sämtliche diesen Gegenstand nur flüchtig berührenden Bücher oder 
die in Zeitschriften, wie dem „Vaterländischen Archiv“ und seinen Fortsetzungen, 
dem „Hannoverschen Magazin“, den „Annalen der braunschweig -lüneburgischen 
C'hurlande“ u. dgl. verstreuten Artikel namhaft zu machen, als vielmehr darauf, 
einen Überblick über die allmähliche Entwicklung und Erweiterung unserer 
Kenntniss dieses Gebietes zu geben. 

Eine einheitliche Bearbeitung des Gegenstandes — das muss vorausge- 
schickt werden — ist erst sehr spät versucht worden und auch dann nur als 
Teil von grösseren Werken, während die meisten der in Frage kommenden 
Schriften nur Lokalgeschichten sind, oder sich auf das Leben Emsts überhaupt, 
nicht aber besonders auf seine Thätigkeit als Reformator beziehen. 

Die Litteratur des späteren 16. und des 17. Jahrhunderts ist in Bezug auf 
unser Gebiet von keiner allzugrossen Bedeutung. Die älteste Chronik von Braun- 
schwei g-Lüneburg, die für uns in Betracht kommt, ist die von Bünting 1 ). «Sie 
hat ja insofern Wert, als sie manche anekdotenhafte Züge aus dem Leben des 
Herzogs uns überliefert hat, aber sie bezieht sich mehr auf die Teilnahme Ernsts 
an der religiösen Bewegung in Deutschland, auf seine Verhandlungen mit den 
anderen evangelischen Fürsten zum Schutze des Glaubens, als auf die Reforma. 
tion des Fürstentums selbst. Hamei mann (Historia renati evangelii per West- 

1) M. H. Bünting, Neue vollständige braun- schweig-ltineburgische Chronik. 1584 und 1596 

(letztere Auflage von mir benutzt). 

1 


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2 


phaliam) 1 ) hat doch wenigstens die Schriften des Urbanus Rhegius 2 ) und 
die der Ausgabe seiner Werke Vorgesetzte dürftige Lebensbeschreibung Urbans 
durch seinen Sohn Ernst benutzt ; seine sonstigen Nachrichten sind besser als die 
Büntings, aber sein Buch hat für das Fürstentum Lüneburg doch bei weitem 
nicht den Wert, den es für die Reformationsgeschichte anderer Territorien hat. 
Aus ihm stammen die dürftigen Nachrichten in Pomarius’ „Chronik der Sach- 
sen und Niedersachsen“ (1589), die dann auch der Überarbeiter und Fortsetzer 
desselben, Dresser, (Sächsisches Chronicon, 1596) aufgenommen hat Auch Chy- 
traeus bietet im 12. Buch seiner „Saxonia“ (1610) ausser der bislang nicht 
bekannten Nachricht über den Streit des Herzogs mit der Stadt Lüneburg um 
das Kloster St. Michaelis nichts wesentlich Neues, aber er sowohl wie Hamel- 
mann haben sich in der späteren Zeit eines grossen Ansehens erfreut 

Wichtig wegen seines Einflusses auf die folgende Litteratur und daher hier 
zu nennen ist das Werk Seckendorfs (Commentarius historicus et apologeticus de 
Lutheranismo etc. 1692). Aus ihm wird sehr viel geschöpft, und der Rahmen für 
die äussere Thätigkeit des Fürsten ist meist ihm entnommen, aber er bringt 
doch auch wenig beachtete, gute Nachrichten über innere Verhältnisse des Für- 
stentums. Neben ihm werden vereinzelt S lei da ns Buch „de statu religionis et 
rei publicae Carolo V caesare“ und später Müllers „Historie von der evangeli- 
schen Stände Protestation und Appellation“ (1705) gebraucht. 

Die specialgeschichtlichen Werke dieser Zeit, wie Meiboms und Sagit- 
tarius’ 3 ) Geschichte von Bardowik, werden bald überholt und bieten gerade für 
unser Gebiet wenig. Lossius’ Luneburga 4 ), schon wegen der Form — es ist 
eine poetische Verherrlichung der Stadt Lüneburg und ihrer Versöhnung mit dem 
Herzoge — zur vorsichtigen Benutzung mahnend, ist nur in wenigen Fällen als 
wirkliche Quelle heranzuziehen. Manche gute, in jener Zeit unbekannte Nach- 
richt bringt Sagittarius 5 ) aus der ungedruckten Lüneburger Chronik von 


1) Die erste Ausgabe ist von 1587 (Gott. 
Bibi.) , sie ist abgedruckt in: Harne lmanni 
opera genealogico-historica. Lemgoviae 1711 (nach 
dieser Ausgabe citiere ich). 

2) Urbani Rhegii opera. 2 Bände, von de- 

nen der eine die deutschen, der andere die la- 

teinischen Schriften enthält, beide erschienen 

zuerst Nürnberg 1562. 


3) Meibomii Bardewicum sive historia 
urbis Bardewic. 1613. 

Sagittarius, Historia urbis Bardewic. 
1674. 

4) Lossius, Luneburga Saxoniae. 1566. 

5) Sagittarius, Memor&bilia historiae 
Luneburgensis , zuerst Jena 1682. 


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3 


Schomaker 1 2 * ). AuchZeiler, der in seiner Topographie *) zu den Städten und 
Klöstern des Fürstentums geschichtliche Notizen giebt, ist hierher zu rechnen. 

Eine ganz neue Epoche leitet dagegen in der Kenntnis unseres Stoffes das 
Buch von Schlöpke ein: Chronicon oder Geschichte der Stadt und des Stiftes 
Bardowik (Lübeck 1704). Er bringt viel unbekanntes Material aus dem Archiv 
des Stiftes Bardowik an das Licht 9 ), seine Stellung als Rektor dort ermöglichte 
ihm dies. Er benutzte die Schomakersche Chronik, sowie die damals noch un- 
gedruckte Chronik des Cyriacus Spangenberg 4 ), die gerade für Bardowik 
von Bedeutung ist Auch standen ihm, wie es scheint, aus dem Stadt-Archiv zu 
Lüneburg einige Urkunden zur Verfügung. Er kennt das sogenannte „Artikel- 
Buch“ 5 ) und den „Ratslag to nodtrofft der kloster“ 6 ) wenigstens dem Namen 
nach. Das Buch bildet bis heute eine der Hauptquellen, und man hat immer 
wieder aus ihm abgeschrieben; bei dem Zurückgreifen auf die Originalquellen, 
soweit mir dies möglich war, habe ich seine Nachrichten im wesentlichen als 
zuverlässig erkannt; der Wert des Buches wird erhöht durch eine Reihe abge- 
druckter Urkunden. Freilich lässt sich auch ein Mangel an Kritik nicht ver- 
kennen, der zu Fehlern geführt hat, die man bis heute nachgeschrieben und ge- 
glaubt hat 

Die Säcularfeier der Reformation weckte den Trieb, sich mit der Geschichte 
jener Zeit und der Männer, die damals gewirkt hatten, zu beschäftigen, und so 
sehen wir auch über das Fürstentum Lüneburg und das Leben Ernsts jetzt meh- 
rere Schriften entstehen. Zunächst ist hier zu nennen ein Programm über Her- 

1) Die Chronik — noch heute ungedruckt j Cyriacus Spangenberg wurde von einem seiner 
— geht bis zum Jahre 1561. Verfasser ist Nachkommen mit einer kurzen Fortsetzung ver- 
Jacobus Schomaker, Propst von St. Jo- j sehen und 1720 herausgegeben. 

hann in Lilneburg und Canonicus von Bardo- 5) Artikel darinne etlike mysbruke by den 

wik. Er stammte aus einer Lüneburger Pa- Parren des Förstendomes Lüneburg entdecket 
tricier-Familie und starb 1563 (Götting. Bibi.). , und dar gegen gude ordenynge angegeven wer- 

2) Z e i 1 e r , Topographia und eigentliche den mit bewysinge und vorklarynge der schrift. 
Beschreibung der Herzogtümer Braunschweig- 1527. (Wolfenbüttler Bibliothek). — Abgedruckt 
Lüneburg bey M. Merian. Frankfurt 1654. mit Weglassung des Schriftbeweises und des 

8) Er legt zu Grunde die Nachrichten Unwichtigem der Vorrede bei Richter, die 
eines alten gleichzeitigen Capittelbuches, von dem evangelischen Kirchenordnungen des 1 6. Jahr- 
sich für die Reformationszeit Abschriften im hunderts. Bd. I. p. 70 ff. 

Kgl. Staats- Archiv zu Hannover befinden, das 6) Radtslagh to nodtrofft der kloster des 

aber schon in der Mitte des vorigen Jahrhun- i Förstendoms Lüneborch, Gades wort unde Ce- 
derts verloren war. I remonien belangen. 1530 (Wolfb. Bibi.). 

4) Die Chronik der Verdener Bischöfe des 

1 * 


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4 


zog Ernst, von Wernsdorf vom Jahre 1717. Dasselbe ist nur kurz und wenig 
wert. Benutzt sind nur die am leichtesten zugänglichen sekundären Quellen 1 ). 
Weit besser ist das Büchlein von Bertram: das Leben Ernesti Herzogs zu 
Braunschweig-Lüneburg (1719). Es gehört dasselbe zu einer Reihe von Biogra- 
phien Ernsts 2 ), an deren Spitze die, von Bertram und später vielfach benutzte, 
„Oratio de Ernesto duce“ Melanchthons 8 ) von 1557 steht. Das Buch von 
Bertram beruht zum Teil auf Schlöpke, aber er hat doch verschiedene, bisher wenig 
gekannte Quellenschriften wieder hervorgezogen; die zwischen den Barfüssern 
und den verordneten Predigern zu Celle gewechselten Briefe, die 1527 durch 
den Druck veröffentlicht wurden 4 ), hat er benutzt; bekannt dem Namen nach 
ist ihm die Schrift Wolf Cyclops gegen die Barfüsser zu Celle (1524) 5 ). 

Auch Rehtmeier schildert uns in seiner Chronik 6 ) das Leben Emsts, 
aber bei genauerem Vergleichen dessen, was er giebt, mit Bertrams eben erwähn- 
tem Buche zeigt es sich, dass von dort ganze Seiten samt den Anmerkungen 
herübergenommen sind; nur da, wo er auf die Beziehungen des Herzogs zu der 


1) Gottlieb Wernsdorfius , ord. Theol. in 
academia Wittembergensi Decanus Lecturis sa- 
lutem plurimam dicit eosdemque ad audiendam 
orationem auspicalem a maxime venerabili can- 
didato d. XXIII. Aug. recitandam . . . invitat. 
(Ohne Jahr und Ort. Dresd. Bibi.). Hier zu- 
erst der Inmatriculations- Vermerk über Ernst aus 
der Wittenberger Matrikel. 

2) Die in Prauns Bibliotheca Brunsvico- 
Luneburgensis unter Nr. 299 erwähnte Schrift: 
Lomarus, Encomiasticum in laudem Ernesti du- 
cis (Hamburg 1589) würde hierher zu rechnen 
sein, ich habe sie jedoch nicht zu Gesicht be- 
kommen können und habe sie auch gar nicht 
citiert gefunden. — Auch das bei Praun Nr. 
303 angeführte „Gespräch im Reiche der Toten 
zwischen Friedrich I von Dänemark und Ernst 
dem Bekenner“ habe ich nicht erhalten können. 

3) Oratio de Ernesto duce recitata in Aca- 
demia Wittebergensi ab Henri co Paxmanno. 
Unter dem Namen Paxmanns ging sie lange 
Zeit, bis durch die Ausgabe der Werke Me- 
lanchthons die Autorschaft des letzteren zwei- 
fellos festges teilt wurde. Sie ist abgedruckt bei 
Guden, Dissertatio de Ernesto duce und im 
Corpus Reformatorum. XH, p. 230 ff. 

4) Handelyng twyschen den Barvoten tho 
Zcelle ynn Sassen und den verordenten Predi- 


| gern darsulvest de Mysse belangen. Grundt 
und orsake worümb dorch Förstiyke overicheit 
bemelten Barvoten de gemeinschop des Volkes 
vorboden. Affschrifft der vorsegelden unchrist- 
liken vorschrivyng, ynn welcker de barvoten all 
ohre guden wercke den andern myldichlick uth- 
delen. Mit vorleggynge dersulven. 1527 (Han- 
nov. Kgl. Bibi.). 

5) Ein geistlicher kampff | und Scharmü- 
tzel, über V beschlusz | und artickelln, das Güt- 
lich wort be- | langende, zwischenn Wolff Cyclop 

| von Zwickaw der Ertzeney-doctor etc. | Unnd 
den aller Geystlichsten Vetern, | Heynrich Mar- 
quardi der parfusszer | Minister, Mathias Teuf- 
fel von Nort | heym Gardian sampt allenn yrenn 
mithbrüdern, tzu Newen Zcelle Ln | Luneborger 
Lande, jn nehst vorschy | nener Marterwochen, 
schryfftlichen | begriffen und vorfasszet Im \ 
MDXXIIII | Maydeburgk. . 4£ Bb. 4°. J. f.: 
Gedruckt In der Löblichen unnd Christlichenn 
| Stat Maydeburgk durch Hans Knappe der 
; Junger | Im M.D.XXIIIl. Jare. Erst nach lan- 
| gern Bemühen fand ich die Schrift in der Gräfl. 
j Bibliothek zu Wernigerode und der Hzgl. 

I Bibi, zu Gotha. 

6) Rehtmeier, Braunschweig-Lüneburgi- 
sche Chronik. 1722. Bd. 2. 


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5 


Stadt Braunschweig kommt, wird er selbständig und bringt dafür aus dem Archiv des 
Rates unbekannte Urkunden. Der Text in der „Historie des braunschweig-lüne- 
burgischen Hauses“ von Pfeffinger (3 Bände. 1731 — 34) ist nur ein schlech- 
ter Auszug aus Rehtmeier, der hier nicht in Betracht kommen kann; nur die 
in den Anmerkungen verstreuten Nachrichten und Urkunden sind für die Ge- 
schichte einzelner Klöster und adliger Geschlechter des Fürstentums nicht ohne 
Wert, und nur darum erwähne ich das Buch. Das sämtliche vorhandene Mate- 
rial benutzt Gu den in der 1730 erschienenen „Dissertatio saecularis de Ernesto 
duce“ *). Lange steht diese Schrift unübertroffen da, wertvolle Urkunden, die sich 
auf Vermittlungsversuche des Herzogs in religiösen Fragen mit süddeutschen 
Theologen beziehen, sowie die oben genannte Rede Melanchthons sind im An- 
hänge abgedruckt Aber hier sowenig wie bei den früher erschienenen Büchern 
kann man von einer genügenden Behandlung der uns interessierenden Frage re- 
den. Die Quellenschriften werden meist nur erwähnt und nicht weiter für die 
Darstellung verwertet, über ihren Inhalt erfährt man nicht mehr, als man etwa 
aus ihrem Titel schliessen kann. Mau stützt sich auf Quellen zweiten Ranges; 
die Autorität Hamelmanns oder Seckendorfs wird von Bertram gegen die unan- 
genehme Wahrheit der Schomakerschen Chronik in das Feld geführt; und daran 
hat man bis in unsere Zeit festgehalten. 

Uber die Generalsuperintendenten des Fürstentums Lüneburg sind zwei 
Buchlein erschienen, beide zuerst im Jahre 1726 *). Während das eine dersel- 
ben, die poetische Lobrede Markards auf die Generalsuperintendenten zu Celle, 
für uns seiner grossen Dürftigkeit wegen nichts bietet, giebt Bytemeister 
doch etwas mehr, aber auch nichts Selbständiges 1 2 3 ). 

Nach dem Werke von Schlöpke wurde die Lokalgeschichtschreibung fort- 


1) Dissertatio saecularis de Ernesto duce 
etc. in memoriam Augustanae confessionis exhi- 
bita in illustri Gymnasio Gottingensi a° 1730 
ab Henr. Phil. Gudenio. 

2) Bytemeister, Commentarius de vita 
scriptis et meritis supremorum Praesulum in 
ducatu Luneburgico. 1726 (Emendationes et sup- 
plementum. 1730). 

Markardus, Gloria Superintendentium 
generaiium Ducatus Luneburgici. 1726. 

3) Beide haben eine gemeinsame Reihen- 
folge der Generalsuperintendenten: 1) Gotschalk 


Kruse 1524 — 27 (über ihn schöpft Bytemeister 
I seine Kenntnis aus Rehtmeiers braunschweigi- 
I scher Kirchengeschichte (1707); 2) Heinrich 

Bock — 1532, 3) Urbanus Rhegius — 1541, 
i 4) Martin Undermark. Richtig ist ja daran, 
j dass Rhegius nicht sofort nach seiner Ankunft 
j in Celle Landessuperintendent wurde, aber we- 
der Kruse noch Bock hat dies Amt jemals be- 
kleidet. Noch Spangenberg in seiner Beschrei- 
bung der Stadt Celle hält an dieser Einteilung 
fest (1826). 


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6 


gesetzt von dem bereits genannten Bertram in dem Buche „Evangelisches Lü- 
neburg“ (1719). Es ist eine Kirchengeschichte der Stadt Lüneburg seit der Re- 
formation, eine sehr anerkennenswerte Leistung besonders wegen der Veröffent- 
lichung mehrerer, die Reformation betreffender Berichte und Urkunden. Die 
Schrift Undermarks gegen Augustin von Getelen 1 ) kennt der Verfasser, er 
benutzt die Rede Bacmeisters über Lucas Lossius 2 ) von 1585, die wertvolle 
Nachrichten uns überliefert hat Historisch freilich ist sehr vieles zu vermissen; 
auch hier wieder das Beiseiteschieben der besser unterrichteten Schomakerschen 
Chronik; die dadurch in die Reformationsgeschichte der Stadt Lüneburg ge- 
brachte Verwirrung ist erst in unserer Zeit aufgedeckt und gebessert worden. 

Für die Zeit bis 1530 liefert das Festprogramm des Johanneums zu Lü- 
neburg von Schmidt 3 ) einen sehr anerkennenswerten Beitrag, dagegen bezeich- 
net das Buch von Wallis „Abriss der Reformationsgeschichte von Lüneburg“ 
(1836) keinen grossen Fortschritt, obwohl es weiter geht als das eben genannte. 
Hier wie bei Schmidt sind ausser dem bei Bertram abgedruckten Bericht und 
der Schomakerschen Chronik noch zwei andere handschriftliche Chroniken von 
Lüneburg benutzt, auf die ich später zurückkommen werde. 

Das Buch von Lyssmann „historische Nachricht vom Kloster Meding“ 
1772 gedruckt, fällt seiner Entstehung nach ebenfalls noch in die erste Hälfte 
des 18. Jahrhunderts 4 ). Es ist dem Werke von Schlöpke würdig an die Seite 
zu stellen, ebenso gründlich und zuverlässig wie jenes. Auch hier sind eine 
Reihe von wichtigen Urkunden abgedruckt, und es ist nur zu bedauern, dass wir 
nicht mehr derartige Specialgeschichten haben. — Das Buch hat seine Lieb- 
haber gefunden: die „kleine Chronik des Klosters Medingen“ von Erck (1862) 
ist nur eine sehr schlechte Compilation aus Lyssmann, obwohl sie sich auf dem 
Titel als eigne Arbeit „nach alten Quellen und Urkunden“ einführt. Derartige 
„Kinder der Laune und Werke eines ungefähr viertägigen Fleisses“, wie der Ver- 
fasser sein Werk in der Vorrede nennt, thäten besser nicht an das Tageslicht 
zu treten. — Im wesentlichen auf Lyssmann beruht auch der betreffende Ab- 


1) Auff die Lä8terschrift des schwartzen 
Münches Augustin von Getele des falschen Pro- 
pheten bei den zu Lüneburg Antwort Marti. 
Undermark. 1529 (Hannov. Kgl. Bibi.). 

2) Oratio de Luca Lossio habita a Lu ca 

Bacmeister. 1585 (Götting. Bibi.). 


3) Chr. Fr. Schmidt, Programms de 
historia reforraationis urbis Luneburg. 1730. 
(Gott. Bibi.). 

4) Praun führt es in seiner 1744 erschie- 
nenen Bibliotheca Brunsvico-Luneburgensis be- 
reits als Manuscript an. 


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j 



7 


schnitt bei Kayser „Chronik des im hannoverschen Amte Medingen helegenen 
Kirchspiels Wichmannsburg“ (1878). Kap. 20 handelt von der Einführung der 
Reformation in Wichmannsburg, allein man darf nicht glauben, hier einmal einen 
der seltenen Berichte über die Stellung eines Dorfes, ein Prototyp für die Stellung 
der Landbevölkerung zur Reformation zu finden ; es ist nur eine Schilderung der 
Einführung der Reformation in Medingen mit vergleichenden Seitenblicken auf 
Wichmannsburg, „da dieser Ort als Patronatskirche aufs engste mit Medingen 
verbunden war“. 

Über die Residenz des Herzogs (Celle) sind mehrere Schriften erschie- 
nen *), allein von keiner derselben kann man sagen, dass sie unsere Kenntnis der 
Verhältnisse der Reformationszeit bedeutend gefördert habe. Bilderbeck ist 
ganz unselbständig, am meisten bietet noch Steffen, aus dem dann wieder 
Spangenberg schöpft. — Für Uelzen giebt der „Grundriss der Stadt Uelsen“ 
von Schilling (1735) manche gute Nachricht. 

Je näher wir unserer Zeit kommen, um so mehr häuft sich auch die Her- 
ausgabe der Quellen; schon Ende des vorigen Jahrhunderts gab Jacobi eine 
Sammlung von Landtagsabschieden des Fürstentums Lüneburg*) heraus, die wich- 
tige Urkunden zugänglich machte, welche man bislang nur aus kurzen Auszü- 
gen des Laholm von Estorf 1 2 3 * ) kannte; nur teilweise waren dieselben vorher 
durch den Druck veröffentlicht*). — Auch die seit der Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts etwa beginnenden Zeitschriften haben, je näher sie der Gegenwart kom- 
men, um so mehr zur Veröffentlichung des Quellenmaterials beigetragen. Und 
ganz besonders ist hier aus der jüngsten Zeit die Herausgabe des Lünebur- 
ger Urkundenbuches 5 ) zu nennen, deren Fortsetzung hoffentlich nicht all- 
zulange auf sich warten lässt Bislang kommen davon für uns in Frage die 


1) Bilderbeck, Cellisches Stadtrecht 
(1739), im Anhang ein „Entwurf einer kurz- 
gefassten Nachricht von dem Ursprung der 
Stadt Celle, von den alten legibus und statutis, 
ingleichen von ihrer Reformation“. 

Steffen, Historisch-diplomatische Abhand- 
lungen in Briefen Über die Stadt Celle. 17G3. 

Spangenberg, Historisch-topographisch- 
statistische Beschreibung der Stadt Celle. 1826. 

2) Jacobi, Landtagsabschiede und an- 

dere die Verfassung des Fürstentums Lüneburg 

betreffende Urkunden. 1794. 


3) Er war Canoniker des Klosters St. Mi- 

chaelis in Lüneburg und lebte um 1600. Vgl. 
über seine Sammlung: Lenthe, Archiv für 

Geschichte und Verfassung des Fürstentums 
Lüneburg. Bd. 6, p. 277 ff. 

4) So unter anderen auch durch Pfefünger 
in dem oben erwähnten Buche. 

5) Erschienen sind bislang von 1859 — 
1870 die 5., 7. und 15. Abteilung desselben, 
die Urkundenbücher von Isenhagen, Walsrode 
und St. Michaelis ( — 1500) umfassend. 


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8 


Urkundenbücher der Klöster Isenhagen und Walsrode. Ersteres bedarf 
freilich gerade für die Reformationsgeschichte einer Ergänzung aus den Akten 
des KgL Staats- Archivs ; mir haben noch eine ganze Reihe Urkunden Vorgelegen, 
die nicht in dasselbe aufgenommen waren. 

Uber das Kloster St. Michaelis in Lüneburg sind etliche Schriften 
vorhanden, von denen die neueste erst in unsere Zeit fällt. Das Buch von Geb- 
hard i „Dissertatio de re litterali coenobii St Michaelis“ 1 ) steht an der Spitze 
derselben. In ihm findet sich ein Bericht jenes oben erwähnten Laholm von 
Estorf über die Reformation des Klosters abgedruckt; er stammt aus dem Jahre 
1592 und bedarf einer genaueren Prüfung, ehe man ihn benutzen darf, 
einer Prüfung|, welche ihm bislang nicht zu Teil geworden ist. Gebhardi hat 
noch das sog. „Proe ve-Boek“ gekannt, eine auf Befehl des Abtes von St 
Michaelis verfasste Widerlegung der Lüneburger Kirchenordnung Kempes; 
dasselbe ist jetzt verloren: Gebhardi berichtet schon, dass er es bei der Heraus- 
gabe seines Buches nicht habe wiederfinden können. Kempe antwortete auf 
die in dem „Proeve-Boek“ gegen ihn erhobenen Vorwürfe in einer eigenen 
Schrift 2 ), die in Staphorsts Hamburger Kirchengeschichte abgedruckt ist; auch 
diese ist Gebhardi bekannt. — Von demselben Verfasser ist die „kurze Ge- 
schichte des Klosters St. Michaelis“, die erst nach seinem Tode (1857) auf Ver- 
anlassung der Lüneburger Landschaft herausgegeben worden ist. Sie ist ein 
Auszug aus einem gleich zu erwähnenden grösseren, noch jetzt handschriftli- 
chen Werke Gebhardis. Eine Geschichte der Äbte von St. Michaelis lie- 
ferte von Weihe-Eimke 3 ). Der Verfasser benutzte bei seinem Werke, so- 
weit ich dies zu prüfen hatte, vor allem die Geschichte der Äbte des Klosters 
St. Michaelis, welche Gebhardi in dem 14. und 15. Bande seiner (handschrift- 
lichen) Sammlung von Abschriften und Urkunden giebt. Anlage und Inhalt 
schliessen sich sehr eng an G.’s Werk an, so dass man weniger von Weihe- 
Eimke als Gebhardi als Verfasser nennen müsste. Das Buch Gebhardis ist für 
seine Zeit (1790) vortrefflich, eine grosse Menge von Urkunden und Akten sind 


1) Das Buch erschien 1755. 

2) Up des Abbates von Sunte-Michael tho 
Lüneborch und eines Proe ve- Esels Proeve-Boek 
Antwort Stephani Kempen. Mit einer Vor- 
rede Bugenhagens, 1531. Abgedruckt in Stap- 

horsts Hamburger Kirchengeschichte, Abteilung 


II, Band 1, p. 172 ff. 

3) v. Weihe-Eimke, Die Äbte des Klo- 
sters St. Michaelis zu Lüneburg. Celle 1862. 
Die handschriftliche Sammlung von Abschriften 
und Urkunden von Gebhardi (15 Bde fol.) be- 
findet sich auf der Kgl. Bibliothek zu Hannover. 


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9 


uns allein dort überliefert Aber durch dasselbe sind eine Reibe von Irrtümern 
in die Landesgeschichte gekommen, denn seit es zuerst von Havemann, dann von 
v. Weihe-Eimke und Uhlhorn benutzt wurde , hat man die Nachrichten desselben 
ohne Prüfung dankbar hingenommen. Sind derartige Irrtümer bei G. entschuld- 
bar, so kann man sie v. Weihe -Eimke nicht verzeihen, da derselbe sie hätte 
bessern können. Havemanns gleich anzuführendes Buch wird nur flüchtig 
und mangelhaft von ihm benutzt (So lässt G. bereits 1527 den Urbanus Rhe- 
gius nach Celle kommen, und v. Weihe-Eimke folgt ihm ohne Bedenken!). Stets 
wird man besser thun auf G. selbst zurückzugehen, da die Nachrichten dessel- 
ben durch v. W.-E. oft ungenügend wiedergegeben werden. 

Neue Quellen hat auch benutzt Heimbürger (Ernst der Bekenner, 1839). 
Allein das ist auch wohl das einzige Verdienst, das er vor den früheren Bio- 
graphen des Herzogs voraus hat, sonst würde ich jedenfalls dem erwähnten 
Buche von Guden, das bei weitem besser und sorgfältiger gearbeitet ist, den 
Vorzug geben. Er schöpft manche wertvolle Nachricht aus einem Copialbuche 
der Celler Justiz-Canzlei, so 'eine Klosterordnung von Wienhausen und die jetzt 
von Richter herausgegebene Lüneburger Kirchenordnung von 1543 *). Er 
giebt einen ziemlich ausführlichen Auszug aus der erwähnten Schrift Wolf Cy- 
clops, die damals noch in der Celler Ministerial-Bibliothek vorhanden gewesen 
zu sein scheint. Neben der Schomakerschen Chronik hat ihm die bislang wenig 
bekannte Lüneburger Chronik von Hämmenstädt*) und der Discursus histo- 
rico-politicus von Elvers*) Vorgelegen, er benutzt sie aber nur in geringem Masse. 

Es möge mir gestattet sein, hier ein Wort über das Verhältnis dieser drei 
Chroniken zu sagen. Die späteste derselben: Elvers’ Discursus historico-poli- 
ticus, die erst aus dem 17. Jahrhundert stammt, schöpft nicht blos aus den bei- 
den älteren, sondern auch — und das giebt ihr einen selbständigen Wert — 
aus Urkunden des Lüneburger Stadt- Archivs. Hämmenstädt hat ebenfalls 

die Chronik Scbomakers benutzt, das ist mir ganz zweifellos; es finden sich ganz 
bedeutende und auffallende wörtliche Übereinstimmungen bei beiden, auch 
lebt Hämmenstädt etwas später als Schomaker 1 2 * 4 ). Aber gerade für die Reforma- 


1) Richter, Kirchenordnungen des 1 6. 
Jahrhunderts. Bd. 2. p. 54 ff. 

2) So, und nicht H a mmenstädt wurde der 

Name in dem von mir benutzten Exemplare ge- 

schrieben . 


3) Beide habe ich aus der Lüneburger 
Stadt-Bibliothek erhalten , sie sind bis heute 
noch ungedruckt. 

4) Nach einer Notiz in dem mir vorliegen- 
genden Exemplar dieser Chronik lebte Häm- 


2 


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10 


tion lag dem Verfasser noch ein ganz anderer Bericht vor, den er unter der 
Überschrift: „Summarischer Bericht von der Reformation“ giebt, so dass es mir 
fraglich erscheint, ob er die benutzte Quelle völlig wiedergegeben hat l ); für das 
Jahr 1530 ist derselbe am ausführlichsten. Während Schomaker Patricier war, 
entstammte Hämmenstädt der Bürgerschaft, er selbst war Bierbrauer; und der 
Parteistandpunkt prägt sich natürlich auch in ihren Chroniken aus, denn gerade 
zur Zeit der Reformation war ja der Gegensatz zwischen Patriciern und Bür- 
gern in Lüneburg ein sehr schroffer. 

Nicht bloss der Herzog, auch andere Förderer der Reformation haben ihre 
Biographen gefunden. So befindet sich eine Lebensbeschreibung des Kanzlers 
Klammer in M aneck es biographischen Skizzen der Kanzler der Herzoge von 
Braunschweig-Lüneburg. Vor allem ist es aber Urbanus Rhegius, der um 
die weitere Ausbildung und Organisation der kirchlichen Verhältnisse des Für- 
stentums sich grosse Verdienste erworben hat, und es sind denn auch eine Reihe 
Schriften über ihn erschienen 3 ). Durch die neueste Darstellung seines Lebens 
von Uhlhorn sind jedoch alle anderen veraltet. Heimbürger 4 ) verdient der 
abgedruckten Urkunden wegen genannt zu werden. Das Werk von Uhlhorn 
darf nicht nur in Bezug auf Urbanus Rhegius, sondern auch in Bezug auf die 
Reformationsgeschichte des Fürstentums als das beste der gesamten einschla- 
genden Litteratur bezeichnet werden. Mit Heranziehung der Akten des Hanno- 
verschen Staats- und des Lüneburger Stadt-Archivs, sowie der Handschriften der 
Kgl. Bibliothek zu Hannover wird hier zum ersten Male die Reformationsge- 
schichte der Stadt Lüneburg von den bisherigen, besonders durch Bertram ver- 
anlassten Fehlern befreit, und obwohl die Wirksamkeit des Urbanus Rhegius in 
Nord-Deutschland erst mit dem Jahre 1530 beginnt, wird doch auch die Vorge- 
schichte behandelt, und die Quellenschriften werden in ausgiebiger Weise benutzt. 


menstädt 1524 — 93, die Chronik soll 1567 ge- j 
schrieben sein, sie kann nicht nach 1572 ver- j 
fasst sein, da der in diesem Jahre gestorbene I 
Pastor Heberding noch als lebend erwähnt wird. 

1) Ergänzt wird derselbe häufig durch den 1 

bei Bertram a. a. 0. abgedruckten Bericht ; viel- J 
leicht stammen beide aus einer gemeinsamen ! 
Quelle. I 

2) Manecke, biographische Skizzen von j 
den Kanzlern der Herzöge von Braunschweig ! 
und Lüneburg (insbesondere die Biographie des ] 


Kanzlers Klammer). 1823. — Von demselben 
Verfasser ist auch eine Topographie von Braun- 
schweig-Lüneburg, die manche historische Notiz 
enthält. 

3) Für die Übersicht und Beurteilung der 
früheren Litteratur über Urbanus Rhegius vgl. 
Uhlhorn, Urbanus Rhegius. Sein Leben und 
ausgewählte Schriften (Elberfeld 1862). p. 343. 
Anm. 2. 

4) Heim bürg er, Urbanus Rhegius. 1872. 


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11 


Ich verdanke dem Buche für meine Arbeit sehr viel, wenn ich auch in manchen 
Punkten mit ihm nicht übereinstimmen kann; so scheint mir die Bedeutung des 
Urbanus Rhegius für die Reformation des Fürstentums Lüneburg nicht so gross 
zu sein, wie U. annimmt. Besonders wertvoll ist mir noch die Nennung der 
Fundorte der seltneren Quellenwerke gewesen. 

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die Werke, welche als um- 
fassendere Darstellungen der Landes- oder Kirchengeschichte auch unserem Ge- 
genstände ihre Beachtung zuwenden. Kaum den dürftigsten Anforderungen selbst 
für die damalige Zeit genügt die „Geschichte von Hannover“ von Hüne (1824). 
Mehr schon bietet Schlegels Hannoversche Kirchengeschichte 1 ), allein sie ist 
seit dem Erscheinen des zweiten Bandes von Ha vema uns Geschichte der Lande 
Braunschweig und Lüneburg (1855) veraltet. Havemann hat in seinem Buche 
zuerst das Staats-Archiv und die Kgl. Bibliothek zu Hannover benutzt und bringt 
so eine Menge bislang unbekannter Nachrichten. Aber das reiche Material ist 
nicht besonders gut durchgearbeitet, die Geschichte der Reformation ist aufgelöst 
in eine Reihe von Einzeldarstellungen; die gemeinsamen Massregeln gegen 
die widerstrebenden Klöster, die doch das Wichtigste sind, werden nicht erkannt 
Dazu kommt dann noch eine grosse Leichtfertigkeit in Kleinigkeiten und ein 
Mangel an genügender Kritik, der sich besonders bei der Darstellung der Re- 
formation der Stadt Lüneburg zeigt. Havemann kennt und benutzt sowohl die 
Chronik Schomakers als auch die Hämmenstädts , statt aber diese zur Prüfung 
heranzuziehen, legt er den bei Bertram ahgedruckten Bericht zu Grunde, der viel 
Gutes, aber auch manches Falsche enthält, und hei dem besonders feste Zeitan- 
gaben nur in geringem Masse vorhanden sind. 

Auf Havemanns Geschichte beruht der betreffende Abschnitt in dem ganz 
kürzlich erschienenen zweiten Bande der „Geschichte von Braunschweig und 
Hannover“ von O. v. Heinemann. Uhlhorns Buch scheint gar nicht benutzt 
zu sein, wenigstens finden sich Fehler, die, aus Havemann heriibergenommen, bei 
Kenntnis von Uhlhorns „Urbanus Rhegius“ hätten vermieden werden müssen. An- 
dere Unrichtigkeiten hat der Verfasser selbständig sich zu Schulden kommen 
lassen; so hält er das von Rhegius verfasste Gutachten über die Verwendung der 

Kirchengüter 2 ) für die von ihm entworfene Kirchenordnung der Stadt Lüneburg, 
1) Schlegel, Kirchen- und Reformations- 2) Gedruckt in den deutschen Schriften 

geschichte von Norddeutschland und Hannover j des Urb. Rhegius. 111. p. 102 ff. Das Original 
Bd. 2. 1829. I im Stadt- Archiv zu Lüneburg. 

2 * 


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12 


während diese lange Zeit verloren gewesen und erst in unseren Tagen wieder 
aufgefunden worden ist 1 ). 

Ich habe mich selbstverständlich bei meiner Arbeit bemüht, überall, wo es 
möglich war, auf die Originalquellen selbst zurückzugehen. An handschriftlichem 
Material benutzte ich die auf die Reformation bezüglichen Akten des KgL Staats- 
Archivs zu Hannover 1 ) und des Stadt-Archivs zu Lüneburg, und es ist 
mir gelungen noch eine ganze Reihe bislang unbenutzter Urkunden aufisufinden, 
die ich im Laufe meiner Darstellung einzeln namhaft machen werde. Wenig 
Ausbeute ergab die Benutzung des Ernestinischen Gesamt-Archivs zu Weimar. 
Handschriftliche Chroniken und seltnere Quellenschriften, soweit sie nicht in Göt- 
tingen vorhanden waren, erhielt ich aus der Kgl. Bibliothek zu Hannover, 
der Herzogi. Bibliothek zu Wolfenbüttel, der KgL Bibliothek zu Dresden, der 
GräfL Bibliothek zu Wernigerode und der Stadt-Bibliothek zu Lüneburg (von 
hier auch einige Schriften Augustins von Getelen). — Interessante Au&chlüsse, 
besonders wichtig für die Kritik der neueren Darsteller, gab die Benutzung der 
mehrfach erwähnten Gebhardi’schen Sammlung der KgL Bibliothek zu Hannover. 

Wo ich Urkunden, die anderen vor mir zur Verfügung standen, nicht nach- 
weisen konnte, werde ich die Quelle, aus der ich schöpfe, angeben. 


1) Vgl. Ubbelohde, Mitteilungen über 
ältere Lüneburger Schulordnungen. Programm 
des Johanneums zu Lüneburg. 1881. 

2) Wenn ich im folgenden die Designa- 
tion ohne Zusatz angebe, so sind die Akten aus 


dem Brief- Archiv Celle gemeint H. St. A. be- 
deutet Kgl. Staats- Archiv zu Hannover. L. A. 
= Lüneburger Stadt- Archiv. L. B. = Stadt- 
Bibliothek zu Lüneburg. 


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Einleitung. 

Die Hildesheimer Stiftsfehde und das Fürstentum Lüneburg. 

Die Hildesheimer Stiftsfehde, die im Jahre 1519 in Niedersächsen aasge- 
brochen war, ist auch für die Geschichte des Fürstentums Lüneburg ein Ereig- 
nis von hervorragender Bedeutung, und doppelt wichtig ist sie, weü sie in eine 
Zeit des Überganges von alten in neue Verhältnisse fällt In ihren Folgen hat 
sie daher hemmend und fördernd in die Entwicklung des Landes eingegriffen. 
Fördernd, weü durch sie ein Regent auf den Thron kam, der mit ganzem Her- 
zen der grossen Bewegung, die die Geschichte der neueren Zeit einleitet, ergeben 
war; hemmend, weü die Schulden, die der Krieg auf das Land gehäuft hatte, 
dem Herzoge eine freie Bewegung und eine schneüe Durchführung seiner Pläne 
unmöglich machten. All zu mächtig standen die Stände vermöge ihres Rechtes 
der Steuerbewilligung dem Fürsten gegenüber, und das Ziel, nach dem in je- 
ner Zeit die Entwicklung in den deutschen Fürstentümern strebte, der fürstliche 
Absolutismus, konnte nur durch ein weises „divide et impera tt seitens der Re- 
gierung erreicht werden. 

Die direkten und indirekten Folgen der Stiftsfehde machen sich auf lange 
hinaus bemerklich ; einen kurzen Überblick über den Verlauf und Ausgang der- 
selben zu geben, halte ich um so mehr für nötig, als sie zugleich den zeitlichen 
Anfangspunkt für unsere Darstellung büdet 1 ). 

1) Vgl. über die Hildesheimer Stiftsfehde: giebt Lüntzel (die Hildesheimer Stiftsfehde) in 
De lins, die Hildesheimer Stiftsfehde (1808) und der Zeitschrift des Museums zu Büdesheim, 
Ha v ernenn a. a. O. Bd. 2. Eine Sammlung Band 1. 1848. 
von Erzählungen und Liedern über dieselbe 


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14 


Die braunschweigischen Erhlande waren durch die Teilungen im 15. Jahrhun- 
dert in drei Fürstentümer zerfallen; über Braunschweig- Wolfenbüttel herrschte im 
Anfänge des 16. Jahrhunderts Heinrich der Jüngere, ein Bruder des Bischofs Franz 
von Minden und des Erzbischofs Christoph von Bremen und Verden ; über Braun- 
schweig -Calenberg Erich der Ältere; und das Fürstentum Braunschweig -Lüne- 
burg, dessen Umfang sich etwa mit der späteren Landdrostei Lüneburg deckte, 
stand seit I486 unter Heinrich dem Mittleren (von 1478 — 86 hatte sein Gross- 
vater Friedrich für ihn als Vormund die Regierung geführt). Das Verhältnis der 
herzoglichen Vettern war kein gutes, ein tiefer politischer Gegensatz lag zu 
Grunde; Frankreich oder Hahsburg? diese Frage hatte auch hier eine Entfrem- 
dung der Stammesgenossen herheigeführt ; denn während Heinrich der Mittlere 
auf Seiten Frankreichs stand, hielten Erich und Heinrich der Jüngere zum Kai- 
ser Maximilian und seinem Hause. Schon hatten Reibungen ernster Art zwischen 
Bischof Franz von Minden und Heinrich dem Mittleren stattgefunden ; der Herzog 
sah sich nach einem starken Verbündeten um und fand diesen in dem Bischof 
Johann von Hildesheim *). Derselbe hegte gleichen Hass gegen Franz von Min- 
den und noch mehr gegen dessen Bruder Heinrich von Wolfenbüttel, denn bei 
dem Bestreben des Bischofs, die von seinen Vorgängern verpfändeten Besitzun- 
gen wieder einzulösen, hatte dieser die widerstrebende Ritterschaft des Stiftes 
Hildesheim heimlich und öffentlich unterstützt und zum Widerstande ermutigt. 
Nach dem Tode des Kaisers schwand die Furcht vor der Reichsgewalt, die noch 
den Ausbruch des Kampfes gehindert hatte; Heinrich der Mittlere wirkte offen 
für die Erhebung Franz’ I. von Frankreich zum deutschen Kaiser, die natürlich 
nur seine Pläne fördern konnte; französisches -Geld unterstützte ihn in dem be- 
ginnenden Kampfe gegen die Freunde des Hauses Habsburg. 

Unvermutet fielen die Verbündeten kurz vor Ostern 1519 in das Gebiet 
von Minden ein und vertrieben mit leichter Mühe den Bischof. Dieser begab 
sich zu seinem Bruder Heinrich dem Jüngern, der nun seinerseits im Bunde mit 
Erich nicht säumte feindlich vorzugehen. Gegenseitige Plünderungszüge füllten 
die nächsten Wochen aus. Die Herzoge von Wolfenbüttel und Calenberg, durch 
fremde Truppen von Hessen und Meissen unterstützt, waren ihren Gegnern über- 
legen; rauhend und brennend waren sie in das lüneburgische Gebiet eingefallen, 

1) Das Biindniss wurde geschlossen im Fe- bruarl519, die Grafen von Hoya, Diepholz und 

, Schaum bürg traten demselben bei. 


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15 


hatten dasselbe von Burgdorf bis Uelzen durchzogen und liessen höhnend dem 
Herzoge von Lüneburg eine Feldschlacht anbieten. Heinrich zögerte noch, end- 
lich traf der sehnlichst erwartete Zuzug von seinem Schwiegersöhne Karl von 
Geldern ein; mit Bischof Johann vereinigt, zog er den Feinden nach und schlug 
sie mit Hülfe der Geldrischen Reiter am 28. Juni 1519 l ) bei Soltau völlig auf 
das Haupt. Herzog Erich und sein Bruder Wilhelm fielen als Gefangene in die 
Hände der Sieger. 

Doch der Sieg kam zu spät; umsonst hatten die Kurfürsten von Frankfurt 
aus der Fehde Einhalt geboten; jetzt am Tage der Schlacht war den Siegern 
durch die Wahl Karls zum Kaiser ein Gegner erstanden, der ihnen den Lohn 
des Sieges zu nehmen drohte; denn es war natürlich, dass sich Karl V. in die- 
ser Angelegenheit sofort auf die Seite seiner Anhänger stellte. Dies sah Heinrich 
der Mittlere wohl ein, und sein Streben ging dahin, die Sache vor einer Einmi- 
schung des Kaisers zu erledigen. Es fanden Verhandlungen statt, die Kurfürsten 
von Sachsen und Brandenburg, und der Erzbischof von Mainz vermittelten. Auf 
einem zu Zerbst im Anfang des Jahres 1520 gehaltenen Tage*) wurde schliess- 
lich eine Vereinbarung getroffen, aber dieselbe kam durch die Hartnäckigkeit 
der Brüder von Braunschweig- Wolfenbüttel nicht zur Ausführung. Sie hofften 
vom Kaiser mehr zu erlangen, und auf ihr Betreiben erging denn auch nach we- 
nigen Monaten an die Verbündeten ein höchst ungnädiges kaiserliches Mandat, das 
ihnen befahl, vordem Kaiser persönlich zu erscheinen. Als sie dann sich in Cöln 
dem Kaiser stellten, wurde ihnen am 15. November 1520*) der Abschied erteilt, 
dass ihre Sache auf dem bald stattfindenden Reichstage zu Worms entschieden 
werden sollte. Heinrich zog es vor, sich dort durch seinen ältesten Sohn Otto 
vertreten zu lassen. Der Spruch des Kaisers fiel denn auch, wie zu erwarten 
war, ungünstig für die Verbündeten aus; durch einen kaiserlichen Erlass vom 
27. Mai 1521 4 ) wurde ihnen befohlen, alle eroberten Städte und Schlösser und 


1) Havemann a. a. O. p. 33 giebt irrtüm- ’ 2) Die Urkunde ist gedruckt bei Lünig, 

lieh den 29. Juni (Peter und Paul) als den Tag Reichs- Archiv Bd. 5, Abt. IV p. 42 ff., sie ist 
der Schlacht an. Sie fand, wie man das auch 1 datiert vom Dienstag nach Vincentii martyr. 
früher stets annahm (vgl. Spittler, Geschichte | (24. Januar); die Versammlung war einberufen 
des Fürstentums Hannover I, p. 132), am 28. I auf Sonnabend nachTrium Regum (also den 7. 
Juni (Vigilia Petri et Pauli) statt. Vgl. die Ur- ' Januar). Bis auf den Bischof von Minden wa- 
kunden und Berichte bei Lünizel a. a. O. pp. j ren alle Parteien persönlich erschienen. 

44, 46, 53 und 126, durch welche dieser Tag 3) Lünig a. a. 0. p. 44 f. 

völlig sicher gestellt wird. 4) Lünig a. a. O. p. 45. 


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16 


alle Gefangenen bei Strafe der Acht dem Kaiser zur Verfügung zu stellen. Als 
der Bischof von Hildesheim nicht gehorchte, wurde die Acht über ihn und seine 
Verbündeten verhängt, und mit der Vollstreckung derselben wurden die Herzoge 
von Calenberg und Wolfenbüttel beauftragt; der König von Dänemark sollte sie 
unterstützen *). 

Heinrich der Mittlere hatte sich dem drohenden Sturme nicht gewachsen 
gefühlt; nach dem Tage zu Cöln hatte er eingesehen, dass für ihn beim Kaiser 
keine Gunst mehr zu erwarten sei. Er hatte schon früher seine Söhne in die 
Regierung aufgenommen, jetzt verliess er sein Fürstentum ganz und begab sich 
zu Franz I. von Frankreich *). Das erbitterte den Kaiser natürlich nur noch mehr, 
und so wurde die Acht auch auf ihn, „der sich bei dem Könige von Frankreich 
als unserem offenbaren Feind im Dienst wider seine Ehre und Pflicht wider uns 
erhält“ 3 ), ausgedehnt, während er dies bei etwas klugem Nachgeben vielleicht 
hätte abwenden können; denn nicht gegen ihn, den Genossen desselben Stammes, 
richtete sich der Hauptgroll der feindlichen Herzoge, sondern gegen den Bischof 
von Hildesheim. 

Am Stifte Hildesheim nahmen sie denn auch blutige Rache für die früher 
erlittene Niederlage, und noch heute erzählen die in diesem Kriege zerstörten 
Schlösser von der Wut und Erbitterung, mit der er geführt wurde. Schwer ge- 
schädigt ging das Stift aus dem Kampfe hervor, der erst im Jahre 1523 been- 


1) Urkunde vom 24. Juli 1521, gedruckt 
bei Lünig a. a. O. p. 46 ff. und in Asches von 
Heimburg Erzählung der Stiftsfehde bei Lüntzel 
a. a. O. p. 68 ff. Beide stimmen nicht ganz 
mit einander tiberein. Am 25. Juli 1521 for- 
derte der Kaiser Heinrich von Wolfenbtittel zur 
Vollstreckung der Acht auf (Lünig Bd. 9, p. 
268 f.); darin wird Heinrich der Mittlere nicht 
genannt, wohl aber die 8tadt Lüneburg. 

2) Havemann a. a. O. p. 82 nimmt einen 
doppelten Aufenthalt Heinrichs in Frankreich 
an. Von dem ersten „um seinen Sohn Ernst 
aus Frankreich zurück zu holen" soll er im < 
Februar 1520 zurtickgekehrt sein. Havemann ' 
giebt sogar das Collegium der herzoglichen Räte . 
an, das die Regierung während der Abwesenheit 
des Herzogs geführt haben soll , und das wird 
richtig sein ; dass er aber in dieser Zeit in 
Frankreich gewesen sei, dafür bringt Havemann 
keine Beweise, und es ist auch wohl eine blosse J 


Vermutung. Im Januar ist uns die Anwesen- 
heit des Herzogs in Zerbst bezeugt , die Ver- 
handlungen dauerten bis in die letzte Hälfte 
des Januar. Sonnabend nach Mariae Reinigung 
muss er bereits wieder im Lande gewesen sein 
(Urk. bei Jacobi, Landtagsabschiede I, p. 121 
f.), das ist der 4. Februar, so dass keine drei 
Wochen für die Reise nach Frankreich bleiben. 

Die Abreise des Herzogs nach Frankreich 
möchte ich erst in das Jahr 1521 (vor 24. Juli) 
setzen. Eine leider nur mit Jahresbezeiclmung 
(1521), nicht mit genauerem Datum versehene 
Urkunde findet sich bei Lyssmann, histor. Nach- 
richt vom Kloster Meding p. 112 f. — Gute 
Nachrichten über die Reise Heinrichs nach Frank- 
reich giebt auch Chytraeus, Saxonia p. 245. 

3) Dieser Satz findet sich nicht in dem 
Druck der Urkunde vom 24. Juli 1521 bei 
Lünig, sondern nur bei Asche von Heimburg. 


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17 


digt wurde; nur kurze Zeit noch führte Bischof Johann die Regierung, 1527 
legte er dieselbe auf Drängen des Domkapitels nieder. 

Von dem Lande Lüneburg wurde die Vollstreckung der Acht glücklich ab- 
gewandt Der Kurfürst von Sachsen und sein Bruder Johann, die Oheime der 
jungen Herzoge, nahmen sich mit Rat und That ihrer an; sie richteten eine ernste 
Ermahnung an die Herzoge von Calenberg (der bei Soltau gefangene Herzog 
Erich war schon von Heinrich dem Mittleren gegen Lösegeld freigegeben) und 
Wolfenbüttel, „gegen die jungen Herzoge nichts Feindliches vorzunehmen, 
sonsten könnten sie der nahen Verwandtschaft halber dieselben nicht verlas- 
sen“ 1 ). Dies hatte den Erfolg, dass man sich zu einem Vergleiche bereit er- 
klärte; Anfang October 1521 wurde die Sache zu Braunschweig verhandelt, und 
in dem sog. Feldvertrage festgesetzt, dass beide Parteien ihre Gefangenen nach ge- 
schworener Urfehde herausgeben, die Herzoge von Lüneburg an Erich das ero- 
berte Schloss Wölpe zurückgeben, die Herzoge von Calenberg und Wolfenbüttel 
aber Fleiss anwenden sollten, dass dem Lande Lüneburg die Gunst des Kaisers 
wieder zugewandt werde*). 


1) Asche von Heimburg bei Lüntzel a. a. 

0. p. 81. 

2) Der Vertrag ist vom Donnerstag nach 
Dionysius (12. October) 1521. Die jungen Her- 
zoge wollten anfangs nicht ohne den Bischof 


von Hildesheim einen Vertrag abschliessen, sie 
thaten dies erst, als sie hörten, dass auch der 
Bischof hinter ihrem Rücken Unterhandlungen 
begonnen habe. 




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L Abschnitt. 


Die Einführung der Reformation im Fürstentum Lüneburg bis zum 

Jahre 1530. 

Die Söhne Heinrichs des Mittleren. 

Durch die thätige Hülfe der Fürsten von Sachsen war zwar dem Lande 
der Friede wiedergegeben, aber doch war es eine schwere Last, welche die 
Söhne Heinrichs bei ihrem Regierungsantritt auf ihre jungen Schultern nehmen 
mussten. 

Von den drei Söhnen Herzog Heinrichs war der jüngste, Franz, erst 1508 
geboren 1 2 * * * ), noch unmündig; die Brüder hatten sich verpflichtet, für seine Erzie- 
hung Sorge zu tragen. Herzog Otto, der Älteste*), war wenig begabt, ohne 
Sinn für die Staatsgeschäfte, ein ziemlich unselbständiger und oberflächlicher 
Mensch, der mehr dazu passte zu gehorchen, als zu herrschen. Thatsächlich 
stand er auch völlig unter dem Einflüsse seines jüngeren Bruders Ernst, mit dem 
er formell die Regierung gemeinsam führte 8 ). Nie hat man in der Zeit seiner 
Mitregierung den Eindruck, als ob Otto einen wirklichen Anteü an den Geschäf- 
ten oder einen Einfluss auf dieselben gehabt habe, er tritt ganz in den Hinter- 
grund ; sein Name wird in den Urkunden genannt, das ist aber auch alles. Muss 


1) Am Tage des heil. Clemens (23. No- 
vember), vgl. Spalatinus, Vitae aliquot Elect. 
Saxon. bei Mencken script. rer. Germ. II, 

p. 1102. 

2) Er war geboren am Tage Felix un<^ 

Eusebius (14. August) 1495, der Tag fiel je- 

doch in diesem Jahre auf einen Freitag, nicht, 

% 


wie Spalatin a. a. O. angiebt, auf einen Don- 
nerstag. 

3) Schon 1517 am Tage Matthaei apli. 
hatten beide Brüder dem Vater versprochen, die 
dereinst anzutretende Regierung nimmer zu tei- 
len und die Diener zu gemeinsamer Pflicht stehen 
zu lassen. Vgl. Havemann p. 84. Anm. 2. 


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1 9 


er gelegentlich seinen Bruder vertreten, so schiebt er die Geschäfte lieber auf, 
als selbständig eine Entscheidung zu treffen 1 2 * ); ja, um seinen Rat befragt, hält 
er es nicht für thunlich, denselben zu geben, erklärt sich aber mit dem einver- 
standen, was sein Bruder bestimmen werde*). Entsprang diese Unterordnung aus 
einer richtigen Erkenntnis seiner selbst, so kann man sie ihm nicht hoch ge- 
nug anrechnen. Schon im Jahre 1527 überliess er seinem Bruder gegen die 
Abtretung von Harburg die Regierung ganz*). 

Ähnlich war auch später das Verhältnis zwischen Ernst und Franz, der 
erst sehr spät, mit 28 Jahren (1536), Mitregent wurde 4 ) und schon nach drei Jah- 
ren mit dem Amte Gifhorn und Kloster Isenhagen abgefunden wurde. Hier war es 
naturgemäss, dass der jüngere Bruder seine Handlungen von der gereifteren Ein- 
sicht des älteren, der gewissermassen Vaterstelle an ihm vertreten hatte, leiten 
liess. Nur sehr wenig tritt auch Franz hervor. 

So war es Ernst, auf dem besonders in der schweren Zeit nach der Ab- 
reise des Vaters die Sorgen der Regierung ruhten. An Klugheit, Willenskraft und 
Einsicht dem älteren Bruder bei weitem überlegen, besass er in jeder Hinsicht 
die nötige Befähigung zum Regenten. Nach einer recht glaubwürdigen, wenn 
auch historisch nicht genügend bezeugten Nachricht, hatte ihn sein Vater in 
richtiger Erkenntnis des Charakters und der Anlagen seiner Söhne zum dermal- 
einstigen Herrscher bestimmt 5 ), während er für seinen jüngsten Sohn Franz das 
Bistum Hildesheim zu erwerben trachtete*). 

An einer guten Erziehung liessen es die Eltern nicht fehlen. Schon früh, 
erst 15 Jahr alt — er war am 26. Juni 1497 ^ zu Uelzen in dem damaligen 
Fürstenhause, der späteren Schule, geboren — wurde er mit seinem Bruder Otto 


1) Vgl. Blumenbach, Extractus actorum etc. 
in dem Archiv des hist. Vereins für Nieder- 
sachsen. 1848 t p. 69. 

2) Herzog Otto an den Kanzler Förster d. 

d. Zwickau, Dienstag nach Visitationis Mariae (4. 
Juli) 1525. (H. St. A. Des. 49, Klostersachen 

Cellischen Teils 4.). 

8) Montags nach Antonii (21. Januar) 
1527. Vgl. Havemann a. a. O. p. 86 f. 

4) Havemann a. a. O. p. 135 irrt, wenn 
er sagt : „Franz trat, sobald er sein achtzehn- 
tes Jahr erreicht hatte, dem Bruder zur Seite“. 

5) Hameimann, opera genealogico-historica, 
p. 903. 


6) Beschreibung der Stiftsfehde von Paul « 
Busch : Archiv des hist. Vereins für Niedersach- 
sen. 1846, p. 159. 

7) Einzige Quelle ftir den Geburtstag 
Emsts ist die etwa 80 Jahre nach seinem Tode 
angefertigte Grabschrift in der Stadtkirche zu 
Celle (Spalatin ist hier unbestimmt). Dieselbe 
ist abgedruckt bei Btinting a. a. O. und zwar 
mit dem richtigen Datum (26. Juni), wie ich 
durch gütige Mitteilung des Herrn Pastors 
Kreusler erfahren habe. Falsch ist der 27. 
Juni, welchen Steffens in seinen histor. -diploma- 
tischen Abhandlungen über Celle p. 208, wo er 
die Grabschrift ebenfalls abdruckt, angiebt. 

3 * 


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20 


unter Leitung des Magisters Egbert Nithard aus Minden auf die Universität 
Wittenberg gesandt; dort wurden die Brüder am Sonntag Judica (28. März) 1512 
von dem Rektor Wolfgang von Reitenbusch mit einer Anzahl junger Adliger, 
ihren Gefährten, zusammen immatriculiert *). Die Fürsorge des Kurfürsten Frie- 
drichs des Weisen, des Bruders ihrer Mutter Margaretha, stellte seinen Neffen 
noch einen anderen erprobten Lehrer, den Erzieher des Kurprinzen Johann Frie- 
drich, Georg Burckard Spalatinus an die Seite*). 

Fertig Latein sprechen und schreiben zu können, Lust und Freude an 
Büchern auch in späteren Jahren — wo er nach dem Zeugnisse Melanchthons 
nie eine Reise gemacht haben soll, ohne zu seiner Belehrung wissenschaftliche 
Werke mit sich zu führen — das verdankt Ernst dem Aufenthalte in Witten- 
berg. Die juristischen Studien, die er dort bei dem Rechtsgelehrten Henning 
Goeden, dem monarcha juris, gemacht hat, sind nicht ohne Einfluss auf seine 
spätere Entwicklung geblieben. Die Gedanken von der absoluten Gewalt des 
Fürsten, die das römische Recht durchziehen, hat er später in seiner Regierung 
zur That zu machen gesucht. Die Quellen berichten uns gar nichts darüber, ob 
er bereits in Wittenberg in nähere Beziehung zu Luther getreten ist : man möchte 
daher fast glauben, dass dies nicht der Fall gewesen sei Aber das dürfen wir 
wohl annehmen, dass er die Vorlesungen Luthers gehört haben wird (denn theo- 
logische Vorlesungen pflegte damals doch jeder Studierende zu hören), und dass 
ihm durch dieselben bereits ein klareres Verständnis der heiligen Schrift aufge- 
gangen, und Lust und Liebe zur Beschäftigung mit derselben in ihm erwacht 
sein wird. 

Wann die fürstlichen Brüder Wittenberg verlassen haben, wissen wir nicht; 


1) Der Wortlaut des Immatriculations- Ver- 
merks in der Wittenberger Matrikel findet sich 
ausser bei Wernsdorf (vgl. oben p. 4. Anm. 1. Jauch 
bei Bytemeister, commentarius historicus de 
augustae domus Bruns. -Luneb. meritis in rem 
litterariam p. 71. Anm. yy. und Förstemann, 
Album academiae Vitebergensis p. 38. 

2) Dass Otto und Ernst schon als „zarte 
Knaben“ , wie das Havemann p. 90 annimmt, 
an den Hof Friedrichs des Weisen gesandt und 
dort völlig erzogen seien, halte ich nicht für 
richtig. Diese Ansicht , die zuerst Bertram, 


Leben Ernsts p. 2 hat, stammt ans der Grab- 
schrift, wo es heisst : cum apud avunculum Fri- 
dericum praeclare educatus, Wittebergae felicem 
operam navasset. Dagegen sagt Melanchthon 
in der angeführten Bede: „AdoUsccntcs fratres 
Ottonem et Emestum Fridericus elector avun- 
culus erudiri curavit a Georgio Spalatino 44 , da- 
mit scheint mir erst die Fürsorge Friedrichs des 
Weisen für seine Neffen begonnen zu haben; 
auch war ja der erste Lehrer der jungen Her- 
zöge kein sächsischer Unterthan , sondern ans 
dem Celle benachbarten Minden. 


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21 


1518 finden wir sie mit ihrem Vater zusammen in der Stadt Lüneburg 1 2 ), und 
wohl noch in demselben Jahre schickte Heinrich seinen Sohn Ernst zur Vollen- 
dung seiner Ausbildung nach Frankreich an den Hof Franz’ 1 Nicht blos 
das Ansehen, in dem die französische Verwaltung und das französische Wesen 
im Auslande standen, der Nutzen, den die Kenntnis der französischen Sprache 
dem jungen Herzoge bringen konnte, bewogen ihn hierzu; es war wohl mehr 
noch die persönliche Freundschaft, die Heinrich der Mittlere, wie wir gesehen, 
für den französischen Hof hegte, die ihn zu diesem Schritte veranlasste. Möglich 
ist es auch, dass der Herzog schon jetzt eine Verbindung Ernste mit einer Prin- 
zessin von Navarra plante, an der er später bei seinem Aufenthalt in Frankreich 
arbeitete *). Wie lange Ernst in Frankreich geblieben ist, lässt sich nicht genau 
bestimmen; die Quellen geben so gut wie gar nichts über diesen Aufenthalt. 
Jedenfalls muss er spätestens im Anfang des Jahres 1520 wieder nach Hause 
zurückgekehrt sein; im Anfang Februar ist er in Lüneburg bei der Huldigung 
der Stadt anwesend 3 ), wohl das letzte Mal, dass er in der wichtigsten und be- 
deutendsten Stadt seines Landes gewesen ist. 

Bald darauf, im Anfang Mai des Jahres 1520, nahm Heinrich seine beiden 
Söhne in die Regierung auf 4 5 ), und als er nach Frankreich ging, verzichtete er 
(mündlich) auf seine Ansprüche an das Fürstentum. Die Not des Landes for- 
derte die officielle Niederlegung der Regierung, denn nicht eher konnte man 
von dem Kaiser die Aufhebung der Acht erwarten, ehe man sich nicht völlig 
von dem Herzoge getrennt und demselben eine Wiederübernahme der Verwal- 
tung unmöglich gemacht batte 3 ). Die Lage war besonders für Herzog Ernst 


1) Vgl. Sagittarius, Memorabilia historiae 
Luneburgensis p. 34. Aus Scbomakers Chronik. 

2) Herzog Heinrich an den Rat von Lü- 
neburg im Juli 1528 bei Havemann p. 101. 

3) Vgl. über die Huldigung der Stadt die 
Urkunde vom 4. Februar 1520 in der Zeit- 
schrift des historischen Vereins für Niedersach- 
sen. Jahrg. 1881, p. 122. 

4) Urkunde d. d. Johannis ante portam 
Latinam (6. Mai) 1520 bei Havemann a. a. 0. 
p. 83. Anm. 1. 

5) Wann die Aufhebung der über das 
Land und die Stadt Lüneburg verhäng- 
ten Acht stattgefunden hat, ist mir nicht be- 
kannt, nach dem Vertrage vom October 1521 


hat sie jede Bedeutung verloren. — Im Anfang 
I des Jahres 1523 gab Karl V. dem Bischof Phi- 
lipp von Freising und Johann von Sachsen 
1 Vollmacht zur Verhandlung mit Otto und Ernst 
, von Lüneburg, wegen der Beseitigung der über 
| das Land verhängten Acht (d. d. Nürnberg, 14. 

| Januar 1523). Philipp lehnte dies ab, an sei- 
I ne Stelle trat dann Georg von Sachsen. Um 
' Ostern 1524 wurde in dieser Sache zu Eisleben 
verhandelt, aber erst Ende 1526 scheint eine 
endgültige Regelung erfolgt zu sein (Hz. Ernst 
an Kurf. Johann, d. d. Zell, Freitag nach Ni- 
colai 1526). Die hierauf bezügl. Akten im 
Weimarer Archiv. 


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22 


sehr schwierig, denn während er aus Fürsorge für sein Land jeden Zusammenhang 
mit Frankreich meiden musste, warb sein Vater am französischen Hofe für ihn um 
die Hand der Schwester des Königs von Navarra und liess seinen Sohn dringend auf- 
fordern, selbst nach Frankreich zu kommen und die Verlobung zu vollziehen. 
Wie weit Ernst mit dieser Werbung einverstanden war, wissen wir nicht; zum 
Wohle des Landes durfte er nicht auf die Pläne seines Vaters eingehen. — Die 
Landschaft hielt die geschehene Übertragung der Regierung an die jungen Her- 
zoge nicht für genügend; ein Lüneburgischer Adliger, Thile Honstedt, wurde nach 
Frankreich gesandt 1 ), und nun entsagte Heinrich in aller Form allen seinen An- 
sprüchen an das Fürstentum. Nur im Falle seine Söhne vor ihm ohne männliche 
Erben sterben würden, behielt er sich vor, die Regierung wieder zu übernehmen. 
Es wurde ihm eine jährliche Rente ausgesetzt, seine Söhne versprachen, seine per- 
sönlichen Schulden im Lande zu bezahlen. Bei seiner etwaigen Rückkehr aus 
Frankreich sollte ihm das Fürstenhaus in Lüneburg zur Wohnung dienen, und 
ihm ausser dem zum täglichen Bedarf Erforderlichen jährlich 400 Gulden gege- 
ben werden. 

Die Lage des Fürstentums und die ständischen Verhältnisse. 

Die beiden Brüder Otto und Ernst waren jetzt also in dem unanfechtbaren 
Besitze des Fürstentums. Aber die Verhältnisse desselben waren vorläufig wenig 
erfreulich. Schwere Schulden drückten das Land, und auch die von den Ständen 
mehrfach bewilligten Steuern und Auflagen hatten nicht vermocht der Not des 
Fürstentums zu steuern. Noch im Jahre 1518 war dem Herzoge die Erhebung 
des sechzehnten Pfennigs „über Bürger und Bauern, soweit sich das Fürstentum 
erstreckt, von Häusern, allen liegenden Gründen, beweglichen und unbeweglichen 
Gütern, die für Erbe zu rechnen sind“ gestattet worden ; wenn durch diese Steuer 
80000 rheinische Goldgulden und darüber aufgebracht würden, sollte l j* der 
Summe zur Einlösung der verpfändeten herzoglichen Güter, */* zur Bezahlung 
der peinlichsten Schulden an Hauptsumme und Zinsen unter Aufsicht einer land- 


1) Thile Honstedt war einer der Witten- 
berger Genossen Ernsts. — Diese Nachrichten 
sind entnommen aus einem Briefe Heinrichs 
an den Rat von Lüneburg, der sich im Aus- 
zuge bei Havemann p. 101 f. findet, doch ist 


! das genauere Datum desselben nicht angegeben, 
es wird nur gesagt, dass er aus der Mitte des 
Jahres 1528 sei. 

| 2) Die Urkunde ist vom 22. Juli 1522, 

I vgl. Havemann a. a. O. p. 84. An. 2. 


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23 


ständischen Commission verwandt werden 1 2 ). Man sieht, wie beträchtlich schon 
damals die Schulden waren; und Heinrich selbst hatte zu ihrer Vermehrung nicht 
wenig beigetragen; rühmt er sich doch in jenem oben erwähnten Schreiben 
an die Lüneburger, dass er im Laufe seiner Regierung für 200000 Gulden an 
Festen verbaut habe. Es scheint das auch einer der Gründe gewesen zu sein, 
die ihn bewogen haben das Land zu verlassen; man fürchtete sein Schuldenma- 
chen, in seinem Verzicht wird ausdrücklich festgesetzt, dass er keine Schulden 
auf das Fürstentum häufen dürfe*). 

Durch die Stiftsfehde waren natürlich die Schulden noch gestiegen, und die 
Brüder klagen im Anfänge ihrer Regierung: „dass sie nicht allein das Fürsten- 
tum mit samt allen und jeglichen Amten, Vogteien, Häusern, Gerichten, Zinsen, 
Zöllen, Ein- und Zubehörung unsprechlichen mit grossen unglaublichen Schulden 
beschwert, verpfändet und ausgesetzt befunden, und dass nicht allein alle jene an- 
geführten Rechte und Besitzungen, wovon sie samt ihrer Mutter, ihrer Schwester 
Anna und ihrem Bruder Herzog Franzisco im fürstlichen Stande und Wesen sich 
unterhalten, auch ihr Land und Leute in Frieden, Einigkeit, guter Administration 
und Rechtsverhelfung regieren, schützen und beschirmen sollten, dermassen be- 
schwert, verpfändet und ausgesetzt wären, sondern dass ausserdem unmögliche 
und unbegreifliche Pfennigs-Schuld auf sie und des Fürstentums Land und Leute 
gewachsen, wofür die Vornehmsten und Stände des Fürstentums und viele andere 
Fremde vom Adel teils schuldig geworden seien, teils Bürgschaft geleistet hätten, 
so dass zu befürchten sei, wenn man dem nicht mit getreuem Rat und stattlicher 
Hülfe vorbauen und begegnen würde, dass in wenig Jahren Land und Leute die- 
ser Schulden halber in viel grösseren Schaden geraten würden, dass kaum mög- 
lich wäre sie zu retten“ 3 ). Diese der Fürsten eigne Worte characterisiereu die 
Verhältnisse des Fürstentums im Jahre 1522 auf das Beste. Bis auf Stadt und 
Amt Celle waren nach einer Nachricht in Hämmenstädts Chronik sämtliche fürst- 
liche Besitzungen verpfändet, und von dem kleinen Rest musste nicht bloss die 


1) Jacobi, Landtagsabschiede I, p. 118 ff. 
Vereinigung Herzog Heinrichs mit der Land- 
schaft, vollzogen am Donnerstag nach Viti und 
Modesti (17. Juni) 1518. 

2) Hämmenstädt giebt an, der Herzog habe 

das Land verlassen, um das unerlaubte Ver- 


| hältnis, das er zum grössten Unwillen seiner 
Söhne und des Adels mit Anna von Campen 
unterhielt, fortsetzen zu können. 

8) Jacobi a. a. O. I, p. 125 f. Urkunde 
der Herzoge Otto und Ernst, d. d. Celle, Mitt- 
woch nach Judica (9. April) 1522. 


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24 


Hofhaltung bestritten, sondern auch die alte Herzogin in gebührender Weise er- 
halten werden. 

Schon hiernach kann man vermuten, dass die Schuldverhältnisse auf die 
spätere Entwicklung des Fürstentums einen grossen Einfluss ausgeübt haben, 
und das war thatsächlich der Fall. Es ist dies gar nicht genug zu betonen und 
stets — namentlich aber in den ersten Jahren der Regierung Ernsts im Auge 
zu behalten; denn es erklärt sich daraus manche Erscheinung, die sonst als eine 
Inconsequenz oder zu weitgehende Nachgiebigkeit der fürstlichen Regierung er- 
scheinen könnte. Wir werfen daher noch einen Blick auf die Stände des Für- 
stentums, ihre Zusammensetzung und ihre Bedeutung. 

Der Einfluss, den sie auf die Regierung des Landes hatten, entsprang zum 
grössten Teil aus ihrem Steuerbewilligungsrecht, und verstärkt wurde er noch 
dadurch, dass jetzt, bei der durch den letzten Krieg herbeigeführten Verarmung 
von Bürger und Bauern, Adel und Geistlichkeit häufiger selbst für den Fürsten 
eintreten mussten, sei es durch Bürgschaften oder durch freiwillige Beiträge 
zu den Lasten des Landes, denn von den auferlegten Steuern waren sie frei 1 ), 
und was sie leisteten, das gaben sie „aus mitleidigem Gemüt“ und für Gegen- 
leistungen oder Versprechungen von Seiten des Herzogs. 

Grosse Städte gab es nicht im Fürstentume; die einzige, die auf Bedeutung 
Anspruch machen konnte, war Lüneburg, das damals noch immer durch seinen 
Reichtum unter den Hansestädten eine wichtige Stellung einnahm. Aber die 
Lüneburger hüteten sich wohl, zu der Bezahlung der Landesschulden beizusteuern, 
kaum dass der Herzog von ihnen die Beiträge zu den Reichslasten, wie Türken- 
steuer, Römermonate und dgl. erhalten konnte. Die anderen Städte, von denen 
Celle und Uelzen wohl die bedeutendsten waren, standen freilich ganz unter dem 
Einflüsse der Fürsten und hatten einzeln kein grosses Gewicht in die Wagschale 
zu werfen. 

Aus Prälaten, Ritterschaft und Städten setzte sich der Landtag des Für- 
stentums zusammen; alle Stände berieten gemeinsam und konnten daher auch 
geschlossen weit stärker ihre Vorrechte dem Fürsten gegenüber wahren, als 


1) In der oben erwähnten Urkunde Hein- 
richs von 1518 (Jacobi a. a. 0. p. 113) wird 
ausdrücklich gesagt, dass Geistlichkeit und Adel 
von der Erhebung des 16. Pfennigs frei sein 


sollen: „doch unschädlich an Häusern, Höfen 
und liegenden Gründen der Schillingshöfe und 
Sattelhöfe Prälaten und dem Adel zuständig“. 


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dies jedem Stande einzeln möglich gewesen wäre. — Die Abgeordneten der 
Prälaten waren die Äbte der Mannesklöster , welche Grundbesitz hatten, die Vor- 
steher der beiden Stifter und die Pröpste der Frauenklöster; der Abt des Klosters 
St. Michaelis in Lüneburg stand an der Spitze des gesamten Landtages 1 ). Von 
den Städten nahmen meist nur Lüneburg, Celle und Uelzen an den Verhandlun- 
gen teil, diese vertraten dann zugleich die übrigen kleineren Städte, welche zu 
der Beschickung der Landtage berechtigt waren. — 

Wie schon gesagt, hatten die Stände das Recht, allgemeine Steuern zu 
bewilligen; aber sie waren dazu nur mit Opfern von Seiten des Herzogs zu be- 
wegen. Auch war die Erhebung mit Schwierigkeiten verknüpft, und wiederholt 
kam es vor, dass die bewilligten Auflagen überhaupt nicht eingezogen wurden *). 
So konnte es geschehen, dass sich die Herzoge bisweilen in der drückendsten 
Geldnot befanden; im Jahre 1522 vermochte man die Beiträge zum Reichsregi- 
ment und Reichskammergericht nicht zu zahlen und bat den Abt von St Mi- 
chaelis um ein Darlehn von 200 Gulden auf kurze Zeit 1 * ). Derartige Anleihen 
wurden damals mehrfach gemacht 4 * ), trotzdem im Anfang desselben Jahres eine 
Vieh-Steuer und der 16. Pfennig von der Landschaft den Fürsten bewilligt wor- 
den war 6 ). Am drückendsten wurde wohl die „Pfennig - Schuld“ empfunden, 
welche baar verzinst werden musste. Um sich gegen die fortwährenden Bürg- 
schaften wenigstens etwas zu sichern, liessen Adel und Geistlichkeit sich vom 


1) v. Duve, Versuch Über die Landtage 

des Fürstentums Lüneburg (1795), p. 67, giebt 
die althergebrachte Rangordnung der Klöster 
folgendermassen an: Die Äbte von St. Mi- 

chaelis in Lüneburg, Oldenstadt, Scharnebeck, 
die Vorsteher der Stifter Bardowik und Ramels- 
loh (auch diesen standen Pröpste vor, die aber 
hinter dem Decan fast ganz zurücktraten), die 
Pröpste von Ebstorf. Lüne, Medingen, Wals- 
rode, Isenhagen und der Prior von Heiligenthal 
in Lüneburg. — Dabei ist nicht genannt der 
Propst von Wienhausen, und auch keine Bemer- 
kung gemacht Über das vor der Reformation 
noch bestehende Nonnenkloster zu Uelzen. 

2) So wurden die 22000 Gulden, welche 

isur Ausstattung von Heinrichs Tochter Elisabeth, 

der Braut Karls von Geldern, und für die Reise i 

Emsts nach Frankreich bewilligt worden wa- I 


ren, gar nicht bezahlt, 1522 erliess sie Herzog 
Ernst wieder. Jacobi a. a. O. I. p. 127. 

3) Auszug des Schreibens der Herzoge an den 
Abt, d. d. Simonis und Judae 1522 bei v. Weihe- 
Eimke a. a. O. p. 134. Irrig ist die aus Geb- 
hardi stammende Ansicht v. Weihe - Eimke's, 
dass die Fürsten schon 1521 eine Hinterlegung 
und Rechnungsablage von den Klöstern gefor- 
dert haben. Die betr. undatierte Urkunde füllt, 
wie das „des uprors halben“ beweist, erst nach 
dem Bauernkriege. 

4) Havemann erwähnt p. 85, dass Otto 
und Emst sich vom Kloster Medingen das Fa- 
stenlager hätten abkaufen lassen müssen, dies 
fällt aber noch in die Regierungszeit Heinrichs, 
die Urkunde (gedruckt bei Lyssmann a. a. 0. p. 
112 f.) ist von 1521. 

5) Jacobi a. a. 0. I, p. 125 ff. 

4 


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26 


Herzoge versprechen, dass niemand, der sich zu bürgen weigere, deswegen die 
Ungnade des Fürsten fühlen solle 1 ). 

Für die Herzoge war es natürlich nicht minder drückend, dass ihre Güter 
zum grössten Teil verpfändet waren; sie mussten sich naturgemäss nach einem 
Mittel Umsehen, um eine gründliche Abhülfe herbeizuführen. Man darf wohl sa- 
gen, dass Herzog Ernst von Anfang an mit der Absicht die Regierung ange- 
treten hat, die Vorrechte und Ausnahmestellung der privilegierten Stände zu bre- 
chen und sie gleichmässig zu der Tragung der Lasten des Fürstentums heranzu- 
ziehen. Die absolutistischen Neigungen, die der Fürst wie alle energischen Män- 
ner hatte, gingen dabei Hand in Hand mit seiner religiösen Überzeugung; bei- 
des unterstützt und verschärft sich gegenseitig. Der junge Fürst hatte ein war- 
mes Herz für die Leiden des Volkes, es drückte ihn schwer, dass Bürger und 
Bauern die Last tragen mussten, während Geistlichkeit und Adel nicht zur Bei- 
steuer herangezogen werden konnten. Doppelt bitter empfand er das, weil er, 
im Herzen schon gut lutherisch, die Berechtigung des Klosterlebens nicht völlig 
mehr anerkannte, und es schon damals seinem gesunden Gefühle widerstrebte, 
wie er das später wiederholt aussprach: „dass etliche Wenige ein gutes Leben 
führen und im Überfluss leben sollten, während die Masse des Volkes darben 
musste“ 2 3 ). — Wollte man aber sagen, die Geldnot habe den Fürsten von Lü- 
neburg der reformatorischen Bewegung in die Arme getrieben, so würde man 
ihm völlig Unrecht thun. Ernst war ein durchaus reiner und edler Charakter, 
starr und schroff zuweüen , wenn man seiner guten Absicht einen dauernden Wi- 
derstand entgegensetzte, aber auch diese Strenge entsprang einer hohen Auffas- 
sung des Fürstenberufes, der Überzeugung, dass der Fürst nicht bloss für das 
irdische, sondern auch für das geistige Wohl seiner Unterthanen Gott Rechen- 
schaft ablegen müsse. Dieser Gedanke kehrt immer und immer in seinen Schrif- 
ten wieder, und er ist nicht blosse Phrase. 

Man hat ihn den „Bekenner“ genannt®), und er verdient den Beinamen in 


1) Jacobi a. a. 0. I, p. 129. 

2) Schreiben des Herzogs an das Kloster 
St. Michaelis v. 1533 (H. St. A. Des. 55, 10). 

3) Der Beiname kommt erst im Anfang 
des 18. Jahrhunderts auf, und zwar habe ich 
ihn zuerst bei Joh. Justus Böhmer, fasces aca- 
demici 1718 p. 61 (Dresd. Bibi.) gefunden, der- 


allerdings auch bereits sagt: „ut Ernestus con- 
fessor deincepa adpellatus fuerit“. Bertram in 
der 1719 erschienenen Biographie spricht zwar 
von dem „durchleuchtigen Bekenner“, aber diese 
Bezeichnung ist hier noch nicht Beiname ge- 
worden. Auch Rehtmeier kennt in seiner Chro- 
nik den Beinamen noch nicht (1722)* Nach 


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27 


vollem Masse; nicht bloss wegen des einmaligen öffentlichen Bekenntnisses zu 
Augsburg; sein ganzes Leben war ein Bekennen dessen, was er für gut und 
wahr erkannt hatte. 

Für ihn war die Not des Fürstentums ein grosses Hemmnis bei dem Stre- 
ben nach dem Ziele, das er sich gesteckt hatte, und dessen Erreichung recht ei- 
gentlich sein Werk ist Er konnte nicht nach seiner Überzeugung und seinen 
Wünschen handeln, er musste sich in die Verhältnisse schicken. Hätten ihm be- 
deutende Geldmittel zur Verfügung gestanden, so hätte er schneller vorwärts ge- 
hen können, er wäre unabhängiger von den Ständen gewesen; denn mit den 
Geldforderungen von seiner Seite wären auch die Gegenforderungen der Stände 
weggefallen. 


Die kirchlichen Verhältnisse des Fürstentums. 

Es war natürlich, dass der Herzog bei den Klöstern den meisten Wider- 
stand gegen seine Bestrebungen finden musste, denn ihr Bestand wurde ja durch 
die Bewegung jener Zeit in Frage gestellt Ehe wir daher auf die ersten Schritte 
eingehen, die im Fürstentum gegen den Katholicismus gethan wurden, müssen 
wir noch einen Blick auf das Klosterleben und die kirchliche Organisation des 
Landes werfen. Nicht alle Klöster haben einen gleich engen Anschluss an den 
zuständigen Bischof gehabt, und es erklärt sich daraus in der späteren Zeit 
eine Verschiedenheit derselben in ihrem Widerstande gegen die Reformation. 

Drei Diöcesen teilten sich in die kirchliche Jurisdiction des Fürstentums: 
Verden, Hildesheim und Minden. Zu dem Sprengel von Verden, der weitaus den 
grössten Teil des Landes umfasste, gehörten das Benedictiner-Kloster St Michae- 
lis in Lüneburg, die Cistercienser-Mönchs-Klöster Scharnebeck und Oldenstadt, das 
Prämonstratenser-Kloster Heiligenthal in Lüneburg, die Benedictiner-NonnenklÖster 
Ebstorf, Lüne, und das Kloster der Cistercienserinnen zu Medingen 1 ), sowie die 
beiden Stifter Bardo wik und Ramelsloh. Der Bischof von Verden hatte das Patro- 


dem Erscheinen von Arends singularia cogno- 
mina (1723) wird derselbe jedoch schnell allge- 
mein. 

1) Das Nonnenkloster zu Uelzen kann 
fc a nm mitgerechnet werden, es ist für unsere 


Zeit ganz ohne Bedeutung, denn kurz vor der 
Reformation ging es wegen Mangel an Mitglie- 
dern ein und wurde in ein Hospital verwandelt. 
Vgl. Schilling, histor. Grundriss der Stadt Uel- 
sen, p. 28. 

4* 


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28 


nat über eine ganze Reihe von Pfarrkirchen im Fürstentum 1 ); ein bischöflicher 
Official residierte in Lüneburg. — Zu Hildesheim gehörten die Klöster der Cister- 
cienserinnen zu Wienhausen und Isenhagen. Der Diöcese Minden endlich gehörte 
nur das Kloster Walsrode an (Benedictinerinnen). — Ausserdem befanden sich 
noch Franciskanerklöster zu Celle, Winsen a. d. Luhe und Lüneburg. 

In den meisten dieser Klöster war gegen Mitte und Ende des 15. Jahr- 
hunderts die verfallene Zucht, wenn auch stellenweise unter grossem Widerstande, 
wiederhergestellt, so dass ihre Insassen jetzt wenigstens äusserlich ehrbar waren; 
wogegen besonders die Nonnen von Wienhausen früher so zuchtlos gelebt hatten, 
dass auf Befehl des Herzogs eine Mauer um ihr Kloster gezogen war, um sie 
völlig von der Aussenwelt abzuschliesseu*). Besonders tief war das religiöse 
Leben freilich nicht, es herrschte hier wie fast überall zur Zeit vor der Reformation 
ein grosser Formalismus, der jeder Innerlichkeit entbehrte; man klammerte sich 
an die Form, weil man den Kern verloren hatte. Die Beichtväter der Nonnen 
waren häufig ungelehrt; ja, man sagte auf Seiten der Gegner, die Klosterfrauen 
wählten sich mit Vorliebe recht dumme Beichtväter, um die Klügeren zu sein 3 ). 
Was konnten sie in religiöser Beziehung Gutes von Geistlichen lernen, die nicht 
einmal die Formel der Absolution kannten 4 )! — Die Verehrung von Bildern und 
Heiligen wurde nach Kräften zum Vorteil der Klöster gefördert; so wird uns 
berichtet, dass sich in der zu Isenhagen gehörigen Kapelle in der Clus zu Stein- 
beck ein wunderthätiges Marienbild, aus Holz geschnitzt, befand. Maria hält 
den Leichnam Christi auf dem Schosse; derselbe war innen hohl, und in die klaf- 
fenden Wunden warfen die Leute Gold und opferten auf dem Altar viel Wachs, 
Flachs und anderes zur Ehre der Mutter Gottes und ihres Sohnes, „welches alles 
darnach gen Isenhagen gebracht wurde“ 5 ). 

In den Mönchsklöstern sah es nicht viel besser aus ; die Äbte lebten mehr 
weltlich als geistlich. Besonders verrufen waren wegen ihres unsittlichen Lebens 
die Canoniker von Bardowik. In Pracht und Üppigkeit verbrachten die Bene- 

1) Sie finden sich aufgezeichnet in dem 4) Vgl. Urb. Rhegius , Eine ungeheure 

„Catalogus ecclesiarum parochialium diocesis wunderbar liehe Absolution der Klosterfrauen im 
Verdensis“ (Zeitschrift des histor. Vereins für Fürstentums Lüneburg (Deutsche Schriften. IV, 
Niedersachsen. 1873, p. 350 f.). 33). 

2) Leukfeld, antiquitates Winhusanae. p. 5) Urkundenbuch von Isenhagen, Nr. 676: 

118. Nachricht über die Gründung und Erhaltung 

3) Vgl. den „Radtslach to nodtrofft der klo- des Klosters. 
ster u über die Prüfung der Beichtväter. 


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29 


dictiner von St Michaelis, dem reichsten und bedeutendsten Kloster im Fürsten- 
tum, ihre Tage; obwohl das Kloster in der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts 
„reformiert“ war, war doch nur wenig von der damals hergestellten Zucht übrig 
geblieben; denn die Adligen, aus denen der Convent ausschliesslich bestand, konn- 
ten sich mit der strengen Regel Benedicts nicht recht befreunden. — Die Hin- 
neigung der Äbte und Pröpste zu weltlichen Geschäften wurde durch ihre Teil- 
nahme an der Regierung des Fürstentums als geistliche Räte des Herzogs nur 
noch gefördert. Der Abt von St Michaelis, der erste unter den Räten des Für- 
stentums überhaupt, stand auch an der Spitze des von Heinrich dem Mittleren 
eingerichteten Landgerichts zu Uelzen, neben oder vielmehr unter ihm standen 
noch zwei andere Prälaten und drei weltliche Räte. 

Zwischen der Stadt Lüneburg und den Klöstern bestand eine ziemlich enge 
Verbindung. Neben den Töchtern der Adligen fanden auch die der Lüneburger 
Patricier Aufnahme in die Frauenklöster (besonders in die der Verdener Diöcese: 
Ebstorf, Lüne und Medingen). Viele, wohl die meisten der Klöster hatten ihr 
Haus oder ihren „Hof“ in der Stadt, (so Scharnebeck, Lüne, Medingen und das 
Stift Bardowik) und alle waren auf der Sülze begütert 1 * * * * * * ). Eis war das eine sehr 
beliebte Kapitalanlage der Geistlichen auch der benachbarten Länder, denn das 
Lüneburger Salz war weit berühmt und wurde im nördlichen Deutschland für 
das beste gehalten. Die Klöster hatten ihren Sülzanteil an Lüneburger Patricier 
(Sülftmeister) verpachtet; dieser „Salinarius“ zahlte ihnen dann eine bestimmte 
jährliche Summe für die Nutzung der dem Kloster gehörigen Pfannen*). Durch die 
Wahl des Sothmeisters, eines der höheren Beamten der Sülze, welcher die Ober- 
aufsicht über das Sieden des Salzes führte, übten die Klöster auch auf die Ver- 
waltung der Saline einigen Einfluss aus ; diese Wahl stand den Äbten von St 
Michaelis und Scharnebeck und den Pröpsten von Lüne und Medingen zu 8 ). 


1) Ich gebe hier eine Uebersicht über die 

Begüterung der Klöster auf der Sülze nach 

einer handschriftlichen Nachricht des H. St. A. 

(Verzeichnis der Manuscripte J. 76): St. Michae- 

lis — 15 Pfannen, Scharnebeck — 12 Pf., Ol- 

denstadt — 3 Pf ; Propstei Lüne — 11 Pf., 

Virgines ibidem — 2£ Pf. ; Propstei Ebstorf — 

3 Pf, Virgines — 3 Pf. ; Propstei Medingen — 4 
Pf., Virgines — 2 Pf. ; Propstei Wienhansen — 1 
Pf ; Propstei Isenhagen — 1£ Pf., Virgines — 1£ 
Pf. ; Propstei Walsrode cum Virginibus — 3 Pf. ; 


Bardowik — Pf., Ramelsloh — 1 Pf. Im gan- 
zen besassen die Klöster folglich 68 Pf Das 
sind also mehr als ein Viertel aller überhaupt 
auf der Sülze vorhandenen Pfannen (es waren 
54 Häuser vorhanden, jedes Haus hatte 4 Pfan- 
nen, also 216 Pfannen). 

2) Die „potestas committendi bona salina- 
ria monasteriorum sine omni conventione* nannte 
man „Vorbathe“. (Pfeffinger a. a. O. I, 97). 

1) Vgl. Pfeffinger a. a. O. I, p. 221. 


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30 


Die Güter der Propstei und des Conventes in den Frauenklöstern waren 
streng geschieden. Der Propst besorgte die Vertretung des Klosters nach aus- 
sen, er hatte auch die Verwaltung der Klostergüter, er musste für den Gottes- 
dienst Sorge tragen, und die Capläne standen unter seiner Aufsicht Als geist- 
licher Rat des Fürstentums hatte er Sitz und Stimme in den Landtagen. Im 
Laufe der Zeit war die freie Wahl der Pröpste von Seiten des Convents durch 
die Fürsten beschränkt. Der Herzog designierte eine Anzahl von Männern, die ihm 
genehm waren, und aus diesen musste dann gewählt werden ; Heinrich der Mittlere 
hatte sogar eine ohne sein Wissen vollzogene Wahl einfach cassiert und eine 
Neuwahl angeordnet 1 ). Häufig kam es vor, dass die Fürsten treue Diener zu 
Pröpsten wählen Hessen, die dann auch später noch in den Geschäften des Für- 
stentums thätig waren 2 ). Bisweilen vereinigten die Pröpste mit ihrer Propstei 
noch ein anderes geistliches Amt in einem benachbarten Lande 3 ). Das gab zu 
Klagen Anlass: die Pröpste residierten ausser Landes, zogen von ihren Klöstern 
die Einkünfte und vernachlässigten die Verwaltung derselben. — Zur Abtragung 
der Landesschulden trugen, wie bereits gesagt, die Klöster nur „ungenötigt und 
ungezwungen, unbeschädigt ihrer Privilegien“ bei. Das war ein wunder Punkt 
in der Verwaltung des Fürstentums, und es ist begreiflich, dass sich darauf 
zuerst der Blick des Fürsten richtete, die Klöster zur regelmässigen Tragung 
der Lasten heranzuziehen. Das war überhaupt eine Vorbedingung für ihre Re- 
formation , denn eine plötzHche Säcularisation würde bei den bestehenden Verhält- 
nissen, bei der engen Verbindung zwischen Adel und Prälaten, nicht mögUch 
gewesen sein. 

In der That finden wir, dass der Herzog sehr bald Massregeln in dieser 
Richtung ergriffen hat; Massregeln, welche vereinzelt betrachtet allerdings kein 
Gewicht haben , als generelle jedoch in unserer Darstellung immerhin einen Platz 
verdienen. Vorher wenden wir uns zu Ereignissen anderer Art 


1) Lyssmann a. a. O. p. 99. Die Be- 
schränkung der Wahlfreiheit geschah erst unter 
Heinrich dem Mittleren, der noch im Anfang 
seiner Begierung, als er jemanden dem Kloster 
zum Propst empfohlen hatte, schrieb, dies solle 
die Wahlfreiheit des Klosters nicht beeinträch- 
tigen. Lyssmann a. a. 0. p. 79. 

2) 8o wird von dem Propst von Ebstorf 

Heino von dem Werder seine 1 ljährige Dienst- 


zeit in der Kanzlei und seine Wahl auf Betrei- 
ben Heinrichs des Mittleren erwähnt (Verz. der 
Manuscripte J. 76. H. St. A.) 

3) Heino von dem Werder war auch Dom- 
decan zu Hildesheim und Propst zu St. Cyria- 
cus in Braunschweig; Johann von Mahrenholz 
war Propst zu Medingen und Decan zu Hal- 
berstadt; Friedrich Burdian Propst zu Isenha- 
gen und Decan zu St. Blasien in Braunschweig. 


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31 


Erste Regungen des Luthertums. Die Barfiisser in Celle. 

Bei den Franziskanerklöstern — es gab solche, wie wir gesehen, zu Celle, 
Winsen und Lüneburg — lagen die Verhältnisse anders als bei den übrigen Klö- 
stern des Landes. Sie waren ohne Grundbesitz und standen nicht mit dem Adel 
in Beziehung, sondern suchten ihre Wirksamkeit mehr bei dem niederen Volke. 
Ihnen gegenüber konnte der Herzog früher und schärfer Vorgehen, als er es 
sonst hätte wagen dürfen. Das Barfüsserkloster zu Lüneburg stand freilich 
nicht unter der Gewalt des Fürsten, sondern der des Rates von Lüneburg, aber 
Celle und Winsen waren fürstliche Städte (in Winsen war ein herzoglicher Haupt- 
mann), so dass der Rat an keinem der beiden Orte irgend welche selbständige 
Bedeutung hatte. 

Das Barfüsserkloster zu Celle war in den Lüneburger Landen der Schau- 
platz des ersten Kampfes zwischen dem Katholicismus und der neuen Lehre. 
Freilich lässt sich nicht mit Gewissheit feststellen, wie weit der Herzog selbst 
Partei genommen hat Doch deuten geringe Spuren darauf hin, dass Ernst schon 
damals eine dem Luthertume zugeneigte Gesinnung irgend wie kund gegeben hat 
Denn „seit sechs Jahren", so schreibt der Herzog in einem bislang unbekannten 
Briefe von 1528 *), „habe er die Barfüsser nicht ein oder zwei Mal, sondern 
vielmals ersucht, gütlich, gnädiglich und ernstlich erfordert, Ursache und Grund 
der Gebrechen und ihrer Lehre gegen das göttliche Wort anzuzeigen, damit er 
selbst und andere dadurch einen notdürftigen Unterricht empfingen“. — Schon 
damals war Wolf Cyclop in Celle im Sinne der reinen Lehre thätig, deren 
begeisterter Vorkämpfer er war. 

Etwa im Jahre 1518 war Cyclop nach Celle gekommen. Er war Doctor 
der Medicin und freien Künste, aus Zwickau gebürtig, hatte im Jahre 1510 in 
Wittenberg als Professor der Mathematik gewirkt*), war dann als Arzt durch 
vieler Herren Länder gezogen und endlich in Celle als Leibarzt Heinrichs des 
Mittleren geblieben ; die gleiche Stellung bekleidete er dann auch bei den Söhnen 


1) d. d. Donnerstag nach Vincnla Petri 
1628. Copie im H. St. A. (Verzeichnis der 
Manuscripte J. 76). 

2) Guden, Dissertatio de Ernesto duce, 


p. 12 Anm. 1 giebt hierfür als Zeugen ans 
Hermannus Cingularius Aurimontanus in libello 
de componendo epistolas. Ich habe dies Bach 
nicht zu Gesicht bekommen können. 


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32 


Heinrichs, nachdem dieser das Land verlassen hatte. Er war ein unruhiger 
Mensch, der seine Begeisterung nicht durch ein stilles, tiefgehendes Wirken ge- 
gen die Mishräuche der katholischen Kirche, sondern durch ein gewaltsames 
Handeln bethätigen musste, bei dem auch eine Sucht nach Ruhm nicht unbefrie- 
digt bleiben durfte. 

Die Barfüsser in Celle forderten seinen Zorn durch ihre Predigten und 
ihre Lehre gegen Gottes Wort heraus, und gegen sie besonders, wenn sie auch 
nicht geradezu genannt waren, richtete sich die Streitschrift, die Cyclop kurz 
vor Ostern 1524 ausgehen liess, und in welcher er sich erbot, „fünf Beschluss 
und Artikel, Gott zu Ehren und aller klarer evangelischer und christlicher Wahr- 
heit Liebhabern zu Gute, mit klarer, wahrer und ganz beständiger heiliger Schrift 
wider eines jeglichen schriftliche Gegensätze mit Gottes Hülfe schriftlich zu ver- 
treten“. 

Allen denen, so lautet sein 1. Artikel, welche behaupten, das verdeutschte 
Testament sei an 1400 Orten und Enden verfälscht, und dies doch nicht von 
Ort zu Ort beweisen, soll man nicht glauben, da sie solches wider den frommen 
und getreuen Dolmetscher erdichtet und erlogen haben, sondern soll sie vor die 
Schrift weisen und sie für Heuchler und Gleissner halten, die den Himmel vor 
den Menschen verschliessen. — 2) Alle die, welche da sagen, dass in der hei- 
ligen Schrift Alten und Neuen Testaments nicht genug zur Seligkeit enthalten 
sei, und dass die Rechtfertigung durch den Glauben an Christum nicht genüge, 
die lästern Gottes ewigbleibendes und lebendiges Wort — 3) Alle diejenigen, 
welche die heilige Schrift nach erschienenem und eröffnetem Christo düster und 
finster schelten und sagen, sie müsse durch menschliche und heidnische Weisheit 
und Kunst erleuchtet werden, die wissen nicht, wie weit Licht und Finsternis, 
Wahrheit und Lüge, Christus und Belial von einander geschieden sind. — 4) Alle 
die, welche der heiligen Schrift und göttlichem Worte nicht anders und eher 
glauben, denn um der Menschen Gemeinde und Versammlung, der Kirche willen, 
setzen den Menschen über Gott, die Lüge über die Wahrheit, den Antichrist 
über Christus. — 5) Wer anders als bei Christo Heil, Gnade und Wohlgefallen 
vor Gott zu suchen und zu finden vermeint und dies lehrt, der widerspricht 
Gott und Mosi 

Das war der Kampfesruf, mit dem Wolf Cyclop, „der Kunst und Gewerbe 
halber ein Arzt, des Glaubens ein getaufter Christ“, die Barfüsser herausforderte: 


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33 


„die grimmigen, wütenden nnd brüllenden Suppen- und Kuchenprediger“, die ih- 
ren Nächsten wider die christliche Liebe schänden, blenden und lästern; die bald 
so, bald anders predigen, so dass niemand etwas Bleibendes mitnehmen kann, 
und die nur darin beständig bleiben, dass sie das nach Heil durstige Volk von 
dem heiligen, ewig bleibenden göttlichen Wort auf menschlichen Tand hinweisen. 
Er habe, sagt Cyclop, diese Artikel aus dem gewaltigen Strome der heiligen 
Schrift, wie David die allerglattesten Kieselinge aus dem rauschenden Strome 
gelesen, uud: 


„Mit fünf Kieselingen in Gottes Macht 
„David Goliath schiacht, 

„Der unverschämt in hoher Pracht 
-Gott und sein Volk veracht!“ 


W 


Matthias Teuffel von Nordheim, der Guardian des Klosters und Heinrich Mar- 
quardi, „der Barfüsser Minister“, wohl die bedeutendsten der damals in Celle 
sich befindenden Franziskaner, konnten dem „falsch vermessenen und erdichteten 
David“ die Antwort natürlich nicht schuldig bleiben. Sie wollen sich auf keine 
ausführliche Gegenschrift einlassen, sondern bieten Cyclop eine Disputation in 
Hildesheim an, bei welcher die Herzoge von Lüneburg und der Erzbischof von 
Mainz den Vorsitz führen,' die Sache selbst aber durch eine Reihe angesehener, 
streng katholischer Männer entschieden werden soll. Genüge ihm das nicht, so 
sollen die Universitäten Erfurt, Leipzig und Köln oder Paris entscheiden. Dann 
gehen sie auf die fünf Artikel ein, nachdem sie den Arzt Cyclop vorher noch 
an das Sprichwort: ne sutor ultra crepidam erinnert und ihm den Vers vorge- 
balten haben: 


„Wer will in Himmel mit puchen gähn 
„Der wurt id nicht erfinden, 

„De guden werk im glöven gethan 
„Gehören to Goddis kinder“. 

Sehr geschickt greifen sie bei der Besprechung des ersten Artikels etliche 
Stellen heraus, durch deren richtige Übersetzung sie einmal das Fasten zu ret- 
ten und zu belegen denken, und wodurch sie Luther in den Verdacht zu bringen 
suchen, als habe er zum Nachteil der Fürsten eine Stelle absichtlich falsch über- 
setzt. Zum Schluss stellen sie selbst fünf Artikel auf, durch welche die ihres 
Gegners entkräftet werden sollen. 


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34 


Bald wurde diese Schrift von Cyclop erwidert Er beruft sich auf das 
Vorbild des Evangelisten Lucas, der auch ein Arzt gewesen sei, darum stehe es 
auch ihm wohl zu, sich mit derartigen Fragen zu beschäftigen. Er lehnt es je- 
doch ab, dass er irgend etwas mit der Lutherischen Sache, welche die Barfüsser 
mit hinein zögen, zu thun oder zu lassen haben wolle ; Luther mache seinen Geg- 
nern selbst genug zu schaffen und bedürfe seiner Hülfe nicht; aber wenn auch 
Kaiser und Papst Luthers Lehre und Schriften verdammten, das verdeutschte 
Testament könne er nicht für Luthers Buch halten. Man solle ihm aber auch 
nicht mit hohen Titeln und Namen kommen, denn nicht von den Weisen der Welt 
werde die göttliche Weisheit erkannt. Er widerlegt die Einwürfe der Barfüsser 
und verspricht ihre Artikel mit einer besonderen Schrift zu beantworten. Die 
Disputation lehnt er natürlich ab. 

Auf weitere Verhandlungen wollten sich nun allerdings die Barfüsser nicht 
einlassen. Schmähend warfen sie ihm vor, dass er die guten Sprüche der hei- 
ligen Schrift mit Asa foetida vermischt habe, dass er herumschleiche wie ein 
Fuchs und doch nur ein Wolf sei. Sie seien seiner Scheltworte müde und wür- 
den von ihm nichts mehr lesen, sondern alles dem Feuer übergeben. 

Auf diesen Brief der Barfüsser liess Cyclop in den Osterfeiertagen eine 
Schrift „an alle Liebhaber der Wahrheit“ ausgehen, in der er das ganze Ver- 
fahren und Treiben der Mönche einer scharfen Kritik unterzog. An ihren Früch- 
ten erkenne man sie und an ihrem schönen und lieblichen Gesänge, dessen sie 
sich auf den Predigtstühlen hefleissigten, „wie eine schöne, feine und graue Frau 
Nachtigale, welche die Schafe und Kühe frisst“. 

Etliche Wochen später ist Cyclop nicht mehr in Celle, er selbst schweigt 
völlig über die Gründe, welche ihn veranlasst haben die Stadt zu verlassen. 
Das aber dürfen wir behaupten, dass er nicht in Ungnade von den jungen Für- 
sten entlassen worden ist 1 ). Sein Fortgang scheint ein freiwilliger gewesen zu 
sein. Auf der Reise nach seiner Vaterstadt Zwickau kam er durch Magdeburg 
und als er hier, wie er selbst sagt, die christlichen und wahrhaftigen Prediger 
gehört und die hitzige und brünstige Liebe zum göttlichen Worte bei dem mei- 


1) Vgl. die Widmung der Schrift an die 
Herzoge von Lüneburg : I. F. G. haben mir nicht 
allein gnedige entrichtung gethan, sondern auch 
aus günstiger Huld und gnädigem Willen, münd- 
lich und schriftlich, ehrliche rühmliche Urkund 


und Grezeugnis gegeben, mit fÖrderer Zusagung 
und Tröstung günstiges und gnediges willens 
bei I. F. G. zu behalten, aus welcher Ursach 
gegen E. F. G. dankbar zu sein mein Gewissen 
mich ewiglich verpflichtet. 


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35 


8ten Volke erkannte, beschloss er dort zu bleiben. Er kaufte sich Haus und 
Hof und wurde Bürger der Stadt 1 2 * * * * * ). Mit andern Gesinnungsgenossen zusammen 
zog er einen Buchdrucker nach Magdeburg und jetzt stellte er die ganzen Ver- 
handlungen mit den Barfüssern zusammen, versah sie mit einem Vor- und Schluss- 
wort und liess sie drucken. (Die Schriften der Barfüsser in niedersächsischer 
Sprache, damit sie ihn, wie er besonders betont, nicht der Fälschung beschul- 
digen könnten.) 

Er widmete die Schrift den Herzogen von Lüneburg, damit „sie erlernen 
möchten, was für geistliche Heilige und in göttlichen Sachen verständige Leute 
unter dem Deckel des Bettelsacks in I. F. G. Städten und Landen wohnten“, von 
welchen St Peter im andern Kapitel seines andern Sendbriefs und Paulus im 1. 
und 2. Briefe an Timotheus geschrieben „und darin die grauen Gesellen auf den 
Klötzern mit knodichten Stricken so ganz eigentlich abgemalt, als hätte sie Lu- 
cas Maler oder Albrecht Dürer mit abkonterfeiet“. Er bittet, die Fürsten woll- 
ten „des göttlichen Wortes klaren Aufgang in ihren Städten und Landen von 
den Gottlosen nicht unterdrücken lassen“*). 

Aus allem, was wir schon aus dieser Zeit über Cyclop wissen, tritt er uns 
als ein unruhiger Mensch entgegen ; er drang auf schnelle Reinigung der Kirche 
von den Misbräuchen. Er verstand zu reden und hatte auch bereits in Celle 
eine Partei um sich gesammelt. In Magdeburg kam er bald mit Nicolaus von 
Amsdorf über das Abendmahl in Streit, er verfocht eifrig die Ansichten Karl- 
stadts 8 ;, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass gerade seine Hinneigung zu den 
Schwärmern ihn am Hofe in Celle unmöglich gemacht hat Herzog Ernst stand 
voll und ganz auf der Seite Luthers. In dem Streite selbst batte er sich jeder 
Parteinahme enthalten, dazu mochte ihm die Zeit noch nicht gekommen scheinen. 


1) Vgl. Cyclops Schrift: Ursach und Han- 
delung in der kaiserlichen und christlichen Stadt 
Magdeburg ein christlich Wesen und Wandel 
belangend. Gedruckt bei Hahn, collectio mo- 
numentorum H, p. 459 ff. 

2) Den genauen Titel der Schrift Cyclops 

8. o. S. 4. Anm. 5. — Die Artikel selbst sind 

nicht datiert ; das erste Schreiben der Barfüsser 

ist vom Gründonnerstage 1524 (24. März) und 

das Schreiben Cyclops an alle Liebhaber der 

Wahrheit hat das Datum: Celle, in den Oster- 


I feiertagen 1524 (Ostern war am 27. März). Die 
1 Widmung ist bereits von Magdeburg vom Don- 
nerstag nach Marci (28. April) 1524 datiert. 

3) Vgl. über die verschiedenen Streitschrif- 
ten aus den Jahren 1525 und 1526: Hülsse, 
l Einführung der Reformation in Magdeburg (Mag- 
deb. Geschichtsblätter 1883) und Hülsse, Ge- 
schichte der Buchdruckerkunst in Magdeburg 
(Magdeb. Geschichtsblätter 1880). Mit dem 
Jahre 1526 verschwindet der Name Cyclops, 
seine späteren Schicksale sind unbekannt. 

5* 


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36 


Aber doch musste ihm, dem vorsichtigen und bedächtigen Manne, die Art und 
Weise, wie Cyclop auftrat, unsympathisch sein. 

An die Stelle Cyclops als Vorkämpfer für das gereinigte Evangelium trat 
denn auch ein von Luther Empfohlener; ob er schon im Anfang des Jahres 1524 
nach Celle gekommen und so den Fortgang Cyclops beschleunigt hat, ist nicht 
zu entscheiden, es wäre aber sehr wohl begreiflich, denn an eine gemeinsame 
Wirksamkeit eines Lutherischen mit einem Schwärmer war in damaliger Zeit 
nicht zu denken. 

Gottschalk Cruse war es, der hier, als er des Glaubens wegen aus 
seinem Kloster entflohen war, eine Zufluchtstätte und eine neue gesegnete Wirk- 
samkeit fand. Durch eine Schrift, in der er sich wegen seines Entweichens aus 
dem Kloster rechtfertigte, sind wir über sein früheres Leben unterrichtet 1 ). — 
Geboren zu Braunschweig am Ende des 15. Jahrhunderts 2 ), wurde er nach dem 
Tode seines Vaters als zarter Knabe im Jahre 1508 von seiner Mutter dem 
Ägidien-Kloster seiner Vaterstadt übergeben. Nach sieben Jahren that er dort 
Profess; es war ihm Ernst mit seinem Streben nach dem ewigen Heil; Gewis- 
sensangst und Zweifel quälten ihn; denn im Herzen fühlte er, dass er noch nicht 
auf dem rechten Wege sei Er war daher hoch erfreut, als sein Abt Theodo- 
rich, „ein besonderer Liebhaber der Schrift“, beschloss, ihn mit Unterstützung 
seiner Freunde nach Erfurt zum Studieren zu schicken. Er blieb dort andert- 
halb Jahre, gern wäre er schon eher zurückgekehrt, denn er sah, dass nicht, 
wie er gehofft, „auf den hohen Schulen das Bekenntnis rechter göttlicher Wahr- 
heit“ zu finden sei, nur die Scheu vor seinem Abte und den Ordensbrüdern hielt 
ihn davon ab; er wurde Baccalaureus, „mehr der Nachsage willen, als aus rechtem 
Begehr“. „Als ich“, so sagt er, „die Wahrheit dort nicht fand, wo ich sie zu 
finden hoffte, habe ich doch nicht nachgelassen, sondern mit um so grösserem 
Fleiss der Lehrer Bücher gelesen. Zuletzt, weil ich sie nicht fand, bin ich in 
einen zornigen Mut gefallen über mich selbst, und beschloss bei mir nicht mehr 
zu suchen und zu studieren“. 

1) „To allen christglöwigen fromen manschen 
beszondem der statt Brunswygk D. Gottschalci 
Crussen Woerumme hee gheweken uth synem 
kloester eyn underrichtunghe“, abgedruckt („mit 
kleinen Nachhülfen in der Orthographie 0 ) bei 
Lentz, Kirchenreformation Braunschweigs im 
16. Jahrhundert p. 119 ff. Die Schrift ist un- 


datiert, ich setze ihre Entstehung noch in das 
Jahr 1523; darauf beruhen denn auch die Jah- 
resangaben. (Cruse sagt, er sei vor 15 Jahren 
in das Kloster gebracht). 

2) Re htm ei er, Braunschweigische Kir- 
chengeschichte Hl, p. 2 giebt 1499 als Geburts- 
jahr an. 


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37 


Ein Bekannter, Peter Hummel aus Braunschweig, machte ihn auf die Schrift 
Luthers vom Ablass aufmerksam; „da habe ich“, bekennt Cruse, „gethan, was so 
viele noch thun, den Sermon verdammt, ehe ich ihn gesehen habe und gespro- 
chen: Was Martinus, Martinus! ich habe ebenso gelehrte Leute gesehen wieMar- 
tinus, soll er den heiligen Ablass strafen, den so viele heilige Päpste confirmiert 
haben?“ — Die Auslegung des 110. Psalms von Luther, die dem Prior des 
Klosters, Bökheister, zu Händen kam, und die er Gruse brachte, machte tiefen 
Eindruck auf denselben, obwohl er sich anfangs schämte, ein deutsches Buch zu 
lesen; er erkannte und fühlte, „dass mehr Geist und Wahrheit darin sei als in 
anderen Büchern“, und er forschte von nun an eifrig in Luthers Schriften nach 
dem, was er anderswo nicht gefunden hatte, wonach er sich aber stets mit neuer 
Kraft sehnte. Viel „Trost und Wahrheit“ schöpfte er aus diesen Büchern, zu- 
gleich aber regte sich in ihm der Wunsch, den Mann selbst kennen zu lernen, 
der so schreiben konnte. Seine Freunde ermöglichten ihm einen Aufenthalt in 
Wittenberg 1 2 ) und dort „lernte er in einer Lektion melu- göttliche Wahrheit als 
in allen seinen vorigen Studien“. Nach fast zweijährigem Aufenthalte kehrte er 
in der letzten Hälfte des Jahres 1521 als Doctor in sein Kloster zurück*); er 
begann hier den Novizen das Evangelium Matthaei auszulegen, und er hatte bald 
von allen Seiten grossen Zulauf. Das erweckte ihm viele Feinde: die Barfüsser 
verläumdeten ihn , die Prälaten verklagten ihn beim Herzoge Heinrich dem Jün- 
geren. Der Abt nahm ihn in seinen Schutz und sandte ihn in eins der Kloster- 
dörfer (Volkmerode); als er auch hier nicht mehr sicher war, veranlassten ihn 
seine Freunde, aufs neue nach Wittenberg zu gehen; dort blieb er den ganzen 
Sommer (1522). Bei seiner Rückkehr erhielt er die ihm zustehende Doctorats- 
stelle und begann nun aufs neue seine Vorlesungen im Kloster. Er legte den 
Römerbrief aus, kam aber damit nur bis zum 5. Kapitel. Als er Fastnacht 1523 
seine Vorlesungen auf Befehl des Abtes auf kurze Zeit unterbrochen hatte, wurde 


1) Seine Immatriculation fand am 22. April 
1520 statt: Förstemann, Albnm academiae 
Vitebergensis p. 89. (Fr. Gotschalcus Cruse 
ordinis Benedicti). 

2) Er wurde am 17. October (postridie 
Galli) 1521 von Karlstadt promoviert (Guden 
a. a. O. p. 15). Die Disputationsartikel: „Su- 
per celebratione missarum, sacramenti panis et 
vini et discrimine praecepti et promissionis et 


aliis (vgl. Bytemeister, de vita scriptis et 
meritis praesulum in Ducatu Luneburgico) be- 
finden sich handschriftlich auf der Celler Mini- 
sterialbibliothek (Uhlhorn a. a. O. p. 358). 

Cruse war auf Drängen seiner Freunde, 
ohne Wissen seiner Ordensbrüder Doctor ge- 
worden, er fand darum keine gute Aufnahme 
im Kloster und erhielt auch erst später die ihm 
zukommende Doctoratsstelle. 


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38 


ihm die Wiederaufnahme derselben unmöglich gemacht Man gab ihm Schuld, 
dass etliche seiner Ordensbrüder „die christliche Freiheit zum Schanddeckel der 
Bosheit machten“; man lästerte auf ihn; die Prälaten, „die man für grosse Rab- 
bini und Seelsorger anbeten muss, die aber von göttlicher Schrift beinahe so viel 
wissen, wie die Krähe vom Sonntag“, verläumdeteu ihn auf jede Weise, Die 
Verwundung und Gefangennahme eines lutherisch gesinnten Bürgers (am Don- 
nerstag nach Laetare, d. 10. März 1523), sowie die Nachricht, dass die Beiter 
des Herzogs auch auf ihn fahndeten, Hessen ihn für sein Leben und seine 
Freiheit fürchten; heimlich verliess er sein Kloster, und um Ärgernis zu ver- 
meiden, Hess er die Verteidigungsschrift ausgehen, der wir diese Nachrichten ver- 
danken. Sie ist ein wertvoller Beitrag zu der Geschichte jener Tage, einfach 
und wahr, geschrieben unter dem frischen, lebendigen Eindruck der Ereignisse, 
wohl unmittelbar nach der Flucht. — „Möge doch ein jeder“, sagt Cruse, „Gott 
ernsthaft und fleissig bitten, dass er seinen Schafen wieder rechte Hirten geben 
will, die nicht länger die Schafe mit der Wolle verschlingen, wie es leider bis 
jetzt geschehen ist, sondern sie mit dem rechten und wahren göttlichen Worte 
speisen und weiden“. 

Es ist unbestimmt, wohin sich Cruse zunächst gewandt hat, die ersteSpur 
von ihm finden wir in Hoya , von hier aus schrieb er an Luther, und seiner Em- 
pfehlung verdankte er dann die gute Aufnahme inCeHe am Hofe Herzog Ernsts 1 ). 
Aus den vorhandenen QueUen lässt sich der genaue Zeitpunkt nicht bestimmen, 
wann er dorthin gekommen ist Auch können wir nur Mutmassungen darüber 
ansteUen, welche Stellung er in der Stadt Celle bei seiner Ankunft erhalten hat 
WahrscheinUch ist es mir nach jenem oben erwähnten Briefe Luthers, dass er in 
näherer Beziehung zu dem herzoglichen Hause gestanden hat, vielleicht als Ca- 
plan oder Beichtvater der Fürsten. Über die Mutter des Herzogs scheint er 
gerade in einem seiner Briefe an Luther geklagt zu haben, und dieser spricht 
seinem „Gottseligen“, wie er ihn nennt, nun Mut ein, er möge ihre Kleinmütig- 


1) De Wette, Luthers Briefe II, 559: 
Semel tandem tuis terms litteris respondeo, mi 
Gotsalige, quarum priorem ex arce Hoya, reli- 
quas ex Cella datas accepi . . . Gaudeo sane 
te Cellae esse, ac meam commendationem tibi 


profuisse. Der Brief ist datiert: 1524 Domi- 
nica post Simonis et Judae (30 October). Es 
lässt sich doch daraus schliessen, dass Cruse 
damals schon längere Zeit in Celle gewesen sein 
muss. 


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keit in Qeduld tragen; es sei genug, dass sie wenigstens soweit gekommen sei, 
das Wort Gottes zuzulassen und nicht zu verfolgen 1 ). 

Aber noch in demselben Jahre hat Cruse in Celle mit Predigen begonnen, 
und jetzt wirkten neben ihm bereits noch zwei andere Anhänger Luthers, Hein- 
rich Bock 1 ) aus Hameln und Johann Matthaei, zu denen später noch Mat- 
thias Mylow aus Brandenburg hinzu kam 3 ). 

Es machen sich jetzt immer mehr im Lande selbst die Zeichen der kom- 
menden Bewegung bemerkbar. Schon im Jahre 1524 predigte zu Adenbüttel 
ein lutherisch gesinnter Pastor, ein Herr Johann, bei dem die Bürger aus dem 
benachbarten Braunschweig eifrige Zuhörer waren 4 ). Und in Celle selbst, wel- 
ches ja nach einem viel citierten Worte „die erste Stadt gewesen ist, welche 
sich bekehret hat U Ä ), ist unter den katholischen Priestern der erste Abfall be- 
merkbar. 

Auch hier bestand das Institut der sogen. Heuerpfaffen; die Pfarrherren 
walteten ihres Amtes nicht in eigner Person, sondern liessen sich durch Capläne 
vertreten. Sie hatten allerdings wohl nicht, wie in Städten, die weniger abhän- 
gig von der Fürstengewalt waren 6 ), in Celle das Recht, ihre Capläne ohne wei- 
teres fortzuschicken; denn sonst begriffe man nicht, weshalb der Pfarrherr Kort 
Lüdeken 7 ) zu Celle nicht von diesem Rechte Gebrauch gemacht hätte, statt 


1) „Matrona satis bona est Domina Mar- 
garetha, fortiter etiam a fratribus suis, Prin- 
cipibus nostris monita, non tantum a me; 
verum mulier longa monachorum tyrannide 
sic contritam habens conscientiam et pavidam, 
ut brevi reparari non pössit. Interim satis est, 
eo pervenisse, ut verbum ferat ac non perse- 
quatur. Quare feres eius pusillanimitatem u . — 
Aus der allgemein gehaltenen Anrede : „Domino 
Gotsaligo Christi fideli servo apudCellam“ lässt 
sich leider nichts über die Stellung Cruses 
schliessen. De Wette a. a. O. 

2) Woher Heimbürger, Ernst der Beken- 
ner p. 57 An ** die Nachricht hat, dass Bock 
früher zu Wittenberg Magister der Philosophie 
gewesen sei, ist mir nicht bekannt. Er hat 
freilich in Wittenberg studiert und wurde dort 
am 28. April 1521 immatriculiert (Album aca- 
demiae Vitebergensis ed. Förstemann p. 103.) 

3) Diese Nachrichten ergeben sich aus der 
später anzuführenden Streitschrift der Prediger 
gegen die Barfüsser von 1527. 


4) Rehtmeier, Braunschweigische Kir- 
chengeschichte HI p. 20 nach einem gleichzei- 
tigen Manuscript. 

5) Der Satz stammt aus der handschrift- 
lichen Chronik von Jacob Korn, die freilich 
als Quelle gar nicht in Betracht kommen kann, 
da sie zum grössten Teil eine Compilation ist; 
Büntings Chronik ist stark benutzt. Die Chronik 
Korns stammt erst aus dem 17. Jahrhundert. 
Vgl. den Vorbericht in Spangenbergs histor.- 
topograph.-statist. Beschreibung der Stadt Celle. 
1826. 

6) Vgl. Rehtmeier, Braunschweigische 
Kirchengeschichte III, 29. 

7) Der Name, den Havemann p. 92, A. 1 
nicht kennt, findet sich auf der Rückseite des 
von mir benutzten Conceptes aus dem H. t St. A. 
(Des. 49. Reformation der Stifte und Klöster 
No. 1.) Das Schreiben ist datiert: Zelle am 
Tage Simonis und Judae 1524. 


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sich an den Herzog mit der Klage zu wenden, dass sein Caplan Christoph fal- 
sche Lehren in seinen Predigten vorbringe. Freilich mochte man die wahre Ge- 
sinnung der Fürsten wohl schon genugsam kennen, um zu wissen, er werde es 
nicht dulden, dass ein Prediger, der Luther zuneige, aus seinem Amte verdrängt 
und vertrieben werde. In diesem Sinne fiel denn auch die Entscheidung aus. — 
Er habe, so schreibt der Herzog, dem Caplan die gegen ihn aufgestellten Ar- 
tikel zugesandt und ihn aufgefordert, sich darüber zu äussern ; auf seinen Wunsch 
habe er Herrn Christoph eine Frist zur genaueren Prüfung derselben gegeben, 
und sobald derselbe sich verantwortet und man erkannt habe, ob der Caplan auf 
christlichen oder ungläubigen Wegen wandle, werde man dem Pfarrherm ant- 
worten; „denn er — der Herzog — möchte gern Einsehen haben, dass nichts 
anderes gehandelt, gepredigt oder sonst vorgenommen werde, denn allein das al- 
lenthalben göttlich, christlich und dem heiligen Evangelio nicht zuwider sei“. 
Und zum Schlüsse wendet sich der Fürst gegen den Kirchherrn selbst und geis- 
selt den Krebsschaden des ganzen damaligen Pfarrsystems mit ähnlichen Worten, 
wie das Cruse, der überhaupt wohl nicht ohne Einfluss auf dies Schreiben ge- 
wesen ist, in seiner Schrift gethan hatte 1 ): „Weil in diesen gefährlichen Läufen 
und häufigen Abwesenheit des wahrhaftigen Hirten die Schäflein durch gemietete 
Knechte versäumt, übel geweidet und in Irrsal geführt werden, wäre es ein of- 
ficium pastoris den Schäflein allzeit vorzustehen, es wäre deshalb auch recht, 
dass der Pfarrherr in Person bei den Schafen wäre, damit sie nicht vom Wolfe 
verschlungen würden, und auf dass es nicht so gehalten werde, als ob die Pfarr- 
herren allein die Wolle und Frucht der Schäflein und sonst ihrer Wohlfahrt win- 
zig begehrten“. 

Das war klar und deutlich gesprochen, und wenn wir auch nichts weiter 
über den Verlauf dieser Angelegenheit wissen, können wir doch das wohl mit 
Bestimmtheit annehmen, dass der Herzog den Caplan Christoph geschützt haben 
wird, wenn er in seiner Verantwortung zeigte, dass er auf dem Boden des Evan- 
geliums stand. Über einen Pfarrer oder Caplan dieses Namens in späterer Zeit 
etwas nachzuweisen, ist mir allerdings nicht möglich gewesen. 

Die Streitigkeiten, die durch Wolf Cyclop mit den Franziskanern eröffnet 
worden waren, ruhten inzwischen nicht, aber sie wurden nicht mehr in der frii- 


1) Lentz a. a. 0. p. 153. 


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heren stürmischen Weise geführt, erst später entbrannten sie, wie wir noch sehen 
werden, mit neuer Heftigkeit 

Wir sind damit den Ereignissen schon voraus vorausgeeilt, um das Folgende 
im Zusammenhang behandeln zu können. 


Die ersten Massregeln gegen die Klöster und die Landtage zu Celle 

und Uelzen. 


Der Schluss des Jahres 1523 leitet eine Reihe von Massnahmen der aller- 
wichtigsten Art gegen einen der privilegierten Stände ein. Die Verhältnisse des 
Fürstentums, wie sie früher geschildert worden sind, Hessen die alte Not bald 
wieder zu Tage treten, sie zwangen die herzogliche Regierung an eine gründ- 
lichere Abhülfe zu denken, als bisher geleistet war. Der Herzog selbst giebt 
in einem Schreiben an den Abt von St. Michaelis über den von ihm eingeschla- 
genen Weg Rechenschaft 1 ): Auf mehreren Landtagen sei betreffs der Schul- 

den verhandelt, ohne dass man die Sache gründlich erledigt habe, und man 
müsse jetzt wenigstens die drückendsten Schulden und Zinsen abtragen. Dem 
gemeinen Manne könne man nicht mehr auferlegen, daher sei im Rate für gut 
angesehen, dass die Klöster eine schleunige Hülfe von 28000 Goldgulden leiste- 
ten; 4000 Gulden betrage der Anteil von St. Michaelis. Mit den Klöstern Ol- 
denstadt, Scharnebeck, Ebstorf, Lüne, Medingen, Isenhagen und Walsrode habe 
er sich persönlich oder durch Gesandte in Verbindung gesetzt, und alle bis auf 
Medingen hätten sich gefügt. Isenhagen habe bis zur Ankunft seines Propstes 
Bedenken erbeten und erhalten. Er hoffe, dass auch Abt Boldewin, der vor- 


1) Das im H. St. A. (Des. 47, 1) be- 
findliche Concept des Schreibens ist datiert : 
Zell am Tage Innocentium (28. December) 1524. 
Aus inneren Gründen, besonders weil sich nach- 
weisen lässt, dass Laetare 1524 eine ebenso 
grosse Zahlung geleistet ist, wie sie hier gefor- 
dert wird , erschien es mir unwahrscheinlich, 
dass das Schreiben in das Jahr 1524 (nach un- 
serer Rechnung) zu setzen sei. Der Wider- 
spruch wurde jedoch gelöst, als es mir gelang 
nachzuweisen, dass damals noch im Lüneburgi- 
schen (wie auch in Brandenburg) der Gebrauch 
herrschte, das Jahr mit Weihnachten zu 
beginnen. Eine Instruction für Förster und 


Broke zur Verhandlung mit der Stadt Lüne- 
burg vom Abend Circumcisionis Domini (81. 
Decb.) 1530 wird beantwortet Dienstag nach 
Trium Regum (11. Januar) 1530 (Des. 55, 8 
H. St. A.). — Auf eine Schrift des Herzogs 
vom Donnerstag nach Luciae (18. Decemb.) 1533 
antwortet der Convent von Medingen am Tage 
Sylvester (31. Decb.), 1534 und darauf antwor- 
tet der Herzog am Montag nach Reminiscere 
1534 (2. März). (Des 49. Reform, der Stifte 
und Klöster 1.) — Schomacker beginnt in sei- 
ner Chronik das Jahr mehrfach mit Nativitas 
Domini. 

• 

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nehmste Rat des Fürstentums, sich nicht weigern, sondern die ihm gebührende 
Summe zum Sonntag Laetare bereit halten werde. Er werde ihm ein gnädiger 
Herr sein und die Privilegien des Boosters bestätigen. 

Mit Bardowik setzte sich der Herzog persönlich in Verbindung, indem er 
auf den 10. Januar 1524 alle Capitelspersonen , Vicarien und Commendisten zu 
sich nach Winsen beschied, um „dort etwas mit ihnen zu reden, daran uns und 
unserm Fürstentum merklich gelegen ist“ l ). — Die meisten Klöster haben die 
Zahlung geleistet, das steht urkundlich fest; und auch die, von denen es uns 
nicht ausdrücklich bezeugt ist, werden sich derselben wohl nicht haben entziehen 
können *). 

Diese Massregeln sind ja allerdings in erster Linie finanzieller Natur, aber 
wenn man bedenkt, dass der Herzog bereits den Barfüssern gegenüber seine der 
Reformation günstige Stellung zu erkennen gegeben hatte, wenn man ferner beachtet, 
dass auf diese Forderung bald andere weitergehende folgen, so möchte man ge- 
neigt sein, hierin den ersten bewussten Schritt des Herzogs gegen die Selbstän- 
digkeit der Klöster zu sehen. Unterstützt wird diese Vermutung dadurch, dass 
man ohne vorherige Beratung mit den Prälaten den Klöstern diese Steuer auf- 
erlegte 3 ). „Es sei im Rate für gut angesehen“, schreibt der Herzog an den 
Abt von St. Michaelis, das heisst doch nichts anderes als: die weltlichen Räte 


1) Durch den Nachweis, dass im Fürsten- 
tum Lüneburg das Jahr mit Weihnachten be- 
gonnen wurde, wird die bei Schlöpke a. a. O. 
p. 356 abgedruckte Urkunde d. d. Zelle Mitt- 
woch nach Nativitas Christi 1524 bereits in 
das Jahr 1523 (30. Dezemb.) gesetzt, und es 
wird die Ansicht beseitigt, die Schlöpke aus 
dieser Urkunde gefolgert hat, um den Ruhm 
des Stiftes Bardowik zu erhöhen: der Herzog 
habe, um leichter die Reformation im Lande 
durchführen zu können, sich im Jahre 1525 in 
Winsen an das im Fürstentum in besonderer 
Achtung stehende Stift Bardowik gewandt, 
mit der Forderung, sie sollten dem evangeli- 
schen Glauben beitreten. Derartiges lässt sich 
in der damaligen Zeit noch gar nicht nachwei- 
sen, doch hat man an der Ansicht Schlöpkes 
festgehalten und von einem Tage (Havemann 
p. 96), sogar von einem Landtage zu Winsen 
(Uhlhorn p. 238) geredet 

2) Bezeugt ist die Zahlung für Ebstorf 


(Havemann p. 103, An. 1), Lüne (handschriftl. 
Kalender von Lüne: H. St A. Verz. der Ma- 
nuscripte J. 37), Scharnebeck (Urkunde des 
Herzogs d. d. Freitag nach Laetare 1524: Ver- 
zeichnis der Manuscripte J. 76), St. Michaelis 
(Freitag nach Laetare 1524: Des 50, l b vgl. 
Havemann 103, An. 1) und Bardo wik (Diens- 
tag nach Exaudi 1524: Des. 49, Bardowik 1). 
Bardowik zahlte nur 500 Goldgulden, die übri- 
gen je 4000. 

3) Zu derselben Zeit etwa, wo die Zahlung 
geleistet werden musste, hatte der Erzbischof 
von Bremen mit den Geistlichen der Verdener 
und Mindener Diöcese einen Vertrag abgeschlos- 
sen: sich mit aller Macht dem eindringenden 
Luthertum zu widersetzen (Montag nach Jubi- 
late = 18. April 1524). Auch dies spricht 
dafür, dass man damals hier bereits Furcht vor 
einem allgemeinen Angriff auf den Katholicis- 
mus hatte. Vgl. Spangenberg, Verdener Chro- 
nik p. 160. 


. J 


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am Hofe hätten dies beschlossen. Wie dem auch sein mag, auch wenn diese 
Massnahme noch nicht aus der bestimmten Tendenz entspringt, die Klöster 
völlig vom Fürsten abhängig zu machen, so haben wir hier thatsächlich den 
ersten Eingriff in die Privilegien der gesamten höheren Geistlichkeit des Landes. 

Die Prälaten merkten die ihnen durch das Vorgehen des Herzogs dro- 
hende Gefahr wohl, und als sie zur bestimmten Zeit die Zahlung leisteten (im 
Anfang März 1524, Bardowik erst Anfang Mai), da suchten sie sich so gut wie 
möglich gegen eine Wiederholung derartiger Leistungen sicher zu stellen 1 ). Sie 
Hessen sich ausdrücklich bezeugen, dass sie unverpflichtet das Darlehen ge- 
geben hätten, und dass man sie in Zukunft mit solchen Abgaben verschonen 
wolle. Ihre Privilegien wurden bestätigt; vom Fastenlager und Tageleistung 
sollen sie frei sein, die Klostermeier sollen nicht zu unziemlichen Dienstleistun- 
gen vom Herzoge gezwungen werden; die ordentliche Verwendung des Geldes 
wird gewährleistet 

Durch diese und ähnliche Bestimmungen — die freilich im ganzen nur das 
bestehende Recht bestätigten — hoffte man sich vor weiterem Schaden zu hüten, 
und es konnte auch scheinen, als ob gerade durch die Nachgiebigkeit der Prä- 
laten in diesem Punkte der herzoglichen Regierung jede Gelegenheit zu weite- 
ren Eingriffen in die Verfassung der Klöster genommen sei 

Da kam der Bauernkrieg, und wenn auch das Fürstentum Lüneburg von 
demselben glücklich verschont blieb, so waren die Folgen desselben doch selbst 
hier sehr bedeutend. Die Landbevölkerung und die Bewohner der kleineren 
Städte standen zwar in ihrem angeborenen conservativen Sinne und ihrer Für- 
stentreue der Bewegung, wie es scheint, kalt gegenüber, aber man fürchtete für 
die Stadt Lüneburg. 

Schon im Anfänge des Jahres 1525 hatte der Rat geglaubt, durch energische 
Massregeln das eindringende Luthertum ein für allemal niederwerfen zu müssen. 
Etliche Bürger, die lutherische Schritten gelesen und deutsche Psalmen gesungen 
hatten, wurden ohne weiteres aus der Stadt verbannt. Das Schreiben eines dieser 
Verbannten, Johann Funke’s, welches das Lüneburger Stadt- Archiv auf bewahrt, 
giebt uns über diese Verhältnisse Aufschluss 8 ). Es ist ein an die Herzogin 

1) Die beiden gleichzeitigen oben erwähn- I wörtlich überein, während die für Bardowik 
ten Urkunden für Scharnebeck und St. Michae- (vom 10. Mai 1524) etwas anders formuliert ist. 
lis (vom 11. März 1524) stimmen zum Teil 2) Original im L. A., d. d. Celle, Montag 

i nach Invocavit (6. März) 1525. 

6 * 


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Elisabeth von Geldern, die Schwester Emsts, gerichtetes Gesuch um Fürbitte bei 
dem Kate von Lüneburg. Der Mann klagt, er sei verbannt, ohne .anfangs zu 
wissen weshalb; schliesslich habe man ihm mitgeteilt, dass es geschehen sei 
wegen lutherischer Sachen und Schriften, und weil er nebst andern deutsche 
Psalmen gesungen] hätte. Er wolle das nicht leugnen, aber nur zur Prüfung 
habe er lutherische Bücher gelesen, und das thäten in Lüneburg sowohl Weltliche 
wie Geistliche. Nie habe er sich gegen den Rat aufgelehnt, er habe keinen 
Hader, Aufruhr oder Zwietracht veranlasst, auch keine geistliche Person, wes 
Standes sie sei, beleidigt, und er wolle auch in Zukunft, wenn er durch die Für- 
sprache der Herzogin wieder Aufnahme in der Stadt fände, aller geistlichen und 
weltlichen Obrigkeit gebührend gehorsam sein. 

Welchen Ausgang die Sache genommen hat, habe ich nicht feststellen kön- 
nen, und das ist auch nicht das Wichtigste. 

Die Stellung Ernsts zu diesen ersten Regungen des Luthertums in der 
grössten Stadt seines Landes ist bemerkenswert Er sah darin weit mehr eine 
Äusserung des aufrührerischen Geistes des Pöbels, der in Thüringen gerade da- 
mals in den Städten immer mehr um sich griff, als das mit Freuden zu begrüs- 
sende Erwachen des Volkes, das sich ab wendet von den alten Irrtümem zu der 
neuen Lehre. Obwohl er den Aufenthalt Funkes in seiner Residenz duldet — 
der Brief desselben ist von Celle aus geschrieben — übernimmt er doch selbst 
die Vermittlung nicht, sondern er richtet im Gegenteil ein warnendes Schreiben 
an den Rat von Lüneburg. Er befiehlt ihm ernstlich, „nachdem sich unläugs 
viele geschwinde Läufe und Aufruhr begeben“, bei sich dafür zu sorgen, dass 
das Wort Gottes verkündigt und sonst allerlei Gottesdienst mit Singen, Lesen, 
Beten, Fasten und anderen guten Werken zur Ehre Gottes so geübt und gehal- 
ten werde, wie das seit langer Zeit gebräuchlich gewesen sei, bis von christli- 
cher Obrigkeit eine andere Ordnung in der Christenheit eingerichtet werde. 
Besonders sollen sie „eine fleissige Aufsicht über die Handwerksleute und Ge- 
sellschaften üben, dass sie ihr Disputieren nachlassen, einer dem andern günstig 
sein möge und Friede und Einigkeit erhalten werde, damit alle Widerwärtigkeit, 
Unfreundschaft und Blutvergiessen verbleibe“. Wer aber sich an seinem Geist- 
lichen oder sonst jemandem vergreift, den soll man an Gut und Leben strafen 1 ). 

1) Eine Copie dieses Schreibens ist im H. täte (15. Mai) 1525; fast völlig abgedruckt ist 
St A. (Des. 48, 2), d. d. Montags nach Can- dasselbe bei Havemann p. 117, A. 1. Wen- 


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Der Herzog ausser te hier also keine Freude über die Hinneigung der Bür- 
ger zur Reformation; für ihn war allein der Gedanke an die Gefahr massgebend, 
welche ein Aufruhr dem Lande bringen konnte, so dass er auf das strengste die 
Beibehaltung der bestehenden Einrichtungen der katholischen Kirche forderte. 
Doch dachte er bereits, wie der Zusatz „bis von christlicher Obrigkeit eine an- 
dere Ordnung eingerichtet werde“ beweist, an eine Änderung der bestehenden 
Verhältnisse, freilich nicht durch ein eigenmächtiges Vorgehen, sondern durch die 
Reichsgesetzgebung. — Allein der Bauernbewegung muss hier auch noch in 
anderer Richtung gedacht werden. 

Aussergewöhnliche Ereignisse rechtfertigen aussergewöhnliche Massregeln. 
So hoffte man am Hofe des Herzogs, indem man auf die den Klöstern von den 
Bauern drohende Gefahr hinwies, einen Schlag gegen die hohe Geistlichkeit des 
Landes führen zu können. 

Herzog Otto nahm selbst an der Niederwerfung der Empörer teil ; er hatte 
dem Kurfürsten Johann von Sachsen, seinem Oheim, 250 gewappnete Reiter zu- 
geführt, sich am 17. Mai bei Schlotheim mit ihm vereinigt und war dann zwei 
Tage später mit dem gesamten Heere gen Mühlhausen gezogen 1 ). Aus seinem 
Briefwechsel mit dem Kanzler Förster*) kennen wir allein die damals mit den 
Ständen stattfindenden Verhandlungen. Förster leitete dieselben, und in seinem 
Kopfe ist vielleicht auch der Gedanke an jene geschickte Benutzung der Zeit- 
verhältnisse entstanden, welche wir gleich kennen lernen werden. 

Herzog Ernst und das Land verdanken diesem Manne sehr viel, seine Ver- 
dienste um die Einführung der Reformation sind so bedeutend, dass wir etwas 
näher auf ihn eingehen müssen 8 ). Johann Förster stammte — nach seiner uns 
erhaltenen Grabschrift 4 ) — aus Hessen; Tag und Jahr seiner Geburt kennen 
wir nicht Schon unter Heinrich dem Mittleren war er am Hofe thätig; seinen 
Söhnen wurde er in der ersten schweren Zeit ihrer Regierung die beste Stütze. 


derbar ist es, dass H. dies Schreiben gar nicht 
mit dem Bauernkriege in Verbindung bringt, es 
liegt doch auf der Hand, dass „die geschwinden 
Läufe und Aufruhr u sich eben auf den Bauern- 
krieg beziehen. 

1) Vgl. Spalatin, Vitae aliquot Elect Saxon. 
bei Mencken Ss. rer. Germ. II, 1113. 

2) Im H St A. Des. 49. Klostersachen 
Cellischen Teils , 1. Daraus sind die später 
anzuführenden Urkunden entnommen. — In Be- 


zug auf den Namen des Kanzlers schliesse ich 
mich der Schreibung Uhlhorns an. In den Ak- 
ten heisst er meist Furster. 

3) Manecke , Biographische Skizzen etc. 
spricht auch über Förster, aber nur sehr dürf- 
tig. (p. 9 f.) 

4) Er ist zu Bardowik begraben; er starb 
Dienstag nach Martini (15. Nov.) 1547; seine 
Grabschrift im Anhänge bei Schlöpke a. a. O. 
p. 455. 


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46 


Aus den vorhandenen Quellen kann man sich ein Bild von der bedeutenden Thä- 
tigkeit dieses Mannes machen; die meisten uns aus dieser Zeit erhaltenen Con- 
cepte der herzoglichen Kanzlei zeigen seine ausserordentlich charakteristische, 
aber schwer lesbare Handschrift. 

Förster war Jurist, und als solcher hat er darnach getrachtet, eine Säcu- 
larisation aller geistlichen Güter im Herzogtume herbeizuführen , um die Macht 
des Herzogs dadurch zu erhöhen. Dabei war er aber auch aus innerster Über- 
zeugung der Sache Luthers zugethan und hat, so lange er lebte, für dieselbe 
gewirkt. Ein Mann, der später in nahe Beziehung zu ihm trat, Pastor Under- 
mark zu Celle, schreibt im Jahre 1529 über ihn 1 2 * ): „Dieser, als er in evange. 

lischen Sachen wunderlicher Weis brennet und hitzig ist, wiewohl er in des Für- 
sten zufälligen und unzähligen Händeln und Geschäften immer unledig ist, lässt 
er doch nicht nach, sondern versucht und arbeitet in alle Wege, damit das 
Evangelium Christi glückselig von Tage zu Tage fortgehe; denn, barmherziger, 
ewiger Gott! was thut er nicht bei Fürsten und Edlen, Äbten und Pröpsten, 
Mönchen und Nonnen, Blutsverwandten und Schwägern, auf dass sie zur Er- 
kenntnis Christi kommen: schickt und giebt den Abwesenden Bücher oder Briefe 
riechend nach aller Gottseligkeit und Lehre, fetzt bittet, jetzt straft er die Gegen- 
wärtigen, ja giebt an allen Orten einen Prediger der Wahrheit 8 ). Darum ein 
Weltweiser nach seiner Weisheit, die vor Gott eine Thorheit ist, möchte vielleicht 
ihm das gemeine Sprichwort Vorbeugen: Nicht zu weit, lieber Herr Kanzler!“ 

Ihm standen andere Männer zur Seite: Juristen, wie der Licentiat Heinrich 
von Broke und adlige Räte, wie jener Asche von Kramm, der bei Soltau das 
Lüneburger Heer geführt hatte. Während wir den ersteren nur so weit kennen, 
als er in den Urkunden jener Zeit vorkommt; wissen wir, dass der letztere zu 
Luther in nähere Beziehung getreten ist. Luther schrieb auf seine Anregung, 
als er nach der Beendigung des Bauernkrieges (in dem Asche mitgekämpft hatte) 
mit ihm zusammengetroffen war und manche Fragen über das wilde Lehen des 
Kriegsvolkes mit ihm besprochen hatte, das Büchlein: „Ob auch Kriegsleute im 
seligen Stande sein mögen“, und widmete ihm dasselbe. — Im Jahre 1515 hatte 


1) In seiner Schrift: „Auf die Lästerschrift 
des schwarzen Münches Augustin von G^etelen“ 
(Widmung an Herzog Ernst). 

2) Auf dem Reichstage zu Augsburg wurde 

von katholischer Seite gegen ihn der Vorwurf 


erhoben, dass er „bis in die 100 Prediger in 
andere Länder habe verschicken helfen, daselbst 
die neue Lehre zu predigen“. Müller, Hist 
Protest, p. 931. 


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er mit Franz L bei Mailand gekämpft, im Jahre 1527 zog er wiederum dies- 
mal für Karl V., nach Italien. Auf dem Heimwege starb er im Jahre* 1528 in 
Chur 1 ). 

So könnten wir noch eine Reihe von Männern anführen, die wir zeitweise 
in den Geschäften des Herzogs thätig sehen. Männer wie Kurd von Bülow, 
Johann Haselhorst, Thomas Grote, vielleicht auch Johann von der Wyck *) u. a. ; 
aber wir wissen über das Leben der meisten natürlich nur sehr wenig, manchem 
von ihnen werden wir noch in späterer Zeit begegnen 8 ). 

An Bedeutung und Einfluss treten alle diese Räte jedoch weit hinter För- 
ster zurück. Er hat allein die eigentliche Führung der Geschäfte, sein Urteil 
wird in allen wichtigen Fällen gefordert Bestimmend wird er, wie bereits an- 
gedeutet, auf den Plan eingewirkt haben, von den Klöstern und Stiftern des 
Fürstentums ein Verzeichnis ihrer Güter und Einkünfte und die Hinterlegung 
ihrer Kleinodien, „Briefe und Siegel 4 an einem sicheren Orte zu fordern; denn 
hierin bestand jener Schlag gegen die Klöster 4 ). 

Dass eine derartige Massregel nicht ohne den grössten Widerstand von 
Seiten der Prälaten sich werde durchführen lassen, das verhehlte man sich am 
Hofe keineswegs ; denn es war diese Forderung ja etwas ganz Neues 6 ) , sie 


1) Vgl. über Kramm: Spangenbergs Adels- 
spiegel II p. 58. Luther beklagt in einem 
Briefe an Nie. v. Amsdorf (1528 die Cathari- 
nae: De Wette a. a. O.) seinen Tod sehr. 

2) Doctor von der Wyck wurde bisweilen 
von Herzog Ernst zu den Geschäften beim 
Reichskammergericht oder den Reichstagen be- 
nutzt. Er stammte aus Münster , war aber 
in den Dienst der Stadt Bremen getreten. 
Später wirkte er wieder in seiner Vaterstadt, 
wurde aber von dem Erzbischof von Bremen 
gefangen, als er wiederum von Münster nach 
Bremen fliehen musste, und im Gefängnisse ent- 
hauptet (1534) cf. Hamelmann a. a. 0. p. 1208. 
Vgl. auch Bremer Jahrbuch Serie 2, Bd. 1. 
1885. p. 154 f. 

3) Zu den weltlichen Räten des Herzogs 
gehört nicht, wie das Havemann p. 125 angiebt, 
Doctor Johann Möller aus Hamburg; derselbe 
kommt erst unter den Söhnen Ernsts nach Celle 
(1556), wie das auch schon Manecke, bio- 


graph. Skizzen etc. p. 18 angiebt. Auch Ni- 
colaus Holstein (Havemann p. 127) habe ich in 
der Regierungszeit Ernsts noch nicht nachweisen 
können. Auf Balthasar Klammer werde ich 
später zurückkommen. Der Irrtum in betr. Jo- 
hann Möllers stammt aus Gebhardis handschrift- 
licher Geschichte der Äbte von St. Michaelis. 

4) Vgl. oben p. 45. Noch weiter ging man 
in Brandenburg (vgl. W. Friedensburg , zur 
Vorgeschichte des Gotha-Torgauischen Bündnis- 
ses p. 34). Hier benutzte Johann Casimir den 
Bauernkrieg dazu, um die Klöster des Landes 
in seine Hand zu bekommen. 

5) Es war freilich schon unter Heinrich 
dem Mittleren vorgekommen, dass dem Herzoge 
ein Verzeichnis der Klostergüter gegeben war. 
Das war aber nicht geschehen, damit er eine 
Aufsicht üben könne, sondern um eine von der 
gesamten Landschaft bewilligte Viehsteuer zu 
repartieren. (Förster an Herzog Otto: Montags 
nach Trinitatis (12. Juni) 1525). 


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48 


stritt gegen die Rechte der Geistlichen, die gerade das Recht der Selbstverwal- 
tung ihrer Güter mit besonderer Ängstlichkeit wahrten. 

Es musste dem Herzoge vor allem darauf ankommen, die Ritterschaft für 
seine Pläne zu gewinnen. Er berief daher dieselbe, um eine vorherige Be- 
sprechung mit der Geistlichkeit zu verhindern, und um auf sie besser einwirken 
zu können, gegen altes Recht und Herkommen allein auf den 10. Juni 1525 die 
Prälaten dagegen erst auf den folgenden Tag zur Verhandlung nach Celle 1 ). 

Ein Schreiben des Kurfürsten von Sachsen, das uns nicht erhalten ist*), 
veranlasste Förster, in Herzog Ottos Namen auf einem Blankett, das dessen Un- 
terschrift trug, ein Schreiben an Herzog Ernst zu richten, worin die Gräuel des 
Bauernkrieges und besonders auch die Folgen für Kirchen und Klöster geschil- 
dert werden. „Er habe allenthalben“, so lässt der Kanzler Herzog Otto schrei- 
ben, „erfahren und gesehen, wie und aus welchen Ursachen überall in diesen 
umliegenden Ländern viele Klöster zerstört und die innewohnenden Personen zer- 
streut seien. Die Güter der Kirchen und Klöster seien von etlichen in das Aus- 
land verschleppt und wären damit der Gesamtheit wohl für immer verloren. Ar- 
mut sei das Los der später in die Klöster Zurückkehrenden. Deshalb habe 
der mehrer Teil aller geistlichen Kurfürsten, Fürsten und anderer Stände des 
heil. Reiches beschlossen, alle und jegliche Güter, bewegliche und unbewegliche, 
Kleinodien, Briefe und Siegel der Klöster beschreiben, inventieren und in Ver- 
wahrung einer gemeinen Landschaft setzen zu lassen. Vielerwärts sei das be- 
reits geschehen ; dafür zu sorgen, dass dies auch im Fürstentum Lüneburg mög- 
lichst schnell geschehe, das sei ihre — der Herzoge — Pflicht, um so mehr als 
ihm zu Ohren gekommen sei, dass etwan viel der Klöster des Fürstentums ihre 
Briefe, Siegel und Kleinodien in etliche Städte, auch in fremde Lande gebracht; 
so dass zu befürchten sei, dass diese Güter gemeinem Besten verloren gingen. 
Darum habe er seine Räte Förster und Kurd von Mandelsloh beauftragt, sich 
mit Herzog Ernst und seinen Räten zu beraten und Fürsorge zu treffen, dass 


1) Die Verhandlungen auf diesem Landtage I 
ergeben sich aus einem Schreiben Försters an 
Herzog Otto, d. d. Celle Montags nach Trini- 
tatis (12. Juni) 1525. Das Datum ist in dem 
Original ausgeschnitten , dasselbe ergiebt sich 
aber aus dem ebenfalls bei den Akten befind- 
lichen Concepte und daraus zugleich der Grund 
für die Verstümmelung des Originals. Der 


Kanzler hatte am Kande seines Briefes bemerkt, 
dass der alte Herzog wieder einmal Geld hätte 
haben wollen. Diese Bemerkung und zugleich 
das Datum wurden später weggeschnitten. 

2) Wir können daher auch nichts feststellen 
über den Zusammenhang dieses Schreibens mit 
dem in Rede stehenden Plane Försters, gegen 
die Geistlichkeit vorzugehen. 


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alle Klostergüter, beweglich und unbeweglich, beschrieben, und die beweglichen 
nach Kat gemeiner Landschaft zu getreuer und guter Verwahrung den Klöstern 
selbst zum Besten gesetzt und gehalten würden“ 1 ). 

Auf Grund dieses Schreibens wurden dann die Stände nach Celle berufen; 
dasselbe war bestimmt, den Ständen vorgelesen zu werden; der Kanzler hoffte 
wohl, durch seinen Inhalt einen gewissen Druck auf die Beschlüsse derselben 
auszuüben. Die Weltlichen erschienen, „ungeachtet sie auf das härteste erfor- 
dert“, nur in geringer Anzahl. Mit ihnen wurde am Sonntage (den 11. Juni) 
die Verhandlungen eröffnet, und der Inhalt des erwähnten Briefes ihnen vorge- 
tragen. Allein sie waren durchaus nicht gesonnen, dem Herzoge entgegen zu 
kommen: sie wollten das Schreiben erst den Geistlichen mitteilen. Im Laufe des 
Sonntages kamen die Prälaten nach Celle; bis auf den Propst von Medingen 
waren sie vollzählig erschienen. Am Montage wurde der Brief nochmals in Ge- 
genwart aller verlesen; sie berieten sich untereinander über die darin gestellten 
Forderungen, und, wie zu erwarten war, lautete ihre Antwort völlig ablehnend. 

Sie seien dem Herzoge zwar für ihre Bemühungen dankbar, meinten aber 
doch, dass die Ratgeber in dieser Sache die Verhältnisse gar nicht gekannt 
hätten. Die meisten ihrer Güter seien in Lüneburg auf der Sülze und seien 
dort vollkommen sicher. Eine Inventierung sei schon deshalb nicht nötig, da 
sie Herzog Heinrich früher einer Vieh-Steuer wegen die Register übergeben hät- 
ten; sie werde aber auch den Herzogen zum Nachteil gereichen; denn das im 
Lande verbreitete Gerede, dass die Fürsten geneigt seien, etliche Klöster zu 
zerstören und zu den andern „in zu jagen“, erhalte dadurch neue Nahrung. 
Wenn sie keine freie Verfügung über ihre Güter hätten, so verlören sie ihren Credit; 
dann würde man aber auch ihren Bürgschaften für die Herzoge keinen Glauben 


1) Der Brief (datiert: Veltleger vor Mühl- j 
hausen, Dienstag nach Exaudi = 30. Mai 1525) \ 
rührt nicht von Herzog Otto her, echt ist 1 
nur die Unterschrift. Weder in der Faltung, I 
noch in den anderen Äusseren Merkmalen zeigt ! 
er sich als Originalbrief; Siegelung und Adresse i 
fehlen ganz. Dazu kommt, dass sich die Co- 
pie dieses Briefes noch bei den Akten befin- 
det, die Förster, wie er selbst schreibt, Herzog 
Otto Übersandt hat. — ln dem auf voriger i 
Seite Anm. 1 angeführten Schreiben Försters I 
sagt derselbe, dass er wegen eines Briefes des | 


Kurfürsten auf das Blankett in Ottos Namen 
an Herzog Ernst geschrieben habe, darauf sei 
der Landtag berufen. Das beseitigt jeden Zwei- 
fel in betreff des Verfassers unseres Briefes. — 
Ob Herzog Ernst in dem Glauben gelassen 
wurde, das Schreiben rühre von seinem Bruder 
her, geht aus der Correspondenz nicht klar hervor, 
es scheint aber fast so; denn am 12. Juni sagt 
Ernst in einem Briefe an seinen Bruder , er 
habe auf seinen Rat die Stände berufen. Dann 
käme Förster allein das Verdienst zu, den Plan 
ausgesonnen und ins werk gesetzt zu haben. 

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mehr beimessen. Es sei ihnen, die bislang stets treue und gute Administratoren 
gehabt hätten, „beschwerlich“, dass sie dies Recht jetzt verwirkt haben sollten. 
Man möge ihnen doch die nennen, welche behauptet hätten, dass Klostergüter ausser 
Landes gebracht seien, dann würden sie sich zu verantworten wissen. Man 
möge doch alles beim Alten lassen ; bislang sei gemeinsame Beratung der Stände 
Sitte gewesen, jetzt berufe man die Stände auf verschiedene Tage. Sie fordern 
ihr altes Recht zurück; was dann aber einträchtig bewilligt sei, darin solle bei 
ihnen kein Mangel befunden werden. 

Die Antwort, welche der Kanzler den Geistlichen gab, war scharf und spitz: 
Ihren Dank begehre der Herzog nicht, er habe nur das gethan, was er für sei- 
nes Amtes hielte; die Fürsorge der Fürsten für ihr Land sei allbekannt; nur 
mit Wissen und Willen der Stände hätten dieselben stets gehandelt, darum sei 
der Vorwurf, als wollten sie etliche Klöster zerstören, doppelt ungerechtfertigt 
Von der bisherigen Beratungsweise sei man nur deshalb abgewichen, um die 
Ritterschaft zu fragen, ob der Antrag überhaupt an die Geistlichen gestellt wer- 
den solle. Sie möchten sich nur in ihrem Gewissen prüfen, ob nicht nach Ham- 
burg und in andere Länder Klostergüter verschleppt seien. Das dürfe aber nur 
mit Billigung des Herzogs und der Stände geschehen, denn diese hätten die Ver- 
weser der Klostergüter eingesetzt Sie seien keine Erben, die Klöster gehör- 
ten erblich dem Fürsten und in das Fürstentum. Die Verweser der Klöster 
hielten sich oft im Auslande auf; den Klöstern müsse das Ihrige besser bewahrt 
werden, als das durch diese Männer geschähe, darum sei die Inventierung durch- 
aus nötig. Man häufe Schulden auf die Klöster und beherberge Fremde; aber 
wenn des Fürsten Diener dort Herberge nehmen wollten, wie das doch auch alte 
Sitte sei, so klage man über unerträgliche Lasten. 

Schliesslich versuchten die Prälaten noch dadurch, dass sie Lüneburg als 
den einzigen zur Verwahrung ihrer Güter passenden Ort angaben, die Pläne des 
Herzogs zu durchkreuzen; denn dort, an dem Zufluchtsort des Katholicismus, in 
der fast unabhängigen Stadt, waren ihre Güter vor dem Herzoge fast noch si- 
cherer als in ihren eignen Klöstern. 

Dass man darauf nicht eingehen werde, war vorauszusehen, und so verlief 
denn dieser Landtag ohne greifbares Resultat Dem Wunsche der Ritterschaft 
gemäss wurde auf den 25. Juni ein neuer Tag zur Beratung der Sache in Uel- 
zen angesetzt Der Kanzler war gutes Mutes: Weil, so schreibt er, aus der 


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Inventierung viel Fracht entstehen könne, so man es dazu bringt, möge Herzog 
Otto sich mit Kurfürst Johann beraten und etwaige Massregeln angeben. 

Dort in Uelzen sollte dann auch die Frage wegen der Regelung der Schul- 
den des Fürstentums beraten werden, wie das schon in einem, jenem angeblichen 
Schreiben Ottos beigelegten Zettel gefordert war 1 2 ). 

Zu rechter Zeit kam die Antwort Herzog Ottos nach Celle, und, was wich- 
tiger war, ein Schreiben des Kurfürsten Johann an die lüneburgische Ritter- 
schaft 1 ), in dem er sie ermahnt, sich selbst und gemeiner Landschaft zu Gut 
und zur Verhütung von Nachteil dafür zu sorgen, dass alles dasjenige, so in 
den Klöstern und Stiftern vorhanden, eigentlich verzeichnet, inventiert und als- 
dann an einen Ort nach S. L. Bedenken und Gefallen wohl verwahrt und ver- 
sichert gelegt werde. Wenn der Aufstand vorbei sei, solle es den Klöstern und 
Stiftern wieder zngestellt werden. 

Dieser letzte Satz entsprach nun durchaus nicht den Tendenzen der Regie- 
rung zu Celle, welche eine dauernde Aufsicht über die Güter der Geistlichen wünschte. 
Es erscheint mir sehr fraglich, ob dies Schreiben der Ritterschaft wirklich vor- 
gelegt worden ist; Förster sagt in seinem Berichte nichts darüber, und Herzog 
Otto hatte es in seinem Briefe ausdrücklich in das Belieben seines Bruders ge- 
stellt, die Schrift an ihre Adresse gelangen zu lassen oder nicht. Jedenfalls 
hielt es Förster noch für nötig, im Namen Herzog Ottos zwei Schreiben, eins an 
die geistlichen, das andere an die weltlichen Stände aufzusetzen, in denen sie 
mit Beziehung auf jenen früheren Brief nochmals aufgefordert wurden, für die 
Inventierung und Hinterlegung der Güter zu sorgen 3 ). 

Ehe der Landtag eröffnet wurde, erhöhte ein unangenehmer Zwischenfall 
die Aufregung der Geistlichen. Auf dem Wege nach dem nah gelegenen Uelzen 
wurde nämlich der Propst von Ebstorf, Heino von dem Werder, bei dem Dorfe 
Melzingen 4 ), durch Christoph von Steinberg überfallen, sein Begleiter Goderit von 


1) Herzog Otto hatte selbst* Geld gefordert, 
sein Bruder konnte ihm aber erst nach einiger 
Zeit dasselbe schicken , und auch dann nicht 
mehr als 300 Gulden Uelzener Münze. 

2) Otto erklärt sich mit allem, was gesche- 

hen ist, einverstanden und sendet noch ein Paar 
Blanke tte, falls man seine Unterschrift bedürfe. 

Sein Brief ist datiert: Weimar, Dienstag nach 
Yiti und Modesti (20. Juni) 1525 (Orig.). 


| Der Brief des Kurfürsten ist undatiert und 
nur in Copie vorhanden. 

3) Sie befinden sich bei den Akten nur im 
Concepte von Försters Hand. Das eine ist un- 
datiert, das andere d. d. Weimar, Donnerstag 
| nach Viti und Modesti (22. Juni) 1525. Auch 
diese wurden (nach dem Berichte Försters) auf 
I Blankette mit der Unterschrift Ottos geschrieben. 

J 4) Der bisher unbekannte Ort ergiebt sich 

7* 


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Torny niedergeworfen, und der Propst gefangen weggeführt. Christoph von 
Steinherg hatte nämlich dem Hildesheimer Domkapitel, dessen Decan Heino war, 
Fehde angesagt, weil eine Summe von 4000 Goldgulden, welche sein Vater dem 
Domkapitel in der Stiftsfehde geliehen hatte, noch nicht bezahlt war. Heino hatte 
sich dafür verbürgt, und durch die Gefangennahme des Propstes suchte sich Chri- 
stoph seinen Anteil an dieser Erbschaft seines Vaters zu sichern. Eine derartige 
That hatte man nicht vermutet, noch kurz zuvor hatte der Steinherg in Oldenstadt 
hei Uelzen sein Ablager gehalten; die Bestürzung war daher zunächst sehr gross 1 ). 

Trotzdem wurde der Landtag zur festgesetzten Zeit eröffnet (am 25. Juni. 
Man begann mit der Beratung, allein die Prälaten wollten sich auf nichts ein- 
lassen. Unter dem Eindruck der That Steinbergs fordern sie, die so vielfach 
für die Herzoge Bürgschaften geleistet hätten, Befreiung von denselben, damit 
sie nicht auch noch, wie der Propst von Ebstorf, dafür zu leiden hätten*). — 
Auch die weltlichen Stände hatten sich inzwischen nur noch enger an die Geist- 
lichkeit angeschlossen; sie hatten abermals über die ihnen vorgelegten Briefe 
Ottos beraten und sie forderten nun, man möge die Prälaten doch hei ihren 
alten Freiheiten lassen. Aber der Kanzler erklärte im Namen der Herzoge, 
man wolle den Geistlichen ihre Privilegien und Freiheiten und das Ihre nicht 
nehmen; der Herzog wolle nur „Gelegenheit, Aufkommen und Ausgabe der 
Güter“ wissen, und das würde man ihm mit Recht nicht weigern können. Der 
Fürst wolle sogar, damit man offen vor allen Häuptern der Christenheit und 
Ständen des heil. Reichs seine Absicht erkennen könne, ihnen seine Forderung 
schriftlich geben, dann sollten aber auch sie ihre „vermeinten Ursachen ihres 
Ausfluchts und Weigerung“ schriftlich anzeigen. Allein die Geistlichen blieben 
hei ihrer Weigerung und wollten von einer schriftlichen Antwort erst recht nichts 
wissen. 


aus einem handschriftlichen Bericht, der von 
Ebstorf aus, am 22. Juli 1629, dem Herzoge 
Christian von Braunschweig-Ltineburg über die 
Einführung der Reformation in Ebstorf zugesandt 
wurde (Des. 49, 3). Vgl. Blumenbach Extra- 
ctus Actorum etc. .in der Zts. d. hist. Vereins 
f. Niedersachsen. 1848, p. 56 ff. 

1) Die Akten über den Fall Heino sind 
sehr umfangreich, ich werde noch später dar- 
auf zurückkommen. — Bei den in Uelzen 
versammelten Adligen erregte es besonderen 


Zorn, dass Steinberg dem Groderit von Torny 
seinen Fingerring zum Zeichen der Unterwer- 
fung genommen habe, „was doch beim Adel 
nicht üblich“. 

2) Wie bedeutend derartige Bürgschaften 
bisweilen waren, ergiebt sich ans einer Nach- 
richt im Vaterländischen Archiv, 1836 p. 410, 
dass Otto von Estorf sich für 39700 Goldgul- 
den, 94950 fl. und 1500 Mark in 42 Bürg- 
schaften während der Regierungszeit Ernste ver- 
bürgt habe. 


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Der Kanzler wendet sich darauf zu den Weltlichen und begehrt ihre Mei- 
nung zu wissen. Sie weichen aus und erwidern: Sie seien nichts gefragt — 
„Ob der Herzog nicht genugsam Ursach angezeigt, dass angesetzte Inventierung 
und Hinterlegung billig geschehen sollt?“ Auch auf diese Frage geben sie eine 
unbestimmte Antwort: Man möge wenigstens solange mit einer Entscheidung 

der Sache warten, bis durch die Häupter der Christenheit und einträchtig heil. 
Reich beschlossen werde, wie es mit den Gütern der Klöster und Geistlichen 
sollte gehalten werden. Aber damit giebt man sich nicht zufrieden. Bei ihren 
Eiden und Pflichten sollen sie ihren Rat geben, „was in diesen Sachen zu thun 
und zu lassen, auch göttlich, ehrlich und billig sein wolle“. Nun musste die 
Entscheidung der weltlichen Stände (die hier schon als massgebend angesehen wird\ 
entweder den Fürsten beleidigen oder die Geistlichkeit auf immer von ihnen tren- 
nen. Beides wollten sie vermeiden; in ihren Interessen fühlten sie sich noch 
völlig mit den Geistlichen eins, darum bitten sie für dieselben; aber andererseits 
hatten sie Grund, den Fürsten nicht durch eine geradezu ablehnende Antwort zu 
kränken. So thun sie das, was in derartigen Fällen das Bequemste ist: sie 
spielen die beleidigte Unschuld. Sie beschweren sich höchlich, dass sie „so ge- 
strenge und dermassen um Rat sollten gefragt werden“ und bitten, „sie mit 
solchem Rat zu verschonen“. 

Damit ist nun aber auch die Geduld des Fürsten erschöpft; kann er bei 
ihnen keinen Rat bekommen, so wird er ihn anderswo finden und selbst be- 
schliessen. „Man denke nicht länger zu leiden“ — das ist gleich die erste fürst- 
liche Verfügung noch auf diesem Landtage — „dass etliche Pröpste sich aus- 
serhalb des Fürstentums auf hielten; so sie nicht in ihren Klöstern residieren 
wollten, werde man zu anderen gebührlichen Wegen gedenken“. Diese Verord- 
nung, vielleicht mit hervorgerufen durch die Gefangennahme des Propstes von 
Ebstorf (der ja in seiner Eigenschaft als Decan des Domkapitels zu Hildesheim 
gefangen worden war) richtete sich wohl besonders gegen Johann von Mahren- 
holz, Propst von Medingen, dessen Nichterscheinen auf dem Landtage zu Celle 
ausdrücklich erwähnt wurde, und der überhaupt einer der widerspenstigsten Geist- 
lichen des ganzen Landes war 1 ). 

„Ist ihnen sauer in die Nase gegangen!“ schrieb der Kanzler nach dieser 

1 ) In einem Briefe an ihn, d. d. Celle, Mon- 1 schwort sich der Herzog über sein Ausbleiben 
tag nach triam regum (8. Januar) 1526, be- | auf letztem Landtage. 


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Verfügung. „Sie können nicht leiden, dass L F. G. Wissen haben, was ihr Ver- 
mögen und Aufkommen sei; verhoffe zu Gott, den wollen E. F. G. um seine 
Gnade bitten, es solle zu guten Wegen gereichen: denn sie sind nie also ge- 
fasset gewesen als itzt“. 

Neben der Inventierungsfrage wurde auf dem ITelzener Landtage auch 
die Schuldenfrage behandelt. Man forderte von Seiten des Herzogs, dass 
die Geistlichen die eine, Bürger und Bauern die andere Hälfte der väterlichen 
Schulden, die 204000 Gulden betrugen, tilgen sollten. Dessen weigern sich die 
Geistlichen entschieden, denn dazu seien sie zu arm. Der Herzog und die Edel- 
leute schätzten jedoch das Vermögen der Prälaten auf 550000 Goldgulden, und 
um genaue Einsicht in die Vermögensverhältnisse der Klöster zu bekommen, 
forderte der Herzog Rechenschaftsablage. Diese wurde zunächst versprochen, 
dann aber widerrufen. So stellt Abt Boldewin selbst die Sache dar 1 ). Der 
Kanzler berichtet nur, dass man ihm in der Schuldfrage „hart entgegen gewesen 
sei“. Es wurde schliesslich nur mit Mühe ein Ausschuss zusammengesetzt, um 
über die Mittel zu beraten, wie man die dringendsten Schulden bezahlen könne, 
und um überhaupt eine Übersicht über den ganzen Umfang derselben zu gewin- 
nen. „Die Sache mit den Geistlichen“ werde aber, so hofft Förster, „das an- 
dere fördern“. Man dachte sie auch hier wohl, eingeschüchtert wie sie waren, 
leichter zur Nachgiebigkeit zu bewegen 2 * ). 

Der Bericht des Kanzlers giebt uns keinen Aufschluss über eine endliche 
Beschlussfassung in der Frage der Inventarisation; aber sie erfolgte, entweder 
schon hier oder bald darauf auf einem anderen nicht bekannten Landtage. Die 
Landschaft beschloss in der That, dass sie geschehen solle, und selbst mehrere 
Geistliche stimmten zu 8 ). 

Wir haben den Gang der Ereignisse einfach geschildert und gezeigt, dass 


1) Gebhardi (Bd. 14) giebt einen Auszug aus 
einem undatierten Schreiben, in dem diese Ver- 
hältnisse besprochen werden. G. setzt dasselbe 
irrig zum Jahre 1521, während die in demsel- 
ben sich findenden Worte, der Herzog habe 
„des Uprors wegen“ die Inventarisierung gefor- 
dert, beweisen, dass dasselbe hierher zu setzen 
ist. v. Weihe-Eimke folgt G’s. Ansicht. 

2) Die Verhandlungen ergeben sich aus dem 

Berichte des Kanzlers an Herzog Otto, der sich 


damals noch immer bei Kurfürst Johann auf- 
hielt, d. d. Dienstag nach Johannis Baptistae 
(27. Juni) 1525. 

3) In einem Schreiben an den Abt Boldwin sagt 
der Herzog, dass die meisten Geistlichen es zu- 
gegeben und die Landschaft es beschlossen hätte. 
Dasselbe (Concept) ist vom Sonntag nach As- 
sumpt. Mariae (20. August) 1525 von Schar- 
nebeck aus erlassen. 


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die Tendenz des Herzogs darauf ging, die Klöster in bezug auf die Ver- 
waltung von sich abhängig zu machen. Denn dass wegen des Bauernkriegs den 
Klöstern selbst zum Nutzen, wie dies von fürstlicher Seite ausgesprochen wurde, 
die Inventarisation geschehen sollte, daran glaubten weder die Prälaten noch 
auch wohl der Kanzler selbst; auch lange nach Beendigung des Krieges wurde 
die Forderung noch wiederholt — Wie weit man aber hier schon von einem 
festen Plane reden kann, den der Herzog zum Zweck der Einführung der Re- 
formation in seinem Lande verfolgt habe, ist schwer festzustellen. Allerdings 
wissen wir aus verschiedenen Anzeichen, dass der Fürst der Lehre Luthers schon 
längst geneigt war 1 2 * ): Er hatte von den Barfüssern Rechenschaft über ihre 
Lehre gefordert; hatte vertriebene Anhnger Luthers in Celle aufgenommen; mit 
dem evangelisch gesinnten Kursachsen bestand gerade in dieser Zeit eine sehr 
enge Verbindung und stetiger Zusammenhang*); und die Zeit war nicht mehr 
fern, wo er offen dem Bunde gegen den Katholicismus beitrat. 

Dies alles lässt es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass er schon durch 
jene Schritte gegen die Prälaten auf eine Reformation seines Landes habe hin- 
arbeiten wollen. 

Allein es muss auch hervorgehoben werden, dass gerade damals die Frage 
nach der Säcularisation der Kirchengüter eine allgemeine war ; selbst entschieden 
katholische Fürsten dachten daran, und es war zur Beratung darüber bereits ein 
Reichstag in Aussicht genommen*). Im Einklang mit dieser Zeitrichtung sind 
verschiedene Äusserungen, die wir in den Berichten und in den Briefen dieser 
Tage finden. So die Erklärung von Seiten des Fürsten, dass die Klöster dem 
Fürsten und dem Fürstentum erblich gehörten, dass die zeitigen Inhaber nur 
Verwalter, nicht aber Erben seien, und dass der Fürst Macht habe, sie zu ent- 
setzen, wenn sie ihr Amt nicht in richtiger Weise führten 4 ). Auch die Befurch- 


1) Nach Lyssmann a. a. O. (p. 135) hatte 
Ernst schon 1524 eine Bibel in Luthers Über- 
setzung an den Convent von Medingen gesandt, 
dieselbe war jedoch von der Abtissin ins Feuer 
geworfen. Nach Gebhardi geschah dies erst 
1529 und das ist wohl jedenfalls das richtige 
Jahr. 

2) In einem Schreiben, d. d. Zwickau, Dien- 

stag nach Visitat. Mariae (4. Juli) 1525 stellt 

Herzog Otto die Anwesenheit von kursächsi- 


schen Räten auf dem nächsten Landtage in 
Aussicht, falls man es wünsche. 

3) Vgl. Ranke, Reformation Band 2. p. 168 
ff. (Säcularisations versuche). (6. Auflage). 

4) Herzog Otto spricht dies in dem Anm. 2 
angeführten Briefe vom 4. Juli 1525 aus. 
Übrigens hält er es nicht für thunlich, einen 
Rat in Sachen des Fürstentums zu geben, er- 
klärt sich aber mit allem völlig einverstanden, 
was geschehen sei, und was noch gethan werde. 


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tung der Prälaten, dass der Herzog beabsichtige, etliche Klöster zu zerstören, 
braucht man nicht notwendig als Besorgnis betreffs der Religion zu deuten, son- 
dern man kann sie ebenso gut als die Scheu vor der Säcularisation betrachten. 

Wir können also bislang nur eine Begünstigung der Reformation von Sei- 
ten des Herzogs constatieren, nicht aber einen festen Plan zur praktischen Durch- 
führung derselben. Aber wie die zuerst erwähnte Massnahme gegen die Klöster 
kam auch diese einer etwaigen späteren Reformation zu gute. 

4 

Widerstand der Prälaten und der Stadt Lüneburg gegen die Forderungen 

des Herzogs. 

Der Beschluss, dass die Inventarisation stattfinden solle, war also gefasst 
und der Herzog konnte für die Folgezeit darauf fussen. Allein der Widerstand 
der Geistlichen gegen jene Bestimmungen war durchaus noch nicht gebrochen, 
Nur Oldenstadt, Scharnebeck l ), Ebstorf, Isenhagen und Wienhausen sträubten sich 
nicht allzulange 2 ). Die Stifter Bardowik und Ramelsloh hingegen sandten ihre Ver- 
zeichnisse nicht ein *), nnd Boldewin von Mahrenholz, der Abt von St Michaelis zu 
Lüneburg, zog sein auf dem Landtage gegebenes Versprechen zurück. Im An- 
fang August schrieb er an den Herzog: Aus „bedorflichen, angstferdigen forch- 
ten“ habe er mit Vorbehalt der Genehmigung des Convents versprochen, das 
Verzeichnis der Güter einzusenden. Aber bei seiner Heimkehr sei er mit „schar- 
fen Reden angesprochen“, dass man von ihm, dem Haupte, ein solches Betragen 
gegen sie, die Glieder, nicht erwartet habe ; die herzogliche Forderung sei gegen 
alle päpstliche, kaiserliche und fürstliche Begnadigung und gegen die Privüegien 
des Herzogs selbst Er (Boldewin) habe geschworen, das Kloster bei seiner 
Macht zu erhalten; lasse er dies zum unüberwindlichen Schaden und Verderb 
desselben zu, so werde man an gebührlichen Orten gegen ihn klagen. Weil 
ihm nun, so schliesst der Abt, ein ewiger Ungehorsam oder Schlimmeres daraus 
entstehen, und er vielleicht seines Standes schimpflich entsetzt werden könne, so 
bitte er den Herzog, ihn in Gnaden von der Zusage zu entbinden 4 ). 

1) Das Register von Scharnebeck im H.St.A. 3) Das ergiebt sich aus den späteren Ver 
(Des. 49, Scharnebeck 1): Register des Klo- handlangen. 

sters Scharnebeck, so der Abt übergeben. 1525. 4) Boldewin an den Herzog, Montag nach 

2) Das ergiebt sich ans der Vorrede zudem Invent. Stephani (7. August) 1525 (Orig. De*' 
Verzeichnis von Medingen (Des. 55, Medin- 47, 1). 

gen 1). 




57 


Auch Lüne und Medingen hatten bis Anfang September die Verzeichnisse 
noch nicht eingesandt. 

Hinter den Klöstern stand Christoph, der Erzbischof von Bremen und Ad- 
ministrator von Verden, ein Bruder Heinrichs des Jüngeren von WolfenbütteL Mit 
Feuer und Schwert ging derselbe in seinem Gebiete gegen die Anhänger und 
Prediger der neuen Lehre vor. Auf sein Geheiss starben Heinrich von Zütphen 
und Johann Bornemacher den Märtyrertod, und man sang schon in jener Zeit 
von ihm: 

Wenn Christus nicht getötet wär, 

So möcht er kommen zu Verden 1 2 * ). 

Schon vor mehr als Jahresfrist hatten sich auf seine Anregung die Geistlichen 
und Prälaten der DiÖcesen Verden und Minden, also auch der grösste Teil der 
Lüneburger Geistlichkeit schriftlich verpflichtet, gegen die neue Lehre zu kämpfen 
und sie mit allen Kräften niederzudrücken*). Er hatte dies Versprechen erfüllt: 
dafür zu sorgen, dass auch die ihm unterstellten Klöster ausharrten in ihrem 
Vorhaben, hielt er für seine Pflicht Abt Boldewin war aus Furcht vor dem 
Zorne des Herzogs so weit gegangen, den Erzbischof zu bitten, den Klöstern 
geradezu zu verbieten, das geforderte Verzeichnis zu liefern*), und dass dies Ver- 
bot wirklich erfolgt ist, beweist die Klage des Propstes von Medingen, dass jetzt 
nicht er allein, sondern alle im Stifte und Fürstentume Lüneburg gelegenen Klö- 
ster sich in einer schwierigen Lage befänden 4 ). 

Aber trotzdem fügten sich auch Medingen und Lüne schliesslich. Am 14. 
September sandte der Propst von Medingen sein Verzeichnis an den Herzog, 
„obwohl das im Fürstentum kein Gebrauch und ihm beschwerlich sei“ zur Ver- 
meidung fürstlicher Ungnade, „aber mit öffentlicher Protestation und Bedenken, 


1) Spangenberg, Verdener Chronik, p. 162. 
Gedicht über die Verbrennung Joh. Bornema- 
chers. 

2) Montag nach Jubilate 1524: Spangen- 

berg, Verdener Chronik, p. 160. Schlöpke a. 

a. 0. p. 865 giebt (nach einer handschriftlichen 
Verdener Chronik) Montag nach Jubilate 1525 
an; und ihm ist man darin gefolgt. Da aber 
dies Verdener Manuscr., wie schon oben gesagt, 
kein anderes gewesen ist als die erst 1720 
gedruckte Chronik des Cyriacus Spangenberg 
(derselbe war 1528 geboren), so haben wir uns 


an dessen, nicht aber die abgeleitete Nachricht 
Schlöpkes zu halten. Im Januar 1525 trat 
Christoph dem Regensburger Convente bei. Cf. 
Friedensburg, der Regensburger Convent, in den 
Aufsätzen dem Andenken an G. Waitz gewid- 
met, p. 537. 

3) Diese Nachricht findet sich in dem p. 54 
Anm. 1. erwähnten Schreiben. 

4) In der Schlussbemerkung des Verzeich- 
nisses von Medingen. Der Propst verweist auf 
eine mitgesandte (nicht erhaltene) Copie (viel- 
leicht der Erlass Christophs). 

8 


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58 


Vorbehalten die Freiheiten nnd Verschreibungen, die dem Kloster gegeben seien“ 1 ). 
Am 15. August waren bereits Abgeordnete des Herzogs im Kloster Lüne 
gewesen, allein ein dort eingetretener Todesfall hinderte damals die Aufnahme 
des Inventars 1 * ). Sie hatten sich von hier nach Scharnebeck begeben and hier 
wohl ohne grosse Mühe ihr Ziel erreicht 1 ). Aach von Lüne traf dann nach ei- 
niger Zeit (19. September) das Verzeichnis ein 4 * ). 

Weiter konnte der Herzog jedoch vorläufig nichts erreichen. Auch die 
fortgesetzten Verhandlungen mit Boldewin führten zu keinem Resultate; nur noch 
schroffer trat der Abt auf. Er habe doch die Entscheidung des Conventes Vor- 
behalten. Nie habe er sich bei einem allgemeinen Beschluss der Landschaft ge- 
weigert, eine Steuer zu bezahlen und werde dies auch in Zukunft nicht thnn; 
den alten Herzog habe er oft unterstützt Vor Gewalt würde ihn aber das 
Reich bewahren, unter dessen Obhut er stehe und dessen Schutz er anrufen 
werde, wenn es zum äussersten komme 6 ). 

Der Herzog konnte ihn nicht zwingen; er konnte hier nicht wie bei den 
anderen Klöstern durch persönliche Beeinflussung zu seinem Ziele gelangen 
Die Lage des Klosters St Michaelis innerhalb der Ringmauern von Lüneburg 
sicherte dasselbe vor einer derartigen Beeinträchtigung seines freien Willens. 

Dass die Stadt Lüneburg dem Herzoge ziemlich unabhängig gegenüber 
stand, wurde schon angedeutet. Wohl hatte sie im Jahre 1520 dem alten Her- 
zoge Heinrich gehuldigt, allein die Huldigung war noch nicht erneuert, seit die- 
ser die Regierung niedergelegt hatte. Jetzt that die Stadt nichts zur Tragung 
der gemeinsamen Last: sie gab keinen Beitrag zur Erhaltung des Reichsregi- 
ments und des Reichskammergerichts, und zur Tilgung der Landesschulden wollte 
sie erst dann beisteuern, wenn man ein Mittel wüsste, durch welches ein für alle 


1) Vorrede zu dem Verzeichnis von Medin- 
gen, dem wir die meisten dieser wichtigen 
Nachrichten verdanken. Dass die Darstellung 
(sowie das Datum: 17. September) bei Have- 
mann (p. 97) falsch ist, geht wohl aus allem 
hervor. Die Vorrede ist datiert: Donnerstag 
nach Nativ. Mariae (14. Septb.) 1525. 

2) Handschriftl. Kalender von Ltlne (Verz. 

der Manuscripte J. 87): 1525, Assumptionis 

voluerunt principes hic venire, cancellarius et 

alii fuerunt hic et bona nostra inventare, sed 


noster dispensator moriebatur et reversi sunt 
de nobi8 ad Scharmbeke. 

3) Hier war der Herzog persönlich am 20. 
August, vgl. p. 54. Anm. 8. 

4) Kalender von Lüne : die II. post Lamberti 
(18. Sept.) Über Walsrode fehlt uns jede Nach- 
richt; es ist aber nicht wahrscheinlich, dass 
man sich dort gesträubt haben sollte, das Ver- 
zeichnis zu geben. Der Elinfluss des Bischöfe 
von Verden war hier ausgeschlossen. 

5) Boldewin an den Herzog, Mittwoch nach 
Assumpt. Mariae (16. August) 1525 (Des. 47, !)• 


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59 


Mal geholfen würde 1 ), und auch dann nur gegen entsprechende Gegenleistung 
von Seiten des Herzogs. 

Aber man musste wohl überlegen, ehe man irgend einen energischen Schritt 
gegen die Stadt wagte. Darum riet auch der Kanzler in einem Briefe, der ein 
glänzendes Zeugnis für seinen politischen Scharfblick ist, zur allergrössten Vor- 
sicht 1 ): Es sei, sagt er, die Verhinderung zu bedenken, welche dem Fürsten 
seinem jetzigen Vorhaben die von Lüneburg thun könnten; denn es sei zu be- 
sorgen, dass die Prälaten und Klöster sich an die Stadt anschliessen würde; 
ein grosser Teil der Klostergüter sei in derselben, und der Adel stehe zum 
Teil auf ihrer Seite. Auch möge der Herzog das schlechte Verhältnis be- 
denken, in dem er zu seinem Vater stehe. Erfahre dieser, dass ein Streit zwi- 
schen ihm und der Stadt ausgebrochen sei, so sei es leicht möglich, dass er sich 
an die von Lüneburg und ihren Anhang begebe und von ihnen aufgenommen 
werde. 

Zwar wurde in den damals eingeleiteten Verhandlungen ein dem Herzog 
insofern günstiges Resultat erzielt, als der Rat versprach, eine Beisteuer zu lei- 
sten, aber bei dem Versprechen blieb es auch 1 * ), und in anderer Beziehung zeigte 
sich ebenfalls, wie wenig der Herzog der Stadt gegenüber vermochte. Schon 
kurz vor dem Zusammentritt des Landtags zu Celle nämlich hatte ein Schreiben 
Ernsts vom Rate verlangt: da etliche vertriebene Vorsteher und Prälaten der im 
Bauernkrieg zerstörten Klöster ihre auf der Sülze in Lüneburg belegenen Güter 
verkauften oder sonst dem Fürstentum entfremdeten, so solle man diese Güter 
und ihre Nutzung bis auf weitere Entscheidung mit Beschlag belegen, und ohne 
des Fürsten und der Landschaft Bewilligung keine Veräusserung derselben ge- 
statten 4 ). Es ist derselbe Gedanke, der dann in Celle ausgesprochen wurde, 
dass die Kirchengüter, auch die, welche Ausländer inne haben, dem Fürsten und 
dem Lande erblich gehören, der hier zum ersten Male praktisch ins Leben tritt 
Man liess in Lüneburg das Schreiben einfach unbeantwortet; und als der Her- 


1) Der Rat an den Herzog, 1525 Freitag 
nach Dionysii (18. Octob.) (Des. 55, 11). 

2) Förster an den Herzog, d. d. Hoya, Mon- 

tag nach Nativit. Mariae (11. Septemb.) 1525. 

Er bespricht darin die Frage , ob man Lü- 
neburg durch strengeres Vorgehen zur Hul- 
digung und Zahlung eines Beitrages zwingen 
solle. 


3) Herzog Ernst an Boldewin: 1526, Mon- 
tag nach Kiliani (9. Juli). Er bittet, der Abt 
möge mit dem Propst von Lüne dahin wirken, 
dass die von der Stadt versprochene Beihülfe 
geleistet werde. 

4) Herzog Ernst an den Rat, Celle, Dien- 
stag in den Pfingsten (6. Juni) 1525. Orig, 
im L. A. 

8 * 


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60 


zog dann seinen Befehl wiederholte und denselben besonders auf die Güter des 
zerstörten Klosters Michelstein angewandt wissen wollte, dessen Bewohner das 
Kloster „abgetreten“ und in Anzahl von drei oder vier Personen an andern 
Orten und Enden versammelt seien, darum kein Anrecht mehr an die Kloster- 
güter hätten 1 2 3 ), da antwortete der Rat ablehnend und sehr kühl, dass dazu gar 
kein Grund vorhanden sei; weil die Mönche, wenn sie jetzt auch zerstreut auf 
ihren Klosterhöfen lebten, ihr Kloster bald wieder aufzubauen gedachtem Der 
Abt von Michelstein sei erst kürzlich in Lüneburg gewesen und habe sich die 
Rente von 1525 und einen Vorschuss auf das laufende Jahr geholt*). Dagegen 
war der Herzog einfach machtlos. 


Erstes aktives Vorgehen des Herzogs in Sachen der Religion. 

Der Fürst hoffte damals noch, dass auf dem kommenden Reichstage, die 
Frage wegen der Kirchengüter eine allgemeine Erledigung finden werde 8 ). Ob 
diese aber den Fürsten günstig sein werde, das war schwer vorauszusehen. Die 
Stimmung des Kaisers war den evangelisch Gesinnten feindlicher denn je, so 
viel als möglich, suchte er die katholische Partei zu stärken, und die Mitglieder 
derselben waren eifrig thätig, eine engere Verbindung vorzubereiten. Zur Siche- 
rung gegen diese Gefahr hatten der Landgraf von Hessen und der Kurfürst von 
Sachsen (Ende Februar 1526) sich zu Gotha verpflichtet: einander mit allen 
Kräften beizustehen, im Falle sie wegen des göttlichen Wortes oder der Ab- 
schaffung der Misbräuche angegriffen würden. Man sah sich nach Bundesgenos- 
sen um; der Kurfürst Johann wandte sich an seine Neffen Otto und Ernst, auf 
die er, wie wir sahen, grossen Einfluss hatte, und deren jüngster Bruder an 
seinem Hofe sich aufhielt. Ernst hatte schon früher mit dem Kurfürsten von 
Sachsen über die allgemeinen Fragen correspondiert 4 ). In Magdeburg traten am 
12. Juni 1526 die Brüder 5 ) nebst andern lutherisch gesinnten Fürsten dem 
Bunde bei „So bildete sich zuerst eine compakte evangelische Partei“ 6 ), und 


1) Otto und Ernst an den Rat, d. d. Celle, 
am Tage Matthiae apli. 1526 (24. Februar). 
Orig. L. A. 

2) Der Rat an den Herzog, Sonnabend nach 
Reminiscere (3. März) 1526. (Concept im L. A.) 

3) Er spricht dies in dem Anm. 1 angeführ- 

ten Schreiben vom 24. Februar 1526 aus. 


4) Vgl. Friedensburg, Zur Vorgeschichte des 
Gotha-Torgauischen Bündnisses, p. 98. 

5) Alle drei Brüder waren in Magdeburg. 
Vgl. Hortleder, Ursachen des evangel. Krieges, 
VIH, 1. 

6) Ranke, Reformation, II, 249. 


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diese führte unter entscheidender Mitwirkung der süddeutschen Reichsstädte dann 
auf dem kurz nachher stattfindenden Reichstage zu Speier den Abschied herbei: 
„dass in Sachen, die das Wormser Edict betreffen, jeder Stand so leben, regie- 
gieren und es halten werde, wie er es gegen Gott und kaiserliche Majestät zu 
verantworten sich getraue“. 

Durch seinen Beitritt zum Bündnis von Gotha hatte der Herzog seinen An- 
schluss an die Reformation offen bezeugt; er hatte durch diese That ausge- 
sprochen, dass er auch in seinem Lande nach der Durchführung derselben trach- 
ten werde. Das musste bei den Prälaten des Fürstentums die schlimmsten Be- 
fürchtungen erregen. Herzog Ernst war seihst auf dem Reichstage zu Speier 
gewesen 1 2 3 ). Aber nicht sowohl die dort gefassten Beschlüsse, als vielmehr das 
Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den andern evangelisch gesinnten Fürsten 
hatte auf Ernst einen bedeutenden Einfluss. Das zeigt sich schon, als die Ver- 
handlungen über den Beitritt zum Gotha-Torgauischen Bunde noch nicht völlig 
abgeschlossen waren. Aufs Neue war von den Klöstern Geld gefordert*). Mit 
dem Abte von St Michaelis hatten der Propst Heinrich von Kramm und der 
Kanzler Förster im Aufträge des Herzogs verhandelt, und als man ihm wieder 
einen Schein versprochen hatte, dass er das Geld unverpflichtet nur als Darlehn 
gegeben habe, zahlte er Ostern 1526 1000 Goldgulden. 14 Tage nach Ostern 
wurde der Abt nach Celle beschieden, und hier beredete ihn Heinrich von Kramm 
auf den Schein zu verzichten, der Herzog könne denselben der andern Klöster 
wegen nicht ausstellen. Ja, noch mehr. Der Abt musste in Celle einen Re- 
vers ausstellen: „J. F. G. bestes to donde na juwen vermögen“. Obwohl das 

gegen das Herkommen war, und selbst angesehene Adlige, wie Asche von Kramm, 
ihm, abrieten, that er es mit schwerem Herzen *). — Das alles beweist, dass der 


1) Die Anwesenheit des Herzogs ergiebt sich 

aus der in der Zts. des hist. Ver. für Nieder- 
sachsen, 1848, p. 69 mitgeteilten Urkunde. Das 
dort nicht angegebene Datum ist: Montag nach 
Laurentii (13. August) 1526. (H. St. A.). 

2) Schamebeck musste Ostern 1526 5000 
Goldgulden zahlen (Verz. d. Manuscr. J.76 H.St.A.) 

3) Diese Vorgänge werden erwähnt in einem 
eigenhändigen undatierten Schreiben Boldewins 
an seinen Schwager, welches Gebhardi (Bd. 14) 
im Auszuge mitteilt. Die Erwähnung Asches 
von Kramm, der 1527 an dem Kriege Karls V. 


in Italien teilnahm und bereits 1528 starb, 
zwingen uns diese Ereignisse bereits auf Ostern 
1526 und nicht wie dies v. Weihe-Eimke p. 129 
thut, erst in das Jahr 1529 zu setzen. Auch 
ist die Geldzahlung ausserdem für das Jahr 1526 
bezeugt durch Gebhardi, welcher mittheilt, dass 
der Abt 1526 1000 Gulden für den Herzog und 
100 Gulden fiir den alten Herzog Heinrich habe 
zahlen müssen. 

Nur das ist zweifelhaft, ob der Abt, wie er 
dies selbst schreibt, schon Ostern 1526 bezahlt 
hat, oder ob er damals noch mehr versprochen 


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62 


Herzog jetzt bereits eine ganz andere Stellung den Klöstern gegenüber einnahm 
als im Jahre 1524. 

Der Speierer Abschied batte vorläufig keinen Einfluss auf den Gang der 
Ereignisse im Fürstentume Lüneburg. Die Berufung auf denselben als die ge- 
setzliche Grundlage für das jus reformandi der Fürsten erscheint auch hier erst 
später, erst im Jahre 1528 *). Noch im December 1526 nehmen die Barfüsser 
in Celle die Beschlüsse von Speier als für sich günstig in Anspruch und schrei- 
ben: „Es sei dem Herzoge nicht verdeckt, wie nach kaiserlichem Edict und auch 

nach dem Abschied von Speier der christliche Kirchengebrauch ohne allen Wi- 
derspruch gehandhabt werden solle“*). 

In das Jahr 1526 fällt das erste aktive Vorgehen des Herzogs gegen den 
Katholicismus im Fürstentume, aber zunächst greift er nur da ein, wo sich eine 
günstige Gelegenheit bietet, das entsprach seiner vorsichtigen und zuwartenden 
Natur. Sein Einschreiten gegen die Lehre und das Wirken der Barfüsser in 
Celle wurde veranlasst durch die Streitigkeiten, die wiederum zwischen den 
Mönchen und den Predigern ausgebrochen waren. Ehe wir auf dieselben ein- 
gehen, müssen wir zwei andere Episoden berühren, die als Vorläufer der späte- 
ren Kämpfe unser Interesse in Anspruch nehmen. 

Die alten Klagen wegen der Unsittlichkeit der Geistlichen hatte sich auch 
im Amte Gifhorn gegen die dort begüterten Mönche des Klosters Marienrode 
bei Hildesheim erhoben. Auf einem ihrer Höfe (sie besassen solche zu Bekla, 
Bokelsberg und Anderten) hatten sie, wie die Klage des Herzogs lautete, durch 
aufgerichtete Bilder das Volk verführt, daneben sich Eingriffe in die grundherr- 
lichen Rechte des Herzogs zu Schulden kommen lassen 8 ). Nach der Untersu- 
chung der Sache durch den Amtmann zu Gifhorn waren im Jahre 1526 die 
Mönche ausgewiesen, eine Kapelle und etliche Gebäude des Hofes zu Bekla zer- 
stört, und ihre Güter eingezogen worden. Der Abt Jobst von Marienrode wandte 
sich klagend an den Kaiser; erst in Augsburg erfolgte im Jahre 1530 eine 


hat, denn im Anfang Juli lässt ihn der Herzog 
bereits wieder mahnen, die versprochenen 1000 
Gulden zu zahlen. (Concept H. St. A. Des. 47, 
1 vom Montag nach Kiliani (9. Juli) 1526). 

1) Vgl. über diese Auffassung des Speierer 
Abschieds: Kluckhohn, der Speierer Reichstag 


von 1526, in der Hist. Ztr. 1886, p. 215 ft 
2) Wethenkamp an den Herzog (in d. Han- 
delyng twyschen den Barvoten und den Predi- 
gern to Celle) am Thomastage 1526. 

8) Sie hatten in einem Walde, worin sie 
nur die Mast hatten, Holz hauen lassen. 


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Verhandlung der Sache 1 2 * ). Der Herzog erbot sich den Mönchen die Höhe ihres 
jährlichen Einkommens von den betreffenden Höfen zu zahlen. Allein der Aht 
wollte eine völlige Restitution und erwirkte daher ein Strafmandat des Kaisers* 
in welchem dem Herzoge die Rückgabe der Güter bei Strafe auferlegt wurde. 
Gegen dieses Mandat protestierte jedoch Ernst zn rechter Zeit vor Notar 
und Zeugen. Er wiederholte das zu Augsburg gemachte Anerbieten und that 
dies auch in einem besondern Schreiben an den Abt. Da die kaiserliche Ver- 
fügung nur auf Anklage einer Partei erfolgt sei, und weil der Abt die Sache 
falsch dargestellt habe, bestritt der Herzog in seinem Proteste die Rechtsgültig- 
keit des Mandates. Die Angelegenheit scheint damit erledigt gewesen zu sein, 
wir wissen wenigstens weiter nichts darüber*). 

Im Jahre 1526 forderte Ernst, wie bereits erwähnt, von den Klöstern neue 
Geldleistungen, und es wird uns von Lüne berichtet*), dass der Herzog gedroht 
habe, falls man nicht zahle, werde er alle Güter des Klosters an sich nehmen 
und den Nonnen das zum Leben Nötige geben. Solche Befürchtungen, die uns 
auch von anderer Seite bestätigt werden 4 ), lagen, wie wir gesehen haben, zum 
Teil in den Zeitverhältnissen begründet; aber es schien um so eher Grund dazu 
vorhanden zu sein, als schon ein ähnliches Verhältnis in einem Kloster des Für- 
stentums im Jahre 1526 faktisch durchgeführt worden war. 

Nach der Gefangennahme des Propstes Heino von dem Werder dachte man 
nämlich am Hofe sofort daran, diesen Umstand, so unangenehm er auch im Au- 
genblicke war, auszunutzen und die Verwaltung des Klosters völlig in die Hände 
des Fürsten zu bringen. Kurz nach Schluss des Landtages war Ernst mit 
seinem Kanzler nach Ebstorf geritten, um dort die nötigen Anordnungen zn tref- 
fen*). Er hielt sich für berechtigt und verpflichtet dazu, wie das schon aus sei- 


1) Erwähnt bei Seckendorf a. a. O. HI, p. 
18. Ans ihm hat sie Guden a. a. O. p. 56, 
sonst hat man diese Nachricht nicht beachtet. 

2) Der Thatbestand ist entnommen drei 

Schriftstücken des H. St. A. (Calenberg. Br. A. 
Des. 7, 6). Das Pönalmandat (in dem sich die 
Angabe findet, dass die Ausweisung der Mönche 
vor etwa 4 Jahren geschehen sei) ist datiert: 
Augsburg, d. 7. October 1530. Es wurde am 

12. Februar 1531 in Celle überreicht, am 18. 
Febr. erfolgte der Protest des Herzogs. Das 


Schreiben des Herzogs an den Abt (Concept) 
hat nur das Jahr 1531. 

3) Kalender v. Lüne z. J. 1526 (H. St. A. 
Verz. d. Manuscripte J. 87). 

4) Denkschrift des Proptes Koller von St. 
Johann in Lüneburg an den Rat daselbst, 1528 
am avende Johannis (L. A.) 

5) Bericht Försters an Herzog Otto über 
den Landtag zu Uelzen. Aus demselben geht 
auch hervor, dass Herzog Ernst damals in Uel- 
zen und nicht, wie Havemann (Bd. IH p. 104) 
meint, zu dieser Zeit ausser Landes war. 


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nen Erklärungen in Celle und Uelzen hervorgellt Ein weltlicher Beamter 1 ), der 
völlig im Dienste des Herzogs stand und ihm alljährlich Rechenschaft ablegen 
musste, wurde als Verwalter des Klosters eingesetzt 2 3 ). Auch er nannte sich 
Propst, aber er hatte Weib und Kind zu Uelzen, und das musste bei den Non- 
nen natürlich grosses Ärgerniss erregen 8 ). 

So lange Heino — niemand, auch er selbst nicht, wusste wo — gefangen 
gehalten wurde und noch zuerst nach seiner Freilassung, bemühten sich die Her 
zöge eifrig für ihn, sie klagten bei befreundeten Fürsten und beim Reichskam- 
mergericht, um Christoph von Steinberg zur Strafe heranzuziehen 4 * ); das wa- 
ren sie dem alten Diener schuldig, der 11 Jahre in der Kanzlei ihres Vaters 
und 24 Jahre als Propst und geistlicher Rat dem Fürstentum gedient hatte 6 * ). — 
Aber ein Umschwung trat ein, als der Propst wieder in sein Kloster zurück- 
kehren wollte. Das war gerade zur Zeit des Reichstages zu Speier. Die her- 
zoglichen Beamten verweigerten ihm den Eintritt in das Kloster, auch seine dort 
vorhandenen Sachen behielt man vorläufig noch zurück. Klagend wandte er 
sich an Herzog Otto, der nicht in Speier an den Verhandlungen teilnahm. Er 
erhielt den Bescheid, dass ihm bis zur Rückkehr Ernsts nicht gestattet werden 
könne, „zum Kloster und dessen Gütern zu kommen“ 6 ). 

Es scheint ziemlich zweifellos zu sein, dass der offene Anschluss des 
Herzogs an die evangelische Partei schon hier seine Wirkung that. Man dachte 
gar nicht daran, Heino wieder in seine Propstei kommen zu lassen, und auch als 
der Propst am 18. September persönlich in Celle war, erhielt er von Ernst nur 
gute Versprechungen. Er möge wenigstens so lange sich vom Kloster fern hal- 


1) In einem undatierten Schreiben teilen 
die Herzoge den Nonnen mit, dass sie Thile 
von Honstedt beauftragt hätten, für sie zu sor- 
gen, da sie die Geschäfte nicht allein besorgen 
könnten und es auch nicht ziemlich sei, wenn 
der Schreiber dies thäte. (Concept: Des. 55, Eb- 
storf 1.) 

2) Der Herzog an Thumpropst und Kapitel 
von Hildesheim , Zell, Montag nach Nativitat. 
Christi 1529 (also 28. Decemb. 1528). 

3) Zuerst erscheint ein gewisser Thile Hon- 

stedt als Verwalter, aber nur auf kurze Zeit 

(undatiertes Concept: Des. 55. Ebstorf 1.); 

schon 1526 war es Simon Reinecke. Unter 

ihm stand dann wohl noch ein Schreiber (Joa- 

chim Rauh). Vgl. den früher erwähnten Bericht 


über die Reformation in Ebstorf vom 22 . Juli 
1629 im H. St. A. 

4) Die Akten über den Streit Heinos mit 
Steinberg und später mit dem Herzoge sind sehr 
umfangreich und auch in dem Aufsatze von 
Blumenbach: Extractus actorum des Thumde- 
chanten Heino von dem Werder (Zts. des hist 
Vereins f. Niedersachsen, 1848) noch nicht ge- 
nügend verarbeitet. Besonders kommt die Akte 
des H. St. A. Des. 55, Ebstorf 1 in betracht 

5) Heino an den Abt von St. Michaelis, d. 
d. Braunschweig, am Tage Lucae (18. October) 
1526. 

6) Instruktion Herzog Ottos für Heinrich 
von Brocke, Celle, Montag nach L&urentii 1526. 


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ten, bis seine Sache mit Steinberg erledigt sei, damit das Kloster dadurch nicht 
in Gefahr komme 1 2 ). Durch derartige Vorwände suchte man ihn vom Kloster 
fern zu halten, man suchte ihn auf andere Weise zu befriedigen. In Hannover 
sollte die Sache verhandelt und womöglich erledigt werden. Dorthin wurden 
vom Herzoge an dem festgesetzten Tage (den 10. Januar 1527) der Kanzler 
Förster, Curd von Alten und der dem Fürsten sehr ergebene Propst von Wien- 
hausen, Heinrich von Kramm, gesandt Es wurde Heino versprochen, man wolle 
ihm in vier Terminen die 2000 Gulden, die er Christoph von Steinberg als Lö- 
segeld habe bezahlen müssen, ersetzen 1 ); jährlich wolle man ihm, so lange er 
lebe, 200 Mark Lüh. gehen ; sein im Kloster befindliches Eigentum solle ihm zu- 
rückgegeben werden. Dafür solle er denn allen Ansprüchen an das Kloster und 
dessen Verwaltung entsagen. Der Propst nahm nach längerem Bedenken diese 
Vorschläge an; allein es kam wegen der eiligen Abreise des Kanzlers nicht so- 
fort zur Ausfertigung der Urkunde. Während Heino die Rückkehr desselben in 
Celle erwartete, trat eine Sinnesänderung bei ihm ein; er Hess dem Herzoge an- 
dere Vorschläge machen: Man solle ihn in sein Kloster zurückkehren lassen, 
seine Briefe und Siegel ihm wiedergeben, die Propstei wieder in die Hand der 
Klosteijungfrauen geben und sie bei freier Election und Kore der Pröpste lassen. 
Darauf konnte und wollte der Herzog nicht eingehen, er versuchte nochmals auf 
Grund der früheren Abmachungen zu verhandeln, und als Heino diese jetzt völ- 
lig verwarf, da brach auch der Herzog die Verhandlungen ab. Wollte der Propst 
seine Vorschläge nicht annehmen, so liess er ihm sagen, dann möge er ihn ver- 
klagen, er sei ein Fürst des Reichs und werde sich vor dem Kaiser zu verant- 
worten wissen. Lei Nacht verliess Heino Celle und begab sich zu seinem Dom- 
kapitel nach Hildesheim 3 ). 


1) Heino an die Herzoge, d. d. Braunschweig, 
am Freitag nach Dionysii (12. October) 1526. 

2) 2000 Gulden betrug die Summe, die 
Steinberg von dem Hildesheimer Domkapitel zu 
fordern hatte. Heino verlangte, der Fürst solle 
ihm die Summe ersetzen, da er im Dienste des 
Fürstentums gefangen sei. — Dies wurde jetzt 
mit dem Zusatze bewilligt, dass Heino die 
Summe zurückgeben solle, wenn das Domkapi- 
tel sie ihm zurückerstatte. 

3) Die Äusserungen beider Parteien stim- 
men nicht tiberein. Der Propst verbreitet ein 
gewisses Dunkel über die Verhandlungen zu 


I Hannover, während der Herzog nicht genau die 
letzten Forderungen Heinos prädsiert. Als 
diese glaube ich die oben angegebenen aus ei- 
nem Schreiben Heinos an die Stände vom Tage 
Egidii (1. Sept.) 1527 zu erkennen. Die an- 
deren Nachrichten stammen aus zwei Schreiben 
des Herzogs, von denen das eine an die Räte 
des Fürstentums (Celle am Tage Thomae apli. 
(21. December) 1527), das andere an Thum- 
propst und Kapitel von Hildesheim (Montag nach 
Nativ. Christi 1529 (28. Decemb. 1528)) ge- 
richtet ist. 


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Noch im Jahre 1527 wandte sich der Propst an den Kaiser; denn nur 
dieser Ausweg, so behauptete er, sei ihm nach jenem Bescheid des Herzogs übrig 
gelassen. Um seine Sache am kaiserlichen Hofe führen zn können, erbat er sich 
die nötigen Geldmittel vom Rate zu Lüneburg 1 2 ), und man wird sie ihm wohl 
gewährt haben, denn damals noch mehr als früher unterstützte der Rat jede 
gegen den Herzog und das Luthertum gerichtete Bewegung. — Schon am 3. 
Februar 1528 erging von Burgos aus ein kaiserliches Pönalmandat gegen den 
Herzog: bei Strafe von 40 Mark löt Goldes dem Propste das Seinige zurück- 
zugeben, das Kloster bei seinem christlichen und löblichen Herkommen zu lassen, 
seine dort eingesetzten Verwalter zu entfernen und auch dem Kloster die von 
demselben erhobenen 12000 Gulden samt den Zinsen wieder zu erstatten*). Der 
Befehl wurde jedoch vorläufig unwirksam gemacht durch eine Protestation des 
Herzogs, die dahin ging, dass die Klagen des Propstes unbegründet und unwahr 
seien, und daher auch das Mandat nicht zu Recht bestehen könne 3 ). 

Auch eine jetzt eingeleitete nochmalige Verhandlung führte zu keinem Ziele, 
da der Propst in seinen Forderungen nicht nachgeben, der Herzog aber nur auf 
Grund der früheren Abmachungen unterhandeln wollte. Der Herzog behauptete 
sein Recht auch darin, dass er dem Kloster eine Besteuerung auferlegt hatte 
mit Berufung auf den Speierer Abschied; und der Propst klagte: „dass der Her- 
zog damit seine geübte Handlung bedecken wolle, das müsse ein armer Priester 
auf seinem Worte beruhen lassen“ 4 ). Anklage- und Verteidigungsschriften wur- 
den von beiden Seiten erlassen; die Landschaft, fremde Fürsten und die Stadt 
Lüneburg suchte eine jede Partei für sich zu gewinnen. Schwere Anschuldigun- 
gen waren es, die der Herzog gegen den Propst erhob: er habe die benachbar- 
ten Fürsten und Herren gegen ihn aufgewiegelt und bemühe sich Zwietracht zu 
stiften zwischen Vater und Sohn. So gut es ging, suchte sich der Propst dage- 
gen zu verteidigen. Er führte inzwischen seine Klage weiter und erwirkte denn auch 
ein Mandat des Kammergerichts gegen den Herzog, das am 5. December 1528 
an den Kanzler übergeben wurde. Der Stadt Lüneburg wurde befohlen, bis zur 


1) Heino an den Rat von Lünebarg, d. d. 
Hüdesheim, Mittwoch nach Bartholomaei (28. 
August) 1527. 

2) Blumenbach a. a. O. p. 70 f. 


3) Blumenbach a. a. O. p. 71 f. 

4) Am Sonntag Judica (29. März) 1528 war 
der Propst persönlich in Celle gewesen: vgl. 
eine undatierte Schrift Heinos (Des. 55. Ebstorf 1 )• 


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Entscheidung der Sache, die Propsteigtiter von Ebstorf mit Beschlag zu belegen. 
Allein auch hiergegen erfolgte am 17. December 1528 eine Protestation 1 2 * * * ). 

Das Wichtigste für beide Parteien war jedenfalls die Stellung der Stadt 
Lüneburg, da sich dort die Haupteinkünfte von Ebstorf befanden. Erkannte der 
Rat das Mandat als zu Recht bestehend an, so durfte er dem Herzoge nicht 
mehr die Propsteigüter 'ausfolgen lassen ; betrachtete man jedoch den herzoglichen 
Protest als genügend, um die Gültigkeit ües Erlasses zu vernichten, so halfen 
dem Propste alle seine Bemühungen nichts. 

Beide suchten die Stadt für sich zu gewinnen: Heino forderte die Verkün- 
digung des Mandats, der Herzog suchte dagegen von der völligen Rechtswidrig- 
keit desselben zu überzeugen. Auch an das Domkapitel zu Hildesheim sandte 
der Herzog jetzt eine Verteidigungsschrift, und diese fand ihren Weg ebenfalls 
nach Lüneburg*). Der Rat schwankte, zunächst gab er dem Herzoge einfach 
keine Antwort; erst auf wiederholtes Drängen erfolgte eine solche: Es wolle ih- 
nen doch eigentlich nicht geziemen, über die Rechtsgültigkeit der Mandate zu 
disputieren, der Herzog möge die schwere Pön bedenken, die auf die Übertre- 
tung derselben gesetzt sei. Doch willigen sie ein, dem Fürsten das fällige Geld 
stets auszuzahlen, „gegen einen ringen Schein“, dass sie für den Fall ihrer Be- 
strafung an den Gütern des Klosters Ebstorf schadlos gehalten werden sollten*). 
Aber zur Ausstellung desselben kam es nicht; denn von Speier aus erging am 
24. April 1528 ein neues kaiserliches Mandat, in welchem dem Herzoge noch- 
mals bei Strafe geboten wurde, binnen drei Wochen den Propst zu restituiren 
und innerhalb einer Frist von 45 Tagen etwaige Einwände bei dem Reichskam- 
gerichte vorzubringen *) . 

Daran scheint sich der Herzog überhaupt nicht gekehrt zu haben. Aber- 
mals wandte er sich an den Rat von Lüneburg und forderte ihn auf, 
die Güter der Propstei herauszugeben. Es komme ihnen als Unterthanen 
des Fürsten zu, Gehorsam zu leisten ; auch werde das Kloster durch die Zurück- 
haltung des Einkommens schwer geschädigt 6 ). Der Rat war nun gerade da- 


1) Concept vom Donnerstag nach Luciae 
im H. St. A. (Des. 55. Ebstorf 1). 

2) Herzog Ernst an Thumpropst, Senior und 

Capitel zu Hildesheim, d. d. Celle, Montag nach 

Nativit. Christi 1529 (28. Decb. 1528). (L. A.) 

8) Der Rat an den Herzog, Sonnabend nach 


Laetare (13. März) 1529 (Des. 55. Ltineb. 11). 

4) Copie im H. St. A. (Verz. der Manu- 
scripte J. 76). 

5) Ernst an den Rat, Freitag nach dem 
Pfingsttage (21. Mai) 1529. (L. A.) 

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mals in einer Lage, die ihn, wie wir später noch sehen werden, williger machte, 
derartigen Vorschlägen Gehör zu geben. Sie erkennen an, dass Heino im 
Grunde zu solcher Forderung, durch die das Mandat erwirkt sei, wenig Berech- 
tigung hätte; dass sie nie Klagen über die herzogliche Verwaltung in Ebstorf 
gehört hätten, und dass die Vollstreckung der Mandate zur Verwüstung des 
Klosters und zum Verderben der Klosteijungfrauen gereichen werde. Sie sind 
bereit dem Herzoge nachzugeben, wenn er etwas ausfindig machen könne, wo- 
durch sie vor Schaden bewahrt würden 1 ). — Das scheint denn auch gesche- 
hen zu sein, denn die Akten über diesen Streit werden damit geschlossen. Ob 
es noch zu einer Verhandlung vor dem Kammergerichte gekommen ist, oder ob 
der alte, von Kummer jetzt wohl tiefgebeugte Heino gestorben ist, und die Sache 
damit ihre natürliche Erledigung gefunden hat, das habe ich nicht entscheiden 
können. 

Diese Episode ist auch darum nicht unwichtig, weil die Ordnung der Ver- 
waltung in Ebstorf und selbst die Abmachungen mit dem Propste zu Hannover 
für ähnliche spätere Verhältnisse ein Vorbild gewesen sind. Ich habe deshalb 
geglaubt, sie im Zusammenhänge behandeln zu sollen. 

Wir sind hierdurch bereits in eine Zeit geführt, wo man die Lehre Luthers 
im Fürstentum Lüneburg schon offener predigte als im Jahre 1525. Damals 
wagten es die Katholiken noch, unter den Augen des Herzogs auf Luther und 
seine Anhänger zu schelten ; in seiner eignen Residenz war er noch weit entfernt, 
das erreicht zu haben, was er für das ganze Land erstrebte. 

Wir sahen früher, wie der Kampf, den Wolf Cyclop hervorgerufen hatte, 
einem mehr besonnenen und darum nicht minder tiefgehenden Wirken der Pre- 
diger zu Celle Platz gemacht hatte. Die Irrtümer der Gegner suchte man zu 
widerlegen in Predigten und in öffentlichen Unterredungen, die in den Pfarrhäu- 
sern abgehalten wurden. Verhältnismässig schnell kam es zu einem Wiederaus- 
bruch der Feindseligkeiten zwischen den Franziskanern und den Anhängern Lu- 
thers. Die Barfüsser konnten nicht lange ruhig bleiben, sie wollten die früher 
erlittene Niederlage rächen. 

Es war am Thomastage (21. Dezember) 1525, als Bruder Bernhardinus in 


1) Der Rat an den Herzog am 8. Tage 


Corporis Christi (3. Juni) 1529. (Des. 55. Lü* 
neb. 11.) 


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seiner Predigt nicht blos die verordneten Prediger der Stadt Celle, sondern auch 
die Lehre Luthers überhaupt auf das Heftigste angegriffen hatte. Da glaubten es die 
Prediger nicht länger verantworten zu können, dass diese Barfüsser auf diese Weise 
das Volk verführten. Sie wandten sich an die Herzoge, und Bruder Bernhardi- 
nus wurde aufgefordert, seinen Sermon aus der Schrift zu beweisen. Eine öf- 
fentliche Disputation fand statt in Gegenwart der Herzoge, des Rates zu Celle 
und der Kirchenvorsteher; die Zeit derselben ist unbestimmt 1 ). — Der Guardian 
des Klosters Matthias Teufel, den wir schon kennen, stand seinem Ordensbruder 
zur Seite: während Bernhardinus ungeschickt antwortete, „war Teufel wie ein 
Proteus, der seine Gestalt wandeln konnte, um sich aus den Banden, worin ihn 
die Wahrheit schlug, zu befreien“. Auf einen Beweis ihrer Behauptungen aus 
der Schrift Hessen sich die Barfüsser nicht ein; daher befahl der Herzog, bis 
das geschehen sei, soUten sie sich des Predigtamtes enthalten. 

Die Mönche thaten das Ihrige, um sich auf den Kampf, der ihre Exis tenz 
in Frage zu stellen drohte, zu rüsten. Der Guardian zog tüchtige Ordensleute 
an sich; so den Andreas Grove, der noch einmal müncüich verhandeln wollte 
und, als schriftHche Antwort gefordert wurde, vorschlug, die Sache vor eine Ver- 
sammlung anderer GeistHchen zu bringen; natürUch solcher, die ihrem Orden 
günstig gesinnt waren. 

Die Ordensleute, die sich nicht als brauchbar gezeigt hatten, wurden von 
ihren Oberen in andere Klöster versetzt; auch an die SteUe Teufels trat ein 
Mann, der ausgerüstet war mit grossem Wissen und guter Redefertigkeit, und 
der in dem späteren Streite eine grosse RoUe zu spielen bestimmt war, Barthold 
Wethenkamp; neben ihm stand Johann Möller. In Stadt und Land arbeitete 
man, um das Volk auf seine Seite zu ziehen und, wie man aus aUen jenen Ver- 
handlungen ersieht, war ihr Einfluss durchaus nicht zu unterschätzen; ihre An- 
hänger waren noch sehr zahlreich. 

Nicht um jene Predigt drehten sich jetzt die Verhandlungen, sondern um 
die Institution, die von den lutherisch Gesinnten als die Verkörperung aUes 


1) Die Nachrichten sind entnommen der 
Schrift der Celler Prediger: Handeling twy- 
gchen den Barvoten tho Celle und den verord- 
neten Predigern darsnlvest etc. (Der vollstän- 
dige Titel ist oben angegeben). Dieselbe be- 
steht ans verschiedenen Briefen, die zwischen 


den Mönchen und den Predigern gewechselt 
wurden. Ein undatierter Brief der Prediger 
geht dem ganzen Büchlein vorauf, er giebt eine 
Übersicht Über den Gang des Kampfes bis 
zum Drucke der Correspondenz im Anfang des 
Jahres 1527. 


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Schlechten, was der Katholicismus an sich habe, angesehen wurde — um die 
Messe. Am 1. December 1526 war den Mönchen durch „Kanzler, Licentiat und 
Räte“ der Befehl des Herzogs vorgetragen, ihre Lehre aus der Schrift zu be- 
weisen. Auch die Prediger hatten sie im Anfänge December aufgefordert, ihre 
Misbräuche und die Messe abzustellen. Da aber alles dies gar keinen Eindruck 
machte, so wandten sich die Prediger Gottschalk Cruse, Heinrich Bock und Jo- 
hann Matthäi, zu denen inzwischen noch der aus Brandenburg geflohene Matthias 
Mylow hinzugekommen war 1 * * * * ), an den Herzog mit der Bitte, ein Einsehen zu 
haben und dafür zu sorgen, dass nicht bloss hier, sondern auch im ganzen Für- 
stentume die Messe abgestellt werde. Kein Mensch, kein Engel oder irgend eine 
andere Kreatur dürfe das heilige Sacrament, das die rechte Messe sei, anders 
gebrauchen, als Christus verordnet habe. „Nur die rechte Feier kann den Trost 
bringen, den wir darin suchen. Die Barfüsser aber wollen nicht Gottes Glorie 
und des Nächsten Seligkeit durch ihre Messe fördern, sondern wollen selbst Vor- 
teil davon haben“. Zur Ehre Gottes und zum Wohle der Unterthanen würde 
daher die Abstellung derselben gereichen*). 

Das veranlasste nun aber auch Wethenkamp am 21. December ein Schrei- 
ben an die Herzoge zu richten 8 ), das freilich nicht geeignet war, eine den Bar- 
füssern günstige Stimmung zu erwecken. 

Auf eine Vertheidigung seiner Lehre lässt er sich nicht ein; denn er „bü- 
det sich nicht ein, klüger zu sein als alle die gelehrten Leute, wie Faber, Men- 
sing u. a., als die Kurfürsten, Fürsten und Bischöfe des Reiches“. Auf sie — 
die Barfüsser — poche man stets so herzlich und rufe: Schrift! Schrift! Aber 
ehe man sich an sie wende, solle man die Beweise aller jener hochberühmten 
Männer umstossen. Er geht seinerseits sofort zum Angriff über; da die 
Schrift der Prediger ihm gezeigt habe, wie wenig die Aussender derselben von 
der heiligen Schrift verständen, so fühlt er sich gedrungen, sie zu belehren und 
wirft nun eine ganze Reihe von Gegenfragen auf, welche die Behauptungen sei- 
ner Gegner entkräften sollen. „Warum feiert man das Sakrament nicht auch 
am Abend, denn Christus hat es doch zu dieser Zeit gefeiert? Christus war 


1) Er scheint nicht direkt von Brandenburg 

ans nach Celle gekommen zu sein. Am 25. 

November 1524 wuide er in Wittenberg im- 

matriculiert, vgl. Förstemann, Album academiae 

Vitebergensis, p. 123. 


2) Die Prediger an den Herzog, Freitag nach 
Luciae 1526 (Handelyng etc.). 

3) Wethenkamp an die Herzöge, am St. 
Thomae Tage 1526 (Handelyng etc.). 


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doch ein Jude, er hat hebräisch consecriert und nie hat er die Messe gesungen. 
Wie darf es denn Luther unternehmen Noten zur Messe zu machen und deutsch 
zu consecrieren ? — Das ist doch auch nicht schriftgemäss“. 

Persönliche Vorwürfe gegen die Prediger fehlen natürlich nicht Er ver- 
dächtigt ihre Liebe zur Wahrheit; denn nicht diese, sondern Lust am Lästern 
hat jene Schrift hervorgerufen. Da man seine Antwort gewünscht 'habe, so 
wolle er nicht „weltflüchtig“ werden, wie Matthias Mylow, „der auf der Kanzel 
und vor dem simpeln Volke wohl habe stürmen können“, aber als er sich habe 
verantworten sollen vor dem Kurfürsten Joachim, da sei er geflohen. Die Pre- 
diger hätten gut reden; „wen ns ans Greifen geht, so laufen sie fort, damit ihre 
grosse Liebe kund wird“. — Auch auf den Speierer Abschied beruft er sich ; 
denn es sei doch J. F. G. nicht verdeckt, wie nach diesem und nach kaiserli- 
chem Edict der christlichen Kirche Gebrauch ohne alle Widerspräche gehandhabt 
werden müsse. 

In einer längeren Widerlegung der Schrift Wetheukamps, die sie dem Her- 
zoge im Anfänge des Jahres 1527 *) überreichten, heben die Prediger mit Recht 
hervor, dass auf den eigentlichen Kernpunkt der Frage gar nicht eingegangen 
sei. Ihre Antwort ist in jenem Tone mitleidiger Erhabenheit und Überlegenheit 
gehalten, der den schwächern Gegner am meisten erbittern muss. Falls Wethen- 
kamp sich über die rechte Bedeutung des Wortes „Messe“ unterrichten will, so 
empfiehlt man ihm das „Dictioner“ Reuchlins. Wenn die Messe darum gut ist, 
weil die Obrigkeit sie duldet, dann muss auch Ehebruch, Hurerei und Wucher 
gut sein, denn das findet man ja auch sehr viel und meist bei den Geistlichen. 
„Aber der Guardian riecht den Braten wohl, dass es ihnen in der Küche kalt 
und im Keller leer werde, wenn die Messe aufhört“. Sie — die Prediger — 
suchten die Wahrheit, und „was kann das Licht dazu, wenn die Augen blöde 
sind? und was können wir dazu, wenn die Fledermäuse das Licht fliehen, und die 
Schuldigen den Tag hassen und scheuen?“ Wethenkamp spreche, sie sollten 
nicht richten, aber er vergesse, was Christus mit den Pharisäern gethan habe. 
Er weise sie an die Doctoren, um seinen eignen Kopf aus der Schlinge zu zie- 
hen; er wolle zu Felde kommen wie ein Held, aber erst nachdem die Schlacht 


1) Die Prediger an die Herzöge, Donnerstag 


nach Circumcision. 
(Handelyng etc.). 


Domini (3. Januar) 1527 


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geschlagen sei. Während derselben wolle er ausser Schussweite sein; dann aber 
an den Übriggebliebenen als Ritter sich erweisen und das entwirren, was die Doc- 
toren übrig gelassen hätten. — Sie gehen dann auf die Einwürfe des Guar- 
dians ein und weisen nach, dass es nicht auf die äussere Form und Ceremonie, 
sondern auf den Kern beim Sacrament ankomme. Ein Misbrauch sei es, dass 
einer für sich allein esse und trinke, dass nicht in einer allgemein verständlichen 
Sprache geredet werde, und dass die Feier ohne Verkündigung des göttlichen 
Wortes geschehe. Besonders verwerflich aber sei es, dass die Messe gegen Geld, 
und auch für Tote gehalten werde, und dass sie Wein und Brot, ehe man con- 
secriert habe, an Christi Stelle setzten und den himmlischen Vater bäten, das 
Opfer für die ganze Christenheit anzunehmen. 

Auch eine nochmalige mündliche Verhandlung des Herzogs mit den Mön- 
chen brachte weiter nichts als neue spitzige Antworten derselben, so dass der 
Fürst im Anfang desselben Jahres ihnen noch einmal vorhielt, wie redlich er 
sich bemüht habe, sie von ihren Irrtümern abzubringen. Er weist auf jene Ver- 
schreibung hin, wodurch sein Vater und seine Mutter Anteü haben sollten an 
den guten Werken der Barfüsser und in der denselben versprochen wurde, dass 
sie durch das Begräbnis in den Kleidern des Ordens der ewigen Seligkeit teil- 
haftig werden sollten 1 ). „Wenn schon ihre Verführung bei Fürsten, die doch 
gute und getreue Ratgeber haben, so gross ist, wie sehr muss dann der gemeine 
Mann durch sie in das Verderben und um seiner Seelen Seligkeit gebracht wer- 
den!“ Eine solche Gotteslästerung dürfe man nicht länger dulden, man müsse 
darauf bedacht sein, weil sie es nicht selbst thäten, ihr gottloses Wesen 
abzuthun und er — der Fürst — hoffe, dass dies allen Christgläubigen gefallen 
werde, auch handele er kaisL Majestät damit nicht zuwider 2 ). Eine ganz ähn- 
liche Schrift liess der Herzog auch in die Veröffentlichung der Prediger au&eh- 
nehmen und sandte sie bald darauf an die Prälaten und Räte des Fürstentums 
und forderte sie auf, ihm ihren Rat nicht vorzuenthalten. In allem, was Christ- 


1) Affschrift der vorsegelden Vorschrywung 
ynn welcker de Barvoten ohre guden werke 
den andern mildichlich uthdeelen. (Gedruckt 
in der: Handelyng etc.). 

2) Herzog Ernst an die Barfüsser, d. d. 
Zelle, Montag nach Tri um Regum (7. Januar) 


1527. (H. St. A. Verz. der Manuscripte J. 76} 
Mit Hülfe dieser Urkunde lässt sich die in der 
„Handelyng etc.“ abgedruckte Schrift: „Grünt 
und orsake worümb dorch förstlike Overicheit 
den Barvoten de gemeinschop des Volkes ver- 
boden“, genau datieren. 


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73 


lieh und göttlich sei und ohne Verletzung des Gewissens geschehen könne, werde 
er ihnen folgen 1 * * ). 

Wethenkamp hatte trotz seines früheren Mutes und trotzdem er „nicht welt- 
flüchtig werden“ wollte, es doch vorgezogen, seine Person in Sicherheit zu brin- 
gen, als er sah, dass der Herzog vorzugehen drohte. Er hatte sich in das Klo- 
ster seines Ordens zu Lüneburg begeben. 

Aus den Schriften ergiebt sich nicht genau, welcher Art die Massregeln 
waren, die der Herzog gegen die Mönche ergriffen hatte. Wahrscheinlich durf- 
ten sie ihr Kloster nicht verlassen; so ist wohl der Ausdruck, dass ihnen „die 
Gemeinschaft des Volkes verboten“ worden sei, aufzufassen. 

Gegen diese Verfügung erhob Wethenkamp von Lüneburg aus in einem 
Schreiben an den Herzog Protest 1 ). Aber sein Brief war in einem ganz andern 
Tone gehalten, als der frühere. In den demütigsten Ausdrücken bittet er den 
Fürsten, der sich den Brüdern ja bisher so gnädig erwiesen habe, um eine ihm 
gelegene Malstätte zur V erantwortung *). Allein zugleich mit diesem Schreiben kamen 
auch Gerüchte von Lüneburg, die mit der Devotion desselben nicht im Einklang 
standen. Seine Bitte wurde abgewiesen und ihm zugleich energisch Ruhe ge- 
boten*). Der Rat von Lüneburg wurde von den Verhandlungen in Kenntnis 
gesetzt 4 ); es wurde hingewiesen auf die Umtriebe der Mönche, welche „sich be- 
fleissigen sollen, uns bei euch und unser Stadt Einwohnern und sonst auch an- 
zugeben und in die simpeln Gewissen zu bilden, als hätten wir wider Billig- 
keit gegen sie gehandelt“, und der Rat aufgefordert, der „unziemlichen Ausbrei- 
tung“ der Ordensleute „kein Statt noch Glauben zu haben“. Sie sollen ihnen 
den Bericht des Herzogs Vorhalten, welcher auch den Zünften, Gilden und den 
Einwohnern überhaupt vorgelegt werden soll. 

Eine längere Zeit hören wir nichts wieder über den Streit, und der endliche 
Abschluss desselben wird erst verständlich, nachdem wir die Entwicklung der 
Verhältnisse des Landes kennen gelernt haben. 


1) Decret bemelte Barfusser belangend an 

die Prälaten und Räte des Fürstentums (es 

schlie8st sich an die in voriger Anm. angege- 

bene Schrift des H. St. A. an , wo sich die 
Übrigen bislang unbekannten die Barfüsser be- 
treffenden Schriften befinden). Diese Schrift 
ist auch wohl vom 7. Januar 1527 („Datum 


ut supra“). 

2) Wethenkamp an den Herzog, d. d. Lü- 
neburg in unserm Kloster am St. Antonius- 
tage (17. Januar) 1527. 

8) Ernst an Wethenkamp, Montag nach 
Fabiani (21. Januar) 1527. 

4) Ernst an den Rat von demselben Datum. 

10 


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Die Landtage des Jahres 1527. 

Wir haben schon darauf hingewiesen, dass der offene Anschluss der Her- 
zoge an die lutherische Partei hei der katholischen Geistlichkeit des Landes die 
schlimmsten Befürchtungen erregen musste. Sie sannen auf Gegenwehr. Gefahr 
drohte dem Katholicismus natürlich am meisten von dem Fürsten. Gelang es 
diese Gefahr zu beseitigen, so war viel gewonnen. So liess man sich zu einem 
Schritte hinreissen, dessen Folgen auf das Haupt der katholischen Partei zurück- 
fielen. 

Noch lebte der alte Herzog Heinrich der Mittlere in Frankreich, auf Um 
richteten sich die Blicke der Prälaten; er sollte die Regierung wieder überneh- 
men; dann, so hoffte man, konnte man mit Erfolg sich gegen das eindringende 
Luthertum wehren. — Herzog Heinrich war zur Rückkehr bereit Seine Lage 
in Frankreich scheint nicht beneidens werth gewesen zu sein, vom französischen 
Hofe wurde er nur wenig unterstützt, mit seinen Söhnen hatte er sich wegen 
seiner beständigen Geldforderungen überworfen. Sein Ansehen bei dem Könige 
von Frankreich war naturgemäss gesunken, seit er keinen Einfluss mehr im Für- 
stentume hatte; man gab ihm sogar das Scheitern des oben erwähnten Verlo- 
bungsplanes schuld. 

In den religiösen Fragen bestand anfangs ein ziemlich scharfer Gegensatz 
zwischen Ernst und seinen Eltern. Seine Mutter Margaretha, eine gute, wohl- 
thätige 1 ) Frau, war nach dem Urteil Luthers durch die lange Tyrannei der 
Mönche verschüchtert*). Die Franziskaner hatten ihr ja durch die Erlaubnis sich 
in den Kleidern des Ordens begraben zu lassen, die Seligkeit gewissennassen 
garantiert. Luther selbst hat es nach seinen eignen Worten bei ihr an Ermah- 
nungen nicht fehlen lassen; schon im Jahre 1519 hatte er ihr den Sermon von 
der Busse gewidmet 8 ). Dem Einflüsse Cruses scheint es bald gelungen zu sein, 
sie dem Luthertume zu gewinnen, denn schon im October des Jahres 1525 er- 
scheint sie in einem Briefe an den Rat von Bremen 4 ) als Anhängerin der reinen 

1) Vgl. Steffens , hist diplom. Abhandlun- liehe Celler Franziskaner, die in Bremen durch 

gen über Celle p. 245. Disputieren und Predigen Ärgernis erregt hat- 

2) De Wette a. a. 0. II, 559. ten, dann aber in Celle mit ihrem Siege prahl* 

3) Walch, Luthers Werke X, 1477. ten. Die Herzogin bittet den Rat um genaue 

4) Der Brief vom 9. Oct. 1525 betriffb et- 


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Lehre und wünscht auch dem Rate Glück zur Annahme derselben. Ihre letzten 
Lebensjahre wurden verbittert durch das Leid, welches ihr untreuer Mann ihr 
bereitete; sie verlebte dieselben, wie es scheint, in tiefster Zurückgezogenheit am 
Hofe ihres Bruders, des Kurfürsten von Sachsen. 

Heinrich der Mittlere stand der Religion überhaupt ziemlich gleichgültig 
gegenüber; er war weit davon entfernt, ein fanatischer Anhänger des Katholi- 
cismus zu sein. Sein Urteil ging dahin: „Ich bin wohl geständig, dass mir der 
alte Glaube noch zur Zeit bass dehn das neue Wesen gefallt; doch halte ich, 
sie taugen im Grunde beide nichts und bedürfte wohl eines Mittels, dass aus 
beiden ein Guts gemacht würde. Zu welchen Zeiten solches geschieht, will ich 
mich mit der Hülfe Gottes halten, wie einem frommen Christen zusteht, und es 
meines Teils bei dem Abschied zu Speier lassen. Bin wohl zufrieden, wenn ich 
glaube, was mir Gott ins Herze giebt; ein anderer desgleichen thue ul ). 

Der alte Herzog ist keine unsympathische Erscheinung, trotzdem Sinnlich- 
keit ein hervorstechender Charakterzug desselben ist Er war rasch und heftig 
und liebte es nicht, da zu reden, wo er handeln konnte. Jene Anekdote, die 
Hämmenstädt uns von ihm erzählt, charakterisiert ihn ganz: Als seine Räte 

lange zu Ebstorf mit der Stadt Lüneburg wegen der Huldigung verhandelten, 
wurde der Herzog ungeduldig. Eines Morgens ritt er „kurz und gut, in Stiefel 
und Sporen“, ohne irgend einem vorher Mitteilung davon zu machen, in die 
Stadt und erledigte noch an demselben Morgen die ganze Sache zur allgemeinen 
Zufriedenheit 

Wo politische Erwägungen in Frage kamen, da war ihm die Religion Neben- 
sache. Als der Official des Bischofs einst den herzoglichen Vogt zu Winsen ge- 
bannt hatte, da forderte Heinrich die schleunige Aufhebung des Bannes, „sonst 
werde er ihm zeigen, wer Herr im Fürstentum sei“*). 

Auf diesen Mann richteten sich die Blicke aller derer, die mit der Regie- 
rung Ernste unzufrieden waren. — Seit dem Anfang des Jahres 1527 war Ernst 
alleiniger Regent geworden, Herzog Otto war mit Harburg abgefunden worden ®). 


Auskunft über diese Vorgänge. Gedruckt Bre- 
mer Jahrbuch, Serie 2. Bd. 1. p. 53 f. 

1) Die Urkunde (aus dem H. St. A. im 
Auszuge gedruckt bei Havemann a. a. O. p. 99, 
Anm. 1) ist von der Mitte des Jahres 1528. 
(Auch Elvers hat sie in seinem Discursus hi- 


storico-politicus benutzt). Havemann giebt das 
Datum derselben nicht an. 

2) Havemann a. a. 0. p. 98. 

8) Havemann a. a. O. führt die Urkunde 
(Montags nach Antonii (21. Januar) 1527) aus 
dem H. St A. an. 


10 * 


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Das beschleunigte wohl die Rückkehr des alten Herzogs und konnte vielleicht 
als Handhabe gegen Ernst dienen. Er versuchte gerade in dieser Zeit seinen 
Frieden mit dem Kaiser zu machen. Sein Schwager, Kurfürst Johann, verwandte 
sich für ihn hei Karl V. und veranlasste auch Heinrich von Nassau Fürbitte 
einzulegen 1 2 ). Die Bitten wurden hinfällig durch das Vorgehen Heinrichs des 
Mittleren. „Auf den Rat etlicher Prälaten“, wie Schomaker ausdrücklich be- 
richtet, verliess er Frankreich. Mit der festen Absicht, die Regierung selbst 
wieder zu übernehmen, kam er im Anfang April in das Land seines Sohnes und 
begab sich nach Winsen a. d. Luhe*). 

Alles stand auf dem Spiele das, was schon gewonnen war, und die Frucht 
künftiger Jahre, wenn es Heinrich gelang, sich im Lande einen Anhang zu ver- 
schaffen und gegen seinen Sohn erfolgreich aufzutreten. Aber die Aufnahme 
des Herzogs mag nicht so ausgefallen sein, wie er erwartet und man ihm viel- 
leicht vorgespiegelt hatte. Sein Schuldenmachen stand noch im frischen Anden- 
ken und war eine Gefahr für das Land, gegen die man sich schützen musste. 
Auch kann man jetzt wohl schon von einer lutherischen Partei im Lande reden, 
die natürlich völlig auf Seiten Ernsts stand. 

Eiligst rief der Herzog auf Gründonnerstag (18. April) 1527 einen Landtag 
nach Scharnebeck zusammen, und es scheint ihm dort ohne grosse Schwierigkeit 
gelungen zu sein, den Beschluss herbeizuführen: „dass dem alten Herrn sein 
Mutwille solle gesteuert werden“*). 

Als Herzog Heinrich von diesem Beschlüsse Kunde erhielt, begab er sich 
sofort, noch am Charfreitage (19. April) in die Stadt Lüneburg, deren Abgeord- 


1) Kurf. Johann an den Kaiser, Torgau 20. 
April 1527 und an Heinrich von Nassau. (Ernest. 
Ges. Archiv in Weimar). Er betont besonders, 
dass Heinrich der Mittlere sich von Franz I, 
zu keinem Kriege gegen Karl V. habe brauchen 
lassen. 

2) Es war nach Schomaker „circa Palma- 
rum“ 1527, man kann also nicht den Tag sei- 
ner Rückkehr ganz genau bestimmen, wie Ha- 
vemann dies (p. 97)thut, indem er das „ circa“ 
unbeachtet lässt. 

8) Der Landtag zu Scharnebeck, für den 
die Chronik Schomakers die einzige originale 
Quelle ist (Hämmenstädt ist daraus abgeleitet), 
hat in der Reformationsgeschichte des Fürsten- 
tums eine gewisse Berühmtheit erlangt. Man 


hat auf ihm die Stände den ersten Beschluss 
über die Einführung der Reformation fassen 
lassen. Wenn man nun auch zugiebt, das s die 
Veranlassung nahe lag, in Scharnebeck über 
die Religion zu verhandeln, so berechtigen uns 
die vorhandenen Quellen doch nicht dazu, zu 
behaupten, dass hier ein derartiger Be- 
schluss gefasst wurde. Es ist das eben 
nur eine Vermutung; andere Zeugnisse lassen 
es gewiss erscheinen, dass der Beschluss erst 
später gefassf wurde. Auch damit kann ich 
mich nicht einverstanden erklären, dass man, 
wie dies Uhlhorn thut und andere vor ihm gethan 
haben, den bei Jacobi I. p. 134 ff. abgedruck- 
ten Landtagsabschied vom August 1527 einfach 
auf den Landtag zu Scharnebeck bezieht. 


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77 


nete ebenfalls in Scharnebeck gewesen waren, die aber doch wohl ein geheimes 
Einverständnis mit ihm unterhielt Er schlug hier vorläufig seinen Wohnsitz im 
Fürstenhause auf, und die Stadt gab ihm, was er zum Leben nötig hatte 1 ). 

Allein das gegenseitige Wohlgefallen, welches man zunächst an einander 
pfand, dauerte nicht lange. Herzog Ernst forderte von dem Rate, er solle 
dem alten Fürsten den Aufenthalt in der Stadt nicht gestatten und erklärte, dass 
er etwaige Schulden desselben nicht bezahlen werde. Das hatte zunächst zur 
Folge, dass die täglichen Lieferungen auf hörten *). Auch von anderer Seite wurde 
der Rat aufgefordert, den Herzog nicht zu unterstützen 8 ). Ernst suchte eine 
Versöhnung mit seinem Vater, aber er verlangte, dass zuvor die Ungnade des 
Kaisers beseitigt, die alte Freundschaft mit den braunschweigischen Vettern und 
der Friede mit seiner Mutter wieder hergestellt werde 4 ). Natürlich war dabei 
Voraussetzung, dass Heinrich sich jedes Eingriffs in die Regierung enthalten 
werde. Er hatte es nämlich versucht sich in die Angelegenheiten seines Sohnes 
einzumischen, so erliess er in Sachen des Propstes von Ebstorf eine Verfügung, 
deren Annahme natürlich verweigert wurde 5 ). 

Die strengen Erlasse des Herzogs, sowie die Furcht, Heinrich könne 
ihnen dauernd zur Last fallen, bewirkte bei dem Rate von Lüneburg eine völlige 
Änderung in der Stimmung; so dass der alte Herzog jetzt bitten musste, ihn 
nicht aus der Stadt zu treiben; er halte dort ja nicht sein Hof-, sondern nur 
sein Notlager, er wolle selbst Bürgerpflicht leisten und seine Diener dem Rate 
schwören lassen. Er habe bereits die nötigen Schritte zu einem Ausgleich mit 
dem Kaiser und zur Versöhnung mit den braunschweigischen Vettern und seiner 
Gemahlin gethan*). Auch seine Tochter Elisabeth, sowie deren Gemahl, Herzog 
Karl von Geldern verwandten sich bei dem Rate für ihn 7 ); und so blieb denn 


1) Da das Fürstenhaus (am einen längeren 
Aufenthalt der Herzoge in der Stadt zu ver- I 
hindern) keine Küche hatte, sandte der Soth- 
meister ihm täglich acht Gerichte und vier 
Stübchen Wein (Schomaker). 

2) Schomaker a. a. O. fügt hinzu: Actum 
Jubilate, und Hämmenstädt sagt: Herzog Hein- 
rich lag binnen Luneborch bet Fiydag na Ju- 
bilate (17. Mai). Das ist aber nicht richtig, 
sein Aufenthalt hat noch länger gedauert, es 
bezieht sich dies wohl nur (wie bei Schomaker) 
auf das Aufhören der täglichen Lieferungen. 


j 3) So vom Kurfürsten Joachim von Bran- 
I denburg. 

4) Havemann a. a. 0. p. 100. 

5) Heino an die Lüneburger Landschaft, 
Freitag nach Georgii, und der Kanzler an die 
Räte des Fürstentums, am Tage Thomae apli. 
1527 (H. St. A. Des. 55. Ebstorf 1). 

6) Auszug aus der Urkunde, d. d. Donner- 
stag nach Mariae Magdal. (23. Juli) 1528 bei 
Havemann p. 100. Anm. 3. Vgl. auch Elvers, 
Diseurs., der diesen Brief ebenfalls kennt. 

7) Elvers a. a. 0. 


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78 


Heinrich in der Stadt, bis ein Ausgleich mit seinem Sohne herbeigeführt wurde. 
Derselbe wurde freilich, obwohl ihn der Herzog jetzt selbst zu wünschen schien, 
dadurch verzögert, dass er sich zu einem Schritte hinreissen liess, der ihm sehr 
schadete und ihm den letzten Rest von Achtung raubte, der bei seinen wenigen 
Freunden noch übrig geblieben war. Bald nach dem Tode seiner Gemahlin 
Margaretha, die am 7. December 1528 zu Weimar starb 1 ), ging er eine neue 
Ehe mit seiner damaligen Geliebten ein, die der „Papenmeister“ Dietrich Rhode 
in Lüneburg kirchlich einsegnete 2 3 ). 

Im Juni des Jahres 1529 kam es dann endlich zu einer Versöhnung*). 
Heinrich wiederholte seinen Verzicht auf die Regierung, und es wurde ihm eine 
jährliche Rente von 700 Goldgulden ausgesetzt 4 ). Vorläufig blieb er in Lüneburg 
und Ernst hatte auch, nachdem sein Vater im Jahre 1530 von der Acht gelöst 
war 5 ), die Absicht ihm das Fürstenhaus dort zum ständigen Wohnsitz anzuwei- 
sen, allein dies betrachtete der Rat als einen Eingriff in seine Freiheiten®), und 
Ernst musste nachgeben. Den Rest seines unruhigen Lebens verbrachte Hein- 
rich der Mittlere in Wienhausen; hier ist er denn bereits im Jahre 1532 ge- 
storben’). 

Der Tag von Scharnebeck bedeutet einen grossen Erfolg Herzog Ernsts: 
die alten Anhänger wurden nur noch enger an ihn gefesselt, und neue wurden 
gewonnen durch den errungenen Sieg. So konnte er daran denken jetzt noch 
weiter vorzugehen. Nicht ohne Bedeutung war es für ihn, dass er im Juni 
1527 auf der Hochzeit des Kurprinzen Johann Friedrich mit Sybilla von Cleve 


1) Spalatin bei Mencken II, 1102. 

2) Ob dies gerade Anna von Campe, seine 

frühere Geliebte gewesen ist, darüber sagt un- 
sere Quelle (Hämmenstädt) nichts: Der Fürst 

sei „mit dieser lichtferdigen Plage sunderlich 
vorhafft“ gewesen. 

Die Urkunde, in der Herzog Ernst über 
diese Heirat klagt, führt Havemann p. 102 an, 
leider ohne Datum. 

3) Der nochmalige Aufenthalt in Frankreich, 
den Havemann p. 103 annimmt, ist gar nicht 
bezeugt. Er könnte nur in die Zeit von De- 

cember 1528 (Heirat Heinrichs nach dem Tode 
Margarethas) bis zum Juni 1529 (Verzichtur- 
kunde) fallen. Ich habe keine Spur davon ge- 

funden. 


4) Die Urkunde ist vom Dienstag nach Boni- 
facius (8. Juni) 1529. Vgl. Havemann p. 131, 
Anm. 2. 

5) Die Lösung aus der Acht geschah auf 
Fürbitte Erichs v. Calenberg und Heinrichs von 
Wolfenbüttel, Die Urkunde darüber gedruckt 
bei Lünig, Bd. 9 p. 408 ff. 

6) Der Rat an den Herzog, Mittwoch nach 
Vincula Petri 1531 (Copie. Des. 55, 8). 

7) Über den Todestag sind verschiedene 
Angaben vorhanden: Schomaker giebt Invoca- 
vit (17. Februar), Hämmenstädt Montag nach 
Invocavit (18. Februar), am besten ist wohl die 
Nachricht des Necrologs von Wienhausen, 25. 
Februar: Zts. d. hist. Vereins f. Niedersachsen. 
1855, p. 232, Anm. 34. 


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79 


za Torgau anwesend war. Er traf dort mit Luther zusammen, und es lässt sich 
vermuten, dass er sich mit ihm sowie mit den Fürsten von Sachsen über seine 
nächsten Schritte in Sachen der Religion beraten hat Eine Anekdote ist frei- 
lich das einzige, was uns von seinen damals mit Luther geführten Gesprächen 
erhalten ist Herzog Ernst, einer der sittenstrengsten Fürsten seiner Zeit, klagte 
über das unmässige Saufen an den deutschen Fürstenhöfen. „Da solltet ihr Für- 
sten und Herren dazu thun“, antwortete Luther. Darauf der Herzog: „Ja, lie- 
ber Herr Doctor, wir thun freilich dazu; es wäre sonst längst abkommen“ *). 

Ohne Einfluss wird diese Begegnung nicht gewesen sein ; vielleicht ist durch 
sie der Befehl hervorgerufen, den Ernst jetzt an seine Prediger zu Celle ergehen 
liess: die Misbräuche, die sich bei den Pfarren im Fürstentum Lüneburg fänden, 
in ein Buch zu verfassen*). Am 3. Juli 1527 überreichen die „verordneten Pre- 
diger zu Celle“ (ihre Namen sind nicht einzeln angegeben) ihre Schrift dem 
Herzoge*). Sie ersuchen ihn in der Vorrede, die Artikel zu prüfen und ihre Be- 
folgung anzubefehlen, bis sie durch gemeine christliche Ordnung verbessert und 
vollkommen gemacht worden seien. „Nun wird“, so heisst es in der Vor- 
rede weiter, „ungezweifelt L F. G. vor Gott sich schuldig erkennen, in einer 
wohlgeschickten, löblichen Landordnung dies vor allen Dingen höchsten Ernstes 
zu verschaffen, dass zuerst die gebührliche, wahrhaftige Ehre Gottes, demnächst 
aber rechte und billige Ordnung und Wege aufgerichtet, gefördert und gehand- 
habt werden, dass dergestalt in der Gemeinheit Ruhe und Einigkeit leiblich, 
Friede und Freude geistlich möge erhalten werden. Dazu werden L F. G. nicht 
allein von geistlichen Dingen, sondern auch von der Ehre oder Unehre Gottes, 
von dem Gedeihen oder Verderben der Seele, so viel bei I. F. G. des Verstan- 
des oder Vermögen gewesen, für ihre Unterthanen dem Allmächtigen Rechen- 
schaft ablegen müssen. Darum gefrösten wir uns, I. F. G. werden aus diesen 
und andern unvermeidlichen Ursachen dermassen bei den angeführten Gebrechen 
gnädiglich und ernstlich ein Einsehen haben, dass der armen einfältigen Unter- 


1) Bünting, Braunschweig - Lüneburgische 
Chronik p. 88. Er giebt die Hochzeit aber ein 
Jahr zu früh an: 2. Juni 1526. 

2) Wiederholt sagt der Herzog in seinen 
Urkunden, dass er die Abfassung des Artikel- 
Buches veranlasst habe; so in dem Schreiben 
an den Rat von Lüneburg, d. d. Isenhagen, Di- 


I vision. apostol. 1529 (L. A.). 

8) Artikel darinne etiike mysbruke b j den 
Parren des Förstendomes Lüneborg entdecket, 
unde dar gegen gude ordenynge angegeven wer- 
den, mit bewy singe und vorklarynge der schrifft. 
Vgl. Richter, die evang. Kirchenordnungen des 
16. Jahrhunderts I, 70 ff. 


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thanen Gewissen dadurch gerettet und getröstet, der Allmächtige aber in Ewig- 
keit dafür möge gepriesen werden“. 

Diese Gedanken über den Beruf eines christlichen Fürsten, die wir hier 
für das Fürstentum Lüneburg zuerst ausgesprochen finden, hat Ernst sich zu 
eigen gemacht und häufig in seinen Erlassen wiederholt 

Das sog. Artikel-Buch zerfallt in zwei Teile, in dem ersten werden die ab- 
zuschaffenden Misbräuche in 21 Artikeln festgestellt, im zweiten folgt der Beweis 
ihrer Unrichtigkeit aus der heiligen Schrift. Das Büchlein ist, wie das meiste 
in der damaligen Zeit, was nicht gerade aus der herzoglichen Kanzlei kam, in 
niederdeutscher Sprache geschrieben. 

An die Spitze wird die Forderung gestellt, die auch Ernst schon früher, 
wie wir sahen , ausgesprochen hatte , dass jeder Pfarrherr in eigner Person an 
seiner Kirche wirken soll. Lauter, klar und rein soll er das Evangelium pre- 
digen; Fabeln und andere unnütze „Wascherei“ vermeiden. Christus allein und 
die Liebe des Nächsten möge gepredigt werden (Art. 2). Kein Pfarrherr soll 
für alle Zeiten eingesetzt werden. Die Obrigkeit muss Macht haben, die Säumi- 
gen zu strafen, an die Ungeschickten ihr Mass anzulegen und die Kranken za 
versorgen (Art. 3). Jede Gemeinde soll durch Einsehen der Obrigkeit angehal- 
ten werden, dass ihr Pfarrer und die Kirchendiener eine genügende Versorgung 
haben (Art 4), aber alle Amtshandlungen sollen frei sein, nur den Vierzeiten- 
pfennig darf der Pfarrer fordern (Art. 5). Die Geistlichen sollen sich eines ehr- 
baren Lebens befleissigen; wem es nicht gegeben ist, keusch zu leben, der soll 
sich in den Ehestand begeben (Art. 6). Die Gelübde der Klosteijungfrauen dür- 
fen nur von solchen, die zu beständigen Jahren gekommen sind, und auch dann 
nicht auf ewige Zeit abgelegt werden (Art. 7). Fasten und die Feier der Fest- 
tage (mit Ausnahme des Sonntags) soll man in eines jeden Belieben stellen, aber 
solche Feste, wie Hagelfeier u. a., deren sich die Bauern in abergläubischer 
Weise bedienen , sollen abgeschafft werden ; dagegen soll bei gegenwärtiger Not 
(wie schlechtem Erntewetter) im Gotteshause ein Gebet mit vorheriger Ermah- 
nung aus der Schrift stattfinden (Art. 8—11). Wallfahrten nach Bildern und 
die Bettelei, die besonders bei Geistlichen und Ordensleuten ein Gräuel ist, soll 
abgeschafft werden; aber man soll eine Ordnung schaffen, durch welche die 
Hausarmen versorgt werden und nicht zu betteln brauchen (Art. 12 — 14). Messe 
soll nicht um Geld gehalten werden. Es soll dabei das Wort Gottes gepredigt 


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81 


und eie soll Sonntags und nicht an andern Tagen, wenn keine Communi- 
canten da sind, gefeiert werden (Art 15). Vigilien, Seelenmessen, Kalande 
und Brüderschaften sollen ahgethan werden, ebenso Gesänge zu Ehren Marias, 
auch soll man kein Wachs, Wasser, Salz u. dgl. weihen (Art 16. 18. 19). Die 
Toten sollen ehrlich mit einer kurzen Ermahnung für die Lebenden begraben 
werden (Art 17). Bei der Taufe soll deutsch geredet werden, damit nicht mehr 
so leichtfertig wie bisher bei der Übernahme der Pathenschaft verfahren wird 
(Art 20). Alle diese Artikel sollen so gelehrt und ausgelegt werden, dass die 
Schwachen nicht geärgert werden und die Ruchlosen keine „Freiheit fassen“ 
(Art 21). 

Das ist in kurzen Worten der Inhalt der Artikel. Es zeigt sich auf den 
ersten Blick, wie vorsichtig sie abgefasst sind, „damit die Schwachen nicht ge- 
ärgert werden“. Für das Abendmahl unter beiderlei Gestalt behält man den 
Namen Messe bei; auf die Klöster wird nur wenig eingegangen, nur über das 
Klostergelübde der Nonnen wird gesprochen. Die Artikel sind die erste Kirchen- 
ordnung des Fürstentums Lüneburg geworden und sind es längere Zeit gehlie- 
hen, ergänzt wurden sie erst in einigen Punkten durch die herzoglichen Verfü- 
gungen vom Jahre 1543. 

Das Artikel-Buch sollte nun — dazu hatte es der Herzog bestimmt — den 
Ständen des Fürstentums zur Annahme vorgelegt werden und zwar schon in 
nächster Zeit 

Ein neuer Landtag war ausgeschrieben auf die Woche nach dem Tage 
Laurentii (10. — 17. August), wir können nur ungefähr die Zeit desselben ange- 
ben, auch den Ort kennen wir nicht 1 ). — Zur Verhandlung lagen zwei hoch- 
wichtige Sachen vor; es sollte über die Schulden und über die Religion beraten 
werden. Nur sehr spärlich sind wir über die Teilnahme und über die äusse- 
ren Ereignisse des Tages unterrichtet. Nachweisen lässt sich ziemlich si- 
cher die Anwesenheit des Abtes Boldewin s ) ; die Partei der Prälaten muss hier 
sogar, wie sich aus den Beschlüssen des Landtages ergiebt, ziemlich stark ge- 


1 ) Dürft© man annehmen, dass die von Her- 
zog Ernst erlassene „Verschreibung an die 
Stände“ unmittelbar am Schluss des Landtages 
erlassen wäre, so hätte der Landtag zu Celle 
stattgefunden, da von hieraus die Urkunde er- 
lassen ist. Dieser Schluss würde aber bei je- 


dem andern Orte sicherer sein als gerade bei der 
herzoglichen Residenz. 

2) Seine Anwesenheit ergiebt sich aus der 
Vorrede der „Verschreibung“. Davon, dass sich 
früher die Prälaten geweigert hätten, auf den 
Landtagen zu erscheinen (Ranke H, 322), findet 
sich keine Spur. 


11 


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wesen sein. Das Resultat des Landtages liegt uns vor in einer Urkunde, die 
Herzog Ernst am Sonnabend nach Laurentii (17. August) 1527 von Celle aus 
erliess 1 ); wir können daraus manche Schlüsse über die Verhandlungen des Land- 
tages ziehen. 

Das Ergehniss war in betreff der Schuldenfrage für den Herzog ein sehr 
günstiges, allein es musste mit grossen Gegenleistungen erkauft werden. Die 
Landschaft übernahm es, die Pfennigschuld, über die ein Register vorgelegt 
worden war, zu bezahlen, dafür wurde den Ständen eine ganze Reihe Rechte 
teils neu erteilt, teils wieder bestätigt. Allgemein werden alle Privilegien bestätigt; 
zur Erhaltung derselben dürfen sich die Stände jederzeit frei versammeln. Holz- 
und Jagdrecht, sowie die Patrimonialgerichtsbarkeit werden besonders gewähr- 
leistet Nur mit Bewilligung aller Stände dürfen Steuern ausgeschrieben, Fehden 
angesagt und Bündnisse geschlossen werden. Die Bezahlung der herzoglichen 
Schulden ist keine Pflicht, die Stände brauchen nicht für Schulden zu bürgen, 
wozu sie keine Ursache gegeben haben. Die Burgfestdienste werden beschränkt; 
die Gewalttaten der herzoglichen Amtleute verboten; gegen den Herzog kann 
bei den Räten des Fürstentums geklagt werden. Die Hofhaltung des Herzogs 
soll beschränkt werden. Leidet ein Ritter in seinem Dienste Schaden, so soll 
ihm derselbe ersetzt werden. Die Gerichtspflege soll eine schnelle sein; eine 
Gerichtsordnung soll vereinbart werden. 

Die Gegenleistungen des Herzogs sind, wie man sieht, nicht unbedeutend. 
Auch auf die religiösen Fragen, die hier beraten wurden, wird die Schuldenfrage 
nicht ohne Einfluss gewesen sein. Die Partei der Prälaten war noch immer 
stark genug, um eine Forderung des Herzogs zum Scheitern zu bringen. Wollte 
derselbe ihre Zustimmung zu der Übernahme der Pfennigschuld durch die Land- 
schaft gewinnen, so musste er auch ihnen gegenüber noch besondere Opfer bringen. 

Ausdrücklich liessen sich jetzt die Klöster die freie Election der Pröpste 
bestätigen, freilich nach vorheriger Nomination etlicher Personen durch den Für- 
sten. Das war eine Bestätigung des Zustandes, wie er sich (wie gezeigt ist) 
seit längerer Zeit herausgebildet hatte. Aber dieselbe war gerade in dem jetzigen 
Augenblicke, wo der Bestand der Klöster jeden Augenblick in Frage gestellt 
werden konnte, durchaus nicht unwichtig*). 

1) Gedruckt bei Jacobi , Landtagsabschiede 2) In seinem Schreiben vom Tage Egidii 
1) 184 ff. (1. Sept.) 1527 beruft sich Heino von dem Wer- 


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83 


Der Herzog wünschte, die Annahme des Artikelbuches und damit die Gül- 
tigkeit der Vorschriften desselben für das ganze Land durchzusetzen. Er legte 
dasselbe auf diesem Landtage den Ständen vor und forderte besonders die Geist- 
lichen zur Prüfung desselben auf. Fänden sie darin nichts gegen die Heilige Schrift, 
so möchten sie die Ordnung gütlich aufhehmen und nach ihr in „Kirchendiensten 
und Sachen des Gewissens unvorweislich handeln“. Damit man aber genügende 
Zeit habe, die Sache zu prüfen, oder sich mit Schriftverständigen zu besprechen, 
wolle er den geistlichen Bäten das nächste Vierteljahr Zeit dazu geben und noch 
mehr, wenn sie daran nicht genug hätten. Der Vorschlag, so milde er war, 
wurde zurückgewiesen ; nicht einmal auf eine Prüfung des Buches wollte man sich 
einlassen. Es gelang aber dem Herzoge doch noch, einen Beschluss herbeizu- 
führen: „Mit gemeiner Verwilligung der Prälaten, Stände und aller Mannschaft 
wurde erhalten beschlossen und allerseits angenommen, Gottes Wort überall 
in des Fürstentums Stiftern, Klöstern und Pfarren rein, klar und ohne menschlichen 
Zusatz predigen zu lassen“. Und mit diesem Abschied „ist ein jeder friedlichen 
abgezogen“. So giebt der Herzog in einem Schreiben an den Rat von Lüne- 
burg den Inhalt desselben an *). Allein es war noch eine Beschränkung zu Guu- 


der der Landschaft gegenüber auf dieses Ver- 
sprechen. 

1) Nach dem Vorgänge von Schlöpke hat 
man die Vorlage des Artikel-Buches erst auf ei- 
nen Ostern 1529 gehaltenen Landtag gesetzt 
und hat dann entweder nur zwei Landtage 
(Uhlhorn bezieht die ^Verschreibung“ vom Au- 
gust 1527 auf den Landtag von Scharnebeck 
und nimmt dann im August keinen mehr an) 
oder drei, auf denen in betreff der Religion ver- 
handelt worden sei, angenommen. Auf allen 
dreien ist dann im Grunde dasselbe beschlossen 
worden, nur durch verschiedene Worte hat man 
das Resultat verändert. 

Meine Bemühungen Ostern 1529 einen 
Landtag nachzuweisen , waren vergeblich , er | 
findet sich zuerst bei Schlöpke. Im Februar 
1529 hat freilich einer stattgefunden, aber der 
vorhandene Abschied bezog sich nur auf eine 
Verhandlung mit der Stadt Lüneburg. 

Bei meiner Ansicht über diese Landtage 
stütze ich mich auf das erwähnte Schreiben des 
Herzogs an den Rat von Lüneburg, d. d. Isen- 
hagen, Division. Apostol. (15. Juli) 1529 und 
ein ähnliches an das Kloster St. Michaelis, d. d. 


Lüne am Tage Margarethae (13. Juli) 1529. 
(Das Original des ersteren befindet sich im L. 
A., eine Copie des letzteren im H. St. A. Des. 
49. Reform, der Stifte und Klöster 1). 

Der Herzog rechtfertigt in diesen Schreiben 
sein Vorgehen gegen die Klöster im Juli 1529 
i und geht dabei auf die Verhandlungen eines 
Landtages ein (ohne dessen genauere Zeit an- 
1 zugeben). Dass dies ein Landtag gewesen ist, 
der Ostern 1529 abgehalten wurde, ist ganz 
unmöglich ; denn der Herzog sagt darin : dass, 
obwohl der angegebene Abschied allseitig an- 
genommen worden sei , derselbe doch bei den 
Geistlichen in Vergess gekommen sei. Das habe 
er nicht erwartet, da es nun aber geschehen sei, 
habe er mit Geduld und und Schmerzen eine 
Zeit her den Abbruch göttlicher Ehre und viel- 
fältiges Ärgernis getragen. — Wenn nun aber, 
wie man das angenommen hat, der Herzog 
Ostern 1529 den Geistlichen auf dem Landtage 
das Artikel-Buch zur Prüfung übergab und ih- 
nen ein Vierteljahr oder länger Zeit dafür ge- 
währte, wie kann er dann kaum ein Vierteljahr 
nach dem Landtage schreiben, er habe eine Zeit 
her mit Schmerzen das angesehen, dass der Ab- 

11 * 


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8t en der katholisch Gesinnten gemacht worden, die sich ans der „Verschreihang“ 
des Herzogs vom 17. August ergiebt: Den Vorständen und Prälaten der Klö- 
ster, den Stiftern Bardowik und Ramelsloh und der Ritterschaft wurde es in den 
von ihnen abhängigen Kirchen „in ihr Gewissen gestellt, es mit den Ceremo- 
nien zu halten, wie sie es vor Gott verantworten könnten“. Ebenso nahm auch 
der Herzog — und das ist sehr wichtig — für sich das Recht in Anspruch: 
„In den Kirchen;, so von uns oder Ausländischen zu Lehen gehen, wollen wir 
mit Oeremonien und Verkündigung des göttlichen Wortes es also zu halten uns 
Vorbehalten haben, als wir das vor Gott, auch kaiserlicher Majestät und mennig- 
lichem zu verantworten verhoffen und wollen“. 

Indem der Herzog die Forderung der katholischen Partei in betreff der Ce- 
remonien gewährte, musste er sich sagen, dass damit eine Einwirkung auf die- 
selbe in religiösen Sachen ausgeschlossen war, wenn man wenigstens anscheinend 
das Wort Gottes predigte. Denn unter dem Ausdruck „Oeremonien“ können 


schied nicht befolgt worden sei? 

Ich erkläre mir den Irrtum bei Schlöpke 
auf folgende Weise: Schl, kannte das Schreiben 
an den Rat (er giebt das Datum desselben an), 
aber nicht genau genug. Aus dem Vorschläge 
des Herzogs, den Prälaten ein Vierteljahr Zeit 
zur Prüfung des Artikel-Buches geben zu wol- 
len, kam er durch ungefähre Berechnung dazu, 
einen Landtag auf Ostern 1529 anzusetzen, und 
das Vorgehen des Herzogs wurde dann dadurch 
erklärt, dass bis Juli 1529 noch keine Antwort 
der Prälaten eingetroffen war. 

Nun ist in der „Verschreibung“ vom 17. Au- 
gust 1527 die Verfügung des Herzogs erlassen: 
„Als dan auch auf vorigem gehaltenen Land- 
tage es der massen verlassen, angenommen und 
bewilligt, wollen wir mit den Oeremonien zu 
halten, den Vorständen und Prälaten der Klö- 
ster (dasselbe wird später von den Stiftern Bar- 
dowik und Ramelsloh und von der Ritterschaft 
gesagt) in ihr Gewissen heimgestellt und gege- 
ben haben, also in den Klöstern im Fürstentum 
gelegen und den Pfarrkirchen als von ihnen zu 
Lehen gehen, zu handeln, dass sie es vor Gott 
mögen bekantstehen ; doch unbeschadet, 
dass sie sich des jüngst bewilligten 
Abschieds halten und in ihren Kir- 


chen und Klöstern das Evangelium 
lauter, rein und ohne menschlichen 
Zusatz verkündigen und den befohle- 
nen Seelen predigen lassen“. Dieser 
eigentliche Hauptbeschluss des Landtages stimmt 
mit dem Abschiede, welchen Ernst in seinen 
beiden Schreiben erwähnt, fast wörtlich überein, 
und das zwingt uns , den Landtag , von dem 
Ernst redet, bereits in das Jahr 1527 vor den 
17. August zu setzen. 

Das kann aber nicht der Landtag zu Schar- 
nebeck gewesen sein; denn das Artikel-Buch 
wurde auf dem Landtage vorgelegt und dasselbe 
wurde erst am 3. Juli dem Herzoge überreicht. 

Meine Annahme, dass der Landtag in die 
Woche nach Laurentii (10. — 17. August) fällt, 
wird dadurch gestützt, dass der Propst Heino 
von dem Werder am 12. August (Montag nach 
Laurentii) an „Abt Boldewin, Prälaten, Räte, 
Mannschaft , Städte und alle Stände des Für- 
stentums 14 gegen den Herzog eine Klageschrift 
richtet, auf die derselbe von den Ständen am 
1. September 1527 bereits eine Antwort erhal- 
ten hatte. 

Endlich will ich noch erwähnen, dass Ernst 
gerade um Ostern 1529 nicht im Fürstentums, 
! sondern auf dem Reichtage in Speier war. 


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sich alle möglichen Misbränche verstecken, und es ist dasselbe hier wohl nicht 
einfach mit „Liturgie“ identisch 1 ). 


Folgen des Landtages vom Angast 1627. 

Der Herzog hatte sich auf dem Landtage dasselbe Recht Vorbehalten, welches 
er den Eltern, Stiftern und der Ritterschaft hatte einräumen müssen; und das nicht 
bloss für die Kirchen, die von ihm selbst, sondern auch für die, welche von Aus- 
ländischen zu Lehen gingen. Das war wieder ein Schritt weiter; denn damit 
war die Aufhebung des „jus patronatus“ des Bischöfe ausgesprochen, und der 
Herzog nahm in den bisher bischöflichen Kirchen des Fürstentums, deren es eine 
ganze Anzahl gab, das Patronat in seine eigne Hand. 

Die Thätigkeit des Herzogs in den nun folgenden beiden Jahren richtete 
sich darauf, in den ihm unterstellten Kirchen die Reformation auf Grund des 
Landtagsbeschlusses durchzuführen. Das Artikel-Buch bildete dann für die re- 
formierten Kirchen die Kirchenordnung, nach der sich die Pfarrer zu richten 
hatten. Auch danach wird der Herzog getrachtet haben, möglichst viele von 
der Ritterschaft zu gewinnen, damit auch in ihren Patronatskirchen die päpstli- 
chen Misbräuche abgeschafft werden konnten. Eifrig unterstützt wurde er darin 
von seinem Kanzler Förster, der ja bei „Fürsten und Edlen, Äbten und Pröp- 
sten und Nonnen, Blutsverwandten und Schwägern“ für die Beförderung der Re- 
formation thätig war und „an allen Orten einen Prediger der Wahrheit gab“. 

Nur von verhältnissmässig wenig Kirchen des Fürstentums kennen wir ge- 
nau den Zeitpunkt der Einführung der Reformation, aber doch finden wir gerade 
in dieser Zeit, dass eine Reihe von Orten sich der Reformation anschliesst 1526 
war bereits Burgdorf zum Luthertum übergetreten. In Uelzen wurde 1527 We- 
maring aus Stade erster lutherischer Propst. In Dannenberg hob der Rat im 
Jahre 1528 die Gilden auf, der katholische Propst Matthias Dorheide trat in 
den Ehestand (er wurde später Bürgermeister) und Matthias Mylow, bisher in 
Celle, wurde dort Pastor*). In demselben Jahre wurde Johann Prühl erster evan- 

1) Havemann a. a. 0. p. 105, nach Geb- 2) Vaterländ. Archiv 1820: Sultemeier, zur 
hardi Bd. 14. Geschichte Dannenbergs, p. 230 und 289. 


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86 


gelischer Prediger zu Lüchow 1 2 3 ) und Henning Kelp zu Walsrode*). 1529 wer- 
den in Bergen, einer Patronatskirche des Klosters St Michaelis 8 ), und in Ame- 
lingshausen der Katholicismus abgeschafft , und an dem letzteren Orte wird 
Johann Corbicula der erste lutherische Pfarrer 4 ). Heinrich Palster wird Pastor 
zu Dome in den Freien, sein untauglicher Vorgänger wird durch Herzog 
Emst vorläufig auf sechs Jahre versorgt 5 ). An die Stelle des zum Predigtamte 
ungeschickten Bartold tritt in Holdenstedt Heinrich Lange. Bartold wird vom 
Herzoge auf Lebenszeit versorgt, jedoch nur unter der Bedingung, dass er „de 
manschen, de he suslane in unehren by sick gehadt, sick schall geuen und eh- 
lich vertruven laten“, sonst bekommt er gar nichts 6 ). 

Wenn wir nun auch nicht behaupten wollen, dass an allen diesen Orten 
der Herzog den Wechsel der Religion herbeigeführt und dass nicht auch das 
Vo’k dabei die Initiative ergriffen habe, so sind doch dem Herzoge die wesent- 
lichsten Erfolge zu danken, die das Luthertum in diesen Jahren davon getragen 
hat In den ihm unterstellten Pfarren hatte er bis zur Mitte des Jahres 1529 
den Katholicismus wenigstens äusserlich völlig beseitigt. 

Vor Pfingsten desselben Jahres hatte der Herzog bereits im Amt und Vog- 
tei Celle eine Visitation der Pfarrer vornehmen lassen. „Weil viele Gebrechen, 
Unwissenheit christlicher und göttlicher Lehre, viele Misbräuche und Gotteslästc 
rang bei den Kirchherren und Seelsorgern gefunden waren, hatte er sie in Got- 
tes Wort verhören und in christlicher Lehre unterweisen lassen“. Man hatte 
gefunden, dass die Barfüsser aus Hannover und Lüneburg grossen Einfluss hat- 
ten, und dass auf ihre Veranlassung viel Abgötterei durch Beschwörung, Gesichte 
und Visionen getrieben wurden. Bücher und Kristalle, deren man sich bei die- 
sem ungöttlichen Treiben bediente, kamen gerade aus der Stadt Lüneburg 7 ). 


1) Schlegel, Hannoversche Kirchen- und 
Reformationsgeschichte II, 53. 

2) Urkundenhuch von Walsrode No. 411. 
Kelp war in Lamspringe 1498 geboren (U. B. 
v. Walsrode nr. 373)5 er hatte 1521 in Wit- 
tenberg studiert: Förstemann Album academiae 
Vitebergensis p. 107. 

3) v. Weihe-Eimke, die Äbte des Klosters 
St. Michaelis p. 137 aus Gebhardi VH. 

4) Schlöpke p. 509. 

5) Der frühere Inhaber, Joh. Holthusen, 

darf auf 6 Jahre die Wiese der Kirche in der 

Hannoverschen Masch gebrauchen, dazu soll er 


von seinem Nachfolger 2 Gulden jährlich er 
halten. Urk. Ernsts, d. d. Zelle, Sonnabend nach 
Matthaei 1529 (H. St. A. Des. 48. Klostersa- 
chen 10). 

6) Äuf Lebenszeit soll Bartold, der sich aus 
beweglichen ‘ und redlichen Ursachen zum Kir- 
chenamte ungeschickt erfunden hat, vom Her- 
zoge jährlich 8 Gulden, vom Kirchen Vorstand 
2 Gulden und von dem jetzigen Pastor 4 Schin- 
ken erhalten. Urk. Emsts d. d. Mittwoch, nach 
Quasimodo geniti 1530. (Ebendort). 

7) Der Herzog an den Rat von Lüneburg 
Sonnabend in den Pfingsten (22. Mai) 1529. 


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87 


Das Artikel-Buch brachte der Herzog in seinen Kirchen völlig zur Durch- 
führung, so dass er Mitte Juli 1529 an den Rat der Stadt Lüneburg schreiben 
konnte *) : „Wiewohl wir nun willig für uns selbst auch in Kraft des angeführ- 

ten Abschieds verpflichtet gewesen sind, Qottes Wort predigen zu lassen, haben 
wir nichts desto weniger auf Grund unserer Ordnung hei unsern Pfarren den 
Kirchherren gnädiglich und ernstlich befohlen, in der Verkündigung des Wortes 
die Misbräuche bescheidentlich abzustellen, derselben Ordnung bis zur Besserung 
zu leben und sich hierin richtig zu halten, wie es in unsern Pfarr-Lehen 
wird bis anhero erfunden“. 

Mit allem, was noch irgendwie nach einer Begünstigung des Klosterlebens 
aussehen konnte, brach Ernst jetzt völlig, obwohl er, was sehr beachtenswert ist, 
gegen die Klöster des Landes, deren Vorsteher zu den Ständen des Fürstentums 
gehörten, keine direkten Schritte unternahm. — Er habe bis dahin, sagt er 
selbst in einem Schreiben vom Ende des Jahres 1528, alle Klöster im Fürsten- 
tum bei ihren gewöhnlichen Ceremonien ungehindert bleiben lassen, um ihrer 
Schwachheit willen und ihnen bis heute keine Lehre vortragen lassen, die sie zu 
Irreal oder Beschwerung führen möchte. Auch die Befolgung des Landtagsbe- 
schlusses habe er bisher ihrer eignen Verantwortung überlassen und es sei ihnen 
kein Eintrag geschehen 1 ). 

Eine Schwester des Herzogs, Apollonia, war noch immer im Kloster zu 
Wienhausen, wohin sie als zartes Kind von ihrem Vater gebracht worden war, 
und sie war dem Katholicismus sehr ergeben. Um sie aus dem Kloster zu ent- 
fernen, nahm Ernst zu einer List seine Zuflucht, und dabei leistete der Propst des 
Klosters Heinrich von Kramm hülfreiche Hand. Unter der Vorspiegelung, ihre 
Mutter wolle sie vor ihrer Abreise nach Meissen noch einmal sehen, wurde sie 
veranlasst nach Celle zu kommen (Anfang October 1527), und ihr dann von 
ihrem Bruder die Rückkehr ins Kloster verweigert Alle ihre Bemühungen Ernst 
anders zu stimmen waren vergeblich ; man sandte sie an den Hof des Kurfürsten 
von Sachsen; eine ehemalige Nonne, die zum Luthertum übergetreten war, war 


Der Rat soll nach derartigen Dingen suchen, 
sie confiscieren und dem Herzoge senden (L. A.) 

1) In dem erwähnten Schreiben, d. d. Isen- 
hagen, Division. Apostol. 1529. 


2) In dem bereits erwähnten Schreiben an 
Thnmpropst, Senior und Capitel zu Hildesheim, 
Montag nach Nativit Christi 1529 (1528). 


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88 


ihre Begleiterin. Später söhnte sie sich mit ihrem Schicksal aus, aber sie blieb 
stets unvermählt 1 2 * ). 

Der Propst Heinrich von Kramm, der durch die Begünstigung dieser Ent- 
führung Apollonias die Ordnung seines eignen Klosters verletzt hatte, legte etwa 
ein Jahr später sein Amt nieder. Schon lange war er ein treuer Anhänger des 
Herzogs gewesen, jetzt trat er demselben (am 22. November 1528) die Verwal- 
tung des Klosters völlig ab, so dass in Wienhausen die Sachlage dieselbe war, 
wie in Ebstorf. Der Herzog ernannte Heinrich von Kramm zum Amtmann von 
Gifhorn (am 5. Juli 1529) und verwandte ihn häufig in den Geschäften des Für- 
stentums*). 

Auch für die Mönchsklöster (mit Ausnahme der Barfüsser) scheinen die 
Beschlüsse des Landtags nicht ohne Folgen geblieben zu sein. 

In Schamebeck verliessen im Anfänge des Jahres 1528 bereits einige 
Mönche das Kloster, und dem Abte schärfte der Herzog ein : sich in dieser Sache 
zu verhalten, wie er es aus christlichem Gewissen vor Gott und allen Christglän- 
bigen verantworten könne®). 

Der Abt von Oldenstadt dachte sogar daran, selbst dem Klosterleben za 
entsagen. Er ist eine sehr wohlthuende Erscheinung, dieser alte Heino Got- 
schalk, wahrhaft fromm, wohlthätig gegen Arme, milde gegen Fremde. Schon 
im Jahre 1523 hatte er sich geweigert, in Lüne die Einkleidung von zwölf Klo- 
sterjungfrauen vorzunehmen, wozu man ihn aufgefordert hatte 4 ). Die Jahre hat- 
ten seine Hinneigung zur Lehre Luthers gefördert und befestigt Er wandte sich 
an Luther und bat ihn um seine Meinung über die Frage, ob ein alter Abt, der 
sich abgewandt habe von den Misbräuchen des Katholicismus, wohl im Kloster 
ohne Gefahr für seine Seele bleiben könne. „Ich freue mich“, antwortete ihm 
Luther, „dass Gottes Gnade sein Wort auch in jenem Winkel und Ende der 
Erde hat aufgehen lassen und bitte, dass er es bei uns allen zum guten Ende 
führen möge“. Ruhig könne der Abt im Kloster bleiben, wenn er nur nicht die 
ungöttlichen Messen feierte, oder sonst etwas gegen den Glauben thäte. Er 


1) Vgl. Bertram, Evangelisches Lüneburg 
p. 126 f. 

2) Vgl. Bötticher, Necrolog und Verzeich- 

nis der Pröpste und Äbtissinnen von Wn- 
hausen: Zts. d. hist. Vereins f. Niedersachsen 

1855 p. 252. 


8) Herzog Ernst an den Abt zu S. (sic!), 
d. in unserm Kloster Scharnebeck am Tage 
Pentecostes 1528 (Concept im H. 8t. A. Des. 
49, Reform, der Stifte und Klöster 1). 

4) Havemann a. a. O. p. 109; aus Geb- 
hardi XIV. 


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könne dort den Brödern dienen, mit ihnen die heilige Schrift lesen, die Horen 
abhalten nnd das Abendmahl feiern. Das Klosterleben hindere nichts, wenn nur 
Freiheit des Geistes herrsche. Er würde nicht einmal solchen alten, ehrwürdigen 
Männern zum Verlassen des Klosters raten; draussen könne er leicht andern 
lästig werden, das sei im Kloster nicht der FalL Er selbst würde noch jetzt 
im Kloster leben, wenn es bei der Beschaffenheit desselben angegangen wäre 1 ). 

Auch den Barfüssern gegenüber brachte der Herzog jetzt die Vorschriften 
des Artikel-Buches zur Anwendung, wie bei den ihm unterstellten Kirchen. 

In Winsen a. d. Luhe kam es zuerst zur völligen Aufhebung des Franzis- 
kaner-Klosters. Der bisherige Guardian Joachim Güstrow, der dem Herzoge, wie 
es heisst, früher viel zu schaffen gemacht hatte, war in ein Kloster in Mecklen- 
burg versetzt ; an seine Stelle kam Johann Oldersen. Ehe derselbe sein Amt an- 
trat, forderte der herzogliche Hauptmann Ludolf Klenk auf Befehl Emsts von den 
Barfüssern, sie sollten „kein Salz oder Wasser weihen, weder heimlich noch öf- 
fentlich predigen, keine Messe halten, keine Psalmen lesen und im Fürstentum 
Lüneburg nicht betteln M — lauter Misbräuche, deren Abstellung auch in dem 
Artikel-Buch verlangt worden war. Aber die Brüder „verlachten, verachteten 
und verspotteten“ dies Gebot und trieben es ärger als zuvor. 

Die Übernahme des Guardiauats durch Oldersen verstärkte den Zorn des 
Herzogs. Noch am 8. Juli 1528 schrieb der neue Guardian an den Herzog und 
bat um Erhaltung des „alten Standes des Klosters“ mit Berufung auf die Stif- 
tungsurkunde Herzog Friedrichs (von 1477) *). Allein der Hauptmann warnte 
ihn: er möge sich vorsehen, dass der Herzog nicht mit Ungnade gegen ihn 
handle, oder ihn vielleicht nach Celle bringen lasse; er wolle ihn in Winsen 
nicht als Guardian haben, darum möge er sich eine andere Stätte aussuchen. Das 
veranlasste Oldersen zur Flucht nach Lüneburg (9. Juli), von wo aus er sich 
noch einmal an den Herzog wandte. Er wiederholte seine alte Bitte und berief 
sich zugleich auf das, was in der Vorrede des Unterrichts der Visitatoren in 


1) Luther an den Abt Heino, Wittenberg 1 Kgl. Bibi, zu Hannover benutzt hat, die kein 
penultima Februarii 1528. De Wette HI, i Jahr hat. 

284 f. Havemaun (p. 109. Anm. 3) setzt dies j 2) Joh. Oldersen an den Herzog , Winsen, 
Schreiben in das Jahr 1529, weil er eine Ab- j am 8. Juli 1528 (Copieim H. St. A. Verzeichn, 
schrift der Gebhardischen Sammlung in der : d. Manuscripte J. 76, wo sich auch die Copien 

I der folgenden Urkunden befinden). 

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Sachsen gesagt sei. Er könne christlichen Unterricht leiden and wollte mit gött- 
licher Hülfe alles unbillige Vornehmen abthun 1 ). 

Doch es war zu spät, nach wenigen Tagen erfolgte der Ausweisungsbefehl. 
Nur das habe er, so schreibt Ernst, aus ihrem Vergehen ersehen können, dass sie 
alle seine Fürsorge verachteten und seine Befehle überschritten, daher müsse er anf 
andere Weise seine Unterthanen vor ihnen zu retten suchen. Durch ihren Misbrauch 
sei das ihnen früher erteilte Privileg verwirkt, und sie würden dasselbe überhaupt 
nicht erhalten haben, wenn sein Ahne die richtige Einsicht gehabt hätte. Ein armes, 
nach Wahrheit hochbegieriges Volk wollten sie in ihrem verderblichen Wesen behalten. 
Während doch St. Franciscus durch seiner Hände Arbeit den armen Leuten gedient 
hätte, brächten sie durch ihre Bettelei das Volk um sein sauer verdientes Brot 
Mit welchem Gewissen und mit welcher Stirn sie es wagen dürften, das, was sie 
für ihre Ordensregel hielten, bekräftigen zu wollen. Er, der Herzog, habe stets 
so gehandelt, wie es die Not seiner Unterthanen erfordere, und wie er das vor 
Gott und KsL Majestät schuldig sei — „Weil ihr aber“, so schliesst das Schrei- 
ben, „göttlicher Forderung und wahrhaftig christlichem Leben nicht zu folgen be- 
dacht seid, wollen wir die zwei gethanen eure Schriften hiermit verantwortet, 
euch aber ernstlich und redlich befohlen haben, dass ihr euch von Stund an von 
dannen hebt, unser Städtlein räumt, im Abzug aber die eingesessenen Bürger 
unverworren, auch was zum Kloster an allerlei Kleinodien gehörig, unverrückt 
daselbst lasset, und werdet ihr anderswo euer Bestes nach Vermögen, Willen 
und Billigkeit wohl wissen zu schaffen“ 2 * * ). 

Am folgenden Sonnabend, den 18 . Juli, mussten die Mönche das Kloster und 
die Stadt verlassen 8 ). Ein Teil von ihnen wandte sich nach Lüneburg 1 ). 

In Celle suchte der Herzog noch in letzter Stunde einen friedlichen Aus- 
gleich herbeizuführen. Ende Juli liess er den Mönchen durch' seine Räte den 
Vorschlag machen: Sie sollten das Kloster freiwillig verlassen, dann wolle er die 
zum Predigen Geschickten zu Pfarrern machen, die andern ein Handwerk lernen 
lassen und die alten versorgen. Ihr Stand und Leben sei in der Schrift nicht 
begründet, darum könne er sie nicht länger im Kloster dulden. — Es sind An- 


1) Oldersen an den Herzog, Lüneburg, am 
10. Juli 1528. 

2) Herzog Ernst an den Guardian von Win- 

sen, Bonntag nach Kiliani (12. Juli) 1528. 

8) Vgl. das Schreiben Heinrichs des Mittle- 


ren an den Rat von Lüneburg (Havemann a. a. 
O. p. 100. Anm. 8). 

4) Vgl. Hämmenstädt a. a. O. Als Datum 
der Ausweisung giebt derselbe Freitag vor Ja- 
cobi (24. Juli) an. 


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erbietungen, die wir später noch bei andern Klöstern wiederholt finden werden, 
und die dem Herzoge alle Ehre machen. Auf Grund des letzten Landtagsbe- 
schlusses, den die Mönche nicht befolgten, hätte er kraft seiner fürstlichen Macht 
dieselben ohne Rücksicht auf ihr späteres Fortkommen des Landes verweisen 
können. 

Eine Annahme dieser Vorschläge war jedoch von den fanatischen Ordens- 
leuten nicht zu erwarten. Aber sie versuchten jetzt eine Art Rechtfertigung ih- 
res Ordenslebens, die man lange gefordert hatte, zu geben und damit die dro- 
hende Gefahr zu beseitigen : Die Länge der Zeit bestätige ihren Stand und Le- 
ben, ergründet sei er von etlichen gemeinen christlichen Concilien, bestätigt von 
der christlichen Kirche und bezeugt durch mannigfache Mirakel. Dadurch wür- 
den alle Zweifel an der Berechtigung desselben von ihnen genommen. Ihrerseits 
schieben sie den Predigern den Beweis zu; sie möchten die betreffenden Artikel 
ihrer Lehre schriftlich angeben und sie zur Prüfung an das Kammergericht oder an 
ein allgemeines christliches Concil gelangen lassem „Die Prediger verkündigen 
dem Volke, dass niemand verpflichtet sei, etwas zu gßloben, zu thun oder zu lassen, 
was nicht in der Heil. Schrift begründet ist; nun aber findet man doch nirgends, 
dass man den Evangelien Matthäi, Marci, Lucae und Johannis allein glauben 
soll und nicht auch dem Evangelio Nicodemi oder Bartholomaei. Darum mögen 
die Prediger doch ihre Lehre aufschreiben und prüfen lassen, weshalb wir 
dem von Menschen geschriebenen Evangelio glauben, das doch Christo von Gott 
nicht schriftlich übergeben worden ist, dann wollen auch wir unsere Lehre be- 
weisen“. — Der Fürst möge sie bei ihrem Leben lassen, wäre er aber (was 
sie nicht glaubten) gesonnen, sich mit Gewalt an ihnen, „den armen nackenden 
Brüdern“ zu vergreifen, so seien sie einträchtig entschlossen, nach dem sicheren 
Stande ihres Lebens, gegrundfestet in der göttlichen Schrift, da sie im Gehorsam 
ihrer Obersten (wie Christus im Gehorsam gegen Gott) zur Stelle geschickt seien, 
um der Liebe Christi willen, lieber Tods zu sterben, als die Stätte zu verlassen 
oder Vorschläge des Herzogs anzunehmen 1 ). 

Die theologischen Bedenken und Behauptungen der Mönche liess der Her- 
zog durch seine Prediger zu Celle widerlegen, an deren Spitze damals Heinrich 
Bock stand. Von Cruse ist seit dem Anfang des Jahres 1527 keine Spur mehr 

1) 8. F. G. underthänige Undersaten ge- Herzog Ernst am abend Vincula Petri (31. 
meyne arme Bröder im Kloster to Zelle an | Juli) 1528. 

12 * 


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nachzuweisen 1 2 * * ). Zugleich mit der Antwort der Prediger übersandte der Herzog 
den Barfüssern am 6. August den Befehl, das Kloster zu räumen: Seit 6 oder 7 
Jahren habe er nun mit ihnen verhandeln lassen, um für sich selbst Unterricht 
zu empfangen, worauf sein Herz und Gewissen friedlich ruhen könne; alles sei 
vergeblich gewesen, nicht einmal die Schrift der Prediger hätten sie beantwortet. 
Darum müsse er sie, da sie ihr ungöttliches Wesen nicht abstellten, Gott and 
seinem Gerichte überlassen; aber seine Unterthanen wolle er wenigstens vor ih- 
nen schützen. „Und befehlen alsdann hiermit, gesinnen auch gnädiglich und 
wollen, dass ihr ungesäumt euch erheben und aufmachen, das Kloster mit allen 
so dazu gehörig (räumen), auch ohne Bewegnis dieser Stadt an andere Orte, wo 
ihr euer Bestes werdet zu schaffen wissen, euch verfügen sollt Welches wir 
euch, danach euer Ding zu richten, nicht wollten bergen“*). 

Die Mönche waren darauf vorbereitet; ihre Habseligkeiten lagen seit etli- 
chen Tagen zum Abzüge fertig gepackt da; ein jeder ergriff sein Bündel, und 
sie verliessen das Kloster. Im Angesichte des Volkes, das sich versammelt hatte, 
um das Schauspiel anzusehen, stimmten sie ein Tedeum an und zogen dann Kla- 
gegebet e murmelnd ihre Strasse. 

Das Gefühl, als Märtyrer für ihren Glauben ausgetrieben zu werden, das 
Kreuz auf sich zu nehmen, wie so viele ihrer Vorgänger, erhöhte ihren Mut 
Auch das Volk war nicht gefühllos dabei, der Anhang der Barfüsser war noch 
gross, nicht viel fehlte, so hätte man zu ihren Gunsten in Celle einen Aufstand 
ins Werk gesetzt, und die Aufregung legte sich erst allmählich. Noch in der 
Mitte des August hielten es die Prediger zu Celle für angezeigt eine Verteidi- 
gungsschrift ausgehen zu lassen, um die Vertreibung der Mönche beim Volke 
zu rechtfertigen. Ihr sind unsere Nachrichten über den Auszug der Barfüsser 
entnommen 8 ). — Es ist dies wohl der einzige Fall, wo wir im Fürstentum Lü- 
neburg einen Widerstand des Volkes gegen die Reformation constatieren können. 


1) Ein© alte Vermutung (Seckendorf) ist es, 
dass Cruse der „Dominus K.“ gewesen sei, von 
dessen Selbstmord Luther im December 1527 
an Just. Jonas schreibt (De Wette III, p. 35). 
Diese Ansicht ist allerdings völlig unhaltbar, 
vgl. Corp. reform. I, 925. 

2) Herzog Ernst an die Barfüsser, 1528, 

Donnerstag nach Vincula Petri (6. August). 

Von demselben Datum ist die Schrift der Pre- 


diger, der ein Auszug aus den Regeln des heil. 
Franciscus beigefügt ist. 

3) Verantwortung der Prediger zu Celle, am 
Tage Assumptionis (15. August) 1528. „Allen 
christlichen Personen, die diese Schrift lesen, 
wünschen wir Heinrich Bock und andere ver- 
ordnet© Prediger [zu Celle Gnade und Friede“ 
lautet der Eingang. 


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Einsetzung lutherischer Prediger in den Klöstern. Die Übernahme der 
Verwaltung der Klostergüter durch den Herzog 1 ). 

Als Herzog Ernst in seinen Kirchen die Durchfährang der Reformation 
beendet hatte, konnte er daran denken weiter zu gehen. Seine Anwesenheit auf 
dem Reichstage zu Speier im Jahre 1529, wo er nebst seinem Bruder Franz 
die Protestation der evangelischen Fürsten unterschrieb, mag sein Handeln be- 
schleunigt haben. Nur noch enger hatte er sich an seine Glaubensgenossen an- 
geschlossen und war vielleicht gerade von ihnen angetrieben, jetzt endlich auch 
Hand an die Reformation der Klöster zu legen. 

Schon seit einiger Zeit hatte der Herzog begonnen, auf Grand der früheren 
Beschlüsse und seiner in früheren Jahren erlassenen Befehle gegen einige be- 
sonders renitente Geistliche vorzugehen; von der Erfüllung des letzten Landtags- 
beschlusses hatte er dabei jedoch, wie wir erwähnten, vorläufig abgesehen und 
das dem eigenen Ermessen der Prälaten überlassen. 

Der Propst von Medingen hatte sich nicht weiter um den in Uelzen erlas- 
senen Befehl des Herzogs, dass die Pröpste im Fürstentum residieren sollten, 
gekümmert; er lebte in Halberstadt nach wie vor. Daher forderte der Herzog 
ihn am 18. Mai 1528 nochmals nachdrücklich dazu auf, in Medingen zu wohnen, 
sonst werde er sich genötigt sehen, auf andere Weise Abhülfe zu schaffen. „Es 
sei wahrlich nicht fein, als vornehmstes Glied des Fürstentumes die Ehre und 
Nutzung hinzunehmen, und das Land und Kloster winzig zu bedenken“*). 

Johann von Mahrenholz liess es in seiner Antwort zwar an Entschuldigun- 
gen und Versprechungen nicht fehlen, allein an eine wirkliche Änderung dachte 
er nicht*). — Mit heftigen Worten hielt der Herzog, nachdem fast ein Jahr ver- 
strichen war, ohne dass er sich im Fürstentume hatte blicken lassen, dem Propste 
vor, dass bei ihm die bewiesene Geduld mehr schade als nütze. Er möge doch 
dem Herzoge, „die Verwaltung des Klosters folgen lassen“, wenn er sich der- 

1) Hauptquelle für das Folgende sind nach- 4. Des. 49. Bardowik 1. Des. 48. Klostersa- 
stehende Akten des H. St. A. : Des. 49, Ke- | eben 10. 

form, der Stifter und Klöster 1. Des. 49, 3. ( 2) Der Herzog an Johann von Mahrenholz, 

Des. 50, Kloster St. Michaelis 2. Des. 55 Ra- Montag nach Cantate 1528. (H. St. A.). 

meisloh 5. Des. 55 Bardowik II, 1. Des. 40, 3) Johann v. Mahrenholz an Herzog Ernst, 

Freitag nach Cantate (22. Mai) 1528. 


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selben nicht annehmen wolle. Man würde aber, wenn er auch jetzt keine Ab- 
hülfe schaffe, auf das Fürstentum und das Kloster mehr Rücksicht nehmen als 
auf ihn 1 2 ). Durch diese drohenden Worte fühlte sich der Propst „beschwert“, 
da er stets das Beste des Klosters und des Fürstentums vor Augen gehabt 
Er bat um Frist bis nach Ostern 3 ), und auch diese gewährte ihm die Milde des 
Herzogs. 

Auch die Canoniker von Bardowik hatten die Bestimmungen des Landtages 
von Uelzen nicht erfüllt, sie sollten daher auf Ostern 1528 vor dem Herzoge in 
Winsen erscheinen, allein ein schrecklicher Brand verhinderte den Tag. Doch 
scheint die Furcht vor dem Herzoge die Abstellung der Messe bereits zu Ostern 
1529 veranlasst zu haben 3 ). 

Ende Juni 1529 begann der Herzog mit einer Visitation der Stifter und 
Klöster seines Fürstentums. Gestützt auf die beiden Landtagsbeschlüsse , dass 
'das Inventar der geistlichen Güter eingeliefert werden, und dass das Wort 
Gottes lauter und rein gepredigt werden sollte, ging er jetzt vor. Die Nichter- 
füllung der Beschlüsse ermächtigte ihn, kraft fürstlichen Amtes einzuschreiten. 
Wohin er kam, da setzte er evangelische Prediger ein, und es scheint sogar nach 
einer uns erhaltenen Nachricht schon damals eine Einteilung des Landes in ver- 
schiedene Superintendenturen stattgefunden zu haben 4 ). Die eingesetzten Predi- 
ger wurden mit einer Instruction versehen, „wie und was sie predigen sollten“ 5 ). 

Diese Instruktion ist ausserordentlich charakteristisch für das besonnene 


1) Der Herzog an den Propst, d. d. Celle, 
Circumcisionis Domini (1. Jan.) 1529. 

2) Der Propst an den Herzog, Halberstadt, 
Dienstag nach Circumcis. Dni. (5. Januar) 1529. 

3) Die Nachricht, die Schlöpke p. 357 an- 

giebt , bestätigt das alte Kapitelbuch , dem 
sie entlehnt ist. Dort heisst es: „D. Gosman 

Tunder Scholmester und Cantor, so nu vom Ca- 
pitel mit der Commende Johannes Baptistae be- 
lehnt, hefft lest mal eine Missen papistico more 
celebreret und . gesungen , 3a feria post pascha 
(30. März) 29“. Diese Erscheinung steht ein- 
zig da; eine völlige Abschaffung der Messe wird 
es auch wohl weniger gewesen sein , als eine 
Abstellung der öffentlichen Feier derselben. 

4) In der gleich anzuführenden Instruktion. 

5) „Wie und was wir Ernst v. G. G. Her- 
zog zu Braunschweig und Lüneburg unsers Für- 


stentums Pfarrherren und Predigern zu predi- 
gen befhalen“ (H. St. A.). Die Schrift ist un- 
datiert, lässt sich aber ziemlich sicher datieren. 
Sie wird zuerst genau erwähnt, als der Herzog 
sie am 13. Juli 1529 dem Kloster St. Michae- 
lis zusandte. In ihr wird auf Bugenhagens 
Hamburger und Braunschweiger Kirchenord- 
nung (die damals schon im Fürstentum ver- 
breitet gewesen zu sein scheint) verwiesen. Da- 
her können wir die Instruktion ihrer Entstehung 
nach in die Zeit von Mai — Juli 1529 setzen. 

Der von Uhlhorn p. 201 angeführte nieder- 
deutsche Titel der Instruction: „Eyn under- 

richt und schriftliche summe ofte bevel, wo sich 
de parner und prediger in deme predigen hol- 
den schulten “ stammt aus Gebhardi (Bd. XIV)» 
der jedoch die Schrift nicht näher kennt. 


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and conservative Vorgehen des Herzogs. Sie scheint mir ein Vorbild gewesen 
zu sein für die „Formulae caute loquendi“ des Urbanas Rhegias von 1535. 
Die Schwachen im Glauben sollen durch die Prediger nicht verwirrt, die aber, 
welche die christliche Freiheit zum Schanddeckel der Bosheit machen, sollen in 
ihrem Irrtume nicht bestärkt werden, das ist der Grundgedanke der Instruktion ; 
erst soll der Grund gebaut werden, ehe man das Gebäude auMchtet. 

Man hat diese Schrift bislang nur dem Namen nach gekannt, ich kann es 
mir daher nicht versagen, hier einen Auszug aus derselben zu geben: 

Weil seit langer Zeit mancherlei Misbräuche eingerisseu sind, die nicht leicht 
ausgerottet werden können, erfordert es eine Klugheit der Geister und eine 
christliche Bescheidenheit, zuerst einen guten Grund zu legen, auf dem 
man dann weiter bauen kann, so dass der falsche Schein der Irrtümer verloren 
geht. Darum sollen die Pfarrer und Prediger nicht unziemlich und unbescheiden 
mit Ärgernis der Zuhörer gegen menschliche Gerechtigkeit fechten, weil der 
Grund der göttlichen Gerechtigkeit, Christus, noch nicht gelegt, weil seit 
langer Zeit das Evangelium nicht gepredigt worden ist, dass nur in Christo 
Gnade und Vergebung zu finden ist. Nur ein närrischer Mensch baut ohne 
Grund, flickt ein altes Kleid mit neueu Lappen und thut Most in alte 
Schläuche. Fangen die Menschen erst an, die göttliche Gerechtigkeit zu verste- 
hen, so ist es leicht, das Falsche zu verdammen. 

IJm etwas Fruchtbares auszurichten, sollen die Prediger nicht unnütze und 
ungeschickte Arbeiter sein. Sie sollen nicht eine ganze Stunde so aus der Schrift 
predigen, dass sie nur nichts Böses predigen, aber ihre Zuhörer keinen Nutzen 
haben. Sie sollen nicht alles in einen Haufen werfen; nichts dazu thun, was 
nicht dazu gehört, sondern ein bestimmtes Ziel haben und schliesslich alles kurz 
zusammenfassen. Da die Seligkeit wenig nützt, wenn sie nicht durch Gottes 
Wort unterbaut ist, sollen die Prediger dem Lesen der HeiL Schrift und denen, 
die sie rein und ohne menschlichen Zusatz handlen, höchsten Fleisses obliegen; 
auch nicht alles ohne Unterschied unter den Haufen plaudern, sondern auf die 
Schwachen Rücksicht nehmen, sich mit den Unwissenden bereden und ohne Un- 
terlass Gott anrufen. Vor allem aber sollen sie die ermahnen, die noch in mensch- 
licher Gerechtigkeit arbeiten. Sie sollen aber folgendes predigen: 

Rechtschaffene Erkenntnis der Sünde. Auf Busse und Verge- 
bung ist die Erbauung in der Predigt gerichtet. Die Prediger sollen ihre Zu- 


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hörer zu der Erkenntnis führen, dass sie wahrhaftig verdammt sind, nicht blos 
wegen der äusserlichen groben Sünden, sondern weil sie der innern Herzensge- 
rechtigkeit ermangeln; diese fordert das Gesetz, giebt sie aber nicht Diese 
Predigt des Gesetzes, eine Auslegung der zehn Gebote, soll klar und dem ge- 
meinen Manne verständlich sein; sie fördert zur Busse. Aber — 

Keine Hoffnung in uns. Ist die Sünde auch erkannt, so ist sie da- 
mit noch nicht weggenommen. Darum sollen die Prediger lehren, dass durch 
eignes menschliches Vermögen die Sünde nicht weggeschafft wird; wir sind in 
Gottes Gericht gefallen. Mit welchen Kräften können wir dem Teufel widerste- 
hen und — können wir es — was bedürfen wir Christus? Unserethalhen müs- 
sen wir verzweifeln. Auf diese Weise sollen die Zuhörer erkennen, was sie sind 
und was sie vermögen. Aber dabei sollen die Prediger mit dem Gewissen säu- 
berlich fahren, wenn sie jemanden finden, der erschrickt über seine Sünden. 

Vergehung der Sünde und ewiges Lehen durch Christum. 
Auf die Verdammnis, die uns droht, trifft das Evangelium, die Verkündigung, 
dass die Sünde durch Christum vergeben ist, die Hoffnung mitten in der Ver- 
zweiflung. Siehe, das Himmelreich, wo du eben zur Hölle verdammt warst 
Auch der frömmste Christ spricht: Christus ist für meine Sünde gestorben. Wie 
gut du auch im Vergleich mit andern scheinen magst, dies musst du bekennen: 
Die grösste Zahlung ist für deine Sünde gegeben, Gottes eingeborener Sohn. 
Was ist die ganze Welt dagegen? — Es ist mehr denn genug gethan. 

Glaube. Ohne ihn kann man die Vergebung nicht erlangen. Glaube 
aber ist Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit ohne unser Verdienst umr Christi 
willen. In diesem Vertrauen bitten wir: Vergieb uns unsere Schuld, wie wir 
vergeben unsem Schuldigem. Der Glaube ist eine Erkenntnis, die von den 
Menschen nicht kann begriffen werden, sondern die Gott geben muss. Man darf 
daraus keine fleischliche Freiheit und Müssiggang guter Werke lernen. 

Kraft des Glaubens. Er rechtfertigt uns und thut uns an mit Christi 
Gerechtigkeit, und dadurch hat Gott uns erlöset vom Tode und Teufel. Alle 
früheren Erfindungen: Messe, Orden, Ablass sind unnütz, sie trauen nicht auf 
Gottes Barmherzigkeit und verleugnen Christi Blut. Doch muss hierbei der Pre- 
diger christliche Bescheidenheit anwenden in betreff derer, die das Evangelium 
lernen, aber noch nicht verstehen, weshalb das alles unnütz ist. 

Gebrauch des Glaubens. Durch die Liebe dem Nächsten dienen ist 


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Brauch des Glaubens. Gute Werke sind not als Betätigung desselben; aber 
das sind nicht Werke des Aber- oder Unglaubens, sondern der Liebe Werke, 
die der heilige Geist in uns ungeboten hervorbringt. Der Obrigkeit Gehorsam 
leisten, die Eltern ehren, das Hausgesinde mit Gottes Wort versorgen, dem Näch- 
sten dienen, den Prediger achten und versorgen, für alle beten, die Pflichten je- 
des Alters und Standes, alles das sind Werke, die der Glaube wirkt Dazu 
sollen die Prediger verkündigen, wie der Glaube lehrt, Kreuz und Widerwärtig 
keit zu tragen, nicht Rache zu üben, für die Brüder zu bitten. 

Sacrament Dasselbe ist uns neben dem Worte Gottes zum Tröste ge- 
geben und soll nach Christi Einsetzung gehalten werden. Die Prediger werden 
auf Bugenhagens Schrift über die Taufe und auf dessen Braunschweiger Kir- 
chenordnung verwiesen. Schwache Jünger Christi mögen sich des Sacraments 
enthalten, bis sie Christi Ordnung kennen. Von dem abscheulichen Misbrauche, 
der Messe, sollen die Prediger erst dann mehr predigen, wenn das Volk aus gött- 
licher Ordnung unterrichtet ist (wie das auch in der Braunschweiger Ordnung 
gelehrt wird); immer aber sollen sie sich nach Zeit und Gelegenheit ihrer Zuhö- 
rer richten. 

Ehestand. Er ist von Gott eingesetzt und geheiligt. Die Pastoren sol- 
len darüber mit Zucht und ohne schandbare Worte predigen. In zweifelhaften 
Fällen sollen sie nichts thun ohne den Rat des Superintendenten. 

Ceremonien. Nichts soll gesungen und gelesen werden, was nicht aus 
der HeiL Schrift ist Nur Gott soll man anrufen, Christus allein ist Fürbitter 
im Himmel, nicht die Heiligen. Alle Fabeln und Erfindungen sollen abgethan 
werden. Eine Schande ist es, dass man nicht weiss, dass Gottes Wort allein 
gepredigt werden soll. Ausser Christus keine Gerechtigkeit! 

Das ist die Instruction, die der Herzog den evangelischen Predigern seines 
Fürstentums erteilte, als er auch in den Klöstern mit der Abschaffung der Mis- 
bräuche begann. Sie sollte den allzu eifrigen Geistlichen Zügel anlegen, damit 
die noch katholisch Gesinnten nicht abgestossen würden. Langsam und scho- 
nend, aber gründlich sollte vorgegangen werden. 

Am 27. Juni 1529 erschien der Herzog persönlich, von seinen Räten be- 
gleitet , in Ramelsloh und forderte auf Grund des Landtagsbeschlusses die Über- 
gabe des Inventars, die bisher auch hier nicht erfolgt war. Ramelsloh war 
wenig bedeutend, und die Nachrichten über das Stift sind nur spärlich; in den 

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späteren Verhandlungen erscheint es meist als untergeordneter Anhang zu Bar- 
dowik. Als Ernst, nachdem er hier einen Prediger eingesetzt hatte, noch an 
demselben Tage sich nach Bardowik begab, liess er den mitgebrachten Amts- 
schreiber von Winsen, Joh. Tobing, und den Pastor Heinrich Wolder von Sins- 
dorf hier zurück und erteilte den Domherren und Vicarien des Stiftes den Be- 
fehl, durch diese beiden Männer ihre sämtlichen Einnahmen und ihre Güter, be- 
wegliche und unbewegliche, aufschreiben zu lassen. Man musste gehorchen; zwei 
Tage darauf (am 29. Juni) erschienen der Decan Bernhard Kock, der Senior 
Albert Vahrenholz und der Domherr Cord Schevenhagen vor den herzoglichen 
Beamten und teilten ihnen das Verzeichnis ihrer Güter und Kleinodien mit 
Dasselbe ist uns erhalten 1 2 3 ). 

Noch am 27. Juni finden wir den Herzog in Bardowik 8 ). Das Stift war 
ungleich reicher und bedeutender als Ramelsloh. Als der Herzog ankam, waren 
die Canoniker gerade in der Kirche versammelt und sangen die Tertien. Der 
Kanzler Förster und der Marschall Klenk begaben sich dorthin ; eine Weile hör- 
ten sie dem Gesänge zu, dann unterbrach ihn der Marschall, indem er mit der 
Hand auf des Cantors Buch schlug und nach dem Decan fragte. Der war nicht 
anwesend; man wies ihn an den Senior Conrad Sneverding. „Herr, wer helft 
ju singen heten ?“ fragte der Marschall. »Herr, wer helft it uns ver baden?“ 
lautete die trotzige Antwort. Aber man merkte an dem Auftreten der Diener, 
dass es dem Herrn heute Ernst sei; ein Canoniker nach dem andern verschwand 
aus der Kirche. Dann erschien der Herzog selbst und liess seinen Prediger 
Matthias Ginderich, den er mitgebracht hatte, in der Kirche predigen. 

Ginderich war einer der bedeutenderen Geistlichen des Fürstentums Lüne- 
burg in jener Zeit Er hatte dem Augustinerorden angehört und galt schon im 
Anfang der zwanziger Jahre in Wesel für einen Ketzer. Später musste er flie- 
hen und kam dann nach Lüneburg 8 ). In der Folgezeit hat er zusammen mit 
Martin Undermark in Emden für die Einführung der Reformation gewirkt; im 
Jahre 1535 kehrte er nach Bardowik zurück 4 ). 


1) Orig, im H. St. A. Vgl. auch Pfeffin- 
ger a. a. 0. II, 111. 

2) Für diese Vorgänge in Bardowik folgt 
Schlöpke den Nachrichten des gleichzeitigen Ka- 
pitelbuches. 

3) Uhlhorn a. a. 0. p. 171 aus dem mir 


nicht zugänglichen : „Versuch einer Reforma- 
tionsgeschichte der Stadt Wesel“ von Grimm, 
in Grimm und Muzels Stromata (1787). 

4) Am Sonnabend nach Epiphanias (9. Ja- 
nuar) 1535 richteten Ginderich und Undermark 
ein Schreiben an die Räte in Gelle, aus dem 


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Nach der Predigt Ginderich» begannen die Verhandlungen des Herzogs 
mit dem Domkapitel, geleitet durch den Marschall Klenk und den Hauptmann 
von Winsen, Johann Haselhorst Die Canoniker zeigten sich anscheinend sehr 
nachgiebig. Sie versprachen die Misbräuche abzustellen, die christlichen Cere- 
monien zu halten, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt zu feiern, Ginderich 
zum Prädicanten anzunehmen und ihm jährlich 60 Mark Besoldung zu geben. 

Der Erfolg schien ein schneller und sicherer, allein der Widerstand begann 
sehr bald. Schon zwei Tage später brachten die Canoniker ihre Kleinodien in 
Sicherheit in ihr Haus nach Lüneburg und Hessen dort von einem öffentUchen 
Notar ein Verzeichnis derselben aufstellen 1 ). Auch der Rechenschaft, die sie 
dem Herzoge über ihre Einnahme und ihre Güter ablegen sollten, entzogen sie 
sich später auf diese Weise. Der lutherischen Predigt im Dome zu Bardowik 
konnten sie freüich einen genügenden Widerstand nicht mehr entgegensetzen, 
aber nach wie vor hielten sie dort ihre „horas canonicas“ , und auch nicht hier- 
über entbrannte später mit dem Herzoge ein langer und heftiger Streit, sondern 
vielmehr wegen der Nichterfüllung der Beschlüsse des Landtages von Uelzen. 
Von einer wirkUchen Durchführung der Reformation kann bei den Canonikern 
von Bardowik noch lange nicht die Rede sein. 

Im Anfang Juli führte der Herzog das begonnene Werk weiter fort. In 
Wienhausen, dessen Verwaltung ja schon völlig in den Händen des Herzogs 
war, wurde am 4. Juli trotz des Widerstandes der Nonnen ein evangelischer 
Prediger eingesetzt, dem Michaelis desselben Jahres noch ein zweiter hinzuge- 
sellt wurde*). 

Wir dürfen vermuten, dass der Herzog auch dabei persönlich thätig gewe- 
sen ist Am 10. JuH finden wir ihn wieder in Oldenstadt Hier war Abt 
Heino, wie wir sahen, der Reformation zugeneigt, so dass die Durchführung 


ihre baldige Rückkehr aus Emden ersichtlich 
ist (Orig, im H. St. A.). Am Freitag nach 
Jubilate (23. April) 1535 war Ginderich bereits 
wieder in Bardowik (Schreiben an Förster und 
Klammer, Orig, im H. St. A.). 

1) Dasselbe befindet sich im H. St. A. und 
ist datiert vom letzten Dienstag im Iuni (30. 
Juni) 1529. 

2) Extractus ex coenobii chronicis vom 9. 
Juli 1629 (H. St. A.): Anno Dni. 1529 qui- 


dam apostata Marti nista praedicator scilicet do- 
minica infra octavas Visitationis beatae Mariae 
Virg., in festo vero patronorum septem fratrum 
substitutus est, cui et alter similis circa festum 
Sti. Michaelis^ associatus est. Die doppelte Da- 
tierung ist nicht richtig. Dom. infra octavas 
Visit. Mar. fiel auf den 4. Juli, das Fest der 
sieben Brüder ist der 10. Juli. Ich glaube 
mich für das präcisere Datum, den 4. Juli, ent- 
scheiden zu müssen. 

13* 


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derselben keine grosse Schwierigkeiten bereiten konnte. Die Urkunde, in der 
Heino seinen Verzicht auf die Verwaltung des Klosters ausspricht, ist ein Be- 
kenntnis dessen, was ihn seit langer Zeit bewegt hatte, schlicht und einfach, aber 
warm empfunden, vom Herzen kommend und zum Herzen gehend: „Nachdem 

der barmherzige Gott“, so schreibt er, „ohne mein Verdienst seine Gnade hat 
scheinen lassen, dass die Erkenntnis seines Sohnes nicht auf die Weise, wie wir 
leider gemeint, durch Werke der Menschen in Gleisnerei, sondern in dem Ver- 
dienst unseres Herrn Jesu Christi im Glauben zu gewinnen ist, und dass ich 
in dem verderblichen Wege des Klosterlebens mannigfach diesem entgegen gelebt 
habe, nämlich im Gewissen durch Ordenspflicht an Stätte, Kleider, Zeit, Speise 
so gebunden gewesen bin, dass ich meinte (wie ich das von Alters her überkom- 
men habe) ich würde, wenn ich sie hielte, die Seligkeit, wenn ich sie überträte, 
die Verdammnis ererben und so das Verdienst Christi verschoben habe und 
die Freiheit des Evangeliums, darin er mich teuer gekauft, verloren habe und 
ein Menschenknecht geworden bin; dazu finde ich mich gegen Gott in meinem 
Gewissen beschwert in den falschen, erdichteten Gelübden, worin meinem mensch- 
lichen Vermögen allzuviel zugelegt worden war, was der Ehre Gottes abgezo- 
gen wurde. So bin ich in meinem Gewissen unruhig und bekümmert, denn 
ich bin beladen mit Widerwillen, Uneinigkeit, Neid, Hass, unfruchtbarem Wesen 
und durch die unerträgliche Bürde meines Amtes ohne Liebe und Freundüch- 
keit. Daher kann ich nicht länger das Klosterleben ohne Verlust meiner Selig- 
keit fortführen und fühle mich durch Gottes Barmherzigkeit gezwungen, zur 
Rettung meiner Seele des Gefängnisses meines Gewissens in meinem Alter mich 
zu entledigen und habe daher M. G. H. demütig gebeten, mir zu meiner Freiheit 
zu verhelfen und mich der beschwerlichen Administration und Verwaltung zu 
entlasten; diese habe ich ihm hiermit ungezwungen, freiwillig und ohne Gefährde 
übertragen“ '). 

Bei dieser Gesinnung musste dem Abte der Vorschlag des Herzogs, die Ver- 
waltung übernehmen zu wollen, eine Wohlthat sein. Doch findet damit nicht zu- 
gleich die völlige Aufhebung des Klosters statt; der Abt und auch die meisten 
Mönche blieben nach wie vor im Kloster. Auch sie waren bereits zum grössten TeU 


1) Urkunde Heinos vom Sonnabend nach 


Kiliani (10. Juli) 1529: Zts. des hist Verein* 
f. Niedersachsen, 1852, p. 52 f. 


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dem Luthertume gewonnen, nur drei Brüder leisteten Widerstand 1 2 ), als der Con- 
vent in besonderer Urkunde seine Zustimmung zu der Abtretung der Admini- 
stration an den Herzog gab 1 ). 

Der Herzog übernahm die Rechte, aber auch die Lasten der Verwaltung; 
er musste von den Einkünften des Klosters, wie es ausdrücklich in der Urkunde 
des Convents heisst, den Mitgliedern „zur Notdurft und Leibeserhaltung ziemliche 
Ausreichung verschaffen“. 

Natürlich wurden auch in Oldenstadt die religiösen Misbräuche beseitigt, 
und ein evangelischer Prediger eingesetzt. Ein weltlicher Beamter, der dem 
Herzoge Rechenschaft ablegen musste, führte die Geschäfte. Besondere Bestim- 
mungen sicherten dem Abte eine ruhige, behagliche Existenz. Wohnung, Feue- 
rung, Essen und Trinken sollte ihm geliefert werden, ausserdem jährlich 120 
Mark lüb. Will der Abt seinen Wohnsitz in Uelzen nehmen nnd nicht mehr im 
Kloster bleiben, so sollen die Lieferungen an Getreide und Vieh, die der herzog- 
liche Beamte ihm zu leisten hat, noch besonders festgesetzt werden. Ausserdem 
werden ihm noch andere kleine Vergünstigungen zugesichert Er darf etliches 
Silbergeschirr behalten; der Herzog verspricht, dem Abte bei der Einziehung sei- 
ner noch ausstehenden Gelder behülflich zu sein und auch die Schwester des 
Abtes zu versorgen, falls diese ihren Bruder überlebt*). 

Von Oldenstadt aus begab sich der Herzog am folgenden Tage nach Me- 
dingen. Hier bot der fortdauernde Ungehorsam des Propstes eine gute 
Gelegenheit, gegen ihn vorzugehen. Er wurde seines Amtes entsetzt; da er 
trotz aller Aufforderungen im Fürstentum zu residieren, dem Befehle nicht 
nachgekommen sei, so dass der Herzog nicht anders denken könne, „als dass 
er unsers Fürstentums und auch unsers Klosters winzig Acht und Sorge haben 


1) Bothonis Chronicon Clusinum bei Leib- 
nitz SS. rer. Brunsv. II, 365. Ein kurzer, 
aber anscheinend zuverlässiger Bericht von ka- 
tholischer Seite über die Reformation in Olden- 
stadt, derselbe, den Havemann a. a. O. p. 109, 
Anm. 5 unter dem Titel : „Bericht eines am 
alten Glauben festhaltenden Klosterbruders aus 
dem H. St. A. anführt 

2) Joh. Lübeck, Prior, und ganze Versamm- 
lung von Oldenstadt übertragen dem Herzoge 
die Verwaltung. — Das Datum schwankt, auf 
einer Copie der Urkunde findet sich : Sonnabend 


nach Kiliani 1531, das ist wohl nur eine Ver- 
| wechslung mit einer späteren Urkunde (Sonn- 
abend nach Dionysii 1531). Das richtige Da- 
tum findet sich auf einer andern Copie: Sonn- 
| abend nach Kiliani 1529 (H. St. A.). 

Dass auf diese Abtretung sofort ein Protest 
der Mönche erfolgt sei (Zts. d. hist. Ver. für 
Niedersachsen, 1853, p. 53), ist nirgends nachzu- 
weisen und völlig unwahrscheinlich. 

3) Herzog Ernst für Heino, Sonnabend nach 
Kiliani 1529 (H. St. A.). 


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möge“. Über den ganzen Vorgang in Medingen nahm der Herzog eine Urkunde 
auf, in der er auf seine früheren Bemühungen hinweist, wie er dem Propste so- 
gar angeboten habe, sein Einkommen zu verbessern, damit er nicht ausser Lan- 
des eine andere Verpflichtung auf sich zu nehmen brauche. Alles sei vergeblich 
gewesen, darum sei er aus fürstlichem Amt und Obrigkeit als Landesfürst und 
Patron bewogen, die Administration der Propstei und des Klosterhofes an sich 
zu nehmen , um sie getreulich verwalten und die Klosterjungfrauen mit aller ge- 
bührlicher Notdurft versorgen zu lassen 1 ). Weil der Landtagsbeschluss in be- 
treff der Predigt des reinen göttlichen Wortes wenig Erfüllung gefunden habe, 
müsse der Fürst auch für das Heil der Seelen sorgen. Darum habe er einen 
tüchtigen und gelehrten Prädicanten hierher verordnet, dem er seine Befehle, wie 
er predigen solle, schriftlich gegeben habe. Derselbe solle in Medingen das 
Predigtamt verwalten und bei strenger Strafe von niemandem verhindert oder be- 
leidigt werden 2 ). 

Auch dem Propste Johann von Mahrenholz teilte der Herzog noch von Me- 
dingen aus mit, dass er auf den Rat seiner Herren und Freunde die Verwaltung 
der Propstei und des Klosters übernommen habe, da er die Vernachlässigung 
des Klosters und Fürstentums durch ihn nicht mehr habe dulden können. Fühle 
er sich dadurch beschwert, so möge er nach Celle kommen, dort wolle der Her 
zog ihm Antwort stehen. Übrigens solle sein Eigentum ihm ausgefolgt werden 1 ). 

In Scharnebeck, dem nächsten Kloster, das der Herzog besuchte, hatte, wie 
wir sahen, die Lehre Luthers bereits Eingang gefunden. Auch der Abt Heinrich 
Ratbrock, ein etwas unentschiedener, schwacher und schwankender Charakter, 
stand demselben nicht mehr feindlich gegenüber. Schon Ende Juni, nachdem der 
Herzog in Bardo wik gewesen war, hatten mit ihm Verhandlungen stattgefunden, 
aber dieselben waren noch zu keinem festen Resultate gekommen. Es waren 
dem Abte und dem Convente ziemlich bedeutende Versprechungen gemacht, 
ähnlich denen in Oldenstadt. Zeitlebens wollte der Fürst sie und auch die, 
welche durch Verschreibung oder Armut an das Kloster gekommen waren, ver- 
sorgen; der Abt selbst sollte eine jährliche Summe von 200 Gulden haben*). 

1) Verwalter wurde Thomas von Görden, | liani (11. Juli) 1529 (H. St A.). 

vgl. Schomaker Chronik, der aber im Jahre j 3) Der Herzog an den Propst, Sonntag nach 

irrt und das Ganze bereits Magdalenae 1528 ! Kilian! 1529 (H. St. A.). 

ansetzt. i 4) 3 Urkunden vom Donnerstag nach Petri 

2) Urkunde des Herzogs, Sonntag nach Ki- , und Pauli 1529 ftir den Abt, deren erste (bei 


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Jetzt wurde die Sache definitiv geregelt, als der Herzog am 12. Juli in 
das Kloster kam. Die Urkunde, in welcher der Abt seinen Verzicht ausspricht *) 
ist wegen der Motivierung desselben bemerkenswert Ausser der Klage über 
Leibesschwachheit und die schlechten Zeiten (Redensarten, die sich auch in an- 
dern ähnlichen Urkunden wiederfinden und die zum Teil wohl dazu gedient ha- 
ben, die durch den Herzog erzwungene Abdankung zu verhüllen) wird hier noch 
besonders hervorgehoben, dass das Fürstentum so tief in Lasten und Schulden 
stecke, dass es ohne gemeine Steuer und ernstliche Zulage aller und jeglicher 
Güter aus Not und Armut nicht errettet werden könne. Das wird sehr stark 
betont auch in der Urkunde, in welcher der Convent seine Einwilligung zu der 
Übertragung der Verwaltung an den Fürsten ausspricht*). Es scheint dieser 
Grund für den Abt durchschlagend gewesen zu sein; er beweist, dass auch fi- 
nanzielle Momente bei dem ganzen Vorgehen des Herzogs mitgewirkt haben. — 
Dass aber auch der Abt sich dem Luthertume bereits genähert hatte, spricht 
er selbst aus mit den Worten: „Ich finde und sehe, die Sache jeglicher Geist- 
lichkeit ist so gerichtet, dass sie an die Alten und Ersten, die das Klosterleben 
göttlich gebraucht, nicht heranreiche, sondern allenthalben mit Beschwerlichkeit 
beladen ist“. 

Als Verwalter wurde auf dem Kloster Dietrich von Elten eingesetzt, doch 
führte auch der Abt neben ihm die Verwaltung weiter, aber auch er musste 
jetzt dem Herzoge Rechenschaft ablegen*), und er musste sich eidlich verpflich- 
ten, nie wieder die selbständige Verwaltung beanspruchen zu wollen. 

Besondere Urkunden setzten die Lieferungen fest, die dem Abte ausser 
200 Mark jährlich zugesichert wurden 4 ). Der Abt machte bald von dem ihm 

Schlöpke p. 860 gedruckt) die allgemeinen Be- 
stimmungen enthält, während die beiden andern 
die Sülzgüter, aus deren Ertrag die Zahlung 
geleistet werden soll, genauer bestimmen (ü. 

St. A.). 

1) Die Verzichturkunde ist vom Montag nach 
Kiliani (12. Juli) 1529. (H. St. A.). 

2) Die mir vorliegende Urkunde (Copie im 
H. St. A.), in der Abt, Prior und Convent (es 
sind im Ganzen 20 Personon) auf die Verwal- 
tung des Klosters verzichten, war undatiert, ist 
aber jedenfalls hierher zu setzen. 

3) Dazu verpflichtet sich der Abt in einer 
besonderen Urkunde, Montags nach Kiliani 1529 


4) Der Herzog für den Abt, Dienstag nach 
Kiliani (13. Juli) 1529. Folgende Lebensmit- 
tel sollte der Abt erhalten: jährlich 20 Schafe, 
8 fette Schweine, wöchentlich frische Butter und 
Fische. Pferd und Wagen stehen ihm für et- 
waige Reisen zur Verfügung; er darf zu sei- 
nem Gebrauche, so lange er lebt, Silbergeschirr 
des Klosters behalten. Er kann wählen, ob er 
im Kloster, oder im Hause des Klosters in Lü- 
neburg (welches dann aber auch der Verwalter 
des Klosters mitbenutzen darf) wohnen will. 
So oft er in Scharnebeck ist, soll er freies Es- 
sen und Trinken für zwei Personen haben. — 


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zustehenden Rechte Gebrauch und schlug in Lüneburg seinen Wohnsitz auf; dort 
werden wir ihm noch wieder begegnen. Im übrigen bleiben jedoch auch hier 
die Mönche zum grössten Teil im Kloster, und erst allmählig kam es zu einem 
völligen Austritt aus demselben. 

Über die Vorgänge in Lüne sind wir durch die gleichzeitigen Berichte 
oder Tagebücher einiger Nonnen vortrefflich unterrichtet, und die Erzählungen 
derselben verbreiten zugleich auch über manche allgemeine Verhältnisse des Für- 
stentums ein helles Licht 1 ). 

Noch am Dienstage, dem 13. Juli, begab sich der Herzog von Scharnebeck 
aus mit seinem Gefolge, denselben Männern, die wir auch in Bardowik an seiner 
Seite gesehen haben, nach Lüne. Man war dort von seiner Ankunft unterrich- 
tet; der Bruder des Propstes Lorbeer war am Montage eiligst in das Kloster 
gekommen und hatte den Nonnen mitgeteilt, dass der Herzog am folgenden Tage 
kommen und den Propst absetzen werde. Der Propst war gerade im nahen 
Lüneburg, man konnte sich vor der Ankunft des Herzogs nicht mehr mit ihm 
verständigen. 

Versprechungen und Drohungen scheint man ihm gegenüber nicht gespart 
zu haben; man verhinderte ihn sich mit dem Convente zu besprechen, ehe er 
nicht in aller Form „freiwillig und ungezwungen“ die Verwaltung des Klosters 
„wegen seines Alters und seiner Leibesschwachheit“ dem Herzoge abgetreten 
und die Urkunde darüber mit seinem Siegel untersiegelt hatte 8 ). 

Die Klage des Propstes, man habe ihm noch am Morgen versprochen, man 
wolle ihn nicht absetzen, allein am Abend habe man das Versprechen gebrochen, 
mag ihren guten Grund haben. Die Ausstellung der Verzichtsurkunde kam auch 
faktisch einer Absetzung gleich, und man kann diese erzwungene Abtretung der 
Verwaltung kaum anders als eine Gewaltthat von Seiten des Herzogs bezeich- 


In einer Urkunde von demselben Tage werden 
noch genauere Bestimmungen über die Stilzgü- 
ter getroffen, aus denen der Abt bezahlt werden 
soll (H. St. A.). 

1) Dieselben sind zum Teil abgedruckt in 
den Annalen der Braunschweig-Ltineburger Chur- 
lande, Bd. 7, und besser im Hannoverschen Ma- 
gazin, Jahrgang 1821. Es sind zwei verschie- 
dene Berichte , die dort nebeneinander gege- 
ben sind , mit dem letzten derselben stimmt 


im wesentlichen überein die Copie eines Kalen- 
ders von Lüne von 1500 — 1560 (H. St. A. 
Verzeichnis der Manuscripte J. 37). Ursprüng- 
lich waren die Berichte lateinisch geschrieben, 
aber sie sind schon ziemlich früh Übersetzt wor- 
den, so dass die beiden Herausgeber die deut- 
sche Fassung für die ursprüngliche hielten (der 
Kalender ist lateinisch geschrieben). 

2) Die Urkunde vom Dienstag nach Kiliani 
1529 in Abschrift im H. St. A. 


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nen, denn Lüne hatte die Beschlüsse des Landtages zu Uelzen erfüllt und das 
Verzeichnis des Inventars eingesandt l ). Die vollzogene Urkunde gewährte dem 
Herzog freilich ein Anrecht auf die Verwaltung, welches der Convent jedoch 
nicht anerkannte, da er seine Zustimmung nicht dazu gegeben und die Urkunde 
nur mit dem Siegel des Propstes untersiegelt worden war. Der Herzog kehrte 
sich an diesen Protest nicht; doch behielt nach einer Nachricht wegen dieses 
Widerstandes der Propst die „cura animarum et obedientia et clausura“*). Der 
Hauptmann von Winsen Johann Haselhorst wurde zum Verwalter des Klosters 
bestellt und dem Convent versprochen, er solle ihnen nicht weniger, sondern 
mehr geben, als sie bisher gehabt hätten. Und man hört auch keine Klagen 
über die herzogliche Verwaltung. 

Ein ehemaliger Dominikanerprior, Hieronimus Enckhausen, wurde zum Prediger 
eingesetzt; ihm wurde befohlen jeden Sonntag, Dienstag und Freitag zu predigen, 
und die Nonnen wurden aufgefordert, ihn fleissig zu hören, denn nicht vom Brote 
allein lebe der Mensch. Ein entlaufener Mönch, der alles, was sie heilig hielten, 
nicht achtete, der einst sein eignes Kind mit gemeinem Brunnenwasser taufte, 
war den Nonnen natürlich ein Greuel, allein es gelang der persönlichen Bered- 
samkeit des Herzogs sie zu dem Versprechen zu bewegen, sie wollten seine Pre- 
digten auhören, „wenn Enckhausen nicht gegen Gottes Wort lehre“. — Es war 
nicht das erste Mal, dass in der Kirche zu Lüne das reine Evangelium gepre- 
digt wurde, schon mehrfach waren bei der Anwesenheit des Herzogs deut- 
sche Psalmen in der Klosterkirche gesungen und von seinen Predigern das 
klare, wahre Gotteswort verkündigt worden, allein dann hatten sich die Nonnen 
aus der Kirche entfernt und sich im Kreuzgang die Messe lesen lassen. Das 
hatte der Herzog damals geduldet, aber bald kam jetzt die Zeit, wo er ihre 
Anwesenheit beim Gottesdienste, als sie jenem Versprechen nicht Genüge thaten, 
mit Strenge forderte, und der Streit, der hierüber entbrannte, wird uns noch 
beschäftigen. 

Wir finden auch hier eine Gegenurkunde, durch die der Herzog den Propst 
Johannes Lorbeer versorgte 1 ). Doch auch das Kloster unterstützte ihn, er 


1) Auf den Beschluss des Landtags vom 
August 1527, der den Klöstern die freie Elec- 
tion der Pröpste zusicherte, auf den sich die 
Nonnen mit Recht hätten berufen können, be- 
zieht man sich nie in diesen Verhandlungen. 


2) Gebhardische Sammlung Bd. XTV. 

3) Am Tage Margaretha (13. Juli) verspricht 
Herzog Ernst aus Freundschaft für den Propst 
dem Bruder desselben Wohnung im Klosterhause 
zu Lüneburg und seinem Schwager, weil er den 

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wohnte in dem Hause des Klosters zu Lüneburg, und aus den Einkünften der 
Klosterfrauen wurde ihm ein Jahresgehalt ausgesetzt Er starb erst im Jahre 
1539. 

Am Mittwoch Nachmittage ritt der Herzog nach Isenhagen weiter. 
Auch hier erleichterte ihm wie in Medingen die Abwesenheit des Propstes die 
ganze Sache. Dieselben Anordnungen, die in den andern Klöstern getroffen 
worden waren, wurden auch hier durchgeführt; der Propst Friedrich Burdian 
wurde seines Amtes entsetzt Aber der Propst war ein alter Diener des Für- 
sten, den er sich gern erhalten wollte, daher teilte er ihm auch sofort nach sei- 
ner Rückkehr nach Celle das Geschehene mit, das dem Propste, wie er hoffe, 
„mehr gefällig, als zuwider sein werde“. Er spricht den Wunsch aus, dass der 
Propst sein „Verwandter und Diener“ bleiben werde, und lädt ihn zur Ver- 
handlung nach Celle auf den 18. Juli ein 1 ). — Der Propst liess sich darauf 
nicht ein; er sei seinem Kloster eine genaue Prüfung der Sache schuldig, ehe 
er mit dem Herzoge in Verhandlungen eintreten könne*). 

Damals gerade wurde ein Tag zu Helmstädt abgehalten, über den sich 
freilich nur wenig nachweisen lässt Wir wissen jedoch, dass auch Räte Herzog 
Ernsts, wie es scheint, der Licentiat Heinrich von Broke, an demselben teilge- 
nommen, und dass dort die Sache der Pröpste vorgekommen war. Die Räte 
„hatten für gut befunden, dass der Herzog dem Propste Johann von Mahren- 
holz und dessen Bruder Boldewin später einen Tag ansetzen möge. Am 22. 
Juli sollte der Tag in Helmstädt fortgesetzt werden, auch Burdian dachte daran, 
dort zu erscheinen und erbat sich für die Reise von Ernst freies Geleit Dies 
wurde ihm jedoch verweigert, er möge es zu diesem Zwecke da suchen, 
wo er eine Gewaltthat befürchte. Wolle er am Montage (19. Juli) nach Celle 
kommen, so solle ihm freies Geleit gewährt sein. Lehne der Propst dieses An- 
erbieten ab, so würde sich der Herzog seiner nicht weiter annehmen, sondern 


„Krug“ auf dem Klosterhofe nicht dulden will, 
Wohnung im alten Kruge. Das waren wohl 
Forderungen, die der Propst bei seiner Abdan- 
kung gestellt hatte. — Der Propst erhielt jähr- 
lich 250 Mark und was er zu seinem Leben 
nötig hatte, er durfte auf dem Klosterhofe woh- 
nen, für etwaige Reisen wurden ihm Wagen und 
Pferde zur Verfügung gestellt. Urk. Ernsts, am 
Dienstag nach Kiliani (18. Juli) 1529 (H. St. 
A.). Als der Propst etwa nach einem halben 


Jahre seinen Verzicht widerrief, da wird auch 
der Herzog ihn wohl nicht weiter versorgt ha- 
ben, so dass die Unterstützung des Klosters 
nötig wurde. 

1) Herzog Ernst an Burdian, d. d. Celle, 
Freitag nach Margaretha (16. Juli) (H. St. A.) 

2) Burdian an Herzog Emst, Braunschweig, 
Sonnabend nach Divis. Apost. (17. Juli) 1529. 
(H. St. A.). 


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verhängen, was Gott ersehen habe. Er habe ihm in Celle nur anzeigen 
wollen, wie es die andern Äbte und Pröpste gehalten, aber es sei jetzt das 
letzte Mal, dass er ibm eine gütliche Auseinandersetzung anbiete 1 ). — Auch in 
Celle könne er keine andere Antwort geben als bisher, erwiederte der Propst in 
einem Schreiben, in welchem er seine früheren Forderungen wiederholte. Er, 
ein alter Hofdiener und kurze Zeit ein Pädagoge seiner Gnaden Jugend, habe 
solches nicht verdient und auch nicht erwartet, da der Herzog sich erst kürzlich 
so gnädig bewiesen und ihn in Celle zur Tafel gezogen habe*). 

Das Schreiben blieb unbeantwortet, von weiteren Protesten des Propstes, 
die wohl nicht unterblieben sein werden, nahm der Herzog keine Notiz mehr. 
Die Akten über den Gegenstand werden geschlossen. — Burdian starb in Er- 
furt am 13. Juli 1550*). 

Walsrode war das letzte Kloster, in dem die Neuordnung der Verwal- 
tung durchgeführt wurde. Hier wirkte, wie wir sahen, bereits seit 1528 der 
lutherische Prediger Henning Kelp; aber auch ihm war es damals wohl noch 
nicht gelungen die Klosterfrauen dem Luthertum zu gewinnen. Die Urkunde, 
in welcher der Propst Johann Wichmann am 22. Juli dem Herzoge die Ver- 
waltung des Klosters übertrug, ist der ähnlich, die der Propst von Lüne aus- 
gestellt hatte 4 ). Dieselbe Motivirung auch hier; „die gegenwärtigen Läufe“, 
„Unvermögen und Leibes Schwachheit“ bewegen auch ihn, dem Herzoge die 
Verwaltung aufzutragen und heimzustellen; „freiwillig und ungenötigt“. Wie 
viel wir auf derartige urkundliche Redewendungen zu geben haben, haben wir 
bei Lüne gesehen. Wir können jedoch bei Walsrode einen Widerstand gegen 
diese Massregel des Herzogs nur vermuten, nicht nachweisen, denn die Nachrich- 
ten über dies Kloster sind ganz besonders dürftig. 

Dem Wunsche der in Helmstädt versammelten Räte entsprechend hatte 
Herzog Ernst dem Propste Johann von Mahrenholz und seinem Bruder auf den 
19. August 1529 einen Tag zur Verhandlung in Celle angesetzt 6 ). Allein die 
Seuche, die damals gerade über Norddeutschland hereinbrach, verhinderte die 


1) Der Herzog an Bardian, Sonntag nach 4) Urkundenbuch von Walsrode p. 260 f. 

Margaretha 1529 (18. Juli) (H. St. A.). I 5) Herzog Ernst an Boldewin, Abt vom Haus, 

2) Burdian an den Herzog, Montag nach ] Celle, Freitag nach Panthaleon (30. Juli) 1529. 

Alexii (19. Juli) 1529 (H. St. A.). j Von demselben Tage ist auch der — freilich, 

3) Rehtmeier, Braunschweiger Kirchenge- ' wie der Herzog schreibt, unnötige — Geleits- 
schichte I, p. 104 f. | brief ftir Johann von Mahrenholz (H. St. A.). 

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Zusammenkunft 1 ), und es scheint auch nicht dazu gekommen zu sein, als der 
Herzog einen neuen Tag auf den 10. October ansetzte*). 

Der Abt von St. Michaelis, der, wie wir später noch sehen werden, für sich 
seihst fürchten musste, war nicht im Stande seinen Bruder nachdrücklich bei 
dem Herzoge zu unterstützen; damit wurde aber die einzige Hoffnung, die der 
abgesetzte Propst auf eine Vermittlung haben konnte, vernichtet, und auch der 
Name des Propstes verschwindet nach diesem letzten vergeblichen Versuche des- 
selben aus den Akten. 

Wir stehen damit an dem Ende einer Entwicklung, deren einzelne Stufen 
wir klarzulegen versucht haben. Das Resultat ist ein doppeltes: 

1. In sämtlichen Frauenklöstern hatte der Herzog die Verwaltung über- 
nommen, in zwei Mönchsklöstern war ihm dieselbe durch Abt und Convent über- 
tragen. Widerstand leisteten nur noch die Stifter Bardowik und Ramelsloh, so- 
wie die in der Stadt Lüneburg belegenen Klöster; hier bestand auch das Bar- 
füsserkloster noch weiter, während aus Celle und Winsen die Barfüsser vertrie- 
ben waren. 

2. Überall soweit der Arm des Herzogs reichte und ihm tüchtige und ge- 
lehrte Männer zur Verfügung standen, waren Prediger des Evangeliums einge- 
setzt worden, auch in den Klöstern und Stiftern, natürlich mit Ausschluss der 
Stadt Lüneburg. Man kann sagen, dass mit dem Jahre 152 9 die luthe- 
rische Kirche im Fürstentume Lüneburg zur Landeskirche geworden ist 

Eine Frage, die sich hier aufdrängt, ist die, ob der Herzog eine völlige 
Aufhebung der Klöster seines Landes beabsichtigte. Ich glaube, man kann das 
nur für die Mannesklöster bejahen ; nur hier dachte er jedenfalls an eine schnelle 
Aufhebung. Dagegen scheint aus dem späteren Verfahren des Herzogs nicht 
hervorzugehen, dass er daran dachte, die Frauenklöster, eine Zufluchtsstätte für 
die unversorgten Töchter des Adels und der Lüneburger Patricier, völlig zu be- 
seitigen. Annahme des Luthertums und „geistige Freiheit“ der Bewohnerinnen 
forderte Ernst im Laufe seiner Regierung von den Frauenklöstern seines Lan- 
des, und wenn er in dem Kampfe, der sich über diese Forderungen erhob, zu 


1) Boldewin an Förster, Mittwoch nach In- 
vent. Stephani (4. August) 1529 und am Tage 
Laurentii (10. August) 1529. Förster an Bol- 
dewin, Sonnabend nach Laurentii (14. August). 
Der Herzog an Förster, d. d. Gifhorn, Freitag 


nach Laurentii (13. Aug.) 1529. (H. St A). 

2) Die Bäte zu Celle an Boldewin, Don- 
nerstag nach Cruds Exaltat (16. September) 
1529. (H. St A.) 


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harten Massregeln griff, so hatten sich das die Nonnen meist selbst zuzuschrei- 
ben, denn auch milden Massregeln des Herzogs setzten sie einen hartnäckigen 
Widerstand entgegen. Aber selbst damals, wo der Zorn des Herzogs bisweilen 
auf das Stärkste herausgefordert wurde, ist es nie zur Aufhebung eines dieser 
Klöster gekommen. 

In der Folgezeit wird uns ein ganz anderer Charakter in den religiösen 
Streitigkeiten entgegentreten. Finanzielle Momente treten fast völlig zurück, da 
der Herzog ja bei den meisten Klöstern sein Ziel in bezug auf die Verwaltung 
erreicht hatte. Das Charakteristische der späteren Jahre ist der Kampf der 
Klöster und Stifter gegen die Reformation, der erst jetzt hervorgerufen wurde 
durch den ersten Schritt, den der Herzog gegen die Religion derselben gethan 
hatte. In diesem Kampfe spielt die Stadt Lüneburg eine grosse Rolle, hier ist 
der Angelpunkt des gesamten Widerstandes überhaupt. Auf sie richten wir da- 
her zunächst unsern Blick. 


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II. Abschnitt. 


Die Reformation der Stadt Lüneburg und der Widerstand der Klöster. 


Vorgänge in Lüneburg bis zur Ankunft des TJrbanus Rhegius 1 ). 


Es wurde bereits auf eine der ersten Nachrichten hingewiesen, welche wir 
über die beginnende religiöse Bewegung in der Stadt Lüneburg besitzen. 

Nach jener Ausweisung etlicher lutherisch Gesinnter hören wir mehrere 
Jahre nichts von den Regungen des Luthertums 2 ). Aber es büdete sich doch 
allmählich eine starke evangelische Partei, die sich zum grössten Teil aus den 
Angehörigen der Bürgerschaft zusammensetzte, während die Patricier und der 
Rat auf Seiten des Eatholicismus standen. 

Der Gegensatz zwischen Patriciern und Bürgerschaft beherrscht die ganze 
Entwicklung der Reformation in der Stadt Lüneburg. Zugleich mit dem Streben 
nach der Besserung der kirchlichen Verhältnisse trachteten die Bürger danach, 
einen Einfluss auf die Regierung der Stadt und einen Anteil an derselben zu 
bekommen, der ihnen bislang nur in ganz geringem Masse zustand. 


1) Unsere Quellen für die Reformationsge- 
schichte der Stadt Lüneburg sind ausser einigen 
besonders anzuführenden Aktenstücken und den 
Werken des Urbanus Rhegius die beiden Lüne- 
burger Chroniken von Schomaker und Hämmen- 
städt und der Bericht eines Anonymus (gedruckt 
bei Bertram , Evangelisches Lüneburg). Für 
1532 kommt in betracht ein auf der Wolfen- 
büttler Bibliothek sich befindender handschrift- 
licher Bericht des Stadtsecretärs Georg Tilitz, 
für 1533 die in der Zts. des hist. Vereins für 
Niedersachsen 1881 abgedruckte Nachricht des 


Barmeisters Döring. Aus dem H. St A. wur- 
den folgende Akten für dieses Kapitel benutzt: 
Des. 55, Lüneburg 8, 10. 

2) Leider ist uns die Antwort nicht erhal- 
ten, welche der Rat von Lüneburg auf den 
Vorschlag des Hamburger Rates, die kirchlichen 
Missstände durch ein Provinzialkondl untersu- 
chen zu lassen, gegeben hat. Jedenfalls kam 
dasselbe nicht zustande. Vgl. Sil lern, die 
Einführung der Reformation in Hamburg, 1886, 
| p. 88 ff. 


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Der Rat und die Partei der Patricier dagegen hatten von einer Änderung 
der bestehenden Verhältnisse das Schlimmste zu fürchten. Viele kirchliche Be- 
neficien waren in ihren Händen, mit dem Verlust derselben verloren sie auch 
einen Teil ihres Einflusses und ihres Ansehens. 

Vortrefflich sind alle Verhältnisse, die auf allen Seiten dem Rate drohende 
Gefahr, dargelegt in einer Denkschrift des Propstes von St. Johann, der Haupt- 
kirche Lüneburgs. Johann C oller aus Stadthagen stand schon lange (seit 1500) 
im Dienste des Rates. Zuerst Secretair, dann Protonotar der Stadt hatte er 
beide Ämter zur grössten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten verwaltet und war 
daun in Ansehung seiner treuen Dienste zum Propste von St Johann gemacht 
worden 1 ). Ihm war damit die Oberaufsicht über die Geistlichkeit der Stadt 
mit Ausnahme der drei Klöster (St. Michaelis, Heiligenthal und St Marien) an- 
vertraut Ein solcher in treuer Pflichterfüllung ergrauter Diener, ein Mann von 
grossem Einfluss, durfte es wagen dem Rate Vorstellungen über sein bisheriges 
Verfahren zu machen und auf Änderungen zu dringen, die der Bewegung Ein- 
halt thun sollten. 

Am 23. Juni 1528 richtete er seine Schrift an den Rat; sie ist zugleich 
die erste Nachricht, die wir seit 1525 über den weiteren Fortgang der religiö- 
sen Bewegung in Lüneburg haben. Er beginnt mit einer umfangreichen Dar- 
legung über die Gefährlichkeit und Schändlichkeit der „lutherischen Secte“, einer 
bösen, unbeständigen, leichtfertigen, aufrührerischen Gesellschaft. In und ausser- 
halb Lüneburgs arbeiteten viele böse Leute mit allen Kräften daran die Stadt 
an diese Sekte zu bringen, das würde ihr viele grosse Not bringen. Käme es 
dazu, so würde der Gottesdienst niedergelegt, Messe und Sakrament vernichtet, 
Kirchen, Klöster und Altäre zerstört, Einigkeit und Gehorsam verjagt werden. 
Der Mann würde gegen die Frau, Kinder gegen Eltern, Arme gegen Reiche sich 
erheben, der mit Recht Bestrafte würde sich rächen. Der Herzog würde die 
Sülzgüter der Klöster an sich ziehen, aus seiner Hand würde man fortan das 
empfangen, was die Klöster bisher gegeben hätten, und wenn man sich dagegen 
auf lehne, habe man des Herrn Ungnade noch dazu am Halse. Schon jetzt 
strebten die Bürger danach, wie sie die Geschlechter unterdrücken wollten; käme 
es zum Umsturz, so würden sie den Sülftmeistern auch nicht mehr die Sülz- und 

1) Diese Nachrichten über sein Leben stam- men ans seinem im L. A. befindlichen Testa- 

I mente. 


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Pfannengüter lassen; der Herzog würde die Bürger gegen die Patricier unter- 
stützen, und diese dafür dem Herzoge willfährig sein. So würden die Privilegien 
der Stadt verloren gehen. In Lüneburg werde die Sache nicht so einfach und leicht 
abgehen wie in Augsburg und Nürnberg, denn der Hass zwischen Wenden und 
Deutschen, zwischen Armen und Reichen sei hier zu gross. Strenge und schnelle 
Hülfe sei not , von aussen her und im Lande blicke man auf Lüneburg als einen 
Hort des wahren Glaubens; noch sei es Zeit zu handeln, noch könne man mit 
Gottes Hülfe die lutherische Sekte unterdrücken 1 2 ). 

Die grösste Gefahr für den Rat lag in der That in einer etwaigen Ver- 
bindung des Herzogs mit den Bürgern, diese musste man zu verhindern suchen 
Die Politik des Rates geht daher für die Folgezeit auch darauf aus, bald die 
Bürger, bald den Herzog durch wirkliche oder scheinbare Nachgiebigkeit zu ge- 
winnen oder die Bürger gegen den Herzog aufzuhetzen. 

Man suchte dem Volke durch tüchtige, aber streng katholische Prediger 
das Bedürfnis nach einer Reformation weniger fühlbar zu machen. So wirkte 
schon seit einiger Zeit (seit 1527 oder spätestens seit Anfang 1528) in Lüneburg 
der Dominikaner Augustin von Getelen, ein Mann von grosser, freilich völ- 
lig scholastischer Gelehrsamkeit, der sich bereits im Kampfe gegen das Luther- 
tum durch eine Schmähschrift gegen Bugenhagen die Sporen verdient hatte. Im 
Jahre 1523 begegnet er uns als Prediger in Hamburg, aber er stand eigentlich 
im Dienste der Stadt Lüneburg, die ihm auf die Bitte des Rats von Hamburg 
(Ende November 1525) noch einen längeren Aufenthalt dort gewährt zu haben 
scheint. Im Jahre 1527 kehrte er nach Lüneburg zurück und verpflichtete sich 
im Anfang des Jahres 1528 zu dauerndem Aufenthalte dort Der Rat stellte 
ihn mit 50 Mark Gehalt an der Johanniskirche als Prediger an; er musste des 
Sonntags und Freitags dort predigen*). 

1) Coller an den Kat, am Abend Joh. Bap- 1528 in Lüneburg wieder gewirkt hat: Martin 

tistae 1528 (L. A.). Undermark sagt in der Vorrede seiner Stareit- 

2) Die von mir benutzte Copie der Urkunde schrift gegen Getelen (datiert vom 28. Februar 

war vom Abend Trium Begum (5. Jan.) 1528 1529), dass er Getelen selbst habe predigen 

aus dem L. A. Uhlhorn (p. 359, Anm. 2) sagt, hören, als der Herzog einst gerade in Lüne d- 
dass er die Urkunde aus der L. B. gehabt nen Landtag gehalten habe. Zwischen der 
habe, als Jahr giebt er 1529 an. Auf der Schrift und dem Landtage war aber eine geraume 
Stadtbibliothek war die Urkunde nicht aufzu- Zeit verflossen, so dass wir wohl annehmen dflr- 
finden. Auch halte ich das Jahr 1528 für rieh- fen, dass es jener Landtag gewesen ist, der Mi- 
tiger als 1529. Aus folgendem aber scheint sericord. Dni. (3. Mai) 1528 stattgefunden hat, 
mir hervorzugehen, dass Getelen bereits Anfang und von dem die Nonnen von Lüne uns be- 


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113 — 


Dass die katholische Partei einen derartigen Mann in der Stadt besass, 
war nicht gering zu achten. Denn Getelen hatte von seinen Gegnern gelernt; 
auch er predigte „schriftgemäss“ und auch er konnte den Satz aufstellen: „Alle 
Lehren buten dem Worde Gottes sind vordächtig“ ; aber schon in Hamburg hatte 
man gemerkt, dass er anscheinend zwar evangelisch predigte, aber dennoch „den 
Kreisel so drehte, dass er der Pfaffen Pracht und Tyrannei fein schützte“ *). Man 
hörte ihn in Lüneburg sehr gern, und selbst seine Gegner gestanden ihm zu, 
dass er eine ausserordentliche Predigtgabe besitze, „denn mit seiner Zunge wird 
des Volkes Herz nicht anders denn mit einem Wedel gewehet“*). Als der Her- 
zog einst in Lüne eine Beratung abhielt — es war wohl an jenem 3. Mai 1528, 
von dem die Nonnen mit so grossem Entsetzen berichten, weil ihre Kirche da- 
mals durch „deutsche Psalmen und Loysen“ und eine evangelische Predigt ent- 
weiht wurde — da begab sich der Prediger des Herzogs, Martin Undermark 
aus Gent 3 ), in die nahe Stadt, um Getelen zu hören. Derselbe predigte über den 
Text: „Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, als die der Pharisäer und Schrift- 
gelehrten, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“. „Zuerst“, sagt Un- 
dermark, „redete er wahr, fort Lüge, zuletzt vermengte er Wahres mit Falschem 
so tückisch und geschwinde, dass nur die Allerscharfsinnigsten ihn durchschauen 
konnten“. Am folgenden Tage predigte Undermark vor dem Herzoge, seinem 
Gefolge und vielen Lüneburger Bürgern über denselben Text und widerlegte 
Schritt für Schritt die Ausführungen Getelens. Daran schloss sich dann ein län- 
gerer litterarischer Streit, der uns nicht erhalten ist, der aber, wie aus einzelnen 
Andeutungen hervorgeht, grob genug geführt wurde. Beendigt wurde derselbe 
durch die Schrift Undermarks: „Wider die Lästerschrift des schwarzen Münches 
Augustin von Getelen , des falschen Propheten bei den zu Lüneburg“, zu wel- 
cher er sich erst nach langem Zaudern auf Zureden des Kanzlers Förster 
entschlossen hatte. Der Streit drehte sich um das Amt des Bischofs und der 


richtet haben. Damals hatte Getelen also be- 
reits einige Zeit in Lüneburg gewirkt. 

1) Vgl. Bernd Gyseckes Hamburger Chro- 
nik bei Lappenberg, Hamburger Chroniken p. 50. 
Der auf die hier angeführte Stelle folgende 
Satz: „averst he quam wech und her Steffen 
wort mit jahr 27/28 pastor to sunte Katrinen* 
deutet ebenfalls darauf hin, dass Getelen damals 
Hamburg verlassen hat und nach Lüneburg zu- | 
rückgekehrt ist. Vgl. über Getelen auch Lap- 1 


penberg a. a. 0. p. 575 und 584. 

2 ) Undermark in seiner gleich anzuftihren- 
den Schrift. 

8) Seit etwa Jahresfrist war er Pastor zu 
Celle, Über sein Leben weiss man nur wenig. 
Sept. 1520 wurde er in Wittenberg immatriku- 
liert (Förstemann a. a. O. p. 97). Chytraeus, 
Saxonia p. 279, hebt seine grosse Ähnlichkeit 
mit Luther hervor. Später (1543) wurde er 
Generalsuperintendent und lebte bis 1569. 

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Obrigkeit, und neben den theologischen Erörterungen blieben auch Schmähungen 
Getelens, der Undermark als einen Bischof von Lüne verspottet, ihm geraten 
hatte sich zum Erzbischof, Papst und Antichrist machen zu lassen, nicht anbe- 
antwortet. Hütet euch vor den falschen Propheten! so warnt er die Bürger 
von Lüneburg. In einen Engel des Lichts hat sich der Teufel hier verwan- 
delt, führt nichts auf der Zunge als eitel Paulum und Christum, rühmt sich ein 
rechtschaffener Prediger zu sein und ist doch von Gott verlassen und zur Aus- 
legung der Schrift ebenso geschickt wie der Esel zur Harfe! 

Daneben werden manche Verhältnisse besprochen, deren Kundmachung dem 
Rate nicht angenehm gewesen sein wird. Nur darum sei Getelen unter so gün- 
stigen Bedingungen von dem Rate augestellt, „dass er nach der alten Weise 
zwar nichts Ungöttliches lehre, damit die Gemeine nicht aufrühre, und dadurch 
Pfaften und Obersten zur Neuerung nicht würden gedrungen“. „Aber, wer 
weiss, ob er nicht auch bei den Lüneburgern, wenn sie seiner angestrichenen 
Farbe inne werden, mit Scham und Schande wird verlaufen müssen?“ 

Aber auch bei der römischen Partei geriet Getelen , freilich nur auf kurze 
Zeit, in Verdacht, als ob er durch Versprechungen und Schmeicheleien verlockt 
von dem Katholicismus abfallen wolle. Er wies jedoch derartige Verläum- 
dungen in einem Schreiben an Coller auf das entschiedenste zurück 1 ), und an 
ein Wanken war auch von seiner Seite gar nicht zu denken. Er stand fest, und 
je weiter der Kampf kam, um so hartnäckiger wurde er und um so enger ver- 
band er sich mit der katholischen Partei. 

Er hatte in Lüneburg einen Collegen an der St. Nicolai Kirche, den Magi- 
ster Friedrich Henniges 2 ), den der Rat im Jahre 1528 von Hamburg verschrie- 
ben hatte. Er war dort Vicerektor an St Petri gewesen und war den evange- 
lischen Prädicanten „nicht geradezu entgegen“. Er war unentschieden und schwan- 
kend, nach keiner Seite wollte er anstossen, Menschenfurcht war ihm nicht fremd; 


1) Getelen an Coller, Lüneburg, d. 12. Juli 
1529 (Orig. L. B.). 

2) Lappenberg a. a. 0. p. 585 f. meint, 
dass Henniges mit Barthold Möller nach der 
am 28. April 1528 abgehaltenen Disputation 
zwischen den Papisten und Evangelischen nach 
Bostock gegangen und von dort nach Lüneburg 
berufen sei. Das ist aber eine Verwechslung 
mit Friedrich Vullgreve, der am Dome Pastor, 


j und der der einzige „Friedrich“ war, der an der 
Disputation teilgenommen hat; beide werden 
in Stephan Kempes Bericht (abgedruckt bei 
Lappenberg p. 522 ff) meist nur mit Vornamen 
genannt; daher die Confusion. Friedrich Hen- 
niges scheint also damals nicht mehr in Ham- 
burg gewesen zu sein, vielleicht war er schon 
in Lüneburg. 


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aber vorläufig hielt er es noch mit der mächtigem Partei. „Er vollstreckte“, so 
heisst es von ihm, „die Heuchelei mit Zuthat der Papisten mit singende und klin- 
gende und um den Hof zu gehende“ 1 2 3 ). 

Das waren die Männer, durch die der Rat hoffte, die Bürgerschaft von der 
lutherischen Lehre fern zu halten. Getelens Predigten zogen das Volk an ; aber 
es ist schwer sein Ansehen wieder zu gewinnen, wenn man es einmal verloren 
hat. Jene Schrift Undermarks wird ihren Weg auch gewiss nach Lüneburg 
gefunden bähen und wird auf die Bürger nicht ohne Einfluss gewesen sein. 

Schon im Januar 1529 kamen Misshandlungen katholischer Priester vor*), 
und im März hören wir bereits von einer geheimen Verabredung unter den Bür- 
gern, dass man durch lutherische „Loysen“ den Gottesdienst in der Lamberti- 
kapelle stören wolle; und sogar der Pfarrer dort scheint das nicht ungern gese- 
hen zu haben*). 

Als dann aber Herzog Ernst sein Wort wahr machte: er wolle den 
Lüneburgern ein Feuer um ihre Stadt anstecken, das ein ehrbar Rat binnen 
Lüneburg nicht wohl löschen, noch dämpfen könne 4 ), als er im Juli 1529 in dem 
nahen Bardowik und Lüne Prediger des Evangeliums eingesetzt hatte, da wan- 
derten die Bürger hinaus und holten sich von dort, was sie daheim nicht fan- 
den. Alle Drohungen des Rates nützten nichts; es half nichts, dass er die 
Thore schliessen liess — man kletterte über die Mauern oder liess sich über 
die Ilmenau übersetzen. Den Nonnen in Lüne war das natürlich ebenso wenig 
angenehm als dem Rate. Sie versuchten durch angezündete Filzlappen den Pre- 
diger und die Gemeinde aus der Kirche zu vertreiben — es wurde auf dem 
Kirchhofe weiter, gepredigt*). 

Von Isenhagen aus hatte, wie wir bereits erwähnten, der Herzog am 15. 
Juli an den Rat geschrieben, ihm Mitteilung von seinem Vorgehen gegen die 
Klöster gemacht und dasselbe mit Hinweisung auf jenen Landtagsbeschluss ge- 
rechtfertigt. Zugleich hatte Ernst aber auch das Artikelhuch und die Instruction 
für die Prediger dem Rate übersandt und gefordert, dass auch in Lüneburg auf 
Grund dieser Ordnungen das Evangelium lauter und rein gepredigt werden solle. 


1) Bertram, Evangelisches Lüneburg p. 40. 

2) (Doller an den Rat, am Tage Emerentii 
1529 (L. A.). 

3) Goller an den Rat, am Dienstag nach 


Laetare 1529; er fordert den Rat zum Ein- 
schreiten und Strafen auf. 

4) Bertram, Evang. Lüneb. p. 38. 

5) Bericht bei Bertram a. a. O. p. 38 f. 


15* 


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Die Antwort auf dies Schreiben blieb der Rat vorläufig schuldig, allein die- 
selbe Forderung tauchte jetzt auch von Seiten der Bürger auf. Als man mit 
ihnen am 23. Juli 1529 wegen einer Qeldforderung des Herzogs beriet, lies- 
sen sie durch ihren Worthalter Cord Jördens, statt auf diese Frage ein- 
zugehen, den Antrag stellen: Weil im ganzen Fürstentume rein gelehrt wurde, 
möge der Rat dafür sorgen, dass die Möncherei und der päpstliche Narrenrock 
auch in Lüneburg abgeschafft würde 1 ). 

Dazu hatte nun freilich der Rat durchaus keine Neigung ; allein wurde die 
Forderung direkt zurückgewiesen, so Hessen sich die Folgen dieses Schrittes nicht 
übersehen, dann schien die Verbindung der Bürgerpartei mit dem Herzoge, die 
man mehr fürchtete als alle Reformation, unvermeidlich. Man griff daher zu 
einem sehr verwerflichen Mittel, um wenigstens diese zu verhindern. Während 
man die Sache des Evangeliums hinausschob, fing man an den Herzog bei der 
Bürgerschaft zu verläumden; man sprengte aus, er sammele Reiter und Fusa- 
volk, um die Stadt feindlich zu überfallen. Die Geldforderungen des Herzogs» 
die schon seit lange mit völligem Rechte erhobenen Ansprüche, dass Lüneburg 
zur Bezahlung der Schulden des Fürstentums beitragen sollte, nannte man Ein- 
griffe in die Privilegien der Stadt. 

Herzog Ernst erhielt bald Kunde von den Gerüchten, die man gegen ihn 
in Umlauf gesetzt hatte. Er richtete ein Schreiben an den Rat und Hess zu- 
gleich eine Erklärung öffentlich anschlagen, in der die Verläumdungen seiner 
Gegner zurückgewiesen wurden. Er verwies die Bürger auf das übersandte 
Artikelbuch und die Instruction für die Prediger und forderte zur Annahme die- 
ser Ordnungen auf: denn man werde nichts darin finden, was nicht in Gottes 
Wort ergründet und bewiesen sei 2 ). 

In der Mitte des Jahres brach über die Stadt und das Land jene schwere 
Seuche, die Schweissucht, herein, von der die Chroniken so viel zu berichten 
wissen. Das lähmte beide Parteien. Auch dem Herzoge gegenüber finden wir 
den Rat jetzt — in Worten wenigstens — sehr nachgiebig. Ihr Schreiben 
fliesst über von Entschuldigungen; sie beteuern, dass sie jenen Verdacht weder 
gehabt noch vorbereitet hätten. Sie danken für die übersandten Schriften, ver- 

1) Hämmenstädt z. Jahre 1529. j d. d. Freitag nach Pantaleonis (SO. Juli) 1529. 

2) Zwei Schreiben des Herzogs an Lüne- | (Copie im H. St. A.). 
borg, das zweite zur Veröffentlichung bestimmt, | 


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sprechen für tüchtige and gelelurte Prädicanten sorgen zu wollen ; denn „sie möchten 
nicht gern als solche befunden werden, durch die die reine Predigt des Evange- 
liums verhindert würde, auch hätten sie befohlen, dass ihre Prediger ohne Scheu 
das reine Evangelium predigen sollten, daran wäre auch nach ihrem Verstände noch 
kein Mangel erfunden worden“ *). — Das waren schöne Worte, ansgepresst durch 
eine schwere Zeit; Worte, wie sie der Rat so gern und leicht gab, wenn er in 
seiner engherzigen und kleinlichen Weise dadurch einen augenblicklichen Vorteil 
oder einen Aufschub erlangen konnte. Zur That kam es nicht 

Aber wenn auch durch die Seuche, die beide Parteien als eine Strafe Got- 
tes für ihre Gegner ansahen, die Bewegung eine kurze Zeit ruhte oder weniger 
intensiv war, das Verlangen der Bürger nach Reformation und der Hass gegen 
den Rat kehrte mit neuer Heftigkeit wieder, und im Anfänge des Jahres 1530 
licss sich die Bewegung nicht mehr dämpfen. 

Am Sonntag nach Mariae Reinigung (6. Februar) kam es zuerst in der 
Nicolaikirche dazu, dass man den lange gehegten Plan ausführte und nach der 
Predigt deutsche Gesänge: „Es wolle Gott uns gnädig sein“ und „Gott der 

Vater wohn’ uns bei“ anstimmte 1 2 ). 

Das Drängen der Bürger auf Besserung der religiösen Zustände hatte den 
Rat bewogen, den Franziskanern den Befehl zu erteilen, des Predigtamtes 
zu warten. Die Mönche, die in der Klosterkirche predigten, wurden auch ge- 
hört, aber von einer Zuhörerschaft, die bereits sehr gut das Wahre von dem 
Falschen zu unterscheiden verstand. Nicht lange vor Fastnacht predigte hier 
auch so ein „grauer Gast“, der Guardian des Klosters, und begann mit den 
Worten: Was in den Mund gehet, sündiget nicht; was aber daraus gehet, das 
sündiget, sagen die Martiner. Wie, hat denn Adam nicht Gottes Gebote ge- 
brochen dadurch, dass er den Apfel ass wider Gottes Gebot? dazu auch der 


1) Der Rat an den Herzog, Montag nach 
Decollat Johannis (30. Aug.) 1529. (H. St. A.) 

2) Die vorhandenen Berichte stimmen in be- 
treff dieses Datums nicht überein. Schomaker giebt 
die Sache überhaupt nicht genauer an. Hämmen- 
städt hat: Sonntag vor Lichtmessen (30. Januar), 
der Bericht bei Bertram giebt die Nachricht 
erst für den Sonntag Judica (6. März); das ist 
völlig falsch, denn bereits am 27. Februar hatte 
Bugenhagen Kunde von diesen Vorgängen. Sei- 


nem Briefe (vom 27. Februar 1530) an L. Cor- 
datus (bei Rehtmeier, Braunschweig. Kirchenge- 
schichte, III, Beilagen p. 14) ist das von uns 
angegebene Datum entnommen. Bertram setzt 
diese Vorgänge irrig bereits in das Jahr 1529; 
er legt auf die Gesänge besonderes Gewicht: 
weil Gott so ein leichtes Mittel gegeben habe, 
sich ohne Tumult von der frechen Schreier 
Herrschaft zu erlösen. 


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Mann, der nach Bethel ging und nicht essen und trinken sollte, ehe er wieder 
in sein Haus käme und ward von den Bären zerrissen und umgebracht; was 
sagt ihr Martiner dazu ? — Da erhob sich ein gewaltiger Lärm , und die Ge- 
meinde fing an zu singen: „Ach Gott vom Himmel sieh darein“, und obwohl 

der Mönch rief: „Schweigt still, ich will euch vom Glauben predigen!“, hörte 

man nicht eher mit Singen auf, als bis er die Kanzel verlassen hatte. 

Noch stürmischer ging es am folgenden Sonntage her. Ein anderer Mönch 
betrat die Kanzel, allein er vermochte seine Zuhörer nicht lange zu fesseln, auch ihn 
unterbrach der Gesang deutscher Psalmen. Eine alte „Krückendrägersche“ hatte 
inzwischen die Kirchthür verriegelt. Man glaubte, man solle überfallen werden, 
die Kirchstühle wurden zur Verteidigung abgerissen, in der Kirche begann man 
eine Schlägerei , aus Lüne eilten die jungen Leute herbei, um ihren Genossen za 
helfen. Aber der Rat wurde des Tumultes noch einmal Herr 1 ). 

Schon wagte man es offen die katholische Religion zu verspotten. Schnei- 
dergesellen mit weissen Gewändern bekleidet zogen auf Fastnacht in feier- 
lichem Zuge durch die Stadt, sie trugen Kreuze und Glocken und als Reli- 
quien Pferdeknochen vom Schindanger. Als sie am Hause des Bürgermei- 
sters Lütge von Dassel in der Bäckerstrasse vorbeikamen, zog der alte Herr 
seine Mütze, denn er meinte, es wären u. L Frauen Pfaffen mit dem Ablass. 
Bei der Apotheke traf der Bürgermeister Hartwich Stötteroge die Prozession, 
schon wollte er ehrfürchtig niederknieen , als seine Diener ihm sagten, dass es 
ein Fastnachtscherz sei 2 ). Das ging einem ehrbaren Rat denn doch über den 
Spass. Die losen Gesellen wurden bei Leibesstrafe aus der Stadt verwiesen; 
aber die Bürger Hessen dem Rate drohend sagen: wolle man die Knechte ver- 
jagen, die niemandem etwas zu leide gethan, sondern nur der Pfaffen gottlose 
Pracht mit dem abgöttischen Heiligtum verspottet und damit den Hals nicht ver- 
brochen hätten, so möge man sie selbst nur auch aus der Stadt treiben. Der 
Rat war schon so eingeschüchtert, dass er nachgab und die Rückkehr der Ge- 
sellen gestattete, wenn sie sich nur drei oder vier Tage ruhig im naben Lüne 


1) Bericht bei Bertram a. a. 0. p. 41 ff. 

2) Aus Hämmenstädt; am ausführlichsten 
ist der Bericht bei Bertram über diese Vor- 
gänge, dem wir auch im Wesentlichen gefolgt 
sind. 


Ein Gedicht über diesen Fastnachtsaufzug 
findet sich bei Gebhardi Bd. IX. Dort ist auch 
noch ein anderes Lied aus derselben Zeit Et- 
liche Verse davon gedruckt bei Uhlhorn p. 360. 

1 An m. 


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aufgehalten hätten. Es war den Patriciern eben nicht mehr möglich, der Sache 
Einhalt zu thun. 

Henniges hatte sich inzwischen immer noch schwankend verhalten. Vor den 
Fasten hatte er versprochen, er wolle den Rat günstig zu stimmen suchen und 
dann am ersten Sonntag in den Fasten mit der Sache „füglicher fortfahren“. 
Allein der Tag kam, Henniges erwähnte nichts von seinem Versprechen; die Messe 
sollte wieder gefeiert werden. Da stimmte das Volk abermals seine Lieder an, die 
Priester wichen aus der Kirche, und erst als sich die Menge verlaufen hatte, 
kam der „Missling“ wieder hervor und „missete sein gottlos Thun zum Ende 
aus“ *). — Doch scheint es nach Schomakers Chronik schon jetzt in der Nicolai- 
kirche zur Predigt des Evangeliums und Feier des Abendmahls unter beiderlei 
Gestalt gekommen zu sein, aber vorerst auch nur hier*). . 

Bald genügte das den Bürgern nicht mehr, und die Zusammenrottungen dersel- 
ben nahmen für den Rat einen höchst gefährlichen Charakter an. Die Bürger or- 
ganisierten sich; ein Ausschuss von hundert Personen wurde gewählt mit einem 
Wortführer, Hans Polde, und zwölf Bürgern au der Spitze, und dieser betrieb jetzt 
die Sache mit System. Hatten sie auf ihre früheren Bitten keine Antwort vom Rate 
bekommen, so drängten sie jetzt nur um so härter, dass man ihnen evangelische 
Prediger geben möge. Und nicht das allein, sie forderten auch Sachen, die nichts 
mit der Religion zu thun hatten: Salzfuhr und einen Anteil an den Kalands- 
und Mönchsgütern*). Der Rat glaubte — aufgestachelt durch die Pfaffen — 
zur Gewalt schreiten zu müssen. Er wollte „unter den Hunderten (dem Aus- 
schuss) ein Greifen thun und den Vornehmsten, die das Spiel am weitsten trieben, 
den Bart scheren“. Sieben Büttel waren bereits dazu verordnet, auch die Nacht, 
in welcher der Plan zur Ausführung kommen sollte, war bestimmt Allein die 
Sache wurde verraten; von unbekannter Hand empfing Hans Polde kurz vorher 
die Warnung, des Nachts niemanden in sein Haus zu lassen. Schnell versam- 
melte er die Bürger, und man fand die Warnung begründet, denn die Glocken- 
stränge waren aufgezogen, um Sturmläuten zu verhindern 4 ). 


1) Bericht bei Bertram a. a. 0. I 3) Schomaker a. a. 1530. Woher Uhlhorn 

2) „Also heffit ein Radt nagegeven, dat tho I a. a. O. p. 185 die Nachricht hat, dass die 

Bt. Nicolaus allene evangelico more de Missen j Bürger nochmals dem Rate den Eid des Gehor- 
geholden und communideret worden. Actum ; sams leisten sollten, ist mir nicht bekannt 
Invocavit. u Schomaker ad annum 1530. | 4) Nach Hämmenstädt, der unsere einzige 


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Der Hat gab seinen Plan auf und lenkte ein. Die angesehensten Geist- 
lichen der Stadt wurden vorgefordert. Ihnen wurden die Ansichten und For- 
derungen der Bürger mitgeteilt, und sie sollten nun auf ihr Gewissen sagen, ob 
die neue Lehre dem Worte Gottes gemäss oder zuwider sei Für seine Amts- 
genossen antwortete Augustin von Getelen: es sei das eine so wichtige Sache, 
dass man sie erst gründlich überlegen müsse. Aber die Bürger erwiderten, 
dass Luther seit 1517 gelehrt habe, und dass sie als Geistliche seit dieser Zeit 
sich genügend darüber hätten unterrichten können. — Wenn man, so lautete 
die Antwort, die der Rat forderte, der Patres Consilia und geordnete Ceremonien 
verwerfen wolle, dann wäre Luthers Lehre nicht unrecht und stimme mit dem 
göttlichen Worte. Damit entliess der Rat vorläufig beide Parteien 1 ). 

Alle diese bislang geschilderten Ereignisse fanden noch vor Ostern 1530 
statt. Neue Verhandlungen begannen, als die Pfaffen Anstalten machten, in her- 
gebrachter Weise das Fest der Palmenweihe zu feiern. Die Handwerksgesellen 
Hessen hören, sie wollten den Pfaffen die Palmen weihen helfen, wie das ihnen 
bekommen würde, das sollten ihre Köpfe fühlen. Die Verhandlungen, die am 
Dienstag nach Judica (5. April) zwischen dem Rate und dem Bürgerausschuss 
wegen der Ceremonien für Ostern begannen, endigten damit, dass der Rat ein 
Mandat aufzusetzen versprach, das am „guten Mittwoch“ in St Johannis ver- 
lesen werden sollte. Die Sitzung dauerte lange, und es ging stürmisch genug 
bei derselben her, denn immer wieder und immer dringender forderten die Bürger 
evangelische Prädicanten. Die Patricier sagten, ihre Voreltern und sie seien mit 
den Pfaffen und Mönchen zufrieden gewesen, warum nicht auch die Bürger sie 
behalten wollten? Wenn die Junker, so antworteten die Bürger, die Pfaffen und 
Mönche in ihren Häusern haben wollten, so sei ihnen das einerlei, sie wollten 
mit denselben nichts zu thun haben. Als dann aber gar ein papistischer Bürger 
sich äusserte: die neue Lehre sei vom Teufel, da erhob sich ein ungeheurer 
Tumult; man wollte den frechen Sprecher zum Fenster hinauswerfen, und nur 
mit Mühe gelang es, Ruhe zu stiften. Schliesslich versprachen die Bürger sich 
bis nach Ostern zufrieden zu geben. Wenn die Pfaffen Palmen weihen wollten, 
lautete der Bescheid des Rates, so sollten sie es auf ihre eigne Gefahr thun, in 
dem Mandate aber sollte es als unchristlich gebrandmarkt werden. 

Quelle für diese Vorgänge ist, soll ein Bürger- geraten haben. Der Bürgermeister Lütge von 
meister von Köln und der Bürgermeister Nicol. Dassel soll dagegen gesprochen haben. 

Bröme von Lübeck zu diesem Gewaltstreiche I 1) Vgl. Hämmenstädt &. a. O. 


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Als Getelen in der feit Johanniskirche am festgesetzten Tage das Mandat ver- 
las, kam ein ganz anderer Befehl zu Tage, als man erwartet hatte: „Wer sich 
an den Pfaffen vergreift, der soll an Leib und Leben gestraft werden“. Die 
Bürgerschaft glaubte zunächst, ihre Wortführer hielten es mit dem Rate und 
gaben es ihnen schuld, dass der Rat sein Versprechen nicht gehalten habe. 
Diese wandten sich wieder klagend an den Rat; abermals fand eine sehr er- 
regte Beratung statt Auf Getelen blieb die Sache hängen, der Rat Hess ihn 
faUen; noch an demselben Tage musste er die Stadt verlassen 1 ). 

Die Bürgerpartei hatte damit einen völligen Sieg errungen, und auch für 
die Reformation war die Ausweisung Getelens entscheidend. Das Interdict wurde 
verhängt; in aUen Kirchen sollten die Ceremonien vorläufig „nachgelassen 
und niedergelegt“ werden*). Aber das verstärkte nur das Verlangen nach evan- 
gelischer Predigt Als der Rat nicht sofort Anstalten zur Berufung eines tüch- 
tigen Predigers machte, da thaten die Bürger selbst die ersten Schritte. Sie 
wandten sich nach Hamburg an Stephan Kempe mit der Bitte, die neue 
Ordnung in Lüneburg durchführen zu helfen, und als dieser auch vom Rate auf- 
gefordert sein wollte, trotzten sie dem Rate die Berufung desselben ab. 14 Tage 
nach Ostern traf Kempe in Lüneburg ein; die Bürger empfingen ihn, und an 
sie schloss er sich an, zum grossen Verdruss des Rates, der dadurch jede Ein- 
wirkung auf ihn unmöglich gemacht sah 3 ). 

Stephan Kempe war ein ehemaliger Franziskaner, ein Schüler des Dr. B. 
MöUer in Rostock, eines eifrigen KathoUken; aber schon in Rostock war Kempe 
einer der ersten, die sich der Reformation zuwandten. 1523 führten ihn Ordens- 
geschäfte nach Hamburg; seine Predigten gefielen dort, und er Hess sich be- 
wegen hier zu bleiben. Als Bugenhagen nach Hamburg kam, wurde er dessen 
eifrigster Anhänger. Er nahm teil an der Disputation Bugenhagens mit Melchior 
Hofmann, dem Widertäufer, in Flensburg 4 ). Energie und Festigkeit zeichneten 
ihn aus, und einen solchen Mann brauchte Lüneburg in der damaligen Zeit. 

Sein erstes Bestreben war darauf gerichtet, gute evangelische Prediger für 
die Stadt zu gewinnen, denn er aUein würde nicht genügt haben, den Kampf 
gegen die noch immer sehr starke katholische Partei zu führen. Henniges trat 

1) Vgl. Hämmenstädt a. a. O., davon weicht I 2) Hammenstedt a. a. O. 

der Bericht bei Bertram etwas ab; er ist un- 3) Bericht bei Bertram p. 45. 

genauer. I 4) Vgl. Lappenberg a. a. O. p. XXVI. 

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jetzt völlig auf seine Seite; mit der Ausweisung Getelens war für ihn auch die 
letzte Verbindung mit seinen ehemaligen Genossen zerrissen. Zu diesen beiden 
gesellten sich dann noch andere, wie Heinrich Otto 1 ), Hartwich Eichenberg, 
Heinrich Techen, ein gewisser Herr Hermann und der von Winsen berufene 
Heinrich Lampe, so dass bald eine stattliche Reihe von lutherischen Predigern 
in der Stadt wirkten. Am Himmelfahrtstage wurde auf Befehl des Rates, der 
jetzt immer weitere Zugeständnisse machen musste, die Messe in der St 
Johanniskirche und der Lambertikapelle abgeschafft 2 ). Dagegen konnten die 
Pfaffen nichts mehr ausrichten; auf andere Weise, durch Verläumdungen, die sie 
über die Prediger verbreiteten, suchten sie sich zu rächen®). 

Die Schlimmsten waren auch hier wie anderswo die Barfüsser. Sie waren 
verstärkt durch die Flüchtlinge aus den Klöstern in Celle und Winsen; von 
Bremen, Lübeck und Hamburg hatten die dort ausgewiesenen Mönche sich zum 
Teil nach Lüneburg begeben. Auf Befehl des Rates mussten sie in ihrer Kirche 
regelmässige Predigten halten. Sie thaten das in ihrer Weise, und die „Amts- 
knechte“ machten sich ein Vergnügen daraus, nach der Predigt, oder „wenn sie 
es gar zu grob machten“ während derselben deutsche Psalmen anzustimmen, und 
vertrieben dadurch nicht selten die Mönche aus der Kirche 4 ). 

Endlich schritt der Rath ein, oder vielmehr der Bürgerausschuss zwang den 
Rat zum Vorgehen, denn die Bürger waren jetzt in Wahrheit die Herren der Stadt 
— Kempe hatte sich, wie gesagt, eng an die Bürger angeschlossen; er war in- 
zwischen nicht müssig gewesen. Aus Bugenhagens Hamburger Kirchenordnung 
hatte er 50 Artikel „vom Amt und Dienst in den Kirchen“ ausgezogen, ihnen 
hatte er beweiskräftige Schriftstellen des alten und neuen Testaments vorange- 
schickt, aus denen folgte, dass das Wort Gottes die einzige Norm für jeg- 
liches Thun sei. Die Artikel, die wir nicht mehr besitzen, bezogen sich auf 
Schule, Erwählung von Predigern, Versorgung derselben, Heiligendienst, kurz 
alle einschlägigen religiösen und praktischen Fragen. Kempe hatte diese Ord- 
nung dem Rate vorgelegt und auch, als man ihn dazu aufforderte, bewiesen, 


1) Er stammte aus Einbeck und hatte vom geht wohl zu weit, wenn er sagt, dass schon 

10. August 1518 an in Wittenberg studiert, j damals die Messe durch Mandat des Rates in der 
Vgl. Förstemann, Album academiae Vitebergen- ! ganzen Stadt völlig abgeschafft worden sei. 
sis p. 74. 8) Vgl. den Bericht bei Bertram p. 46. 

2) So Schomaker ; der Bericht bei Bertram 4) Vgl. Hämmenstadt a. a. O. 


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dass sie aus Gottes Wort stamme 1 ). Er forderte dann, dass man sie dem Abte, 
Propste und Guardian vorlege; diese möchten, wenn sie etwas dagegen einzu- 
wenden hätten, sie widerlegen. 

Die Genehmigung hierzu wurde dem Rate von den Bürgern, welche die 
Wünsche Kempes nachdrücklich unterstützten, abgedrungen. Eine Deputation 
bestehend aus zwei Ratsmitgliedern und einer Anzahl Bürgern wurde am 19. Juli 
zum Besuche der in der Stadt belegenen Klöster eingesetzt. Am folgenden Tage 
begab man sich zunächst in das Kloster St. Michaelis, worauf wir später zu- 
rückkommen werden. 

Dann wurde mit den Mönchen von u. 1. Frauen verhandelt und ihnen be- 
fohlen, Kirche und Kloster zu schliessen und auszuziehen, wenn sie nicht das Evan- 
gelium predigen wollten. Alle zum Kloster gehörigen Güter und Kleinode wur- 
den inventarisiert Der Guardian schien zur Nachgiebigkeit bereit zu sein, er 
hoffte wohl im stillen auf die ihm und seinem Kloster noch immer günstige Ge- 
sinnung des Rates, und die Sache schleppte sich auch richtig bis Ende August 
hin. Da drängten die Bürger aufs neue zum Handeln; das Volk drohte das 
Kloster zu zerstören. Der Rat wurde veranlasst, an den Guardian die Anfrage 
zu richten, ob er sein Versprechen zu erfüllen beabsichtige und das Evangelium 
rein predigen lassen wolle. Über die ablehnende Antwort des Guardians wurde 
das Volk so erbittert, dass es noch am selbigen Tage die Mönche aus der Stadt 
treiben wollte (23. August). Dies verhinderte nun freilich der Rat, aber am fol- 
genden Tage begab sich eine Deputation in das Kloster und liess den Mönchen 
die Wahl zwischen Annahme des Evangeliums und Auswanderung aus der Stadt 
Sie wählten das letztere und am folgenden Sonntage (28. August) verliessen sie 
das Kloster mit Ausnahme etlicher Alter, Kranker und derer, die aus Lüneburg 
selbst gebürtig waren. Der Guardian hatte ursprünglich alle, auch die Lahmen, 
Blinden und Kranken mitnehmen wollen, um die Härte der Austreibung noch 
grösser erscheinen zu lassen, allein das war vom Rate verhindert worden. Als 
die ausziehenden Mönche die Stadt verlassen hatten, überfiel sie ein furchtbares 
Unwetter, „sie wurden“, wie Hämmenstädt schreibt, „durch einen Platzregen so 


1) Unsere Nachrichten über die verlorene durch Kempe nochmals ■widerlegt, und seine 
Ordnung Kempes stammen aus den Widerlegun- j Schrift ist abgedruckt in Staphorsts Hamburger 
gen derselben, deren eine im L. A. vorhanden | Kirchengeschichte, II, 1, p. 171 ff. 
ist. Eine andere, die ich nicht kenne, wurde I 

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geweiht, wie sie dergleichen Weihwasser früher nicht bekommen haben“. Ihre 
Kirche wurde vorläufig geschlossen, die zurückgebliebenen Mönche durften jedoch 
noch im Kloster bleiben 1 ). 

Auch mit dem Prior des Prämonstratenserklosters Heiligenthal waren durch 
den Rat und den Bürgerausschuss Verhandlungen angeknüpft worden. Das Kloster 
war sehr verschuldet und war bereits zu verschiedenen Malen genötigt gewesen, 
dem Rate einen seiner Höfe zu verkaufen. Die Zahl der Bewohner des Klosters 
war auf ein Minimum reduciert. Ausser dem Prior und Senior waren nur 

noch zwei Conventualen vorhanden. Schon vom Freitag nach Ostern 1530 finden 
wir eine Urkunde, in der die Mönche all ihr Hab und Gut dem Rate über- 
tragen 2 ). Jetzt tritt eine endgültige Regelung ein, am 20. Juli wiederholen sie 
die Abtretung, und der Rat verspricht einem jeden auf Lebenszeit Wohnung und 
jährlich 50 Mark zu geben 3 ). Sie verliessen das Kloster, dasselbe sollte in ein 
Hospital verwandelt werden. Allein es erhob sich, wie wir noch sehen werden, 
Widerspruch gegen die Rechtsgültigkeit der ganzen Abtretung. 

Nach diesen Ereignissen blieb Kempe nicht lange mehr in Lüneburg, sei 
es, dass er durch die Aufstellung einer Kirchenordnung seine Aufgabe hier er- 
füllt zu haben glaubte, oder dass er in Streitigkeiten mit dem Rate geriet, dem 
seine Ordnung nicht ganz genehm war. Der Rat hatte heimlich den Abt von 
St. Michaelis zur Widerlegung derselben auffordern lassen und versprochen, er 
wolle von Kempe abfallen, wenn die Widerlegung -gründlich wäre. Aber die- 
selbe entsprach nicht den an sie gestellten Erwartungen, und der Abt von St 
Michaelis erntete keinen Dank dafür, dass er dieselbe hatte verfassen lassen 1 '. 
Die Ordnung Kempes freilich scheint nach seinem Weggange, der im Sep- 
tember oder Anfang October 1530 erfolgt sein muss, ganz in Vergessenheit ge- 
raten zu sein. Doch kann man nicht sagen, dass damit die Stadt „aufs neue 


1) Schomaker und Hämmenstädt sind hier- 

für unsere Quellen. Nach Schomaker blieben 
etwa zwölf Personen im Kloster zurück, nach 

Hämmenstädt nur drei, darunter ein Astrono- 
mus, der auch „Nigromantie“ trieb, und dadurch 
für alle den Unterhalt erwarb. Später, nach 
dem Tode der andern, wurde er deshalb ver- 
dächtig, musste im Jahre 1560 die Stadt ver- 
lassen , ging nach Stadthagen und starb im 
Elend. Nach Bertram a. a. O. p. 78, der diese 


| Vorgänge ganz willkürlich in das Jahr 1532 
| setzt, hat auch Havemann dies Jahr beibe- 
i halten. 

j 2) Original im L. A. mit zwei anhfingenden 
■ Siegeln. 

3) Vgl. die Chroniken von Hämmenstädt 
I und Schomaker. 

4) Boldewin an den Rat, Montag nach 
j Galli (17. October) 1580. (Copie H. St. A) 


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der kirchlichen Anarchie“ verfallen wäre 1 2 * ) ; die evangelische Partei war jetzt be- 
reits stark genug, um das begonnene Werk fortführen zu können. 

Durch alle diese Ereignisse zieht sich der fortdauernde Streit des Herzogs 
mit dem Rate der Stadt hindurch. Wir hatten bereits Gelegenheit, auf etliche 
Streitpunkte hinzuweisen: auf den Aufenthalt des alten Herzogs in Lüneburg, 
auf die Forderung, dass der Rat die Sülzgüter von Ebstorf an den Herzog her- 
ausgehen sollte; aber den Kernpunkt bildete doch stets die Geldfrage, und die 
Verhandlungen, die deswegen geführt wurden, sind sehr umfangreich. 

Wir können hier natürlich diese Verhältnisse nicht ausführlicher behandeln, 
aber um die Stellung des Herzogs zu seiner Stadt völlig kennen zu lernen, er- 
scheint es wünschenswert, dieselben wenigstens kurz zu berühren. 

Auf die Geldforderung von Seiten des Herzogs wurde von dem Rate die 
geradezu lächerliche Gegenforderung erhoben, mau solle ein für allemal Abhülfe 
schaffen, nur dann wolle er zur Tilgung der Schulden beitragen. Ausserdem 
aber sollten eine Reihe von „Misbräuchen“, wie es die Lüneburger nannten, ab- 
geschafft werden. Man verlangte Zollfreiheit in Gifhorn, Celle und an der Elbe*) 
und zwar für alle Güter der Stadt, nicht blos für die zum Gebrauche der Bürger 
bestimmten. Von den ausserhalb der Stadt im Fürstentum belegenen Gütern Lüne- 
burger Bürger sollte der Herzog keine Schatzung erheben dürfen. Klagen der 
Bürger sollten nur vor dem Rate entschieden werden. Man verlangte Holzrecht 
und Jagd auf drei Meilen im Umkreis der Stadt. Die Brücke bei Bütlingen 
sollte beseitigt werden, weil sie dem Handel der Stadt schädlich sei. Ausserdem 
aber sollte alles gebessert werden, von dem man noch nachträglich fände, dass 
es gegen die Privilegien der Stadt verstosse; die Leistungen, zu welchen der Rat 
sich nach Erfüllung aller dieser Punkte herbeilassen wird, sollte der Herzog aus- 
drücklich als freiwillige anerkennen*). 

Das waren etwa die Forderungen des Rates im Anfang des Jahres 1529; 
ehe sie nicht erledigt, wollte man sich auf nichts einlassen. Der Herzog er- 
kannte die Berechtigung derselben nicht an und sprach dies auch in dem Ab- 
schiede aus, den er den Gesandten von Lüneburg, Dietrich Elvers und Leonhard 
Tobing, am 14. Februar 1529 in Uelzen erteilte 4 ). Er forderte nochmals auf 


1) Vgl. Uhlhorn p. 185. 

2) Eine Aufzählung der Zollstätten, deren 

es im Fürstentum Lüneburg etwa 80 gab, fin- 

det sich in einer Akte des H. St. A. 


8) Der Rat an den Herzog am Abend An- 
thonii abbatis 1529 (H. St. A.). 

4) Vom Sonntag Invocavit 1529 (H. St. A.). 


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das bestimmteste einen Beitrag zur Tilgung der Schuld und zu den Lasten für 
die Erhaltung des Reichsregiments und des Kammergerichts > die gar nicht un- 
bedeutend waren und für die der Herzog der Stadt Lüneburg wegen bedeutend 
höher eingeschätzt war, als andere ihm sonst gleichstehende Fürsten 1 )- Auch 
wegen der noch nicht geleisteten Huldigung fanden Verhandlungen statt. Man 
schien endlich zu einer Einigung zu kommen, eine Zusammenkunft wurde verab- 
redet, allein auch diese wusste der Rat wieder hinauszuschieben. Neue Klagen 
kamen inzwischen hinzu, der Rat beschwerte sich über eine Begünstigung der 
Hamburger Elbschiffahrt zum Nachteil der Stadt Endlich begannen am 
11. März 1530 Verhandlungen zu Lüne, allein auch sie führten zu keinem Re- 
sultate. Der Herzog wünschte, dass man ihm noch vor Ostern huldigen sollte, 
da er des Reichstages wegen auf einige Zeit sein Land verlassen musste, und 
er brach die Verhandlungen ab, als der Rat keine Anstalten dazu machte (am 
15. März 1530). Auch über die übrigen Punkte war man zu einer Einigung 
nicht gekommen; forderte der Herzog 10000 Gulden, so bot der Rat nur 6000 
und wollte auch diese wahrscheinlich nicht baar auszahlen, sondern nur von den 
12500 Gulden abziehen, die der Herzog der Stadt noch schuldig war. 

Eine Zeit lang ruhte die Sache, neue Verhandlungen begannen am 28. 0c- 
tober 1530. Nochmals stellte der Herzog dringend die Lage des Fürstentums 
vor, wie die Schulden durch die bedeutenden Zinsen zu- statt abgenom- 
men hätten, so dass man an eine Verringerung der Hauptsumme gar nicht 
habe denken können. Von dem Rate aber habe er bislang weiter nichts er- 
halten können als schöne Worte. — Auch jetzt führten die Verhandlungen zu 
nichts, und auch der Versuch des Herzogs, sich direkt an die Bürgerschaft zu 
wenden, mislang. Die Bürger hatten das auffällig gefunden und den Brief des 
Herzogs uneröffnet dem Rate übergeben*). 

Dem Herzoge war jetzt noch ein neuer Anlass zur Klage geboten. Durch 
den Vertrag, den die Mönche des Klosters Heiligenthal mit dem Rate abge- 


1) 1526 zahlte der Herzog 638 Goldgulden 
Türkengeld, 1528 — 363 Guld. 7 ß. 2 zur 
Erhaltung des Kammergerichts 1524 — 103 Guld. ; 
für das Reichsregiment 1522 — 150, 1523 — 

200, 1525 — 75 Gulden. Für die Erhaltung 
eines Doctors beim Kammergericht von 1525 — 

29 320 Gulden. Zur Türkensteuer wurden von ! büttel zusammen. 

Lüneburg 20, dann 25 gerüstete Pferde gefor- 2) Hämmenstädt a. a. O. 


dert, der Rat behauptet nur 16 schuldig zu 
sein. (D. Rat an d. Herzog, Donnerstag nach 
Omn. Sanctorum 1529 (H. St. A.). In der 
Wormser Matrikel von 1521 ist für Braunschweig- 
Lüneburg eine ebenso hohe Geldleistung festge- 
setzt wie für Br. -Calenberg und Br.-Wolfen- 


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schlossen hatten, glaubte er seine Rechte als Landesherr und Patron des 
Klosters verletzt. Auch das Kloster, so behauptete er, gehöre zu seinen ihm 
vom Kaiser übertragenen Regalien. Man scheint zwar zunächst den Vertrag 
vor dem Herzoge geheimgehalten zu haben, aber als derselbe davon erfuhr, er- 
kannte er die Rechtsgültigkeit desselben nicht an und liess, als der Streit mit 
der Stadt heftiger wurde, im Jahre 1532 die ausserhalb der Stadt belegenen 
Güter des Klosters einziehen. In der ganzen Folgezeit ist dies einer der Klage- 
punkte des Herzogs gegen Lüneburg. 

Dazu kam noch etwas anderes, was den Herzog sehr erbittern musste. 
Wohl war Lüneburg dem äusseren Anschein nach jetzt eine lutheriche Stadt ge- 
worden, aber es war doch noch immer die Seele des Widerstandes gegen die 
Reformation, und alle reformfeindlichen Elemente schlossen sich an die Stadt an. 
Hier konnten sie am besten Schutz gegen den Herzog finden, und unter der Ob- 
hut des Rates waren ihre in der Stadt belegenen Güter ihnen völlig sicher. 


Der Ratschlag zu Notdurft der Klöster. 

Durch die Einsetzung der evangelischen Prädicanten, welche Ernst, ge- 
stützt auf den Landtagsbeschluss von 1527, im Jahre 1529 bei den Klöstern 
vorgenommen hatte, hatte er den ersten Schritt zu einer wirklichen Reformation 
derselben gethan. Er ging aber sofort noch weiter; er forderte von den Con- 
venten der Frauenklöster auch die Anhörung der evangelischen Predigt. Diese 
Forderung erhob er kraft fürstlichen Amtes, ohne dazu durch einen Beschluss 
der Landschaft berechtigt zu sein. 

In Lüne hatte man ihm auch die Befolgung dieses Befehls versprochen, 
wenn der Prediger nicht wider Gott lehre. Als der Prädicant Hieronimus 
Enckhusen dann zum ersten Male predigte, befahl die Domina Priorissa Mathilde 
Wilden dem Convent diese Predigt anzuhören, auch die zweite hörte man noch; 
als er aber in der dritten lehrte, es gebe nur zwei Sakramente, da verliess auf 
einen Wink der Domina der ganze Convent die Kirche, und seitdem ging man 
nicht wieder hin 1 ). — In Medingen suchte man den Prediger auf alle mögliche 
Weise zu kränken und zu hindern, man verschloss selbst üie Thür der Kirche, 


1) Schuster, die Reformation des Klosters | Lüne, im Hannov. Magazin 1821. p. 404. 


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wenn er predigen wollte 1 ). Auch in Walsrode hören wir von einer „Verfolgung“ 
des evangelischen Predigers durch die Domina*). 

Nach wie vor hielten die Nonnen ihre katholischen Gottesdienste ab, doch 
wurde ihnen in Medingen schon jetzt der Befehl erteilt, sich nicht mehr als ein- 
mal wöchentlich die Messe lesen zu lassen, ln Lüne verliessen noch im Jahre 
1529 zwei Capläne das Kloster und traten zum Luthertum über; und auch die 
Dienstleute in den Klöstern schlossen sich immer mehr an die herzoglichen Be- 
amten an. Gegen die Verwaltung des Herzogs war freilich der Widerstand fast 
völlig erloschen, wir hören auch in den Berichten der Nonnen selbst nur wenig 
Klagen über dieselbe. An den Protest, den der abgesetzte Propst Lorbeer auf 
Betreiben der Nonnen am 30. Januar 1530 gegen seine dem Herzog ausgestellte 
Urkunde, weil dieselbe ihm durch Drohungen abgezwungen sei, erhob, kehrte 
sich der Herzog ebensowenig wie früher an den Protest der Nonnen 8 ). Er ver- 
fügte völlig frei über die Güter der Propstei 4 ). Die Lieferungen, die dem 
Kloster zukamen und die der Verwalter zu leisten hatte, wurden, wie es scheint, 
genau bestimmt 5 ), und die Leistungen waren reichlich bemessen; denn nicht we- 
niger, sondern mehr, als sie zur Zeit ihrer Pröpste erhalten hatten, hatte der 
Herzog den Nonnen zu geben versprochen. 

An ein Entgegenkommen der Nonnen oder gar an einen Abfall derselben 
vom Katholicismus durfte der Herzog freilich nicht denken. Wir sind es ge- 
wohnt, die Segnungen der Reformation anders zu beurteilen als die Kloster- 
frauen jener Zeit; wir sind leicht geneigt, den Widerstand derselben als blosses 
thörichtes Widerstreben gegen M assregeln aufzufassen, deren Vortrefflichkeit auf 
der Hand lag; wir überschätzen die angewandte Milde der Fürsten und unter- 
schätzen die Berechtigung des Widerstandes. Herzog Ernst stand völlig auf 
dem Boden seiner Zeit Auch er war überzeugt von der Richtigkeit des Grund- 
satzes: cuius regio, eius religio, überzeugt von dem Werte und der Heilsamkeit 

1) Lyssmann a. a. 0. p. 140. stimmt in einer Urkunde vom Mittwoch nach 

2) Urkundenbuch von Walsrode Nr. 373. Martini 1530. Die Klosterfrauen erhalten jähr- 

3) Annalen der braunschweig-liineburgischen lieh 120 Scheffel Koggen, 10 — 12 halbe Scheffel 

Churlande, Bd. 7. p. 616. Anm. 2. : Weizen, 4 Tonnen Butter, 6 Tonnen Häringe, 

4) So bestätigt er „am hilligen Paschen 1 */* Stück Stockfisch, 400 Paar Schollen, 8 Rinder 

Avende 1530“ den Sülftmeistern die Briefe! 10 Gänse, 2 Schock Hühner, 20 frische Käse, 
und Siegel, die sie von Johann Lorbeer erhalten ■ 40 Fuder Holz, jede Person zwei Paar Schuhe 
hatten. j und Salz, soviel sie brauchen. (Des. 49, Wien- 

5) Für Wienhausen wurden dieselben be- 1 hausen 2.) 


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dessen , was er an die Stelle des Alten setzen wollte, und auch er hielt sich für 

* 

berechtigt Gewalt anzuwenden, als man ihm widerstrebte. Aber er übte die ihm 
zustehende Gewalt so schonend und milde als möglich und hoffte das Beste von 
der Zeit und dem Einflüsse seiner Prediger auf die Nonnen. 

Die fortdauernde Verachtung der evangelischen Predigt veranlasste ihn 
zunächst gegen die Klosterfrauen einzuschreiten. Auf seinen Wunsch verfassten 
im Anfang des Jahres 1530 die lutherischen Prediger den „Ratschlag zu Not- 
durft der Klöster“. Gerade die Klöster, so sagen sie in der Vorrede, sind von 
des Teufels Stricken besonders hart gefesselt ; sie sind jedoch dem Herzoge nicht 
weniger Gehorsam schuldig als alle andern Unterthanen; „denn bliebe das Ex- 
empel jetzt ungebessert und ärgerlich, wie sollten sich dann die Nachfolger des- 
selben erwehren“! 

Vor allem, so lehrt der Ratschlag, ist es nöthig, dass Gottes Wort lauter 
und rein gelehrt wird; der weltlichen Obrigkeit kommt es zu, dafür zu sorgen, 
da es die Bischöfe nicht thun. 

Nach Einführung der Predigt muss die Obrigkeit die Misbräuche ab- 
schaffen, wie das „Gefängnis der Klosterpersonen“, das Verbot des Ehestandes 
u. dgl. Die Klosterpersonen müssen das göttliche Wort hören und wenn sie es 
nicht thun, so sollen sie durch fürstlichen Befehl dazu gezwungen werden, damit 
sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Diese fehlt ihnen, weil sie mehr 
Singen und Lesen als Auslegung der Heiligen Schrift haben. Klostersitte, Klei- 
dung u. dgl. hindert sie; denn damit glauben sie den Himmel zu verdienen. 
Man darf nicht meinen, sie dürften nicht dazu gezwungen werden, das Wort 
Gottes predigen zu hören, weil die Apostel den Staub abschüttelten, wenn sie 
nicht gehört wurden. Sie haben gepredigt bis zum letzten Athemzuge. Wer 
aber der Obrigkeit widerstrebt, der widerstrebt Gottes Ordnung. 

Die Predigt an den Sonn- und Festtagen soll fortgehen; weil aber die 
Klosterpersonen meinen, wenn in derselben etwas von ihnen vorkommt, es ge- 
schehe das ihnen zum Hohn und Spott, so soll der Prediger am Dienstag und 
Donnerstag in geschlossener Kirche den Nonnen in Gegenwart ihres Beicht- 
vaters ein Hauptstück aus der Schrift auslegen oder ein Buch derselben im Zu- 
sammenhänge erklären. Dabei sollen dann aber alle Klosterpersonen gegen- 
wärtig sein. Die Beichtväter müssen des Wortes Gottes mächtig sein, denn 
ein Blinder kann den andern nicht führen. Sie sollen häufig wegen ihres Glau- 

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bens, ihres Lebens und ihrer Lehre geprüft werden und zwar vor ihrer Wahl 
durch den Convent des Klosters. Wählt dieser dann aber nicht richtig, so soll 
der Herzog die Beichtväter einsetzen. — Die „Officien von der Zeit“ (die sonn- 
und festtäglichen Chordienste) sollen bleiben, die „Officien von den Heiligen“ aber 
abgeschafft werden, damit durch die grössere Übereinstimmung des Gottes- 
dienstes im Kloster und in den Gemeinden „der Wille und die Gunst des Volkes 
unter einander wüchse und sich vermehre“. 

Die Klostergelübde, die nicht von Gott, sondern von Menschen in Gleis- 
nern erdacht sind, sollen aufhören, denn sie sind der christlichen Freiheit ent- 
gegen. Gelübde gegen der Seelen Seligkeit aber sind kraftlos, und auch ohne 
sie kann in den Klöstern ein ehrbares, christliches Leben geführt werden. 

Wenn nicht alle lateinisch verstehen, so darf bei der Communion, die na- 
türlich unter beiderlei Gestalt stattfinden muss, nur deutsch geredet werden, und 
das ist überhaupt vorzuziehen. 

Die Klostergefängnisse, die Prassunen, sollen aufgehoben werden, denn diese 
Einrichtung ist misbraucht worden. Wer straffällig ist, den soll man der Obrig- 
keit übergeben. 

Wer erkannt hat, dass das Klosterleben sein Gewissen beschwert, der soll 
von der Obrigkeit unterstützt und ihm zu einem bessern Leben verholfen 
werden. 

Dieser „Ratschlag“ wurde gedruckt und im Anfänge des Jahres 1530 den 
Frauenklöstern mit der Weisung übersandt, sich nach demselben in Zukunft zu 
richten 1 ). Er rief jedoch einen weit heftigem Widerstand hervor, als der bis- 
herige gewesen war. 

In Medingen kehrte man sich überhaupt vorläufig nicht an das Gebot des 


1) Havemann a. a. O. p. 112 f. und Heim- 
btirger, Ernst der Bekenner p. 129 f. erwähnen 
eine Klosterordnung für Wienhausen, die 
ich nicht habe auffinden können. Der allge- 
meine Teil derselben scheint seinem Inhalte 
nach mit dem „Ratschlage“ übereinzustimmen; | 
aber es finden sich ausführlichere Bestimmungen 
über Klosterschule, Klosterhaushalt u. dgl. Ob 
dieselbe schon vor den „Ratschlag“ fällt oder 
erst später , wage ich nicht zu entscheiden. 
Havemann setzt sie erst in die letzte Hälfte 
des Jahres 1530; das von Heimbürger benutzte 


Exemplar aus der Justiz - Canzlei zu Celle war 
undatiert (vgl. Zts. d. hist. Vereins f. Nieder- 
sachsen 1849, p. 148). In der Bibliothek des 
Oberlandes-Gerichts zu Celle konnte ich sie nicht 
auffinden. Heimbürger giebt an, dass sie mit 
der unter Ernsts Nachfolgern publicierten Klo- 
sterordnung im wesentlichen übereinstimme ; 
möglich , dass Havemann von dorther seine 
Nachrichten hat. Die älteste allgemeine 
Klosterordnung des Herzogs Franz Otto ist bei 
Lyssmann a. a. 0. p. 273 ff. gedruckt. 




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Herzogs. Die beiden dort vorhandenen Capläne versuchten zu wiederholten 
Malen, Lichter zu weihen und eine Prozession zu veranstalten. Dies wurde ihnen 
zuerst vom Prediger untersagt, und als das Verbot desselben wenig half, wurden 
sie von dem herzoglichen Hauptmann Thomas von Görden mit Gewalt aus der 
Kirche getrieben. Man untersagte den Caplänen den Aufenthalt auf dem Kloster- 
hofe, da gaben ihnen die Nonnen Wohnung auf dem Klosterspeicher; auf dem 
Kornboden Hessen sie sich die Messe lesen und durch ein dazu verfertigtes Gitter 
absolvieren 1 ). Öffentlich durfte keine Messe mehr gehalten werden; denn seit 
Mitte Februar war dies auf Befehl des Herzogs verboten*). 

Dazu kam es auch bald in den andern Klöstern. Bezeugt ist es uns frei- 
lich nur für Wienhausen und für Lüne , wohin der Kanzler in der Osterwoche 
kam und die Abstellung der Messe befahl. Vergeblich hatte der Herzog in 
Lüne, als er dort im Februar mit dem Rate der Stadt Lüneburg verhandelte, 
den Convent zur Annahme des „Ratschlags“ zu bewegen gesucht 

Dass auch die anderen Klöster denselben Widerstand leisteten, selbst die, 
von denen wir nur sehr wenig wissen, wie Walsrode und Ebstorf, geht aus den 
späteren Ereignissen deutlich hervor. Eine engere Verbindung bestand zwischen 
den di’ei Klöstern der Verdener Diöcese, Lüne, Medingen und Ebstorf. Sie er- 
griffen dieselben Massregeln zur Abwehr. 

Sie wandten sich an den Rat von Lüneburg und suchten durch die Für- 
bitte desselben den Herzog zur Zurücknahme des „Ratschlags“ zu bewegen. 
Sie beklagen sich bitter über das ihnen zugefügte Unrecht Das Buch, welches 
der Herzog ihnen übersandt, so schrieb der Convent von Lüne, streite gegen ihr 
Gewissen und gegen die Regel Benedicts. Absque pastore et absque humano 
solatio et consilio sässen sie da. Gegen ihre Privilegien fordere der Herzog 
die Annahme des Buches, in die sie nicht eher wiüigen dürften, ehe nicht die 
Stände der Christenheit einträchtig eine Neuordnung beschlossen hätten*). 

Ähnliche Klagen hatte auch der Convent von Medingen: Seit Septuage- 
simae habe man sie der Messe beraubt ; die Capläne hätten das Kloster verlassen 
müssen; der Prädicant überschreite seine Befugnisse, halte unnütze Reden 


1) Lyssmann a. a. O. p. 141. 8) Mathilde Wilden und der Convent an 

2) Dies ergiebt sich aus einem später an- den Rat, Lüne, Sabbato ante Esto Mihi (26. Fe- 

zuführenden Schreiben des Convents von Me- bruar) 1530 (Des. 49, Reform, d. Stifte und 
dingen an den Rat von Lüneburg. i Klöster.) 

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■und sage, dass alle die, welche sich dem Klosterleben ergeben hätten, ver- 
dammt seien; vieles habe er abgeschafft, was das Evangelium nicht mit sich 
bringe '). 

Das Schreiben, welches der Convent von Ebstorf an den Rat richtete, ist 
uns nicht erhalten, seinen Inhalt können wir nach den beiden Briefen von Lüne 
und Medingen uns denken*). Die Gewährung der Forderungen lehnte der Herzog, 
wie das nicht anders zu erwarten war, in einem Schreiben an den Rat ab: 
Billigkeit und Gottes Ehre zwängen ihn, dem unschicklichen, unergründlichen, 
schädlichen Begehr der Klosterpersonen nicht nachzugeben Ihre Wünsche ent- 
sprängen nur aus „menschlicher Bewegnis und Unverstand“, die Erf üllung der- 
selben würde den Klosterfrauen selbst zum Schaden gereichen 

Ob schon bei diesem ersten gemeinsamen Schritte der drei Klöster der 
Erzbischof Christoph von Bremen seine Hand im Spiele hatte, lässt sich wohl 
nicht entscheiden. Jedenfalls standen sie mit der katholischen Partei im Fürsten- 
tum in Verbindung, wie das schon daraus hervorgeht, dass der Convent zu Lüne 
an den Abt Boldewin von St Michaelis kurz vor Ostern 50 Gulden sandte, um 
dafür auf dem Reichstage einen Erlass zu Gunsten des Klosters zu erwirken s j. 


Urbanus Rhegius. 

Mitten in diese bewegte Zeit, wo nur erst an einzelnen Punkten die kirch- 
lichen Verhältnisse fest geordnet waren, wo Streit überall und das Ende desselben 
noch nicht abzusehen war, fällt die Reise des Herzogs zum Reichstage nach 


1) Margaretha Stöteroge und der Convent 
an den Rat, Donnerstag nach Laetare (31. März) 
1530. Am Sonnabend nach Laetare sandte der 
Rat dies Schreiben an den Herzog. 

2) Dass auch Ebstorf ein solches Schreiben 
an den Rat richtete, ergiebt sich aus der Ant- 
wort Emsts an den Rat, Celle Mittwoch nach 
Ostern (20. April) 1530 (Orig, im L. A., 
Copie ohne Datum im H. St. A. Des. 49, 1.) 

3) Hannov. Magazin 1821, p. 410. — Wie 
weit die Nachricht richtig ist, dass der Erzbi- 
schof von Bremen im August 1530 gegen Herzog 
Ernst beim Kammergericht für die Klöster Klage 
erhoben und am 8. October ein Manutenenz-De- 
cret erhalten habe (Lenthe, Archiv für die Ge- 


schichte und Verfassung des Fürstentums Lüne- 
burg. Bd. 9, p. 404, Anm. 3) habe ich nicht 
ermitteln können. Ich habe dieselbe sonst nir- 
gends bezeugt gefunden. Vielleicht liegt eine 
Verwechslung vor mit einer Klage für Bardowik 
(vom October 1540). 

Auch wegen der Beseitigung der bischöf- 
lichen Jurisdictiou soll (der Erzbischof (1531) 
Klage erhoben haben Uhlhorn p. 216); ich 
habe darüber ebensowenig etwas finden können. 
Auch Heimbürger, und er, soviel ich sehe, zu- 
erst, hat diese Nachricht; vermutlich beruht die- 
selbe auf einer Verwechslung mit dem früher 
erwähnten Streit des Herzogs mit Marienrode 
den auch Guden anführt. 


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Augsburg. Begleitet von seinem ersten Prediger Heinrich Bock, dem Kanzler 
Förster und mehreren lüneburgischen Adligen trat der Herzog dieselbe an 1 ); sein 
Bruder Franz begab sich im Gefolge des Kurfürsten von Sachsen — wie dies 
auch Ernst, um Kosten zu vermeiden, ursprünglich beabsichtigte 2 ) — zum 
Reichstage. 

Am 14. Mai traf Ernst in Augsburg ein. Schon früher haben wir etliche 
Aufgaben kennen gelernt, die seiner hier warteten, so die Aufhebung der über 
seinen Vater verhängten Acht und der Streit mit dem Abte von Marienrode, 
der hier vor den Kaiser gebracht wurde. Das Wichtigste waren natürlich auch 
für ihn die Verhandlungen, welche in betreff der Religion hier geführt wurden. 
Auf dieselben näher einzugehen, ist hier nicht der Ort; Ernst nahm an ihnen 
eifrigen Anteil und er, sowie auch sein Bruder Franz, setzte seinen Namen unter 
die Confession. Für den Fortgang der Reformation im Fürstentume Lüneburg 
hat der Augsburger Reichstag nur eine untergeordnete Bedeutung, wenn er auch 
zur Ermutigung und Belebung der Anhänger Luthers im Lande viel beigetragen 
haben mag. 

Doch hat die Reise indirekt eine grosse Wirkung auf die kirchlichen 
Verhältnisse des Fürstentums gehabt, und wohl konnte Ernst bei seiner Heim- 
kehr sprechen: „es gereue ihn alles Geld und alle Kosten nicht, die er an die- 
selbe gewandt habe, da er einen Schatz für das ganze Land mitgebracht habe“. 
Hier in Augsburg lernte er den Mann kennen, der seit dieser Zeit neben dem 
Herzoge in den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens des Fürstentums trat. 

Urbanus Rhegius (sein eigentlicher Name war Rieger) 8 ) war im Mai 
des Jahres 1489 zu Argen am Bodensee geboren. Nachdem er seine Schulzeit 
in Lindau verbracht, kam er 1508 auf die Universität Freiburg und fand hier 
Aufnahme in dem Hause des Juristen Zasius, der bedeutenden Einfluss auf ihn 
geübt hat Hier trieb er neben juristischen auch classische Studien, und diese 
überwogen bald, besonders als er sich immer enger an Eck anschloss. Der 
Weggang desselben nach Ingolstadt veranlasste auch Rhegius, der inzwischen 
Baccalaureus geworden war, Freiburg zu verlassen. Er ging zunächst nach 
Basel und von dort nach Ingolstadt , wo er nur- kümmerlich sein Leben fristen 


1) Die Namen der Begleiter giebt Cölestin, d. d. Uelzen, am Sonntag Oculi 1530 b. Müller, 

Hist. Comit. August. IV. 132. ] Hist. Protest, p. 456 f. 

2) Vgl. den Brief Ernsts an den Kurfürsten, | 3) Uhlhorn a. a. 0. p. 343. Anm. 4. 



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konnte. Die Verbindung zwischen Eck und ihm wurde hier immer enger, und 
Rhegius feierte in Wort und Schrift seinen verehrten Lehrer und Freund. All- 
mählich wandte er sich mehr der Theologie zu, und durch die Vermittlung des 
Weihbischofs Faber trat er, nachdem er 1519 die Weihen empfangen hatte, in 
den Dienst des Bischofs von Constanz. Sein Aufenthalt in dieser Stadt ist für 
seine Entwicklung sehr wichtig. Durch fleissiges Studium und Verkehr mit Ge- 
lehrten vertiefte er seine theologischen Ansichten; mit Zwingli trat er hier zu- 
erst in Briefwechsel. 

Ein allmählicher innerer Umschwung vollzog sich in ihm; mehr und mehr 
wandte er sich Luther zu, das musste natürlich zum Bruche mit Eck führen. 
Um die theologische Doctorwürde zu erlangen, begab er sich im Jahre 1520 
nach Basel. Er erreichte sein Ziel und folgte dann am Ende desselben Jahres 
einem Rufe, welcher von Augsburg aus an ihn ergangen war. 

Er schloss sich hier an die evangelische Partei an und predigte das reine 
Evangelium, allein damit zog er sich die Feindschaft der katholischen Partei zu, 
deren Verfolgungen und Verläumdungen ihn im Jahre 1522 zwangen die Stadt 
auf einige Zeit zu verlassen. Er blieb zunächst in seiner Heimat Argen und 
wirkte dann zu Hall am Inn als Prediger. Obwohl er hier sehr vorsichtig bei 
der Abstellung von Misbräuchen verfuhr und so auch bei den Katholiken an- 
fangs wenig Anstoss erregte, dauerte doch der Friede nicht lange; 1524 musste 
er Hall verlassen und nach einem kurzen abermaligen Aufenthalt in seiner Hei- 
mat kehrte er wieder nach Augsburg zurück, wo er vorläufig als Privatmann 
lebte. 

Bald brach hier die Bewegung los ; der Rat verwies einen ihm misliebigen 
Prediger aus der Stadt und erregte dadurch im August 1524 einen Aufstand 
des Volkes. An die SteUe des verwiesenen Predigers Schilling berief der Rat 
den gemässigten Urbanus Rhegius. Das Volk war anfangs gegen ihn, weil er 
vom Rate eingesetzt worden war, als aber SchiUing in die Stadt zurückkehren 
durfte, vermochte er seine frühere Beliebtheit nicht wieder zu gewinnen, und 
man wandte sich Rhegius zu. Rhegius brach jetzt vöUig mit dem Katholicismus, 
er teilte das Abendmahl unter beiderlei Gestalt aus und trat selbst 1525 in den 
Ehestand mit einer Augsburgerin, Anna Weisbrücker, die wegen ihrer grossen 
Gelehrsamkeit berühmt war. 1 6 Jahre lang hat er mit ihr in einer sehr glück- 
lichen Ehe gelebt. 


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Mit verschiedenen Schriften trat Rhegius während des Bauernkrieges her- 
vor, und seine Stellung ist auch hier, wie stets, eine gemässigte und conservative, 
wie sich das besonders in der Schrift zeigt: „Von Leibeigenschaft oder Knecht- 
schaft, wie sich Herren und Eigenleut christlich sollen halten, Bericht aus gött- 
lichen Rechten“. 

Von der Zwinglischen Abendmahlslehre, die sich in jenen Jahren in Süd- 
deutschland schnell und weit verbreitete, wurde auch Rhegius ergriffen; 1526 
zählte man ihn zu den Anhängern Zwinglis. Aber nur auf kurze Zeit; schon 
1527, als wiedertäuferische und bilderstürmerische Gesinnungen in Augsburg um 
sich griffen, brachte ihn der Streit mit diesen Leuten Luther wieder näher. Er 
suchte jetzt zwischen Luther und Zwingli zu vermitteln, und als ihm dies nicht 
gelang, trat er wieder ganz auf die Seite Luthers. 

In den letzten Jahren seines Aufenthaltes war Rhegius der erste unter den 
Predigern in Augsburg, er war der Vorkämpfer gegen die Wiedertäufer und den 
Katholicismus. Mit Eck hatte er, als derselbe einst in Augsburg war, ein Ge- 
spräch, aber zu einer öffentlichen Disputation, wie Rhegius sie wünschte, kam es 
nicht, da weder Eck noch der Rat sich darauf einlassen wollte Die kirchlichen 
Zustände in Augsburg waren sehr zerfahren; die Katholiken waren noch immer 
zahlreich, daneben der Gegensatz zwischen Lutheranern, Zwinglianern und Wie- 
dertäufern; die weltliche Gewalt schwach und schwankend. Rhegius suchte so 
viel als möglich zu vereinigen und zu vermitteln, allein auch seinem Wirken 
wurde ein Ziel gesetzt, als im Jahre 1530 der Kaiser zum Reichstage nach 
Augsburg kam. Noch am Tage seines Einzuges, am 15. Juni, gab er Befehl 
zur Einstellung der lutherischen Predigten, und während die evangelischen 
Fürsten sich diesem Gebote nicht fügten, wagte die Stadt Augsburg nicht, ihm 
Widerstand entgegen zu setzen. Sie Hess die evangelischen Prediger fallen. 

So stand dem Wunsche Herzog Emsts, Rhegius mit sich nach Celle zu 
nehmen, nichts im Wege; Ende Juni nahm Urbanus das Anerbieten des 
Herzogs vorläufig nur auf einige Jahre an. Es ist kein Wunder, dass sich Ernst 
zu Rhegius hingezogen fühlte, beide Männer haben manches Verwandte in 
ihrem Charakter. In den späteren Schriften des Rhegius finden sich häufig die- 
selben Gedanken ausgesprochen, wie wir sie früher bei Ernst kennen gelernt 
haben, dieselben Ansichten über den Beruf des Fürsten, über die Art der Pre- 
digt u. dgl. Beide waren ausserordentlich conservative Naturen, schonend und 


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vorsichtig gingen sie bei der Durchführung der Reformation vor; beide wollten, 
dass man das Gebäude nicht bauen solle, ehe man nicht einen ordentlichen, festen 
Grund gelegt habe. Wie Rhegius war auch der Herzog einer Vermittlung mit 
den Zwinglianern nicht abgeneigt und hat später selbst bei Luther in diesem 
Sinne zu wirken gesucht. 

Im September verliess der Herzog mit dem Kurfürsten von Sachsen die 
Stadt Augsburg und kam wohl im Anfang October wieder in seiner Residenz 
an. Froh konnte er in die Zukunft blicken; denn auf seiner Reise hatte er ge- 
tänden, „dass winzig gottlob in diesen umliegenden Städten KsL Majestät Gnaden 
oder Ungnaden gescheuet, denn sie itzunder heftiger als vor nie in allen Städten 
predigen und das Wort Gottes fördern.“ 1 ). 

Schon am 26. August hatte Rhegius von Augsburg Abschied genommen, 
einen Tag hatte er bei Luther in Koburg zugebracht, der stets zu den schön- 
sten Erinnerungen seines Lebens gehört hat ; noch im Laufe des September war 
er dann wohl in Celle eingetroffen. 

Man kannte ihn in Niederdeutschland bereits, etliche seiner Schriften waren 
in die Landessprache übertragen, denn das gewöhnliche Volk verstand das Ober- 
deutsche nur sehr wenig; erst seit der Reformation dringt dasselbe immer mehr 
ein und verdrängt das Niederdeutsche als Schriftsprache bald völlig. Rhegius 
selbst ist der Landessprache wohl nicht genügend mächtig gewesen (die von 
ihm stammende Lüneburger Kirchenordnung ist zwar niederdeutsch geschrieben, 
aber sie ist wohl nur eine unmittelbare, gleichzeitige Übertragung, die ohne vor- 
herige Niederschrift des Oberdeutschen gleich beim Dictat stattgefunden hat). 
Das erschwerte allerdings Rhegius den Verkehr mit dem unteren Volke und hat 
wohl dazu heigetragen, dass er seine Hauptwirksamkeit bei den höheren 
Ständen gesucht hat. 

Rhegius wurde, wie man dies erst in neuerer Zeit erkannt hat*), nicht 
gleich bei seiner Ankunft in Celle Superintendent des ganzen Fürstentums. In 
seinen Briefen aus dieser Zeit unterzeichnet er sich als Pastor zu Celle. In 
welchem amtlichen Verhältnis er zu Heinrich Bock, dem ersten Prediger in 
Celle, stand, lässt sich nicht feststellen. In früherer Zeit hat man allgemein an- 
genommen, dass Bock (auch Cruse schon) Landessuperintendent gewesen sei, al- 

1) Ernst an den Kurfürsten von Sachsen, tionsgeschichte III, 278. Anm. 2. 
am 17. October 1530, b. Banke, Reforma- 2) Uhlhorn a. a. O. p. 171. 


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lein schon bei Lebzeiten Bocks 1 ) wird Rhegius, wie wir nachweisen können, 
Superintendent des Fürstentums, und dies Amt scheint damals erst eingerichtet 
zu sein*). 

Wir wissen ja überhaupt nur ganz ausserordentlich wenig darüber, in wie 
weit bei der Ankunft des Urbanus Rhegius schon eine feste kirchliche Organi- 
sation, eine Einteilung des Landes in Superintendenturen vorhanden war, und eben- 
sowenig wissen wir darüber, in wie weit Rhegius eine solche vorgenommen hat 
Wir erwähnten schon früher die eine Bemerkung der Instruction für die Pre- 
diger von 1529, wonach der Prediger in schwierigen Ehesachen nichts thun soll 
ohne den Rat des Superintendenten. Wir wiesen auf die Möglichkeit hin, dass 
man daraus schon für die damalige Zeit die Einrichtung von Superintendenturen 
folgern könnte; aber die Bemerkung ist zu dürftig, um mit Sicherheit einen 
Schluss daraus ziehen zu können. Fast ebensowenig erfahren wir aus einer 
anderen Nachricht, welche erst vom Jahre 1534 ist. Dieselbe ist entnommen 
einem Verzeichnis der Pfarren und geistlichen Lehen des Fürstentums von die- 
sem Jahre*). Rhegius allein führt in demselben den Namen Superintendent, bei 
Ebstorf aber findet sich die Notiz: „Düsse nageschre venen parren horeden vor- 
hen alle in de Jurisdiction hie to Ebbistorp, de sind nu averst by andere Su- 
perattendenten verordeuet alse tho Ultzen: Natendorp, Munster, Hanstede, Ein- 
beke, Gerdow, Furborch, Holdenstede.“ — Daraus geht jedenfalls mit Si- 
cherheit hervor, dass es schon vor 1534 und zwar schon längere Zeit vorher 
Superintendenten im Fürstentume gegeben hat. Diese beiden Nachrichten sind 
aber auch die einzigen, die wir über die kirchliche Einteilung des Landes zur 
Zeit der Reformation besitzen. 

Die Thätigkeit des Urbanus Rhegius erstreckt sich weit über das Lüne- 
burger Land hinaus. Gleich zu Anfang seines Aufenthaltes in Celle tröstete 
er die bedrängten und verfolgten Protestanten zu Hildesheim; der Stadt Han- 
nover hat er eine Kirchenordnung gegeben; die Herzoge von Pommern holten 
seinen Rat ein. Es liegt uns hier fern, seine Wirksamkeit an allen diesen 

1) Er starb auf dem Reichstage zu Nüm- retis ex quibus turbis negociorum in quas pro- 

berg, wohin er von Herzog Ernst gesandt war, cellas sim raptus, nisi forsan exiguas curas pu- 
am 23. Mai 1532. tatis habere Superintendentiam tanti ducatus. 

2) Am 1. August 1531 schreibt Rhegius | • 3) Uhlhorn a. a. 0. p. 362. Anm. 6. Aus 

an Heberding nach Lüneburg: Silentium meum den Akten des Consistoriums. 

tu et reliqui fratres consuletis, postquam scie- j 

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Punkten zu betrachten, und ebensowenig können wir hier eingehen auf seine 
Vermittlungsversuche zwischen Bucer und den Anhängern Luthers und auf seinen 
Kampf gegen die Wiedertäufer. 

Die Arbeit, die er im Dienste seines Fürsten für das Land gethan hat, 
füllte natürlich den grössten Teil seines folgenden Lebens aus. Und sein Wirken 
hier hat gute Frucht getragen. Im engsten Anschluss an die eignen Ideen des 
Herzogs, nur an einzelnen Punkten neue Ansichten aufstellend, hat Rhegius das 
begonnene Werk weiter geführt. Auch mit dem Kanzler Förster trat er in ein 
enges Freundschaftsverhältnis. Ihm widmete Rhegius eine seiner ersten Schriften, 
die er an seinem neuen Wohnsitz verfasste, die Auslegung des 24. Psalms; dem 
Sohne des Kanzlers widmete er einen seiner Katechismen. — Freilich wichen 
die Ansichten beider Männer an einzelnen Punkten weit von einander ab; der 
Jurist Förster hatte andere Gedanken über die Verwendung der Kirchengüter 
als der Theologe Rhegius, de? hierin ganz den Grundsätzen Luthers folgte. 

Als Rhegius in das Fürstentum Lüneburg kam, war die Hauptarbeit bereits 
gethan. Das Volk und man darf auch wohl sagen der grösste Teil des Adels 
waren der Reformation gewonnen ; mehrere Klöster hatten sich zur Lehre Luthers 
bekannt. In den Frauenklöstern war die Verwaltung an den Landesherrn über- 
gegangen; evangelische Prediger waren dort eingesetzt; die Convente selbst frei- 
lich, wie Wir sahen, in offenem Widerstande gegen die Forderungen des Her- 
zogs. Die Bettelmönche hatten das Fürstentum und selbst die Stadt Lüneburg 
verlassen müssen. Aber die Patricier der Stadt und mit ihnen das bedeutende 
Kloster St Michaelis waren noch eifrig katholisch, Lüneburg war noch immer 
der eigentliche Hort des Katholicismus. So blieb für Rhegius noch genug zu 
thun übrig, wenn er alle diese feindlichen) Elemente dem Luthertum gewinnen 
wollte. Grössere Arbeit noch erforderte es, einen tüchtigen und gebildeten Pre- 
digerstand heranzuziehen und alle Orte des ganzen Landes mit Predigern zu 
versorgen. 


Erster Aufenthalt des Urbanus Rhegius in Lüneburg. 

Bald nach der Rückkehr des Herzogs vom Reichstage hatte sich der Rat 
von Lüneburg an denselben mit der Bitte gewandt, Rhegius auf einige Zeit zur 


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Regelung der kirchlichen Verhältnisse nach Lünebarg zu senden 1 2 * ). Die Ord- 
nung Rempes war dem Rate nicht genehm gewesen, und dieser hatte wohl da- 
mals die Stadt bereits wieder verlassen. Der lutherischen Bewegung hatte der 
Rat auch nach seinem Weggange keinen Halt gebieten können, obwohl die meisten 
Mitglieder desselben damals im Herzen noch gut katholisch waren. 

Rhegius konnte dem Wunsche des Rates vorläufig nicht nachkommen. 
„Fluss und Katarrh haben mir noch keine Ruhe gelassen, dass ich der Luft 
noch keineswegs erleiden mag“ , schreibt er am 1 7. November 1530 an den 
Rat*). Der Wechsel in seinem Aufenthaltsorte wurde ihm doch sehr fühlbar. 
Das schöne Augsburg zu vertauschen mit der kleinen Heidestadt, das sonnige 
Land mit dem Lande, in dem die Bauernhäuser aussahen wie „räucherige Hütten, 
eine Arche Noah: Hunde, Katzen, Kühe, Kälber, Rosse, Säue, Hühner, Schafe, 
alles bei einander, bei einem Feuer, da der Bauer auf Stroh liegt, alten stin- 
kenden Speck isst und Brod hart wie ein Wetzstein“ 8 ). Ein ungleicher Tausch 
fürwahr! und das Grauen vor derartigen Wohnstätten scheint der feine Humanist, 
der Poeta laureatus nie ganz abgelegt zu haben, denn nicht bei dem Volke, son- 
dern bei Gebildetem hat er besonders gewirkt 

Auch die wiederholte Bitte, die eine Deputation aus Lüneburg im Decem- 
ber (noch vor Weihnachten) an Urbanus richtete, musste er aus ähnlichen Gründen 
ablehnen; er versprach jedoch zu kommen, sobald mit beginnendem Frühjahr 
seine Gesundheit sich gebessert habe, und sobald seine Frau, die ihre Nieder- 
kunft erwartete, wieder hergestellt sei. Herzlich tröstet er die Pfarrer der Stadt 
wegen ihrer jetzigen Trübsal Nur damit der Durst nach der Gerechtigkeit 
Gottes, die das Evangelium lehre, geweckt werde, habe Gott dieselbe über die 
Stadt verhängt Wenn die Not kommt, dann lernt der Mensch seine eigne Hülf- 
losigkeit erkennen, er verlangt nach der Hülfe Christi und sucht und findet sie 
im Evangelium 4 * * * ). 


1) Vgl. Ranke a. a. O. HI, 278. Anm. 8. 

2) Urb. Rhegius, Pfarrherr zu Celle, an den 

Rat von Lüneburg, 1530 Novemb. 17. (L. A.) 

Nach Uhlhorn p. 185 ersuchte der Rat den 

Rhegius darum, nach Lüneburg zu kommen, als 
dieser im October 1580 in Lüne eine Visitation 

des Klosters abhielt. Weder von dieser Visita- 
tion, noch davon, dass der Rat sich direkt an 

Rhegius gewandt hat, habe ich eine Spur finden 

können. 


j 8) Urb. Rhegii deutsche Bücher und Schrif- 
'ten. IV, 141. 

4) Welcher Art diese damals über die Stadt 
hereingebrochene „tribulatio“, von der Rhegius 
hier redet, gewesen ist, liess sich nicht ermit- 
teln. Die Schweissucht, die man dafür gehal- 
ten hat, ist wohl damals bereits erloschen ge- 
wesen. Der Brief Rhegius , an die Prediger von 
Lüneburg ist vom Tage Thomae (21. Decb.) 
1530. Opp. lat. DI, 86 f. 


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Rhegius hielt Wort; als im Frühling das Wetter weniger rauh war, kam 
er (wohl noch im März) nach Lüneburg 1 ). Seine Wohnung nahm er im Fürsten- 
hause, nach einem vorübergehenden Aufenthalte im Hause des Heinrich Witzen- 
dorf, eines Lüneburger Patriciers, der der Reformation sich zugewandt hatte and 
einer ihrer eifrigsten Beförderer geworden war. Sein Bleiben war von vorn- 
herein nur auf kurze Zeit berechnet, und während desselben stand er im Dienste 
des Herzogs, nicht in dem der Stadt ; es war eine Amtsreise im Aufträge seines 
Fürsten. Als der Rat später den Herzog um eine Verlängerung des Aufent- 
haltes bat, erbot er sich „daran zu sein, dass Rhegii Anwesenheit in Lüneburg 
dem herzoglichen Amtmann an Seiner Würden Beköstigung unbeschwerlich sein 
solle“ *). Dies lehnte der Herzog jedoch ab, da es nicht seine Meinung sei, ihn 
der Zehrung und der Kosten wegen von Lüneburg abzurufen 3 . 

Rhegius wirkte zunächst wohl mehr durch seine Predigten, als durch öffent- 
liche Disputationen, wie er das später gern that. Erst nachdem er die Verhält- 
nisse kennen gelernt hatte, konnte er daran denken, eine direkte Eiwirkung auf 
die katholische Partei ausüben zu wollen. Er wandte sich an das Haupt 
derselben, den Propst Coller, den er persönlich noch nicht kennen gelernt hatte, 
um mit ihm womöglich eine Verständigung zu suchen. An ihn richtete Rhe- 
gius noch im Mai eine Zuschrift über die Messe, in der er die Unrichtig- 
keit des katholischen Messopfers und die in Gottes Wort begründete Feier des 
Abendmahls unter beiderlei Gestalt auseinandersetzte. Er hat ihn, die Schrift 
zu widerlegen, und wenn er das nicht könne, Jesu die Ehre zu geben, ohne 
dessen Tod er in seinem hohen Alter keinen sicheren Trost und keine Gewis- 
sensruh haben könne. 

Der Propst war dem Rhegius an Gelehrsamkeit nicht gewachsen, das er- 
kennt er in seiner Antwort offen an und geht damit jeder weiteren Erörterung 
aus dem Wege. Sein Brief ist sehr geschickt verfasst, anscheinend müde und 
versöhnlich; er redet von der wahren Liebe, die nicht eifert und nicht das Ihre 
sucht Das war mehr Maske als Wahrheit; in seiner Denkschrift an den Rat 
hatte er eine ganz andere Sprache geführt, und er würde das auch jetzt gethan 


1) Genau lasst sich die Zeit nicht bestim- 2) Der Rat an den Herzog Mittwoch nach 
men; in einem Schreiben an Getelen vom 11. Exaudi (24. Mai) 1531. (L. A.) 

Juni 1531 sagt Rhegius, dass er seit 4 Monaten ■ 3) Der Herzog an den Rat am Pfingsttage 

den Herzog nicht gesehen habe. | (28. Mai) 1531. (L. A.) 


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haben, wäre die katholische Partei die mächtigere gewesen. Auf die eigent- 
liche Frage geht er, wie gesagt, gar nicht ein. Wie er, nur noch der Schatten 
eines Menschen, es wagen dürfe in einer Sache zu urteilen, unter deren Last 
selbst die Schultern von Riesen wankten ? die grössten Gelehrten der Welt, selbst 
die Herrscher wüssten darin kein Ende oder Mass zu finden. Man würde ihn 
alten Mann schön verspotten, wenn er jetzt in dieser Sache als Kämpfer auf die 
Bühne treten wollte 1 ). 

Bei dem Propste war auf kein Entgegenkommen zu rechnen, er stand mit 
andern eifrigen Papisten in stetigem Verkehr und wurde von ihnen in seinem 
Widerstande bestärkt. Die Schriften oder Disputationsthesen des Urbanus Rhe- 
gius wurden stets nach Bremen zu Getelen gesandt, und dieser schickte dann 
für den Propst eine Widerlegung oder gab zu den Thesen seine Bemerkungen. 
Eine ganze Reihe derartiger Schriften sind uns in der Lüneburger Stadtbibliothek 
erhalten, und Getelens eigne Worte sind leicht zu erkennen, weil er mit roter 
Tinte seine Bemerkungen machte. Bis an sein Ende — er starb im Jahre 1536 
— ist Coller dem Katholicismus treu geblieben. Noch in seinem Testamente spricht 
er aus, „dass er durch die Gnade und den Beistand Gottes bei dem Glauben 
und im Gehorsam der heiligen katholischen Kirche bis zu seinem letzten Athem- 
zuge bleiben werde“*) 

Bald nach jenem gescheiterten Versuche, mit dem Propste sich zu ver- 
ständigen, überreichte Rhegius dem Rate seine Kirchen- und Schulordnung, deren 
Abfassung der eigentliche Zweck seiner jetzigen Anwesenheit in der Stadt war. 
Er musste hier etwas ganz Neues schaffen, denn die Ordnung Kempes ist wohl 
überhaupt nicht zur Durchführung gekommen, obwohl er sie vor dem Rate als 
aus Gottes Wort stammend bewiesen hatte, und obwohl sie den Klöstern in der 
Stadt zugeschickt worden war. 

Die Kirchenordnung des Urbanus Rhegius, die erst vor wenig Jahren 
wieder aufgefuuden worden ist, ist datiert vom 9. Juni 1531. Sie zerfällt in 
9 Kapitel. Das erste Kapitel als Vorrede zeigt uns den Humanisten Rhegius: 
„Ein Preis der guten Künste“. Dann folgen 5 Kapitel, die den Unterricht in 

1) Rhegius an Coller, am 25. Mai 1531. 2) Das Testament ist vom 19. Decem- 

Antwort Collers am 27. Mai; Entgegnung Rhe- ber 1535. Eine Abschrift befindet sich im 
gius’ am 27. Mai. Urbani Rhegii opera latina L. A. 

in, 82 ff. 


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der Schule, Besoldung der Schulmeister, Winkelschulen u. dgL behandeln und die 
Frage beantworten, welche Kinder man zur Schule schicken solle. Das 7. Kapitel 
handelt von der Unterstützung der Armen und der Erhaltung der Kirchendiener. 
Die eigentliche Kirchenordnung, sofern sie Messe, Gesang, Sacrament, Feiertage, 
Ehestand, Begräbnis betrifft, enthält das 8. Kapitel, und den Beschluss bildet ein 
Abschnitt vom Predigtamte 1 * * * * * * ). 

Bis zur Annahme der Kirchenordnung verging aber noch eine geraume 
Zeit. Die katholische Partei im Rate war noch immer stark und wirkte im 
geheimen der Reformation möglichst entgegen. Sie wurde von aussen unter- 
stützt. Augustin von Getelen hatte sich, als seine Wirksamkeit in Lüneburg 
ein so jähes Ende fand, zum Erzbischof von Bremen begeben, und der gelehrte 
Mann, die Zierde der katholischen Geistlichkeit von Lüneburg, wird von ihm mit 
offenen Armen aufgenommen worden sein. In der Begleitung des Erzbischöfe 
war Getelen auf dem Reichstage zu Augsburg gewesen. Den Vorgängen in 
Lüneburg widmete er stets die grösste Aufmerksamkeit, und er war gut unter- 
richtet Er hat wohl für die Klöster des Fürstentums auf dem Reichstage ge- 
wirkt, wenigstens war er beständig mit dem Abte von St Michaelis in Verbin- 
dung, durch den ja, wie wir sahen, die Nonnen von Lüne 50 Gulden nach Augs- 
burg schicken Hessen, um dort ihre Sache führen zu lassen. 

Die Kirchenordnung Stephan Kempes wurde ihm vom Abte von St Mi- 
chaelis ebenfalls zugesandt, und er wurde aufgefordert, seinen Rat in betreff 
derselben zu geben*). Er that dies, wie es scheint, von Augsburg aus. Seine 
Widerlegung derselben: „Eyn frye gerichte upp de vofftich losen Artikel vor- 
gegeven der guden Stadt Luneborch uth wittenbergescher schole gebedellt“ ist 
kurz und dürftig und bewegt sich in der gewöhnUchen Form derartiger Schriften 
aus jener Zeit, grob genug wenigstens ist sie 8 ). Besonders kommt Bugenhagen, 


1) Die Kirchenordnung wurde etwa im Jahre 

1880 im Archiv der Superintendentur zu Lü- 
neburg wieder aufgefunden. Leider war es mir 
nicht möglich, das Original selbst zu benutzen, 

so dass ich mich mit einigen dürftigen Nach- 

richten über dieselbe begnügen musste. Vgl. 

Ubbelohde, Mitteilungen über ältere Lüne- 

burger Schulordnungen. Programm desJohan- 

neums zu Lüneburg 1881. Dort ist das 6. Ka- 

pitel der Ordnung, in dem Rhegius seine An- 


sichten über die Auswahl der Unterrichtsgegen- 
stände giebt, völlig abgedruckt. 

2) Boldewin an den Rat am 17. October 
1580. (H. St. A.) 

8) Die äussere Aufschrift der im L. A. uns 
erhaltenen Schrift lautet: Ahn hcrn Augustin 

von Getelen up Dr. Wendeil Swickers hoff nicht 
wydt von dem dorne in Augsburg, edder ahn 
Dr. Jost Hothfilter. — Auguste in m. g- H. 
von Bremen und Verden Herbarge. (Diese Auf- 


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auf den Getelen seit seiner Hamburger Zeit wohl noch einen starken Hass hatte, 
schlecht weg. Melanchthon, so sagt er einmal, verwende grossen Fleiss, das 
gut zu machen, was Luther mit seinem tobenden Ungestüm verdorben habe. Er 
bessere sich von Tage zu Tage und habe jetzt auch in der Vorrede Danielis 
an Ferdinand einen harten Spruch gegen das Bugenhagensche „Greiff zu“ ge- 
geben. Bugenhagen aber bemüht sich, die Lutherschen Anschläge schärfer zu 
machen, zieht durch die Lande und sammelt sich Schätze wie ein geldsüchtiger 
Jude, er ist ein Mammonist, ein Mamelucke. Er steht neben Melanchthon wie 
ßehaheam neben Salomo; die Jugend dem Pommer befehlen und die Töchter 
dem Sardanapal, das ist ein Ding. 

Auch nach seiner Rückkehr vom Reichstage erhielt Getelen seine Verbin- 
dung mit Lüneburg fortwährend aufrecht Mit Coller stand er in Correspon- 
denz, und dieser sandte ihm einst eine Predigt des Urbanus Rhegius, die man 
nachgeschrieben hatte; sie handelte von der Rechtfertigung. Getelen schickte 
dem Propste eine Widerlegung derselben, welche dieser, erfreut vielleicht, dass 
Rhegius endlich einmal einen Gegner gefunden hatte, der ihm gewachsen war, 
dem Urbanus übergeben Hess. — Rhegius wandte sich sofort an Getelen selbst 
Am 11. Juni 1531 forderte er ihn nach Auseinandersetzung und Begründung 
der theologischen Fragen auf, selbst nach Lüneburg zu kommen und dort mit 
ihm zu disputieren. Für freies Geleit und Unterhalt während der Reise werde 
er sorgen 1 ). Getelen nahm dies Anerbieten nicht an. Seinerseits erhob er die 
ganz thörichte Forderung, Rhegius solle sich ihm vor dem Kaiser zur Dispu- 
tation stellen*). Dass Rhegius darauf nicht eingehen konnte und würde, war 
vorauszusehen, und jede direkte Verhandlung der Gegner wurde damit abge- 
schuitten; im stillen aber wirkte Getelen fort. Auf ihn werden wohl auch zum 
grössten Teil die Massregeln zurückzuführen sein, wodurch der Erzbischof von 
Bremen Herzog Ernst in der Reformation seines Landes zu hindern suchte. Er 
blieb, wie es scheint, dauernd am Hofe des Erzbischofs, im Jahre 1537 hören 
wir noch einmal von ihm, wie er den päpstlichen Legaten Petrus Fortius mit 


schrift ist von anderer Hand, während die ei- j Brief des Abtes von St. Michaelis. Ganz sicher 
gentliche Schrift von Getelens selbst geschrieben lässt sich die Sache freilich nicht entscheiden, 
ist.) Man könnte daher nach dieser Aufschrift auf 1) Rhegius an Getelen, Lüneburg am 11. 
den Gedanken kommen, dass Getelen nicht selbst Juni 1531. Opp. lat. III, 89 ff. 
der Verfasser sei, seine Autorschaft wird jedoch I 2) Rhegius an Heberding, Celle, am 1. Aug. 
gestützt durch den p. 142. Anm. 2 angeführten 1531. Opp. lat. HI, 88. 


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einer pomphaften lateinischen Rede in Verden empfangt 1 ); weitere Nachrichten 
über seine Schicksale fehlen. 

Die für den Aufenthalt des Rhegius in Lüneburg bestimmte Zeit nahte 
sich ihrem Ende; noch im Mai hatte eigentlich seine Rückkehr erfolgen sollen, 
auf Bitten des Rates hatte ihm der Herzog noch bis Johannis zu bleiben erlaubt, 
länger jedoch könne er „seinen liehen Pfarrherrn und Bischof “ nicht entbehren 1 ). 
Noch einmal bat der Rat um Verlängerung der Frist, er versprach für Behau- 
sung, Erhaltung und alle Notdurft des Urbanus seinem Stande gemäss zu sorgen; 
so oft der Herzog ihn nötig habe, solle er nach Celle kommen können. Allein 
das Gesuch wurde nicht gewährt, Urbanus kehrte nach Celle zurück 8 ). 

Die Kirchenordnung war noch nicht eingeführt worden, aber es wurde jetzt 
der lutherischen Partei in Lüneburg ein Haupt in einem Superintendenten ge- 
geben. In manchen Punkten trat der Superintendent in die Rechte des Propstes 
ein, dem jetzt wohl der grösste Teil seiner Befugnisse genommen wurde. Auf- 
gehoben wurde die Propstei jedoch nicht völlig. Coller legte sein Amt nieder 
und gab es in die Hände des Rates zurück 4 ); mau liess ihm jedoch die „Juris- 
dictio in beneficialibus“, und nur dies Recht hatten dann auch wohl die Pröpste, 
welche der Rat nach dem Tode Collers ernannte 6 ). • Das war gerade für die 
Patricier sehr wichtig, denn es folgte aus diesem Vorrechte die Verleihung der 
zahlreichen Vicarien und Präbenden, welche die Patricier meist in Händen hatten 
und die ihnen wohl allmählig entzogen sein würden, wenn die Befugnisse des 
Propstes sämtlich an den Superintendenten übergegangen wären. 

Superintendent wurde Heinrich Radbrock G ), der uns früher bereits als Abt 
von Scharnebeck begegnet ist. Er hatte seinen Wohnsitz in Lüneburg genommen 
und sich ganz der Reformation angeschlossen. Während des Aufenthalts Urbans 
in Lüneburg verheiratete er sich mit der Tochter eines Lüneburger Patriciers', 


1) Spangenberg, Verdener Chronik p. 176. j 

2) Der Rat an den Herzog , Mittwoch nach 
Exaudi (24. Mai) 1531. Der Herzog an den 
Rat, Celle am Pfingsttage (28. Mai) 1531. 
(L. A.). 

3) Der Rat an den Herzog Sonntag nach 
Viti (18. Juni) 1531. (L. A.). 

4) In seinem Testamente schreibt Coller: 

„praeposituram ex urgentibus causis in et ad 
manus senatus, tamquam legitimum praesentandi ] 
jus habentis, reposui et dimisi. j 


5) Vgl. Elvers, discursus historico-politicus. 
ad ann. 1530. Vgl. über den grossen Nachlass 
Collers die Jahresberichte des Lüneburger Mu- 
seumsvereins, 1884. 

6) Der einzige Beweis dafür findet sich in 
einem Briefe des Rhegius an Heberding vom 
1. August 1531. Opp. lat. III, 89. 

7) Schomaker setzt dies auf Trinitatis 1531, 
während Kämmenstädt es erst ein Jahr später 
ansetzt. 


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und lebte jetzt von dem Jahresgehalte, den der Herzog ihm ausgesetzt hatte. 
Er war schwach und schwankend, und sein grösstes Verdienst in den Augen 
der Leute war wohl seine frühere Abtswürde. Die Vermutung, die bereits von 
anderer Seite ausgesprochen ist 1 ), dass an ihn die Schrift des Rhegius „fulmen 
in votariam monasticen“ gerichtet sei, scheint auch mir durchaus richtig. Der 
„Blitzstrahl wider das Mönchsgelübde“ wurde verfasst im Jahre 1532 und 
wendet sich an einen ehemaligen Abt, den wegen seines Austrittes aus dem 
Kloster und seiner Verheiratung Gewissenszweifel quälten. Ihn suchte Rhegius 
zu trösten und zu stärken, indem er alle Gründe gegen das Mönchsgelübde 
zusammenstellte. 

Die Einführung der Kirchenordnung konnte er nicht durchsetzen; der Rat 
hatte in derselben „etliche Mangel und Irrunge befunden“ und wandte sich des- 
halb im August noch einmal an Rhegius, damit er auf kurze Zeit herüberkomme 
und sich mit ihnen berede*). Dies scheint geschehen zu sein, denn am 4. Sept. 
wurde die Ordnung durch ein Mandat eingeführt, aber nicht unbeschränkt Der 
Rat habe, so heisst es, sich am heutigen Tage mit den verordneten Bürgern 
dahin vertragen, dass er die Ordinantien des würdigen und hochgelehrten Doo- 
toris Urbani Rhegii fördern und handhaben wolle in alle dem, was recht, göttlich, 
christlich, ehrlich, billig und dem Evangelio angemessen. Er wolle aber auch 
von den Bürgern nichts gefordert wissen, was ihm an seinen Gelübden, Eiden 
und seiner Ehre hinderlich oder nachteilig sei Eine derartige Klausel konnte 
bei gegebener Gelegenheit nach Gefallen ausgelegt werden ; sie richtete sich aber 
besonders gegen weltliche Forderungen, welche die Bürger jetzt unter dem 
Scheine des Evangeliums erhoben; sie wollten Anteil an den Sülzgütern und 
andern Sachen haben, die bislang ausschliesslich in den Händen der Patricier 
gewesen waren. 

Der Rat war noch immer nur sehr wenig dem Evangelium zugeneigt und 
nahm auch in anderer Beziehung eine schwankende Stellung ein. Nach seiner 
Rückkehr von Augsburg hatte der Herzog ihm die dortigen Verhandlungen 
mitgeteilt und ihn aufgefordert, der Erklärung der evangelischen Stände 


1) Uhlhorn p. 188 und p. 860 Anm . 11. 
Man kann aber nicht, wie Uhlhorn dies thut, 
diese Ansicht mit dem Briefe des Rhegius an 
Heberding stützen, denn dort wird nicht bloss 
der Abt, sondern es werden alle lutherischen 


Prädicanten und Bürger zur Standhaftigkeit er- 
mahnt. 

2) Der Rat an Urbanus Rhegius Donnerstag 
nach Assumpt. Mariae (17. August) 1531. 
(L. A.). 

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beizutreten; dieselbe Forderung hatte er erhoben, als er dem Rate Mittei- 
lung machte von der Vollziehung des Bündnisses zu Schmalkalden, wo er 
im December 1530 persönlich anwesend gewesen war. Der Rat hatte früher 
den Herzog um Bedenkzeit gebeten 1 ), auf die letzte Nachricht blieb er die Ant- 
wort überhaupt schuldig. Das veranlasste den Herzog noch einmal, bald nach 
dem Weggange des Urbanus Rhegius von Lüneburg, ein ernstes Schreiben in 
dieser Sache an den Rat zu richten: „Weil das Evangelium bei ihnen reichlich 
gepredigt werde, habe er gute Hoffnung gehabt, dass sie von der erkannten 
göttlichen Wahrheit nebst ihm und andern evangelischen Kurfürsten, Fürsten, 
Grafen und Städten sich nicht würden abdrängen lassen, sondern mit ihm und 
den andern in christlicher Einigung und Verständnis sein würden; um Christi 
willen sei man schuldig, ihn auch offen vor den Leuten zu bekennen“. Noch- 
mals fordert er sie auf, sich zu entscheiden, wie sie sich zu dieser Frage stellen 
würden 2 ). Die Sache war nicht ohne Bedeutung, denn im Fall eines Krieges 
konnte dem Herzoge in dem Rate ein Feind im eignen Lande erwachsen, Lüne- 
burg konnte ein Stützpunkt für etwaige Operationen katholischer Fürsten werden. 
Auch lag die Sache wohl nicht so, dass Lüneburg einfach als herzogliche Stadt 
dem Bunde angehörte. Die Stadt Braunschweig hatte sich auch auf ihre Ab- 
hängigkeit von Herzog Ernst berufen 8 ), allein die Verbündeten forderten eine 
besondere Aufnahme in den Bund. War auch bei Lüneburg das Verhältnis in 
sofern anders, als Ernst alleiniger, Herr der Stadt war, so mag er doch ähnlich 
gedacht haben, jedenfalls aber musste er für seine eigne Person Qewissheit 
über die Stellung der Stadt haben. 


Das Kloster St. Michaelis. 

Einen wesentlichen Rückhalt fand die katholische Partei in Lüneburg bei 
dem Kloster St Michaelis, das noch immer allen Bemühungen des Herzogs wider- 
standen und sich der Reformation fast gänzlich unzugänglich bewiesen hatte. 


1) Der Bat an den Herzog, Sonnabend nach 3) Ranke, Reformationsgeschichte III, 280. 
Omnium Sanctorum 1530 (5. November). (H. Über die Stadt Braunschweig hatten alle regie- 

St. A. Des. 55, Lüneb. 8). renden Fürsten der braunschweigischen Erblande 

2) Der Herzog an den Rat Sonnabend nach . die Hoheitsrechte gemeinsam. 

Magdalena (29. Juli) 1531. (Des. 55, 8). 


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Wir haben den Abt Boldewin von Mahrenholz bereits kennen gelernt und ge- 
sehen, wie er sich geweigert hatte, das von dem Herzoge geforderte Inventar 
der Güter und Einnahmen des Klosters zu geben. Dabei beharrte der „gnädige 
Herr vom Haus u seit jener Zeit Die Beziehungen zu dem Herzoge waren da- 
mals, wenn sie auch besser hätten sein können, doch noch nicht schlecht zu 
nennen. Im Jahre 1528 schenkte Boldewin der jungen Gemahlin des Herzogs 
bald nach ihrer Hochzeit einen goldenen Becher. Es schien auch als ob der 
Wunsch des Fürsten formell wenigstens erfüllt werden sollte, denn in einer Ver- 
einbarung mit dem Convente wurde festgesetzt, dass zwei Prädicanten (aber wohl 
keine evangelische) angenommen werden sollten, von denen der eine und zwei 
Präceptoren aus den Abteigütern, der andere und zwei „Gesellen der Schule“ 
vom Convente besoldet werden sollten Leider scheint es nicht dazu gekommen 
zu sein. 

Als der Herzog dann im Juli 1529 die Verwaltung der Klöster an sich 
nahm und Prediger dort einsetzte, versuchte er es, auch den Abt der Reformation 
zu gewinnen. Von Lüne aus schrieb er am 13. Juli 1529 an Boldewin; er 
verteidigt — ähnlich wie in dem von Isenhagen aus an den Rat gesandten 
Schreiben — sein Vorgehen gegen die Klöster. Er sendet auch dem Abte das 
Artikel-Buch und die Instruction für die Prediger und fordert, dass auch in seiner 
Kirche auf Grund dieser Ordnungen das Wort Gottes lauter und rein gepredigt 
werde. Sie sollen die gröbsten Misbräuche gegen Gottes Wort abschaffen, zu- 
gleich aber auch sich an den früheren Landtagsbeschluss erinnern und die In- 
ventarisierung vornehmen, damit der Fürst und die Landschaft eine Einsicht in 
die Verwaltung des Klosters bekomme und die Güter desselben hinfort zur Wohl- 
fahrt desselben regiert werden möchten 1 2 ). 

Boldewin wollte abdanken, er fühlte sich dem drohenden Sturme nicht ge- 
wachsen. Der neue Abt sollte ihm dann das Schloss Grünhagen, wo Boldewin 
oft residierte, Wichmannsdorf und einen Teil der Sülzgüter zum Unterhalte 
geben*). Aber sein Schwager (Alberich von Bodenteich) ermahnte ihn zum 


1) Gebhardi, Sammlung Bd. 14, zum Jahre 
1528. 

2) Der Herzog an Boldewin, Lüne am Tage 
Margarethae 1529 (Copie H. St. A., Dea. 49, 
Keform. d. Stifte und Eibeter 1). Die Darstel- 


lung bei Havemann p. 128 ist falsch. Auch 
das Datum ist unrichtig , dasselbe ist wohl 
Schlüpke entnommen. 

3) v. Weihe-Eimke a. a. O. p. 138. 

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Ausharren und zum Widerstande und versprach ihm, wenn es nötig sei, seine 
Hülfe. Er lehnte also die Forderungen des Herzogs ab. Er habe, so berichtet 
er seinem Schwager in einem Schreiben, in dem er seine ganze Lage schildert, 
einen frommen und gelehrten Mann angenommen, das Evangelium zu predigen, 
und er wolle noch mehr annehmen, bis er einen recht geschickten fände; aber 
verlaufene, vom Kaiser und Papst verdammte Lehrer, die nicht durch Auflegen 
der Hände geweiht seien, nehme er nicht Der geistlichen Obrigkeit müsse man 
gehorchen; den Eid, den er — der Aht — dem Bischöfe von Verden geleistet 
habe, müsse er halten; er müsse bei der Einheit der Kirche bleiben. Der Herzog 
verletze seine Pflicht, wenn er dem Kloster falsche Lehre aufdränge, und die 
Auslegung der Lehre der Heil. Schrift durch das Kloster sei die richtige, für sie 
spreche die Meinung der Kirche. Das Kloster liege in der Stadt Lüneburg, er 
dürfe nicht eine Lehre einführen, durch die der Rat in Not und Aufruhr ge- 
bracht werde, jede Veränderung sei ja auch durch das Edict des Kaisers bis zu 
einem allgemeinen Concil verboten, nach dem Edict hätte sich der Rat, der 
Bischof und die Geistlichkeit stets gehalten, nicht aber die Prädicanteu. In be- 
treff des Inventars endlich müsse er bei seiner Weigerung beharren, der Convent 
wolle dies Verzeichnis nicht geben, und der Bischof habe es verboten 1 ). Doch 
wünscht der Abt, dass durch Unterhandlungen mit dem Herzoge ein friedlicher 
Ausgleich herbeigeführt werden möge, und er bittet seinen Schwager auf Kosten 
des Klosters diese Verhandlungen zu führen. 

Gerade in diese Zeit fällt der Versuch Johanns von Mahrenholz, seine 
Propstei wieder zu erlangen. Der Herzog hatte, wie wir sahen, die beiden 
Brüder Johann und Boldewin nach Celle vorgeladen; allein der Abt zog es vor, 
den Tag hinauszuschieben, so dass er, wie es scheint, ganz unterblieb. Seine 
Stellung war augenblicklich doch derart, dass er seinem Bruder nichts nützen 
konnte ; ja er musste sogar für sich selbst fürchten. Am herzoglichen Hofe war 
das Gerücht verbreitet, dass Boldewin in Lüneburg den Rat und die Bürger 
gegen den Herzog aufhetze 2 ), und das machte ihn dort nicht beliebter. 


1) Gebhardi , Sammlung Bd. 14, giebt aus Schreiben, welches wir schon oben erwähnt 
den Akten des Archivs eine jetzt nicht mehr haben, ist undatiert, aber aus inneren Gründen 
aufzufindende Schrift Boldewins im Auszuge i hier einzureihen. 

wieder. Dieselbe ist an seinen Schwager ge- 2) Boldewin an Förster, Mittwoch nach ln- 
richtet; dass dies Alberich von Bodenteich sei, ventio Stephani (4. August) 1529 (Des. 49, 1)- 
giebt auch Gtebhardi nur als Vermutung. Das i 


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Noch ein anderer Grund kam hinzn, um den Herzog gegen das Kloster 
zu stimmen. Als Abt und Convent des Klosters Oldenstadt dem Herzoge die 
Verwaltung übertrugen, da hatten nur drei Conventualen zu widersprechen ge- 
wagt, unter ihnen der „Custos“ Tzarstede aus Lüneburger Patriciergeschlecht. 
Dieser hatte sich mit einem Teile der seiner Obhut anvertrauten „Briefe und 
Siegel“ heimlich davon gemacht und sich nach Lüneburg in das Kloster St. 
Michaelis begeben; dort hatte er auch Aufnahme gefunden 1 2 3 ). 

Es war daher eine der Forderungen des Herzogs, als er im Februar 1530 
seine Räte Förster, Heinrich von Kramm und Heinrich von Broke zur Ver- 
handlung mit dem Kloster nach Lüneburg sandte: Tzarstede solle die entwen- 
deten Sachen herausgeben und sich zu „rechtmässiger Ansprache“ stellen. Zu- 
gleich wurde die alte Forderung wiederholt, es solle ein Prädicant eingesetzt 
werden. Die Antwort auf die Forderungen des Herzogs sollte der Abt schriftlich 
geben. Weigere man sich die Befehle des Herzogs zu erfüllen, so werde dieser 
„thun, was ihm gebühre*)“. # 

Auch den „Ratschlag zu Notdurft der Klöster“ hatte der Fürst an das 
Kloster St. Michaelis gesandt, und ebenso wie die Frauenklöster der Verdener 
Diöcese hatte auch dieses den Rat von Lüneburg um Fürsprache bei dem Her- 
zoge gebeten, und in ihrem Schreiben hatten die Mönche erklärt, dass sie den 
Ratschlag nicht annehmen könnten, weil er den Regeln Benedicts entgegen sei*). 

Gegen die Ausführungen der Klosterhcrren richtete sich der Herzog in 
einem längerem Schreiben 4 ), dessen Worte man oft citiert hat; denn sie zeigen, 
wie ernst der Fürst seinen Beruf auffasste, wie sehr er sich für verpflichtet und 
vor Gott verantwortlich hielt, für das Seelenheil aller seiner Unterthanen zu 
sorgen. „Wenn wir euch fremde und eurer Sorge unbeladen wären“, so schreibt 
der Herzog, „Hessen wirs fahren und uns wenig anfechten; wer verdürbe, der 
verdürbe; nun aber in göttlichem unserem Amte euer Gefahr und Verderb zu 
warnen, wahren und wehren, über gemeine Verwandtnis wir auch ein väterlich 


1) Handschriftliche Nachricht aus einem 
Copialbuche des H. St. A. (Verzeichnis der Ma- 
nuskripte J. 76). 

2) Brief des Herzogs an die Klosterherren 
von St. Michaelis, d. d. Lüne, Donnerstag nach 
Valentini (17. Febr.) 1580. (Concept Des. 49, 1). 

3) Das Schreiben ist uns nicht erhalten, 


sein Inhalt ergiebt sich aus der gleich anzu- 
führenden Antwort des Herzogs. 

4) Das Schreiben ist datiert: Celle, Dienstag 
nach Judica (5. April) 1530. Zuerst gedruckt 
bei Bertram, Evang. Lüneburg, Beilage 1, dann 
bei Lünig im Reichsarchiv, bei Pfeffinger a. a. O., 
und bei Heimbürger, Ernst der Bekenner p. 155 ff. 


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Herz und treue Liebe angethan haben, euer als natürliche, leibliche Kinder 
höchsten Verstandes und Vermögens zu pflegen, lässet solche väterliche Neigung, 
treuer Wille und stetiglich Anliegen nicht ruhen von den Dingen, die wir euer 
Leibs und Ehren Wohlfahrt nützlich achten und zur Seelen Seligkeit nötig er- 
kennen, daher auch verursacht werde, auf bemeld euer an gedachten Rat ergan- 
genen Schrift, was euer und der Wahrheit Notdurft erfordert euch gnädig za 
berichten“. — Wenn die Regel Benedicts aus Gottes Wort ist, so wird der 
„Ratschlag“ nicht gegen sie sein, wo nicht, so sollen sie sich ihres Verderbs 
nicht noch rühmen. Wenn Benedict eines Tages erstände, so würde er sprechen: 
„Liebe Brüder, wie mögt ihr so ungütlich an mir thun, dass ich eures Irrtums 
soll ein Deckel sein und eure böse Sache soll beschönen; weltlichem Gehorsam 
habe ich euer keinen entzogen, ihr aber dünket und träumet euch eine unbillige, 
unerfindliche Freiheit. Im Predigthören bin ich euch fleissig fürgegangen, ihr 
aber fliehet davor, lästert die Wahrheit, irret und hindert andere, die gerne 
hören: den ungeschickten Beichtigern hätten wir keinen Hund befohlen, ihr aber 
thuet ihnen eure Gewissen befehlen und eure Seligkeit vertrauen“. Er wolle 
nicht, so sagt der Herzog, dass sie das Klosterleben aufgeben und ihre Regel 
abschaffen sollten. Was sie mit Gottes Wort bewähren könnten, sollten sie ruhig 
behalten; dann erwarte er aber auch von ihnen, dass sie in dem, was sie nicht 
erweisen könnten, seinen gerechten Forderungen nachgehen würden. 

Das Schreiben hatte keinen Erfolg; die Verhandlungen wurden unterbrochen 
durch den Aufenthalt des Herzogs auf dem Reichstage zu Augsburg. — In der 
Stadt Lüneburg waren inzwischen wichtige Änderungen vor sich gegangen; 
Kempe war berufen, und seine Anwesenheit blieb auch für St Michaelis nicht 
ohne Folgen. Er forderte nach Annahme seiner Kirchenordnung durch den 
Rat, dass dieselbe auch dem Abte und Convente vorgelegt werde, und die Bürger 
unterstützten seine Forderung. 

Mitte Juli 1530 begab sich eine Deputation bestehend aus Mitgliedern des 
Rates und des Bürgerausschusses in das Kloster und forderte dort Abschaffung 
der Messe, Metten, Vesper und Nachtgesänge. Auch die Übergabe des In- 
ventars verlangte man *) ; dazu sei man berechtigt, weil das Kloster in der Stadt 
belegen sei*). Zugleich wurde ihnen die Kirchenordnung Kempes vorgelegt: sie 


1) Schomaker a. a. 0. zum Jahre 1530. | 2) Vgl. auch Hammens tädt a. a. 0. 


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sollten dieselbe annehmen oder widerlegen. Von der Partei des Rates wurde 
der Abt heimlich ermuntert, die Ordnung widerlegen zu lassen. Könnten die 
Artikel mit göttlicher Schrift widerlegt werden, so wollte man von Stephan 
Kempe abfallen. 

Der Abt, dem das Vorgehen des Rates mit Recht als ein Eingriff in seine 
Rechte erschien — denn nur unter dem Landesherrn, nicht unter dem Rate stand 
nach altem Herkommen das Kloster — hoffte wohl leichter davonzukommen, 
wenn er den ihm erteilten Rat annahm. Er wandte sich an bedeutende Ver- 
treter des Katholicismus , die sich damals gerade zu Augsburg befanden, an' 
Conrad Wimpina, Johann Mensing und Augustin von Getelen. Diese sandten 
ihm Widerlegungen der Kirchenordnung Kempes. Über die Augustins von Ge- 
telen haben wir bereits gesprochen. Eine andere muss bedeutender gewesen sein, 
sie kostete dem Abte 20 Goldgulden 1 ). Man rühmte sie in den katholischen 
Kreisen als etwas ganz vortreffliches; das „Pröve-Bock“, so nannte man dieselbe, 
weil der Verfasser sich selbst als einen scharfsinnigen „Prövener“ bezeichnete, 
Durch sophistische Spitzfindigkeiten, Grobheiten und Schmähungen suchte derselbe 
Kempe zu widerlegen. Es finden sich namentlich gegen Bugenhagen dieselben 
Vorwürfe erhoben, wie in der Schrift Getelens, und auch an andern Punkten 
sind die Widerlegungen einander ähnlich. Es ist dieselbe Kampfesweise, wie 
wir sie früher bei den Barfüssern in Celle kennen gelernt haben. Nur das 
Wasser soll bei der Taufe als Zeichen gebraucht werden, fordert Kempe ; daher 
muss man auch Pathen und Gebetlesen weglassen, antworteten die Gegner. Dass 
man Virgil und Donat in der Schule lesen soll, lässt sich auch nicht aus der 
Schrift beweisen. — Die Vorwürfe gegen die lutherische Lehre, dass sie eine 
falsche Freiheit herbeiführe, Aufruhr stifte und die Leute verderbe, kehren na- 
türlich auch hier, wie in jedem derartigen Schriftstück, wieder. 

Kempe, der damals — in der ersten Hälfte des October 1530 — bereits 
wieder in Hamburg war, hörte von der Schrift, wusste sie sich zu verschaffen 
UBd schlug seinen Gegner in seiner Erwiderung völlig zu Boden. „IJp des 
Abbates van Sunte Michael tho Luneborg und sines Pröve- Esels Pröve-Bock 
Antwort Stephani Kempen“, so lautet der Titel derselben*). Die Schrift Kempes 

1) Vgl. Uhlhorn p. 204, Gebhardi Bd. V hagen hatte eine Vorrede dazu geschrieben, 

berichtet, dass der Abt an Wimpina und Men- Abgedruckt bei Staphorst, Hamburger Kirchen- 
sing Geschenke sandte. geschieh te II, 1. p. 172 ff. 

2) Die Schrift wurde 1531 gedruckt, Bugen- 1 


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ist zugleich unsere Hauptquelle für das verlorene Pröve-Bock, — Es sind wuch- 
tige Keulenschläge, nicht gerade immer besonders fein, die den Pröve-Esel treffen. 
Er begreife nicht, wie verständige Leute ein derartiges ehrloses Schandbuch 
noch loben könnten. Nichts von seinen Artikeln habe der „unduldig Bachante 
unde Pröve-Esel, der weder Scham noch Ehre habe, gebessert, geprövet oder 
ein Tittel davon genommen“. 

Dass der Abt dabei nicht leer ausging, wenn auf den „Pröve-Esel“ ge- 
scholten wurde, lässt sich denken. Aber schon vorher war er genug gestraft 
worden, denn im Anfang August hatten die Bürger abermals nach längerer Ver- 
handlung eine Massregel gegen das Kloster durchgesetzt 1 2 3 * * ). Weil die Mönche 
ihre katholischen Ceremonien noch nicht eingestellt hatten und das Volk der 
Stadt, soweit es noch katholisch gesinnt war, häufig dorthin zur Kirche ging, 
wurde ihnen geboten, die Kirchthüren zu schliessen. Das Verbot wurde zwar 
bald wieder zurückgenommen, aber am 10. August liess der Rat in der St Jo- 
hanniskirche verkündigen, dass niemand, wes Alters und Standes er sei, sich in 
St. Michaelis solle finden lassen ; wer dawider handle, solle hart gestraft werden. 

Das Erscheinen des Pröve-Bocks erregte dann bei Prädicanten und Bürgern 
einen Sturm der Entrüstung. Dringend und heftig verlangte man den Namen 
des Verfassers zu wissen, und der Rat wagte es nicht, den Abt zu unterstützen, 
sondern schloss sich der Forderung der Bürger an. 

Die Lage des Klosters war der Aufregung des Volkes gegenüber nicht 
unbedenklich. Die Furcht vor einem gewaltsamen Angriff veranlasste den Abt 
die Klosterbriefe an den Hauptmann won Weverlingen zu senden*). Schon früher 
hatte er um sich auf alle Fälle zu sichern, einen Vertrag mit mehreren 
dem Kloster verpflichteten Adligen der Altmark und der braunschweigischen 
Lande abgeschlossen. Sie hatten ihm ihre Unterstützung versprochen, bei seinen 
Bemühungen, Gott dem Herren zu Ehren und der Ritterschaft zum Besten, unter 
keiner Bedingung in eine Umgestaltung des Klosters zu willigen 8 ). Sie hatten 


1) Am Tage Oswaldi (5. August) 1530. 
Vgl. Schomaker und Hämmenstädt. 

2) Gebhardi Bd. 14. 

3) Die Urkunde aus Gebhardi Bd. 14 bei 

Havemann p. 129 Anm. 1, d. d. Dienstag nach 

Himmelfahrt Mariae (16. August) 1530. Wie 


aus Gebhardi hervorgeht hatten einige derselben, 
so Cord von Mahrenholz und Jettebroke Lehen 
vom Kloster, so dass dies mehr eine Verpflich- 
tung der Lehnsleute als ein Bündnis zn nen- 
nen war. 


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153 


ja selbst ein Interesse an der Erhaltung des Klosters, denn nur ihre Genossen 
fanden dort Aufnahme. 

Mit dieser Verbindung droht denn auch Boldewin jetzt dem Rate. Er 
werde, so schreibt er, dem Adel seine bedrängte Lage mitteilen; heftige 
Vorwürfe macht er demselben, dass man ihn jetzt im Stiche lasse, während 
man ihn früher seihst dazu ermuntert habe, die Ordnung zu widerlegen. Ent- 
schieden weigert er sich, den Namen des Verfassers anzugehen; freilich habe er 
gelehrte Leute, wie Wimpina, Mensing, Getelen u. a. um Rat fragen müssen, denn 
im Kloster seien nicht genug tüchtige Leute, um dies selbst zu thun. Man zeige 
aber jetzt durch dies Drängen, den Namen zu erfahren, dass man mehr mit 
Personen als mit der Schrift hadere 1 ). 

Bald nach seiner Rückkehr vom Reichstage nahm der Herzog seine Be- 
mühungen um das Kloster wieder auf; er wollte jetzt selbst einen Prädicanten 
an der Klosterkirche einsetzen. Das betrachtete jedoch der Rat als einen Ein- 
griff in seine Rechte dem Kloster gegenüber; er beabsichtigte dies seinerseits 
zu thun und bat den Herzog, mit dem damals gerade wieder in Lüne ver- 
handelt wurde, dies vorläufig auf sich beruhen zu lassen, d. L vorläufig nichts 
gegen eine Einsetzung des Prädicanten durch den Rat einzuwenden, damit die 
andern Verhandlungen dadurch nicht verzögert würden*). Das war nicht übel 
berechnet, und der Herzog erkannte auch wohl, dass er auf seine Hoheitsrechte 
über St. Michaelis überhaupt verzichten könne, wenn er dies jetzt hingehen 
liesse. Derartige beschwerliche Eingriffe in seine Regalien, Herrlichkeiten und 
Gerechtigkeiten habe er nicht vermutet und verbitte sie sich ganz entschieden, 
schrieb er dem Rate zurück. — Eine vorläufige, beiden Parteien gleichmässig 
erwünschte Lösung dieser Frage war die Erklärung des Abtes, er wolle selbst 


1) Boldewin an den Rat, Montag nach 
Galli 1530 (17. Octob.) (Copie H. St. A. Des. 
50, 2). Ich möchte hier eine Vermutung über 
die Entstehung des „Pröve-Bocks“ aussprechen : 
Es hat verschiedene Widerlegungen der Ordnung 
Kempes gegeben; die Getelens ist uns erhalten. 
Gebhardi kannte noch die Mensings und Wim- 
pinas (Uhlhorn p. 361 Anm. 19). Aus diesen 
Schriften , so möchte ich vermuten , hat man 
dann im Kloster selbst das sog. „Pröve-Bock“ 
verfertigt, indem man sich aus jeder der Wider- 


legungen das Passende heraussuchte. Dann 
würde es sich ganz einfach erklären, dass sich 
in dem Pröve - Bock dieselben Schmähungen 
gegen Bugenhagen finden wie in Getelens 
Schrift, während sich doch nachweisen lässt, 
dass diese mit dem Pröve-Bock nicht identisch 
ist. 

2) Der Rat an den Herzog, Sonnabend nach 
Omnium Sanctorum (5. November) 1530 (H. 
St. A. Des. 55, 8). 

20 


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154 


einen Prädicanten einsetzen 1 ). Dazu kam es allerdings nicht; aber wie ernst 
der Abt selbst seine Lage ansah, das beweist am besten, dass er in der Kloster- 
kirche regelmässige Gebete um Abwendung dieser Not abhalten liess*). 

Der Abt betrachtete sich seinerseits mehr dem Herzoge unterthan als dem 
Rate; das zeigte sich, als der Rat auf Betreiben der Bürger wieder gegen ihn 
vorgehen wollte, denn einen Prädicanten hatte er natürlich doch noch nicht be- 
stellt. Rhegius war damals bereits in der Stadt; man hatte beschlossen, jetzt 
auch in der Kirche u. 1. Frauen, die seit dem Fortgange der Barfüsser ge- 
schlossen gewesen war, einen Prädicanten einzusetzen. Damals wurde auch auf 
Drängen der Bürgerpartei an Boldewin eine Deputation von 4 Ratsherren und 
8 Bürgern gesandt, welche die frühere Forderung in betreff des Prädicanten 
wiederholen 8 ), zugleich aber versuchen sollte, den Abt ganz auf die Seite der 
Stadt herüberzuziehen. Man fragte ihn, ob er ganz bei dem Rate und der Stadt 
bleiben wolle. Gegen die gewaltsame Einsetzung eines Predigers, so erwiderte 
Boldewin, könne er sich zwar nicht wehren; die andere Frage aber könne er 
ohne Wissen des Fürsten und des Adels im Lande nicht beantworten 4 ). Er 
fühlte sich als Angehöriger der Ritterschaft des Landes und hat als solcher das 
Bürgertum gewiss im Herzen verachtet und gering angesehen. 

Den Herzog hatte der Abt bislang stets durch Versprechungen und Aus- 
flüchte hingehalten; als Ernst jedoch von diesen Verhandlungen hörte, sandte er 
durch Förster eine sehr energische Botschaft an ihn: Noch immer habe Bol- 
dewin keinen Prädicanten eingesetzt; er habe gethan, als ob er, vom Rate 
bedrängt, dies ohne Gefahr Leibes und Lebens nicht thun könne, was der 
Rat freilich leugne. Jetzt werde in Lüneburg Gottes Wort gepredigt uud 
ihre Praktiken, wodurch sie das zu verhindern gesucht hätten, seien be- 
kannt. Der Herzog könne einen Widerstand gegen seine beiden Forderungen 


1 ) Die herzoglichen Räte an den Rat, Lüne, | Bürgern fanden nach Schomaker , der hier aus- 

Bonntag nach Omnium Sanctorum (6. Novb.) führlicher ist als Hämmenstädt, am Donnerstag 
1530 (H. St. A. Des. 55, 8). I nach Laetare (23. März) und am Dienstag nach 

2) Die Äbtissin von Medingen bittet am I Judica (28. März) 1531 statt. In der Woche 

20. Decemb. 1530 sie und ihr Kloster in die- | vor Ostern begab sich die Deputation in das 
selben einzuschliessen. Gebhardi 14. i Kloster. 

3) Die Verhandlungen zwischen Rat und j 4) Vgl. Hämmenstädt zum Jahre 1531| 


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155 


m 

nicht länger dulden. Man möge doch bedenken, dass Christus allein Herr der 
Seligkeit sei 1 ). 

Der Abt lenkte ein; der Einsetzung des Prädicanten glaubte er sich nicht 

länger entziehen zu können. Um aber noch besser seinen guten Willen zu 

zeigen und den Zorn des Herzogs wenigstens vorläufig zu besänftigen, bat er 
Urbanus Rhegius, der auch sonst wohl schon auf das Kloster einzuwirken ge- 
sucht hatte, bis ein tüchtiger Prediger beschafft sei, wöchentlich einmal in der 
Klosterkirche zu predigen. Gern kam Rhegius dem Wunsche nach und begann 
damit am Sonntage Jubilate (30. April). An demselben Tage richtete der Abt 
ein sehr demütiges Schreiben an den Herzog, in dem er ihm das Geschehene 
mitteilte. Den harten Brief glaube er nicht verdient zu haben, er habe doch 

mehrfach dem Herzoge anzeigen lassen, wie grosse Mühe er sich um einen 

tüchtigen Prädicanten gegeben habe. Wenn es jetzt noch möglich sei, wie der 
Herzog ihm das früher angeboten habe, dass Herr Wilhelm aus Scharnebeck 
an St. Michaelis Prädicant würde, so würde ihm das sehr angenehm sein; er 
selbst werde sich nach besten Kräften darum bemühen*). 

Im Laufe des Sommers verhandelte der Herzog zu Lüne persönlich mit dem 
Convente*). Dort versprach man wenigstens dem Fürsten einen Schein auszu- 
stellen, dass von den Gütern des Klosters ohne Wissen uud Willen des Herzogs 
nichts verändert und die Einkünfte des Klosters nicht verringert werden sollten. 
Auch den Abt bewog Ernst zu eiuigen Zugeständnissen. Derselbe versprach, seine 
Güter (freilich ohne Vorwissen des Conventes) inventarisieren zu lassen; er will 
dem Herzoge anzeigen, wenn sich jemand an den Klostergütern vergreift und 
will womöglich auch den Convent zur Inventarisierung bewegen. Die Einsetzung 
eines Prädicanten will er jedoch selbst vornehmen 4 ). 

Damit begnügte sich der Fürst vorläufig, erst gegen Ende des Jahres nahm 
er die Verhandlungen wieder auf. Am 1. December sandte er Heinrich von 
Kramm und Johann Haselhorst nach Lüneburg. Von dem Convente sollten sie 

1) Instruction für Förster; Celle, Montag Ort der Verhandlungen war nicht Lüneburg, 

nach Misericordias (24. April) 1531. (Orig, mit sondern Lüne, wie sich aus der unten angege- 
Siegel H. St. A. Des. 50 , 2 ; dort auch die benen Instruction vom Freitag nach Andreae 
beiden folgenden Aktenstücke.) 1531 ergiebt. 

2) Boldewin an den Herzog, am Sonntag Ju- ! 4) In Concept und Abschrift im H. St. A.; 

bilate (30. April) 1531. undatiert, aber, wie ich glaube, hier herzu- 

3) Das bei Havemann angegebene Datum setzen. 

(10. Juli) konnte ich nicht feststellen. Der 

20 * 


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156 


einen Beitrag zu den Lasten des Fürstentums und den versprochenen Schön 
fordern. Ausserdem aber sollten sie dem Abte und Convente noch folgendes vor- 
tragen: Der Herzog begehrt ein vollständiges Verzeichnis der Güter des Klo- 
sters, auch der verpfändeten. Die Kleinode sollen vom Abte und Prior „be- 
schlossen“, und dem Herzoge ein Verzeichnis derselben gegeben werden, ebenso 
soll man ihm Copien der Briefe und Siegel, die im Kloster selbst bleiben sollen, 
liefern, der Fürst will diese geheim verwahren. Wenn sich die Mönche nicht 
schicken werden, will der Herzog dem Abte die Administration des Klosters 
übertragen, und derselbe soll dem Fürsten zu jährlicher Rechenschaftsablage ver- 
pflichtet sein. Wenn „des Klosterlebens Vergang werde“, dann sollen Abmachun- 
gen getroffen werden, durch welche das Fürstentum und der Herzog in betreff 
der Klostergüter keinen Schaden leiden 1 ). 

Der Herzog dachte jedenfalls damals ernstlicher als je daran, bei dem 
Kloster St. Michaelis dieselbe Ordnung durchzufuhren, die er in Oldenstadt und 
Scharnebeck bereits erreicht hatte. Die Partei der Juristen hatte, wie es scheint, 
mit ihren Forderungen nach Säcularisation der Güter des Klosters völlig das 
Übergewicht erlangt. Rhegius war dagegen. In einem Gutachten für den Rat 
von Lüneburg hat er seine Ansicht über die Verwendung der Kirchengüter aus- 
gesprochen und berührt darin auch die Frage in betreff des Klosters St Michae- 
lis*). Wenn die Herren von St. Michaelis im Kloster bleiben und das Evan- 
gelium annehmen wollten, so sei die Obrigkeit nicht berechtigt, sie ihrer Güter 
zu entsetzen, selbst wenn einige Ordensleute katholisch blieben, müsse man sie 
dulden und bis an ihren Tod erhalten. Denn in diesem Falle ist das Kloster 
nur eine „feine Zuchtschule, sich in christlicher Lehre und Zucht zu üben“. 

Die Klosterherren wichen nun auch den angedrohten strengsten Massregeln 
des Herzogs aus, indem sie seiner Forderung nachgaben und ihm die Verzeich- 
nisse ihrer Güter, Kleinodien und anderer Einkünfte übergeben Hessen. — Auch 
der Einsetzung eines Prädicanten konnte man sich nicht mehr entziehen, der 

1) Die Akte, aus der diese Nachrichten ' Haselhorst noch ein andatiertes Concept, »uf 
stammen, hat die Aufschrift : Nachricht von des dem die übrigen Forderungen des Herzog? sich 
Klosters St. Michaelis zu Lüneburg Renten und finden ; ausserdem Verzeichnisse der Guter, 
Einkommen auf Herzog Ernsts Befehl eingezo- Kleinodien und Zinsen des Klosters, 
gen a. 1531 (H. St. A. Celle, Orig.-Arch. Des. 2) Ratschlag dem Rat zu Lüneburg gestellt, 
21, 1191). Sie enthält ausser der vom Freitag zu was Brauch die Kirchengüter fiirnehmliei 
nach Andreae (1. December) 1531 datierten In- i sollen gewendet werden. Opp. gern. III, 102. 
struction für Heinrich von Kramm und -Johann | 


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übrige Gottesdienst blieb jedoch noch in der alten Weise bestehen, und nach 
wie vor wurden Vesper, Kesponsorien und Psalmen in der Kirche gesungen 1 * * ); 
und der Abt selbst hielt noch, wie es Sitte war, an hohen Festtagen vor dem 
goldenen Altäre die Messe ab. 

Die Gefahr einer Säcularisation des Klosters war jedoch bedenklich näher 
gerückt, und man suchte sich so gut es ging zu schützen. Die alten Verbindun- 
gen, welche der Abt noch immer mit dem Erzbischöfe von Bremen, dessen Ein- 
fluss nie aufhörte, und dem Abte von Corvey hatte, wurden benutzt, und es ge- 
lang diesen denn auch gewiss mit leichter Mühe, vom Kaiser eine Bestätigung 
der früheren Privilegien Sigismunds (vom 1. März 1436) und Friedrichs (vom 
18. Juni 1442) zu erlangen. 

Diese Urkunde (sowie auch die Vorurkunden) bezieht sich aber nicht, wie 
man bisher geglaubt, ausschliesslich auf das Kloster St Michaelis, sondern auf 
alle Klöster der Verdener Diöcese (auch Oldenstadt und Scharnebeck), wobei noch 
besonders bemerkenswert ist, dass die Übergabe des Klosters Heiligenthal an 
den Rat von Lüneburg stillschweigend anerkannt wird; denn während Heiligen- 
thal in den beiden eingerückten Vorurkunden genannt ist, fehlt es in der Urkunde 
Karls*). (Die Bestätigung der Übertragung durch den Erzbischof Christoph fand 
dagegen erst 1533 statt 8 ).) 

Aber auch dies half dem Kloster nur wenig. Neue Unruhen brachen in 
der Stadt aus; Fastnacht 1532 wurde die Klosterkirche von Wollenwebergesellen 
erstürmt, doch gelang es dem Rate noch den Aufstand zu unterdrücken und die 
Klosterherren zu schützen 4 * * * ). 


1) Schomaker giebt zu Vigilia Nativitatis 

Domini 1531 die Nachricht, dass die Herren 

von St. Michaelis die Vesper wieder begonnen 

hätten, und dass durch ihren besoldeten Predi- 

ger das Evangelium gepredigt worden sei. Er 

wiederholt dann dieselbe Nachricht, indem er 

das Jahr 1532 mit Vigil. Nat. Domini beginnt, 
in etwas kürzerer Form und schliesst sie mit 

den Worten „ut dictum*. Das hat zu dem Irr- 
tume geführt, als ob die Nachricht bereits in 
das Jahr 1532 gehörte; es wäre nun sehr wun- 
derbar , wenn man den ziemlich zahlreichen 
Nachrichten der Chronik Über das Jahr 1532 
eine Notiz vom 24. December 1532 voran ge- 
setzt hätte. Die Sache erklärt sich jedoch ein- 


1 fach aus dem früher bewiesenen Gebrauche, das 
Jahr mit Weihnachten zu beginnen. 

2) Das Original mit anhängendem Siegel 
befindet sich im H. St. A. (Celle Orig.-Arch. 
Des. 21, No. 1193), d. d. Brüssel, 14. Januar 
1532. 

3) Die durch den Rat von Lübeck (1543, 
Mittwoch nach Elisabeth) vidimierte Abschrift 
der Urkunde Christophs von 1 533, Mittwoch nach 
Convers. Pauli (29. Januar) mit anhängendem 
Siegel befindet sich im L. A. 

4) Uhlhorn p. 205. Woher diese Nach- 
richt stammt , vermag ich nicht anzugeben, 
v. Weihe-Eimke (p. 140) giebt sie bereits zum 
Jahre 1531. 


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Das war aber das weniger Schlimme. Rhegius kam im Jahre 1532 wie- 
der nach Lüneburg — wir greifen hier vor — und seinen Bemühungen gelang 
es, einige Mitglieder des Conventes dem Luthertum zu gewinnen. Im September 
1532 hielt Rhegius, wie wir noch sehen werden, in der Johanniskirche eine 
grosse Disputation ab. Dort sollten eigentlich auch die Klosterherren erscheinen. 
Nur einer der Angehörigen des Klosters war gegenwärtig, Rudolf Roleves, „con- 
cionator papisticus“. Auch auf das Kloster wird der glänzende Sieg, den Rhe- 
gius erfocht, nicht ohne Eindruck geblieben sein. 

Kurz nach dieser Disputation, am Michaelistage, celebrirte Boldewin in alt- 
hergebrachter Pracht vor dem goldenen Altäre in der Klosterkirche die Meaae. 
Es war die letzte, die dort gefeiert wurde. Im Anfang December desselben 
Jahres thaten die meisten Conventualen, der Prior Herhord von Holle an der 
Spitze, den entscheidenden Schritt und feierten vor dem kleinen Altäre das Abend- 
mahl unter beiderlei Gestalt. „Als nun dies dem Abte Boldewin von einem 
noch katholischen Conventualen, einem von Münchhausen, angezeigt wurde, hat 
er’s nicht glauben wollen, sondern ist auf den Lektor vor das Chor gegangen, 
es selbst gesehen, die Klostei;- und Kirchenschlüssel ins Chor heruntergeworfen, 
sich sehr geeifert und wieder nach der Abtei gegangen. Da er nun auf das 
grosse Haus in der Abtei getreten, hat ihn der Schlag gerührt“ 1 ). Wir können 
ihm unser Mitgefühl nicht versagen. Aufgewachsen in den Anschauungen einer 
anderen Zeit vermochte er das Neue nicht mehr zu erfassen ; fest und treu blieb 
er bei seiner Meinung. Wie der Herzog es für seine Pflicht hielt, die Reforma- 
tion durchzuführen, ebenso fühlte er sich in seinem Gewissen gedrungen, seine 
Eide und Gelöbnisse zu halten und mit allen erlaubten Mitteln dagegen zu 


1) Aus dem Bericht über die Reformation 
des Klosters von dem Canonicus Laholm von 
Estorf vom Jahre 1592, abgedruckt bei Geb- 
hardi, Dissertatio de re litterali Coenobii St. 
Michaelis p. 92. Der Bericht scheint auf alten 
Nachrichten zu beruhen, falsch ist aber das in 
demselben als Todestag Boldewins angegebene 
Datum (11. I)ecb.). Noch an demselben Tage, 
an dem Boldewin gestorben war, traten, so sagt 
der Bericht, die Conventualen zur Neuwahl des 
Abtes zusammen. Die der Wahl unmittelbar 
vorausgehende Urkunde ist aber vom 13. De- 
cember. Das ist auch der richtige Todestag, 
er wird bestätigt durch den Kalender von Lüne 


(am Tage Luciae = 13. December). Auch 
widerspricht dieser Angabe nicht die Nachricht 
bei Schomaker (in vigilia Luciae), da er in der 
Nacht vom 12. — 13. December gestorben ist. 
Hämmenstädt hat in dem von mir benutzten 
Exemplar „am Avent Judica“, was jedenfalls 
für Lucia verlesen ist. 

v. Weihe-Eimke stellt die Nachrichten in der 
Weise neben einander, dass er zunächst den 11. 
December als Todestag angiebt, dann aber auf 
der folgenden Seite die Sache mit den Worten 
wieder aufnimmt: „Als nun Boldewin am 13. 
December gestorben war" ! 


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159 


kämpfen, dass der „Stand des Klosters verändert werde“ und dass die neue 
Lehre dort eindringe. Sehen zu müssen, wie seine eignen Genossen unvermutet 
von dem alten Glauben abfielen, das brach sein Herz. Am 13. December Mor- 
gens um vier Uhr verschied er. 

Mit dem Übertritt zur evangelischen Lehre dachte der Convent nicht an 
ein Aufgeben des Klosterlebens, und darin bestärkte ihn der Rat von Lüneburg, 
der fürchten musste, dass das Kloster dann in die Hände des Herzogs über- 
gehen würde. — Es kam darauf an, jede Verhinderung oder Beeinflussung der 
Neuwahl durch den Herzog unmöglich zu machen, daher traten noch an dem- 
selben Morgen, als Boldewin gestorben war, die Conventualen zur Wahl eines 
anderen Abtes zusammen; auch noch streng katholische, wie Georg von Gilten, 
beteiligten sich an derselben. Ehe sie vorgenomraen wurde, wurden jedoch die 
Rechte des zu wählenden Abtes zu Gunsten des Conventes eingeschränkt: Der 

Prädicant, der Schulmeister, die Frühmettenschüler, sowie Küster und Organist 
sollen aus den Abteigütern besoldet werden. Der Benedictinerhof soll von 
einem Klosterherren verwaltet werden; Holzlieferungen aus dem Klosterholze 
werden dem Convente versprochen; das Korn des Convents soll in der Abts- 
mühle „mattfrei“ sein. Das von Boldewin hinterlassene Geld soll zwischen dem 
Abte und dem Convente gleichmässig verteilt werden. Hierüber wurde vor Notar 
und Zeugen eine Urkunde aufgenommen 1 ). Dann schritt man zur Wahl des 
Abtes, sie fiel auf das Haupt der lutherischen Partei, den Prior Herbord von 
Holle; zum Prior wurde Heinrich von Hadestorp erwählt 

Sobald der Herzog den Tod Boldewius erfuhr, untersagte er, wie man er- 
wartet hatte, jede Neuwahl. Allein der Convent hielt an dem Gewählten fest 
und konnte sich auf das Recht der freien Abtswahl stützen, das, wie es scheint, 
für St. Michaelis noch immer bestanden hatte. 

Der neue Abt Herbord von Holle befand sich in einer verzweifelten Lage. 
Der Herzog erkannte seine Wahl nicht an, nach wie vor nannte er ihn Prior, 
ln einem Schreiben an Heinrich Ratbrock spricht Ernst offen seine Meinung aus: 


1) Urkunde vom 18. December 1532 im H. 
St. A. (Celle, Orig.-Arch. Des. 21, No. 1202). 
In derselben werden die Namen der 8 Conven- 
tnalen genannt, die an der Wahl teilgenommen 
haben: Prior Herbord von Holle, Kellner Ru- 
dolf von Weige, Joh. und Heinr. von Knese- 


beck, Georg von Gilten, Heinrich von Dannen- 
berg, Wilkin von Kisleben und Heinrich von 
Hadestorp. — Jener Conventual von Münch- 
hausen, der Boldewin die verhängnisvolle Nach- 
richt gebracht hatte, ist nicht genannt 


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IGO 


Er habe als Patron des Klosters und als verordnete Obrigkeit des Fürstentums 
nach dem Tode Boldewins ein Einsehen haben müssen, damit im Kloster unor- 
dentliche und strafwürdige Misbräuche und ungöttliches Leben abgethan und alle 
Sachen zu zeitlicher und ewiger Wohlfahrt nach göttlicher Wahrheit geordnet 
werden möchten. Darum habe er sie zweimal durch seine Räte beschickt, allein 
es sei fruchtlos gewesen. Er — Ratbrock — werde wohl denken können, wer 
daran Schuld sei, und Coller sei der Schlimmsten einer. Diese Leute hofften 
noch immer Tag und Nacht darauf, dass das Papsttum wieder aufgerichtet werde. 
Glaubwürdig sei ihm versichert, dass man in Lüneburg den Bürgern Vorrede, er 
— der Herzog — wolle das Kloster St. Michaelis besetzen und von dort am 
künftig die Stadt beschweren und schädigen, woran er, bei Gott! nie gedacht 
habe. Ratbrock soll sich mit Urbanus Rhegius in Verbindung setzen, und beide 
sollen so viel als möglich bei dem Prior für den Herzog wirken 1 ). 

Gestützt auf sein Recht, das er als Patron des Klosters zu haben glaubte, wollte 
der Herzog demselben seine Verwaltung aufzwingen. Das suchte der Rat na- 
türlich ganz besonders zu verhindern, ihm musste umgekehrt daran gelegen sein, 
das Kloster jetzt, wo die Gelegenheit so günstig war, ganz mit der Stadt za 
vereinigen. 

Herbord von Holle war auch jetzt noch im Innern durchaus der Refor- 
mation zugethan 2 ), als einfacher Conventual würde er wohl öffentlich zum Luther- 
tume übergetreten sein. Sein Amt legte ihm andere Pflichten auf; er war ein 
Verstandesmensch, der Vorteil und Nachteil scharf gegen einander ab wog. Sein 
Verhalten in dieser schwierigen Lage hat das Kloster vor der Säcularisation 
gerettet 

Die Gefahr wuchs; vor dem Herzoge gab es für das Kloster nach seinem 
Ermessen keine andere Rettung mehr als in dem Anschlüsse an den Rat Die 
früheren Privilegien Sigismunds und Friedrichs ernannten auch die „Consules“ 
der Stadt zu Beschützern der Rechte des Klosters; auch zwei Verträge zwischen 
der Stadt und dem Kloster verpflichteten den Rat dazu 3 ). Bislang hatte man 


1) Herzog Ernst an den Rat und lieben 
Getreuen Heinrich Ratbrock, d. d. Zelle, Sonntag 
nach Anthonii (19. Januar) 1583 (Copie im 

L. A.). 

2) Betreffs der Änderung des Gottesdienstes, 


die durch ihn vorgenommen sein soll, vgl. 
p. 157, Anm. 1. 

3) Die Verträge sind vom 17. Octoberl 406 
und vom 24. October 1488 (Lüneb. Urkunden- 
buch). 


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— Kil — 

nie Gebrauch davon gemacht, jetzt beriet sich der Convent darauf und bat am 
3. Januar 1533 den Rat um seinen Beistand. 

Aber der Rat wollte diesen nicht ohne Gegenleistung gewähren. Am 
5. Februar Hess er durch Hartwig Schomaker, den wortführenden Bürgermeister, 
dem Anwälte von St Michaelis mitteilen, er wolle seinen früher eingegangenen 
Verpflichtungen genügen, falls auch der Convent verspreche bei dem Rate und 
der Stadt — auch im Falle eines Conflicts mit dem Herzoge — ungetrennt zu 
bleiben und keine Neuerungen in der Verwaltung und ungewöhnlichen Gebrauch 
des Klosters zu gestatten, der jetzt oder je der Stadt und ihren Freiheiten 
schädlich sein könnte 1 ). 

Herbord zögerte, auf diese Bedingungen, die ihn völlig von dein Herzoge 
trennen und in die Gewalt des Rates geben mussten, einzugehen. Aber ein 
drohendes Schreiben des Herzogs mag seinen Entschluss beschleunigt haben. 
Ernst forderte „genügsame und beständige Rechenschaft der Administration“ und 
Verwahrung der Güter und Kleinodien durch die Landschaft, sowie eine gründ- 
liche Beseitigung der päpstlichen Misbräuche, und darunter verstand er auch, wie 
es scheint, das völlige Aufgeben des Klosterlebens*). Der Abt versuchte noch 
einmal einen Ausgleich herbeizuführen. Ein Klosterherr wurde mit mündlichen 
Aufträgen und einem Briefe an den Herzog gesandt, in dem darauf hinge- 
wiesen wurde, dass auch Luther und Melanchthon das Klosterleben nicht für 
ungöttlich hielten. Man weist den Vorwurf zurück, dass ein goldener Kelch von 
den Klostergütern verkauft sei, derselbe sei vielmehr schon vor acht Jahren ge- 
stohlen. Nie würden sie sich weigern dem Landesherren unterthan zu sein. 
Aber durch die Leistungen für das Land sei das Kloster selbst in Not geraten, 
und eine Türkensteuer von 1400 Gulden sei zu viel. Die Lieferung des In- 
ventars sei gegen die Rechte des Klosters, und eine Pension dürften sie gegen 
Aufgabe des Klosterlebens vom Herzoge nicht anuehmen. Stets wollten sie bei 
der erkannten Wahrheit bleiben, durch sie werde die christliche Absicht des 
Fürsten nicht gehindert; aber gegen Gewalt müssten sie sich wehren*). Als 
man so die Forderungen des Herzogs zurückwies, liess derselbe durch seine 


J) Urkunde im H. St. A. (Orig.-Arch. Des. btirger a. a. 0. p. 168 ff. und bei Bertram, 
21, Nr. 1204). Evang. Llineburg. Beilage 2. 

2) Die Urkunde vom Sonnabend nach Va- i 3) Das Schreiben (bei Gebhardi Bd. 14) ist 
lentini (15. Februar) 1583, gedruckt bei Heim- I vom Montag nach Invocavit (3. März) 1533. 

21 


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162 


Amtsleute die Güter der Abtei und des Klosters, soweit er ihrer habhaft werden 
konnte, mit Beschlag belegen und einziehen. 

Jetzt ging Herbord auf die Bedingungen des Rates ein; am 13. März 1533 
versprachen Abt und Convent dieselben zu erfüllen 1 ). Der Rat stellte dem 
Kloster keinerlei Gegenrevers aus ; um sich, so gut es gehen wollte, vor späteren 
allzuweit gehenden Forderungen des Rates zu schützen und zugleich für die 
spätere Zeit einen Anknüpfungspunkt mit dem Herzoge zu behalten, erklärten 
Abt und Convent wenige Tage später in einer geheimen Protestation vor Notar 
und Zeugen: Nur aus Not sei jener Vertrag gemacht, derselbe soll den Rechten 
des Klosters unschädlich sein, und der Rat soll sich desselben nur zum Schatze 
des Klosters bedienen dürfen. 

Auch der katholischen Partei näherte sich der Abt wieder. Um die Be- 
stätigung des Bischofs zu erhalten, wandte Herbord sich zunächst an den Schreiber 
desselben, Bernhard Droghe. Dieser antwortete am 2. März 1533, dass der 
Erzbischof Christoph ihn für den geeignetsten Nachfolger Boldewins, dessen 
Tod er tief beklage, halte. Zur Vorbereitung für sein Amt empfahl er ihm zu- 
gleich verschiedene Schriften 8 ). Dem Erzbischöfe Christoph wurde dann die 
Wahl ordnungsmässig angezeigt, und derselbe um seine Bestätigung gebeten 
Er erteilte dieselbe, vielleicht auf Antreiben des Rates, unter der Bedingung, 
dass Herbord sich in der gesetzmässigen Frist weihen Hesse®). Zum völligen 
Rücktritte des Abtes zum Katholicismus kam es jedoch nicht. Rhegius’ Einfluss 
gelang es, ihn und seine Genossen dem Luthertume zu erhalten. Als er davon 

hörte, dass der Abt seinen früheren Gesinnungen nicht mehr treu geblieben sei, 

wandte er sich mit einem Schreiben an ihn: „Verflucht sei, wer die Hand an 

den Pflug schläget und sie dann zurücke zieht“, so schrieb er. Da habe, so 

wird uns berichtet, Herbord samt den Conventualen erschüttert erklärt, bei der 
erkannten Wahrheit bleiben zu wollen 4 ). 


1) Das Orig, im L. A. ist datiert: 1533 Don- I 2) Das Schreiben bei Gebhardi, Bd. 14. 
nerstag nach Gregorii Papae ; eine Abschrift j 8) Die Urkunde mit anhängendem Siegel 
im H. St. A. (Orig.-Arch. Des. 21, Nr. 1206) vom 1 im H. St. A. (Orig.-Arch. Des. 21, Nr. 1208) 
13. März und die Protestation vom 15. März ist vom 13. Januar 1534. 

(ebendas.). Der 13. März ist daher jedenfalls j 4) Gebhardi, Dissertatio de re litterali Coe- 
das richtige Datum, es müsste also eigentlich nobii St. Michaelis p. 92. 

(da 1533 der Gregorstag auf einen Donnerstag | 
fiel) Donnerstag Gregorii Papae heissen. j 


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Schoo seit längerer Zeit hatte Herbord von Holle sein Ordenskleid abgelegt 
und sich die Platte wachsen lassen, da er bei seinen Reisen als Prior sich da- 
durch häufig den Spott des Volkes zugezogen hatte 1 ); jetzt thaten auch die an- 
dern lutherischen Conventualen das gleiche, sie „warfen das Joch Christi ab a , 
wie die Nonnen von Lüne dies nannten*), und gingen in „langen, ehrlichen 
Priesterröcken“ *). Zunächst liess man jedoch, wie es scheint, den katholischen 
Gottesdienst neben dem lutherischen bestehen und das noch auf längere Zeit; 
auch wurde den katholischen Conventualen keinerlei Zwang auferlegt; einer der- 
selben, Georg von Gilten, ging nach wie vor in seiner Ordenstracht und blieb 
bis zu seinem Tode dem Katholicismus treu 4 ). Noch im Jahre 1540 klagen die 
Prediger der Stadt Lüneburg, dass der katholische Prediger Herr Roleves durch 
seine Predigten das Volk von St Michaelis verführe 5 ;. Und auch er blieb bis 
zu seinem Tode ein eifriger Anhänger des Katholicismus 6 ). 

Erst allmählich kam es zu einer besseren Verwendung der Klostergüter, 
als Stipendien für Studierende, zu Schulzwecken u. dgL 

Aber bevor feste Verhältnisse herbeigeführt wurden, waren noch schwere 
Kämpfe mit dem Herzoge zu bestehen. Freilich die eigentliche Reformation des 
Klosters kann man als vollendet betrachten; das Kloster nimmt jetzt eine Mittel- 
stellung ein zwischen dem Herzoge und der Stadt Lüneburg. Der Rat führt 
von jetzt an für das Kloster den Streit mit dem Herzoge; ich habe überhaupt 
kein Aktenstück gesehen, aus dem für die spätere Zeit eine direkte Verhand- 
lung des Herzogs mit dem Convente hervorgeht Gerade diese Stellung zwischen 
den streitenden Parteien, von denen jede ein Interesse daran hatte, den Gegner 
zu verhindern, das Kloster an sich zu ziehen, hat es demselben möglich ge- 
macht sich zu behaupten. Wir werden den Schluss des Streites noch bei an- 
derer Gelegenheit kurz berühren. 

Bardowik und Ramelsloh. 

Noch ein anderer Streitpunkt, welcher ebenfalls die katholische Geistlich- 

1) Vaterländisches Archiv 1833 p. 541. j 6) Er starb 1545 (vgl. Bertram, Evang. 

2) Gebhardi a. a. 0. p. 96. | Lüneb. p. 75. Anm. 41). Die meisten Nach- 

8) Hämmenstädt zum Jahre 1531. : richten über ihn stammen ans Bacmeisters Ora- 

4) Gebhardi a. a. O. p. 97. tio de Luca Lossio. 

5) Die Prediger an den Rat, 15. November j 

1540 (L. A.)* I 

21 * 


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164 


keit des Landes betraf, bestand zwischen dem Herzoge und der Stadt Lüneburg. 
Bei diesem Streite handelte es sich um die Stifter Bardowik und Ramelsloh. 

Wenige Tage nachdem der Herzog am 27. Juni 1529 in Bardowik ge- 
wesen war und dort Ginderich als Prädicanten eingesetzt hatte, hatten die Dom- 
herren einfach aufgehört, ihre gebräuchlichen Horen zu singen. Der Prädicant 
machte ihnen jedoch bemerklich, dass es durchaus nicht die Absicht des Her- 
zogs sei, ihnen diese Gewohnheiten zu nehmen. Wenn sie nicht den inneren 
Drang verspürten, sie ganz abzuthun und sich ganz dem Evangelium zuzuwenden, 
so sollten sie ihre Gesänge nur ruhig weiter singen. „Beneficium datur propter 
officium“, der Satz sei auch nach canonischem Rechte gültig; sie sollten sich 
hüten etwas derartiges zu unterlassen, sonst könne der Herzog mit Fug und 
Recht ihre Güter in Lüneburg mit Beschlag belegen lassen. 

Die Canoniker von Bardowik waren, wie es scheint, rechte Typen der 
faulen, sittenlosen, genusssüchtigen Geistlichen des endenden Mittelalters. Ihre 
Kirche bauten sie nicht, wohl aber ihre eignen Häuser, und dort lebten sie dann 
mit unzüchtigen Weibern und verprassten das Gut, das sie für ihr Eigentum 
hielten. „Hurerei“, so schreibt der Prädicant von ihnen, „ist bei diesen Leuten 
so in Gewohnheit gekommen, dass sie sie für Keuschheit halten“. 

Sie fühlten keine Neigung, die regelmässigen Tagesgottesdienste zu halten, 
doch Ginderich bestand darauf, forderte aber, sie sollten nicht mit dem Weih- 
kessel in der Kirche herumlaufen, damit die Leute sie nicht verspotteten, und 
keine Gesänge singen, „die nach Heiligenverehrung röchen“ ; dies thaten sie 
dann erst recht. Prädicant und Kirchendiener erhielten ihren Gehalt nur selten 
zur rechten Zeit ausgezahlt, ein Befehl des Hauptmanns von Winsen musste 
stets ihren Ansprüchen den nötigen Nachdruck verleihen; nur der Organist, der 
es mit den Canonikern hielt und zu heucheln verstand, hatte in dieser Beziehung 
nicht zu klagen. — In dem Kirchspiel selbst herrschte unter dem Volke eine 
grosse Unwissenheit. Als der Prädicant dort eingesetzt wurde, waren nicht zehn 
Leute vorhanden, welche die Gebote, die Artikel und das Vater unser kannten. 
Die Canoniker suchten das Volk in dieser Unwissenheit zu erhalten; sie hin- 
derten die Bürger von Bardowik und Lüneburg zur Kirche zu gehen. Auf dem 
Kirchhofe spazierten sie herum und suchten die Kirchgänger von dem Besuche 
des Gotteshauses zurückzuhalten; in den Wirtshäusern verspotteten sie Gottes 
Wort. Sie selbst hielten sich natürlich von der Predigt fern; denn sie behaup- 


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165 


teten, dass der Prediger gesagt habe, man könne niemanden zum Anhören des 
göttlichen Wortes zwingen; während dieser nur gesagt haben wollte, man könne 
niemanden zur Liebe zwingen. 

Bei der Verleihung der Beneficien und der Verwendung der Gelder kamen 
Unregelmässigkeiten vor; mau Hess die Häuser, in denen der Prädioint und 
andere Anhänger des Luthertums wohnten, verfallen. Den Schulmeister mit 
samt seinen Zöglingen hatte man gehen lassen, und hinterher wurde gesagt, man 
habe keine Macht gehabt, sie zu halten 1 ). Die Befehle des Herzogs wurden 
nicht ausgeführt; „Briefe und Siegel“ und die Kleinodien waren, wie wir sahen, 
schon früher nach Lüneburg vor dem Herzoge in Sicherheit gebracht 

Alle diese Punkte, welche Anlass zur Beschwerde gegeben hatten, sollte 
das Capitel abstellen, das befahl der Herzog in einem Schreiben, welches wohl 
aus dem Anfänge des Jahres 1531 stammt. „Wer nicht arbeitet, der soll auch 
nicht essen“, mit diesem Satze beginnt dasselbe. Sie sollen daher, weil sie grosse 
Einnahmen von ihren Lehen haben und nach päpstlicher Lehre leben, nach 
päpstlichem Rechte aber beneficium datur propter officium, sich auch abmühen 
und Primen, Temen, Sixten und Nonen, Collecten und Antiphonen singen. An 
Stelle der unchristlicbeu Gesänge (von Heiligen, Salve regina oder O crux alma 
redemptoribus) sollen sie Kapitel aus den Evangelien und Episteln u. dgl. singen. 
Bei den Horen sollen alle in Bardowik wohnenden Beneticianten , jung und alt, 
gegenwärtig sein, sonst wird man sie ihres Beueficiums entsetzen. Am Sonntage 
und Freitage sollen sie vor 8 Uhr mit ihren Metten fertig sein, um den Pre- 
diger nicht zu stören. Die Messe soll abgeschatft sein und bleiben. Kein „Ex- 
communicatus sive jure vel ab honore“ soll eine Präbende haben; auch sollen 
die Domherren in Zukunft keine Präbende mehr verleihen, ohne die Genehmigung 
des Fürsten. Denn wie können sie, die alle ungelehrt sind, ein Urteil haben 
über Würdigkeit oder Unwürdigkeit eines andern. Dem Prädicanten sollen sie 
seinen Gehalt richtig auszahlen, sie sollen für einen tüchtigen Schulmeister sorgen 
und ihm seinen Gehalt, sowie den Schulkindern, wie es Sitte ist, ihre „Portiones“ 
und das Übrige, was zu ihrem Unterhalte bestimmt ist, geben. Die Domkirche 


• 1) Nach zwei undatierten Schreiben (H. St. A. 
Des. 49, Bard. 1), wo sich auch die folgenden 
Urkunden, wenn es nicht anders angegeben ist, 
befinden, von denen das erste eine Antwort des 
Capitels auf 14 Fragen des Herzogs enthält; 


das letzte ist eine „Widerlegung der Antwort 
des Decani und der Domherren zu Bardowik“, 
sie ist wahrscheinlich von dem Prädicanten ver- 
fasst. Sie fallt in die Zeit von Michaelis his 
Weihnachten 1580. 


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166 


und das Haus des Pfarrers sollen in ordentlichem baulichen Stande erhalten 
werden l ). 

Der Herzog ging aber bald noch weiter. Ende Juni des Jahres 1531 
liess er dem Capitel folgende Forderungen stellen: Der Herzog will alle Bene- 
deien verleihen; ein Register über die Einnahmen der letzten vier Jahre soll 
binnen 8 Tagen dem Amtmann zu Winsen übersandt werden, in derselben Zeit 
sollen alle Kleinodien aus allen Kirchen von Bardowik (mit Ausnahme von vier 
Kelchen) nach Celle gesandt werden. Briefe und Siegel sollen dem Rate von 
Uelzen zur Verwahrung übergeben werden, der darüber dem Capitel eine Ver- 
schreibung ausstellen soll*). 

Ganz ähnliche Forderungen scheinen auch dem Capitel zu Ramelsloh gegen- 
über erhoben zu sein. Das Stift Ramelsloh hat wenig selbständige Bedeutung, 
es findet sich in dem ganzen Streite meist nur als ein unbedeutender Anhang 
zu Bardowik erwähnt 

Das Capitel von Bardowik bat um Bedenkzeit, und inzwischen versuchte 
der Decan noch einmal in persönlicher Audienz den Herzog umzustimmen, allein 
er musste mit einem ungnädigen Bescheid abziehen. — Als man sich dann wei- 
gerte, dem Befehle des Fürsten zu gehorchen, da liess der Herzog am 22. Juli 
„den Personen binnen Bardowik alle Güter auf den Bäumen, Heide und Weide 
verbieten und alle ihre Güter daselbst arrestieren“. Da zogen es die meisten 
Domherren vor, sich unter Mitnahme ihrer Briefe und Siegel in ihr Haus nach 
Lüneburg zu begeben ; nur einer wird uns genannt, der zurückblieb, zum Luther- 
tume übertrat und sich verheirathete *). 

Wohl schon von Lüneburg aus (der Ort ist nicht angegeben) schrieb Decan, 
Senior und Capitel an den Herzog, dass sie ohne Verletzung ihrer Eide und 
Pflichten seinen Befehlen nicht nachkommen könnten; sie bieten dem Herzoge 
eine Summe Geldes an, wenn er sie bei ihren Privilegien lassen wolle, und ver- 
sprechen zugleich, dass sie eine „versiegelte Verschreibung“ darüber geben woll- 


1) Undatiertes Schreiben (jedenfalls vom I 1531. Auf der Rückseite: Bardowik und Ra* 
Jahre 1531 oder Ende 1530) des Herzogs an meisloh. 

das Domcapitel von Bardo wik. 3) Diese Nachrichten, auch das Datum (am 

2) Concept in der Handschrift Försters, Tage Magdalenae), stammen aus dem früher er* 
Zell, Donnerstag nach Joh. Baptistae (29. Juni) , wähnten alten Capitelbuche. 


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ten, dass „Briefe und Siegel und die schon hoch verpfändeten Kleinodien uuver- 
rückt in Lüneburg bleiben sollten“ 1 2 * ). 

Nochmals liess der Herzog in einer Verhandlung mit den Canonikern durch 
seine Räte seine Befehle wiederholen, binnen 14 Tagen sollten sie zu Ebstorf 
zur Verantwortung vor dem Herzoge erscheinen. Statt dessen beharrte man in 
einem Schreiben vom 8. November 1531 auf der bisherigen Weigerung und zog 
jetzt auch schon den Rat von Lüneburg mit in den Streit durch die Ehrklärung, 
dass auch dieser bei der Verleihung der Beneficien mit beteiligt sei, dass daher 
das Capitel ohne Einwilligung des Rates dem Herzoge diese Forderung über- 
haupt nicht gewähren könne 1 ). 

Eine längere Zeit liess der Herzog verstreichen, ehe er weitere Schritte 
that In der Mitte des folgenden Jahres richtete er dann an den Rat der Stadt 
Lüneburg ein Schreiben und forderte denselben auf, das Capitel zu veranlassen, 
ihm, dem Herzoge, den schuldigen Gehorsam zu leisten. Die Canoniker sollen 
nach Bardowik zurückkehren, die papistischen Misbräuche abstellen und über- 
haupt den früher an sie ergangenen Befehlen des Fürsten folge leisten. Wei- 
gert das Capitel sich, diese Forderungen zu erfüllen, so soll der Rat ihr jähr- 
liches Einkommen, das sie in der Stadt hätten, mit Beschlag belegen und ihre 
Briefe, Siegel und Kleinode in sichere Verwahrung nehmen 8 ). 

Der Rat teilte dies Schreiben den Domherren mit, und diese verantworteten 
sich dann, so gut es gehen wollte: Niemandem zum Trotz hätten sie sich nach 
Lüneburg begeben, sondern nur weil „etliche dinge gegen die Capitelspersonen 
mit aller swarheit vorgenommen“ worden seien. Niemandem hätten sie durch 
ihren Lebenswandel Ärgernis gegeben. In betreff der Verwahrung ihrer Briefe 
und Siegel seien sie dem Herzoge so weit als möglich entgegen gekommen. 
Mehr könnten sie nicht thun, sonst würden sie ihre Eide und Pflichten ver- 
letzen 4 ). 

Wie zu erwarten war, stellte sich der Rat auf die Seite des Capitels: die 
Herren unterständen ihrer Jurisdiction nicht, darum könnten sie auch gegen die- 
selben nichts Thätliches vornehmen oder sie an irgend einen andern Ort drän- 


1) Decan, Senior und Capitel an Herzog 
Ernst, Freitag nach Vincula Petri (4. August) 
1531. 

2) Das Capitel an den Herzog, am 8. Tage 

Omnium Sanctorum 1531. 


8) Der Herzog an den Rat, Celle, Dienstag 
nach Johannis Baptistae (25. Juni) 1582. 

4) Decan/ Senior und Capitel an den Rat, 
am Abend Magdalenae (21. Juli) 1532. 


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gen 1 2 3 ). - Er habe wenigstens erwarten können, so schrieb Ernst in seiner Ant- 
wort, dass man seinem Berichte ebenso viel Glauben schenke, als dem der Dom- 
herren; leicht könne er seine Angaben noch erweitern und ergänzen, aber 
es zieme ihm nicht, sich mit seinen Unterthanen in eine Disputation darüber 
einzulassen. Bei der ganzen Frage handle es sich gar nicht um die Jurisdiction 
des Rates, sondern um die des Herzogs. Das Capitel hätte gegen Gott gestrebt 
und sei dem Herzoge ungehorsam gewesen; darum habe der Rat nur die Be- 
fehle des Fürsten zu vollstrecken und habe ohne jede Widerrede gegen die Dom- 
herren vorzugehen 2 ). 

Aber der Rat blieb bei seiner Weigerung, und auch der Versuch, den der 
Herzog machte, um das Capitel zür Nachgiebigkeit zu bewegen, mislang. Er 
hatte ihnen geschrieben, dass er durchaus nicht beabsichtigt habe, sie für alle 
Zeiten von ihren Renten zu entsetzen, sobald sie sich fügten, solle ihnen alles 
zurückgegeben werden; darauf antworteten ihm die Domherren: Sie ständen in 
betreff der eingezogenen Güter auf dem Boden des Rechts, und der Herzog habe 
dieselben widerrechtlich an sich gerissen*). 

Der Widerstand des Domcapitels wurde verstärkt und unterstützt durch 
den Bischof Christoph von Verden. Schon vor langer Zeit hatte derselbe den 
Rat zum Schutze des Domcapitels aufgefordert; an ihn hatten sich dann auch 
die Domherren in ihrer Not gewandt, und er nahm sich ihrer bereitwillig an. 
Im Juli 1532 erhob er bei dem Kammergerichte die Klage gegen den Herzog 
und erlangte am 4. October ein „Mandatum manutenentiae“ *). Das half jedoch 
wenig, es erhöhte nur den Mut der Canoniker, deren letzter Brief an den Her- 
zog (vom November 1532) weit weniger devot gehalten war als die früheren. 

Der Herzog verfügte vollkommen frei über alle Güter des Stiftes, soweit 
er deren habhaft werden konnte ; aber er verwandte die Einkünfte aus denselben 
nicht etwa zur Bezahlung der Schulden des Fürstentums, sondern in rein kireh- 


Dienstag nach ; an den Rat, Dienstag nach Martini 1532, wel- 
ches Schreiben der Rat noch an demselben Tage 
mit einem Begleitschreiben dem Herzoge über- 


1) Der Rat an den Herzog, 

Magdalenae (23. Juli) 1532. 

2) Der Herzog an den Rat, Celle, Freitag 
nach Jacobi (26. Jnli) 1532. 

3) Vgl. folgende Akten: Senior und Capitel 
an den Rat, Vincula Petri 1532, dies Schreiben 
sendet der Rat dem Herzoge am Mittwoch nach 
Vincula Petri 1532. — Der Herzog an den Rat, 
Dienstag nach Matthias 1532. — Das Capitel 


sendet. (Diese beiden Schreiben H. St. A. Des. 
55, 14.) 

4) Schlöpke a. a. 0. p. 365 ff. Die Ur- 
kunde des Erzbischofs vom Freitag nach Viti 
(Schlöpke p. 365) stammt wohl schon ans dem 
Jahre 1532. 


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lichem Interesse, besonders zur Besoldung von Geistlichen. Verdiente Beamte 
Hess er in die erledigten Präbenden einrücken. 

Freilich konnte man auch Stimmen hören, die dem Herzoge zur Nachgie- 
bigkeit rieten. Bei den Akten befindet sich eine Denkschrift von einem unbe- 
kannten Verfasser, einem Lüneburger oder einem Freunde der Stadt, in welcher 
besonders die Forderung des Herzogs, dass Briefe und Siegel bei dem Rate zu 
Uelzen hinterlegt werden sollten, einer scharfen Kritik unterzogen wird. Es sei 
das eine Beleidigung für den Rat von Lüneburg, wenn der Herzog sich nicht 
damit zufrieden geben wolle, dass sie in Lüneburg verwahrt würden. Denn der 
Rat werde dann eine Versicherung und Bürgschaft geben, dass dieselben nicht 
von Lünebur g verschleppt und nach dem etwaigen Aussterben des Capitels dem 
Fürstentum verbleiben sollten 1 ). 

Doch ging der Herzog nicht darauf ein. Bei den langwierigen und ziemlich 
erfolglosen Streitigkeiten mit der Stadt Lüneburg ist es stets eine Hauptforde- 
rung des Fürsten, dass die Güter von Bardowik und Ramelsloh von dem Rate 
herausgegeben und in der Stadt Uelzen verwahrt werden sollen. Dessen wei- 
gerte sich aber der Rat stets mit gleicher Festigkeit Man möge mit dem Ca- 
pitel selbst verhandeln und sich mit ihm vertragen, er habe keine Macht gegen 
die Domherren vorzugehen. — Es war das Interesse, nicht die Überzeugung, 
welches den Rat bei dieser Weigerung beharren liess. Viele Lüneburger waren 
mit Bardowiker Präbenden belehnt, und man durfte vielleicht hoffen, bei dem 
allmählichen Aussterben des Capitels die in Lüneburg belegenen Güter des Stiftes 
für immer an sich zu bringen. 

Aber noch ein anderer streckte die Hände nach dem Stiftsgute aus. Den 
Bischof von Verden liess die Sorge um seine zerstreute Herde nicht schlafen. 
Er hatte ein warmes Herz für die, welche seiner bischöflichen Aufsicht befohlen 
waren, besonders wenn ein gutes Geschäft in Aussicht stand. Er erstrebte und 
wünschte nicht weniger als eine völlige Vereinigung des Domstiftes von Bar- 
dowik mit dem von Verden. Es gelang ihm im Anfang des Jahres 1534 die 
Genehmigung des Papstes hierzu zu erhalten. Am 17. März 1534 wurde ein 
Vertrag aufgestellt, durch welchen die ganze Sache geregelt werden sollte: Von 


1) „Bedenken oft myn g. h. to vorharren sy 
de »gell and brefe tho Ulzen tho fordernde" 


(undatiert). 


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den 12 Bardowiker Präbenden sollen 9 zu den 15 Verdener gelegt werden, da- 
von sollen 8 Priester, 8 Diaconi und 8 Subdiaconi erhalten werden. Zu dem 
Unterhalt derselben werden bestimmte Sülzgüter angewiesen; von den übrigen 
Bardowiker Einkünften sollen die Schulden des Stiftes bezahlt werden. Die 
Rangordnung wurde so festgesetzt, dass auf den Propst von Verden der von 
Bardowik folgen solle und dann immer abwechselnd ein Canoniker von Bardowik 
auf einen Verdener 1 2 ). Den Bardowikern wird gestattet, sich ihren Wohnort zu 
wählen, in Bardo wik, Verden oder Lüneburg dürfen sie wohnen. Briefe und 
Siegel sollen getrennt bewahrt werden, und die Erhaltung der Kirchen soll jedes 
Stift aus eignen Mitteln bestreiten. Die Verleihung der Präbenden soll ab- 
wechselnd erfolgen*). 

Ein Teil der Canoniker von Bardowik war gewonnen, besonders auch der 
Decan Thuritz und unter andern Ratger Holsten, der Decan von St Andreas in 
Verden und zugleich Canoniker von Bardowik, ein wüster Geselle, der erst vor 
kurzem einen Bürger von Bremen erstochen hatte. Er scheint ganz besondere 
eifrig dafür gewirkt zu haben, auch ist er später bei Herzog Ernst in ganz be- 
sonderer Ungnade gewesen. 

Aber weder der Herzog noch der Rat von Lüneburg waren mit dieser 
Vereinigung der beiden Stifter einverstanden. Die Drohungen Ernsts, sowie die 
Bemühungen des Bürgermeisters von Dassel 3 * ) bewirkten, dass mehrere (Spangen- 
berg nennt drei)*) Canoniker, die früher ihre Zustimmung gegeben hatten, jetzt 
zurücktraten, und zu ihnen gesellten sich bald noch andere. Am 13. Mai 1535 
protestierten sie vor Notar und Zeugen feierlich gegen die geplante Vereinigung, 
weil dieselbe die völlige Zerstörung der Kirche von Bardowik zur Folge haben 
würde 5 ). Auch traten mehrere der Canoniker, wenn wir der Nachricht glauben 
dürfen, jetzt zum Luthertume über, kehrten nach Bardowik zurück und richteten 
sich in den „Gütern und Curien“ des Stiftes ein, so gut sie konnten*). 

Jedenfalls näherte man sich jetzt dem Herzoge wieder, und der allmähliche 


1) Schlöpke a. a. O. p. 366 giebt die 
Namen. 

2) Die Urkunde im Auszuge bei Spangen- 
berg, Verdener Chronik, p. 172 ff. 

3) Aus dem erwähnten gleichzeitigen Copial- 

buche. 


4) Spangenberg a. a. O. p. 173. 

5) Die Protestationsurkunde findet sich bei 
Schlöpke p. 367 f., darin sind genannt ausser 
dem Senior, 8 Inhaber von grossen und mitt- 
leren Präbenden, 3 von kleinen Präbenden und 
3 Vicare. 


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Ausgleich , der jetzt herbeigeführt wurde , ist besonders einem Manne zu ver- 
danken, der jetzt neben Förster am herzoglichen Hofe thätig war. 

Balthasar Klammer war am Ende des 15. Jahrhunderts zu Kaufbeuren 
geboren, in Ingolstadt und Leipzig hatte er studiert, 1532 wurde er zu Marburg 
Licentiat der Rechte, schon seit längerer Zeit war er ein Anhänger Luthers. 
Er wurde (1532) von Herzog Ernst nach Celle berufen und ist bis an sein 
Lebensende (er starb im Jahre 1578) im Dienste der Herzoge von Braunschweig- 
Lüueburg geblieben. Er war ein sehr gewandter, kluger und tüchtiger Mann, 
und seinem Einflüsse ist hauptsächlich der allmähliche Ausgleich zu danken, der 
nach dem Tode Herzog Ernste in allen streitigen Fragen herbeigeführt wurde. 
Schon 1535 war er neben Förster, dessen Schwiegersohn er auch geworden war, 
Kanzler des Fürstentums, später hat er ihn ganz ersetzt 1 ). 

Auch der Herzog neigte Bardowik und Ramelsloh gegenüber zum Frieden; 
an eine völlige Aufhebung der Stifter hat er wohl nie gedacht, nur das wollte 
er erreichen: Annahme des Luthertums durch die Canoniker und Beaufsichtigung 
der Verwaltung durch fürstliche Beamte. 

Das Capitel begann die Verhandlungen wieder, die seit mehreren Jahren 
geruht hatten. Es wandte sich in der Mitte des Jahres 1535 an Förster und 
Klammer und gab seinem Wunsche nach Frieden Ausdruck. Sie bitten, sich bei 
dem Herzoge für die Restitution der Güter zu verwenden. Die Forderungen 
des Fürsten möge man ihnen übersenden und # herzogliche Räte zur Verhandlung 
und Besprechung abordnen. An ihnen soll, so weit sie es vor ihrem Gewissen 
verantworten können, kein Mangel der Billigkeit erfunden werden 2 ). Die Stadt 
wagen sie freilich aus Furcht vor dem Herzoge noch nicht zu verlassen. 

Der Fürst habe, so antwortet Förster, stets gewünscht, dass sie ihm den 
gebührenden Gehorsam erwiesen und nie etwas Unbilliges von ihnen verlangt 
Die einzelnen Forderungen des Herzogs werden dann noch einmal genau prä- 
cisiert: Die Domherren sollen sich der ungöttlichen Ceremonien und der Concu- 
binen enthalten. Sie vsollen Rechenschaft geben von den Einkünften der „Fa- 
brica“, Briefe und Siegel sollen hinterlegt und eine Verschreibung darüber aus- 


1) Vgl. Manecke, Biographische Skizzen von j 2) Das Capitel von Bardowik an Förster 
den Kanzlern der Herzöge von Braunschweig- and Klammer , Sonnabend nach Margaretha 
Lüneburg (insbesondere die Biographie des : (19. Juli) 1533. 

Kanzlers Klammer) p. 144 ff. | 

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gestellt werden, dass sie ohne Bewilligung der Landschaft oder des Stiftes nicht 
veräussert oder weggebracht werden. Die von dem Fürsten mit Präbenden Be- 
lehnten soll man in dem Besitze derselben lassen. Der Fürst tritt in Beziehung 
auf das Jus patronatus“ bei der Verleihung der Präbenden in die Rechte des 
Bischöfe und des Papstes, diesen dürfen die Canoniker sich nicht mehr durch 
Eidesleistung verpflichten; falls ihnen daraus Schaden erwächst, wird der Herzog 
ihuen denselben ersetzen. Die Canoniker sollen zu den Lasten des Fürstentums 
beitragen, dafür will sie der Herzog in ihren Gütern, Renten und Einkommen 
lassen und schützen; auch will er, wenn sie ein christliches Leben führen, et- 
liche Präbenden noch unter sie teilen, damit sie um so besser auskommen 
können 1 ). 

Allein es kam noch nicht zur Vollziehung eines Vertrages. Ob die Dom- 
herren auf Grund dieser Bedingungen überhaupt nicht verhandeln wollten, oder 
ob der Ausgleich durch äussere Einflüsse gehindert wurde, ist wohl nicht zu 
entscheiden. 

Der Bischof von Verden, schwer beleidigt durch die Protestation, forderte 
jetzt bei Strafe des Bannes, dass die Canoniker den beiden Hauptanhängern der 
Unionspartei, dem Decan Thuritz und Ratger Holsten, welche ihren Wohnsitz 
in Verden nehmen wollten, auch ihre Einkünfte dorthin ausfolgen liessen, was 
man verweigert hatte und auch jetzt wohl nicht gethan haben wird 2 3 * * ). Der 
Decan vertrug sich wieder mit seinem Capitel, und der Herzog trat jetzt dem 
Bischöfe von Verden gegenüber auf die Seite der Domherren. Er zog sämtliche 
im Lüneburgischen gelegenen Güter des Stiftes Verden ein; wer etwas davon 
zurückhaben wollte, musste sich persönlich an den Herzog wenden 8 ). Der Erz- 
bischof suchte natürlich, so viel er konnte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten 

Als im Januar 1538 mit der Stadt Lüneburg der alten Streitigkeiten wegen 
neue Verhandlungen stattfanden, da wies der Rat jedes Eingreifen in die Ver- 
hältnisse des Stiftes abermals zurück, versprach jedoch zu einem gütlichen Aus- 


1) Förster an das Capitel, Celle, Sonnabend 
nach Jacobi apost. (31. Juli) 1535. 

2) Urkunde Christophs, d. d. Verden am 
13. October 1535, bei Schlöpke p. 369 f. 

3) So giebt der Herzog 1539 am Tage 

Visitat. Mariae einem gewissen Heinrich von 

Hoff, der eine Vicarie zu St. Jacobi in Verden 


j hat, etliche im Fürstentums gelegene Güter m- 
jrück, die etliche wenig Jahre durch unsere 
Amten aus beweglichen Ursachen aufgehalten 
worden (H. St. A. Des. 48, Klostersachen 10). 
Vgl. Spangenberg a. a. 0. p. 173 f. : Etliche 
lösten die eingezogenen Güter durch Anlehen, 
; die sie dem Herzoge gaben, wieder ein. 


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gleich wirken zu wollen. Es fand denn auch eine Besprechung statt 1 ), und kam 
es auch zu keiner völligen Versöhnung, so einigte man sich doch dahin, die 
Sache vor die evangelischen Stände zu bringen und sie von diesen entscheiden 
zu lassen. Das zeigt, wie sehr sich das Domcapitel bereits dem Luthertume 
genähert hatte. 

Am Dienstag nach Palmarum 1538 entwarfen die in Braunschweig ver- 
sammelten „Kurfürsten, Fürsten und anderen Stände“ einen Vergleich, der im 
wesentlichen dem Herzoge günstig war. Freüich willigte dieser ein, die Kleinode 
Briefe und Siegel in Lünebnrg gegen eine Verschreibung des Rates zu lassen, 
und nur wenn dieser dieselbe verweigerte, sollten sie bei dem Rate zu Uelzen 
deponiert werden; auch will der Herzog „den evangelischen Ständen zu Ge- 
fallen“ auf die Verleihung der „in ordinario mense“ erledigten Präbenden ver- 
zichten und nur über die im Papstmonat freiwerdenden verfügen. Das Capitel 
soll dieselben aber zu Stipendien für das Studium von Geistlichen verwenden. 
Nach alter Weise soll das Aufrücken der Canoniker von Präbende zu Präbende 
erfolgen, mit dem Tode aller jetzt lebenden Domherren soll dies aufhören. Na- 
türlich ist es eine Voraussetzung des ganzen Vertrages, dass die Stiftspersonen 
kein ärgerliches, unchristliches Leben führen, die ungöttlicheu Ceremonien auf- 
geben und sich der Kirchenordnung des Fürstentums fügen. Sie sollen Pfarrer, 
Schulmeister und Kirchendiener unterhalten; die Belehnten sollen sich dem 
Fürsten eidlich verpflichten. Nehmen sie diesen Vertrag an, so will der 
Herzog die eingezogenen Landgüter zurückgeben, ohne jedoch die Einkünfte, die 
er aus denselben in den verflossenen Jahren genossen hat, zu ersetzen. Fügen 
sich dagegen die Canoniker dem Vertrage nicht, so fordern die evangelischen 
Stände von dem Rate von Lüneburg, dass er für die von dem Herzoge Be- 
lehnten die auf der Sülze belegeneu Güter des Stiftes einziehe *). 

Allein auch jetzt kam es noch nicht zur Vollziehung des Vertrages; früher 
dagegen kam man mit Ramelsloh zu dem gewünschten Ziele. 

Das Capitel von Ramelsloh hatte sich, wie wir erwähnten, in seinen Hand- 
lungen im ganzen Bardowik zum Vorbilde genommen; Briefe und Siegel waren 


1) Vgl. Havemann p. 126. Die dort er- 
wähnten Forderungen habe ich nicht aufimden 
können. Die genauere Zeit ergiebt sich aus 
mehreren später anzuführenden Aktenstücken. 


2) Der evangelischen Stände Erkenntnis in 
Irrungen zwischen Herzog Ernst und dem Ca- 
pitel von Bardowik, Braunschweig, Dienstag 
nach Palmarum (16. April) 1588. 


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174 


nach Lüneburg in Sicherheit gebracht; und die Domherren selbst hatten ihre 
Wohnung in der Stadt genommen. Der Herzog hatte dieselben Massregeln 
gegen sie ergriffen wie gegen Bardowik, hatte die Güter des Stiftes mit Be- 
schlag belegt und den Canonikern nicht gestattet, sich ungehindert im Fürsten- 
tums aufzuhalten. 

Jetzt war das Capitel völlig zum Frieden geneigt, daher erlaubte der Her- 
zog ihnen auch wieder, sich frei im Lande zu bewegen und sich mit andern zu 
beraten. — In einem Schreiben an den Herzog gaben die Canoniker ihre Frie- 
densliebe offen kund 1 ): Sie willigten in eine völlige Reformation des Stiftes nnd 
baten nur um die Bestätigung der Privilegien, welche dem göttlichen Worte 
nicht unangemessen seien. Sie ersuchen den Herzog ferner, ihnen die Freiheit 
des „jus patronatus“ zu lassen, aber sie wollten die erledigten Präbenden nur 
„personis abilibus“ , d. h. solchen, „die wahrhaftiglich in studiis universahbus 
gute Künste gelernt haben“, verleihen. Dieselben sollen verpflichtet sein, bei 
der Kirche zu residieren und ihr zu dienen 2 ). 

Auch wollen die Stiftsleute, die ja nicht die Geschicklichkeit besitzen, wie 
sie von „personis ecclesiasticis“ billig gefordert werden muss, sich nach Kräften 
bestreben, Besserung zu schaffen und Gottes Ehre und des Fürstentums Wohlfahrt 
zu befördern. — Auch mit der Verleihung der im Papstmonat erledigten Bene- 
ficien durch den Fürsten erklären sie sich einverstanden. Dagegen bitten sie 
Briefe und Siegel beim Stifte zu lassen , sie wollen für dieselben Caution stellen 
und ein Verzeichnis ihrer Einkünfte und Güter einliefern. Die Abgabe, welche 
jeder Neubelehnte zahlen müsse, möge der Fürst bestehen lassen, dieselben wür- 
den zur Erhaltung der Kirche verwandt, und die Einkünfte „pro fabrica“ seien 
nur gering. Endlich fordern sie noch, dass der Herzog ihnen die Freiheit der 
geistlichen Personen lassen und nicht zugeben möge, dass sie vor das „buem- 
rechte“ citiert oder von den Vögten gequält würden. Fiele etwas vor, so möge 
der Fürst mit den Superintendenten einschreiten. 

Das ist in kurzen Worten der Inhalt des Schreibens, das, wie man sieht, 


1) Dasselbe ist undatiert, aber im Original 
vorhanden mit den Siegeln des Decans und des 
Seniors (Des. 49. Ramelsloh 4). 

2) Es gab (Propst und Decan mitgerechnet) 


5 Praebendae majores und 3 Kindspräbenden, 
ausserdem 4 Vicarien. Auch hier rückten die 
Canoniker allmählich bis zum Seniorat auf, Propst 
und Decan wurden gewählt. 



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175 


in allen wesentlichen Punkten dem Herzoge entgegen kommt Das Capitel konnte 
den Streit nicht mehr weiter führen, es sah ein, dass es auch materiell das beste 
sei, nachzugeben, und die Zeit mochte die Mehrzahl der fünf übrig gebliebenen 
Mitglieder des Domcapitels 1 ) der Reformation zugeführt haben. 

Auf Grund dieser Anerbietungen kam es dann am Montage nach Exaudi 
(10. Mai) 1540 in Medingen zu einem völligen Ausgleich. Es kam ein Vertrag 
zustande, in welchem die Vorschläge des Capitels im wesentlichen angenommen 
wurden*). — Die Domherren sollen ihre Renten auch dann weiter beziehen, 
wenn sie sich verheiraten. Die nächste erledigte Präbende soll zur Besoldung 
des Predigers verwandt werden®); um die Studierenden besser unterstützen zu 
können, wird das Beneficium für die Abwesenden erhöht 4 ). Die Ernennung des 
Propstes behält der Fürst sich vor 5 ), dagegen gestattet er freie Wahl des 
Decans 6 ;. Etliche von dem Herzoge früher Belehnte werden von den Abgaben 
„pro fabrica und pro structura“ befreit, sonst sollen dieselben jedoch auch fer- 
ner gezahlt werden. — Auch in betreff der Briefe und Siegel, sowie darin, dass 
die Domherren nur vor dem Fürsten oder dem Hofgerichte zu Recht stehen 
sollen, gewährt der Herzog die Bitte des Capitels. Die Verleihung der Prä- 
benden „in ordinario mense“ sollen die jetzt lebenden Domherren behalten, nach 
ihrem Tode soll darüber eine neue Vereinbarung erfolgen. Die eingezogenen 
Güter werden zurückgegeben 7 ). 

Auch mit Bardowik stand ein Ausgleich nahe bevor. Freilich hatte der 


1) Ihre Namen finden sich in der folgenden 
Urkunde, Burchard Kock, Decan, Albert Vah- 
renholz, Senior, Conrad Schevenhagen, Werner 
Michaelis, Heinrich Söcht. 

2) Der Vertrag, d. d. Medingen, Montag 
nach Exaudi 1540 (10. Mai) ist gedruckt bei 
Heimbürger, Ernst der Bekenner p. 174 ff. 

8) Dies geschah nach dem Tode des Decans 
Burchard Kock. Vgl. die Urkunde des Her- 
zogs: 1541 Donnerstag nach Mariae Opferung 
(Jeimbttrger a. a. O. p. 180 f.). 

4) Es betrug dasselbe früher nur ein „Plau- 
8trum salis u , jetzt wird noch Roggenzins hin- 1 
zugefUgt. 

5) Von den Pröpsten ist in dem ganzen 
Streite mit Bardowik und Ramelsloh gar nicht 
die Rede, sie scheinen nur wenig Bedeutung 
gehabt zu haben. Jetzt nachdem der Herzog 


sie ernannte, nehmen sie wohl eine ähnliche 
Stellung ein, wie die Verwalter in den Frauen- 
klöstern. 

6) Der Herzog hatte jedoch die Bestätigung 
desselben. Vgl. die Urkunde von 1541, Don- 

, nerstag nach Praesent Mariae (Heimbürger a. 
a. O. p. 181 ff). • 

7) Als im Jahre 1629 Herzog Christian 

wegen des Restitutionsedictes die Berichte von 
den Klöstern und Stiftern einforderte, wann in 
denselben die Reformation durchgeführt wor- 
den sei, gab auch der Senior Joh. Davörde 
denselben : Memorial wegen des uralten muti- 

lierten, nunmehr aber fast unter die Füsse ge- 
tretenen Stiftes Ramelsloh (Des. 49, Reform, der 

| Stifte und Klöster 4). Er sagt darin, der Her- 
zog habe diesen Vertrag vom Montag nach 
Exaudi 1540 nicht gehalten, zählt ungeheure 


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176 


Erzbischof Christoph den Prozess heim Reichskammergerichte wieder aufgenom- 
men, besonders darüber erzürnt, dass Herzog Ernst die Mariencapelie in Bardowik, 
wo noch viel Reliquiendienst getrieben wurde, hatte abbrechen lassen. Infolge 
dessen waren am 16. April und 24. October 1540 Pönalmandate gegen Herzog 
Ernst ergangen, die aber gar keinen Erfolg hatten 1 ). — Auch die eifrigsten 
Anhänger des Erzbischöfe wandten sich von diesem ab und hielten es für gera- 
tener, sich mit dem Herzoge zu versöhnen. Das gewaltsame Vorgehen Christophs 
gegen das Verdener Domcapitel hatte ihn verhasst gemacht, und eine Vermitt- 
lung seines Bruders Heinrich von Wolfenbüttel nützte nichts 2 ). — Auch jener 
Ratger Holsten, den wir als Hauptbeförderer der geplanten Vereinigung der 
beiden Stifter kennen gelernt haben, erlangte die Gunst des Herzogs und damit 
auch seine Einkünfte im Fürstentume wieder*). 

So wurde es dem gewandten Balthasar Klammer nicht allzu schwer, nach 
einiger Zeit eine völlige Versöhnung herbeizuführen, obwohl noch immer unter 
den Stiftspersonen eine katholische Partei vorhanden gewesen zu sein scheint 4 ). 

Eine zu Winsen verabredete Besprechung kam nicht zustande 5 ), auch ein 
Tag, welchen Klammer auf den 18. October 1543 festgesetzt hatte und der zu 
Uelzen stattfinden sollte, wurde noch in der letzten Stunde nach Medingen ver- 
legt 6 ). Die Zusammenkunft fand hier statt, und man einigte sich in ähnlicher 


Besitzungen auf, die das Stift gehabt habe, 
und fordert , dass dasselbe jetzt wieder mit 
Bremen vereinigt werde. 

Auch andere Güter der Verdener und Bremer 
Diöcese wurden jetzt allmählich wieder restituiert, 
weil sich die Besitzer derselben mit dem Her- 
zoge aussöhnten. So wurden 1541 dem Olden- 
l^oster bei Buxtehude seine Güter zurtickge- 
geben, als der Propst des Oldenklosters Decan 
zu Ramelsloh wurde. Urk. vom Sonnabend 
nach dem heil. Christtag 1542 (1541). (H. St. 
A. Des. 55, Ramelsloh 9). 

1) Schlöpke a. a. 0. p. 372. 

2) Spangenberg a. a. 0. p. 180 f. 

3) Am Donnerstag nach Nativ. Christi 1542 
(29. Decbr. 1541) nimmt Herzog Ernst Ratger 
Holsten wieder in seine Gunst auf und giebt 
allen seinen Hauptleuten Befehl, ihn frei pas- 
sieren zu lassen (Des. 55, Ramelsloh 9). Am 


Mittwoch nach Matthaei (28. Sept.) 1541 waren 
ihm als Entschädigung für die Einkünf te aus 
seiner Propstei (er war inzwischen Propst za 
St. Andreas in Verden geworden) vom Herzoge 
40 Mark versprochen. 

4) Schlöpke a. a. 0. p. 374. 

5) Balth. Klammer an das Capitel von Bar- 
dowik, Celle, am Freitag nach Francisd (5. Oc- 
tober) 1543 (Concept). In dieser Urkunde wird 
der Tag auf den 18. October 1548 nach Uelzen 
angesetzt, so dass damit die Ansicht beseitigt 
wird, als ob schon etwa am 9. October zu Uelzen 
ein Tag stattgefunden habe, wie dies Schlöpke 
(p. 878) nach dem Capitelbuche (ci r ca Dionysii) 
angiebt. 

6) Klammer an das Capitel , Oldenstadt, 
Dienstag nach Burchhardi (16. October) 1543. 
b. Schlöpke, p. 873 f. 


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177 


Weise, wie dies früher mit Ramelsloh geschehen war, nnr sind die Bestimmungen 
detaillierter und für das Stift Bardowik günstiger als für Ramelsloh. 

Natürlich erlischt mit dem Vertrage der vor dem Kammergericht noch 
immer durch den Erzbischof für das Capitel geführte Prozess gegen den Herzog, 
und ebenso ist es eine Grundbedingung des Vertrages, dass die Canoniker durch 
ihren Lebenswandel keinen Anstoss geben und sich nach der Kirchenordnung 
des Fürstentums halten sollen. Fühlt eine der Stiftspersonen jedoch keine Nei- 
gung, die Ceremonien nach lutherischer Weise zu halten, so soll sie dazu nicht 
gezwungen werden. Es dringt hier also noch einmal jene Bestimmung des Land- 
tages vom August 1527 durch, nach welcher man es den Stiftern ßardöwik und 
Ramelsloh in ihr Gewissen heimstellte, wie sie es mit den Ceremonien halten 
wollten. Praktische Bedeutung hatte dies jetzt wohl kaum noch, der grösste 
Teil der Canoniker war, wie wir annehmen müssen, zum Luthertume überge- 
treten; auch wurde ja eine Wiedereinführung katholischer Ceremonien durch die 
Bestimmung unmöglich gemacht, dass die Canoniker sich nach der Kirchenord- 
nung des Fürstentums halten sollten. 

In betreff der Verwahrung der Briefe und Siegel, der Lieferung eines In- 
ventars 1 2 ) und der Erhaltung der Kirchendiener und des Prädicanten werden 
dem Capitel von Bardowik dieselben Pflichten auferlegt wie dem von Ramelsloh, 
und der Herzog erhält dieselben Rechte in betreff der Ernennung des Propstes*) 
und der Verleihung der Präbenden und Vicarien im Papstmonate. Die Formel 
für den Eid, welchen die Canoniker dem Herzoge zu leisten haben, wird fest- 
gesetzt*). Einigen Domherren wird es erlaubt, in der Stadt Lüneburg zu woh- 
nen. — Der Prädicant (der auch zugleich Superintendent ist) und der Schul- 
meister werden dem Herzoge präsentiert und vom Landessuperintendenten 
geprüft 

Mehrfache Doppelbelehnungen waren vorgekommen, der Herzog hatte meh- 
reren seiner Beamten erledigte Präbenden übertragen, das Capitel aber hatte 


1) Das Inventar ist binnen zwei Monaten j 
zu liefern. 

2) Mit der Präpositur soll die 12. und letzte 
der Präbenden verbunden werden. Die Wahl 
des Decans ist auch hier frei. 

8) „Ich N. N. gelobe und schwöre, ich wolle 


dem durchlauchtigen hochgeborenen Fürsten und 
Herren Ernst, Herzog zu Br. u. L. und s. f. G. 
Erben treue und hold sein und s. f. G. und 
der Kirche und Stifts zu Bardowik Ehre und 
Nutz fördern ; so wahr helfe mir Gott und sein 
heiliges Wort.“ 


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178 


diese Belehnungen nicht anerkannt, sondern andere für d’e Präbenden ernannt 
Manchen von denen, welche der Herzog belehnt hatte, kaufte man ihr Recht ab, 
andere liess man in dem Besitze der Beneficien; auch der Herzog gab in einigen 
Punkten nach. — Werden die Präbenden zu Studienzwecken verliehen, so sollen 
sie zurückgegeben werden, wenn der Betreffende das Studium verlässt, oder nicht 
in den Dienst des Fürsten tritt. 

Der „Structuarius“ soll jährlich auf Lichtmess im Beisein von Propst und 
Capitel Rechenschaft von der „fabrica“ und „structura“ ablegen. Die „Gradus 
ordinationis“ sollen aufhören, jeder soll nach dem Alter in die Präbenden ein- 
rücken. Auch der „annus disciplinae“ soll abgeschafft werden, anderes dagegen, 
wie der „annus gratiae“ und „ad structuram“, sowie die Abgaben der neu ein- 
tretenden Mitglieder sollen bestehen bleiben. — Auch in Bardowik sollen die 
Canoniker nicht unter den Amtsleuten, sondern unter dem Fürsten und dem 
Hofgerichte stehen. 

Alles dies soll vorbehaltlich eines freien Concils oder anderer Beschlüsse 
des Kaisers, der Fürsten und Stände durchgeführt werden. 

Der Herzog wird die Canoniker durch seine Amtsleute in die ihnen zu- 
kommenden Wohnungen einweisen lassen, welche sie jedoch selbst erhalten 
müssen; er wird dem Stifte seine Güter zurückgeben und auch Sorge tragen, 
dass die von andern entfremdeten restituiert werden 1 * ). 

Am 10. November fand in Celle die feierliche Besiegelung und Vollziehung 
dieses Vertrages statt*). Und am folgenden Sonntage begaben sich im Aufträge 
des Herzogs der Kanzler Förster, der Hauptmann von Winsen Johann Hasel- 
horst, Balthasar Klammer u. a. nach Bardowik und wiesen in Gegenwart aller 
Capitelspersonen und der Stiftsmeier die Domherren wieder in den vollen Besitz 
ihrer Güter ein 3 ). 

Bardowik trat damit wieder in alle seine früheren Rechte ein, es hatte 
auch jetzt noch immer Sitz und Stimme in den Landtagen des Fürstentums; doch 
hatte dies Recht der damit verbundenen Kosten wegen für das Capitel nichts 


1) Vertrag aufgerichtet zu Medingen am 

Donnerstage nach Galli (18. October) 1548, 

(Copie im H. St. A.). 


2) Urkunde des Kanzlers Klammer, Freitag 
nach Galli 1543. 

3) Aus dem Capitelbuche. Die „stattliche 
Rede des Kanzlers“ hat Schlöpke hinzugesetzt. 


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179 


Angenehmes, so dass dasselbe später offen den Wonach äusserte, dass es von 
dem Fürst ~n dieser Last überhoben werden möchte 1 ). 

Zweiter Aufenthalt des Urbanus Rhegius in Lüneburg. 

In Lüneburg war, wie wir sahen, im September 1531 die Kirchenordnong 
des Urbanas Rhegius durch ein (etwas zweideutiges) Mandat des Rates eingeführt, 
aber cs waren damit noch nicht zugleich feste, geordnete Zustände geschaffen. 
Zwar waren einige Patricier, unter ihnen besonders die Witzendorfs, der Refor- 
mation gewonnen, aber durch den fortdauernden Gegensatz zwischen Patriciern 
und Bürgern wurde der Rat mit einer gewissen Notwendigkeit auf die Seite der 
Gegner der Reformation gedrängt, denn die Prädicanten standen auf Seiten der 
Bürger. Ein Gegensatz in den politischen Ansichten wurde ja in jenen Zeiten 
allzu oft als religiöser Gegensatz aufgefasst und angesehen. Der Rat hätte der 
religiösen Bewegung freier gegenüber gestanden und sich derselben vielleicht eher 
angeschlossen, wenn sich nicht damit der Begriff des Aufruhrs, der Bürgerbe- 
wegung, die Furcht vor dem Verlust der Standesprivilegien und materiellen Vor- 
teile verbunden hätte. 

Der Superintendent Heinrich Ratbrock war einer so schwierigen Lage nicht 
gewachsen Daher wandte sich der Rat abermals an Rhegius — der als Landes- 
superintendent, wie es scheint, auch inzwischen eine gewisse Oberaufsicht ausgc 
übt hatte*) — und bat ihn noch einmal nach Lüneburg zu kommen und das 
Werk, welches er begonnen habe, weiter zu führen und die innere Organisation 
der Lüneburger Kirche zu vollenden. 

Rhegius folgte dem Rufe, und sein Aufenthalt war diesmal auf längere 
Zeit berechnet, er brachte daher auch seine Familie mit — Er trat jetzt ganz 
in den Dienst der Stadt, er wurde Superintendent an Stelle Ratbrocks. Seine 
Wohnung nahm er jetzt nicht mehr im Fürstenhause, sondern in der Propstei, 
die Coller Ischen wohl verlassen hatte. Mit dieser Veränderung seiner Stel- 
lung zi”* Stadt mag es Zusammenhängen, dass die Lüneburger Chroniken von 
Schomaker und Elvers nur diesen Aufenthalt Urbans in Lüneburg erwähnen. 


1) Vgl. Havemann a. a. 0. Bd. HI, p. 105f. ! angenommener Präd ! cant zur Prüfung und Or- 

2) Ihm und nicht Ratbrock wurde ein neu | dination übeiwiesen. Vgl. Uhlhorn p. 188. 

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180 


Hämmenstädt ist für das Jahr 1532 bereits sehr dürftig, er erwähnt den Rhegius 
nur sehr selten, seine Bemühungen um die Stadt Lüneburg überhaupt nicht 
Das ist uns ein Beweis dafür, dass Rhegius dem Rate im ganzen sympathischer 
war als den Bürgern, wenigstens im Anfänge seines Aufenthaltes. 

Nicht lange vor Ostern 1532 kam Rhegius nach Lüneburg, Palmarum 
wurde er „angenommen“ 1 ). — Hatte er schon in seiner Schul- und Kirchen- 
ordnung und während seines ersten Aufenthaltes in Lüneburg sehr grosses Ge- 
wicht auf die Einrichtung guter Schulen gelegt, so fuhr er auch jetzt fort, hier- 
für durch die Berufung tüchtiger Lehrer zu sorgen. Er befolgte, wie er selbst 
sagte, den Grundsatz seines Lehrers und Freundes Zasius, welcher meinte, drei 
Dinge müssten in einer Stadt sein : ein gelehrter Schulmeister, ein frommer, ge- 
schickter Prediger und ein weiser Rat 8 ). Als erster evangelischer Rector — 
„Superattendens der scholen“ nennt ihn Schomaker — wurde von Wittenberg 
Mag. Herrn. Tulichius berufen. Anfang September 1532 kam er nach Lüneburg, 
wo er bis zu seinem im Jahre 1540 erfolgten Tode geblieben ist 

Zu Steinheim in Westphalen war Tulichius im Jahre 1485 geboren, 
er war ein Schüler des berühmten Humanisten Murmellius in Münster. Im 
Jahre 1514 kam er nach Leipzig und wirkte hier als Corrector an der Lotter- 
schen Druckerei. Als Anhänger Luthers hatte man ihn gefangen gesetzt, er floh 
aber nach Wittenberg und wurde hier Professor der Poesie, 1525 war er Rektor. 
Er war ein sehr tüchtiger Schulmann und legte besonderen Wert auf die Gram- 
matik, denn sein Grundsatz war: „Grammatica in scholis facit miracula, cate- 
chismus in ecclesia“. Mit Luther und Melanchthon war er nahe befreundet. — 
Neben ihm wirkte an der Schule Lucas Lossius, der sich während' des Auf- 
enthaltes des Urbanus Rhegius in Lüneburg enge an diesen anschloss. Er war 
noch jung, 1508 zu Vach an der Werra geboren; ein Oheim hatte ihn in Lüne- 
burg erziehen lassen. Später war er in Herford, Münster, Wittenberg und 
kehrte von dort im Sommer 1532 nach Lüneburg zurück. Er ist als Schrift- 
steller thätig gewesen, besonders seine musikalischen Werke, und unter diesen 
am meisten die Psalmodia haben ihm einen Namen gemacht. Bis zum Jahre 
1582, von 1540 an als Conrector, hat er an der Lüneburger Schule gewirkt*). 

1) Schomaker z. Jahre 1532. meister, Oratio de Luca Lossio 1585; und 

2) Ubbelohde a. a. 0. p. 9. j Görges, Lucas Lossius, Progr. d. Johanneums 

3) Vgl. über Tolichins und Lossius: Bac- [ zu Lüneburg 1885. 


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181 


Unter diesen und andern Männern ist die Schule rasch emporgeblüht, und schöne 
Früchte sind unter ihren Augen herangereift. 

Aber man wollte auch augenblickliche Erfolge sehen. Noch eine Menge 
Anhänger des Katholicismns waren in der Stadt, von allen Seiten waren aus 
den inzwischen lutherisch gewordenen Städten katholische Geistliche nach Lüne- 
burg gekommen, die Canoniker von Bardowik und Ramelsloh wohnten in der 
Stadt, und an Streitigkeiten der lutherischen und katholischen Geistlichen wird 
es daher wohl nicht gefehlt haben. Häufig hielt Rhegius mit den Prädicanten 
Disputationen ab, wir finden eine ganze Reihe von Thesen über verschiedene 
Punkte in seinen Werken abgedruckt 

Mit Genehmigung des Fürsten wandte sich Rhegius, als er nicht schnell 
genug vorwärts kommen konnte, an den Rat und forderte, dass man die Pfaffen 
und Mönche auf das Rathaus bescheiden sollte, dazu auch etliche Bürger, damit 
sie sich über ihre Lehre äusserten. Dies sei geschehen, so berichtet der Ano- 
nymus 1 ); Rhegius habe die katholischen Geistlichen gefragt: Sie hätten ja nun 
seine Predigt gehört, ob dieselbe göttlich oder ungöttlich sei: Da habe man 
nichts zu antworten gewusst, endlich habe ein Canoniker von Bardowik, Mag. 
Heinrich Lampe im Namen der andern antworten sollen und habe dann be- 
gonnen: Liebe Herren, hier steht ein Haufen ungelehrter Pfaffen, die nichts zu 
antworten wissen“. Darüber habe sich ein grosses Gelächter erhoben, und der 
Rat den Pfaffen geboteu, „hinfort das Maul zu halten und keine unziemlichen 
Judicia und Reden wider die Predigten hören zu lassen“. 

Aber eine thätige und wirksame Unterstützung faud Rhegius bei dem Rate 
nicht, und so wurde denn auch er immer mehr auf die Seite der Bürgerpartei 
hinüber gedrängt 

Die Stimmung der Bürger war gerade damals wieder eine sehr erregte, sie 
hatten sich das Marienkloster öffnen lassen , hielten dort ihre Versammlungen 
ab und übten förmlich ein Gegenregiment aus. Sie tyrannisierten den Rat 

Schomaker, für die folgende Zeit unsere Hauptquelle, ist empört über den 
Pöbel, „Herr Omnes“, der es wagt sich in der Weise gegen die Regierung der 
Stadt aufzulehnen, und auch Urbanus Rhegius kommt nicht gut weg, weil er sich 
mit den Bürgern eingelassen hatte. 


1) Vgl. Bertram, Evangelisches Lüneburg p. 73. 


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Unter evangelischem Scheine, so erzählt er, habe sich Urbanus Rhegius 
„in dieses Rates Rathaus“ begeben und den Bürgern gesagt, es sei gut und 
christlich, vom Rat zu fordern, dass jedermann das Evangelium hören oder nicht 
darauf schelten und die Prediger desselben nicht hindern solle. Den Übertreter 
dieses Gebotes müsse der Rat aus der Stadt weisen. Man beschloss vor den 
Rat zu gehen und ein solches Mandat zu fordern. Rhegius selbst wollte die 
Bürger begleiten und das Wort führen. Notgedrungen musste der Rat, obwohl 
er die Sache hinausschieben wollte, sofort (am Dienstag, den 17. September 1532) 
die Bürger anhören 1 ). 

Rhegius begann eine längere Rede. Er setzte auseinander, dass er und 
die Bürger nur das vom Rate forderten, was christlich und billig sei Als be- 
stellter Superintendent gehe ihn die Sache an, und darum habe er es übernom- 
men, dieselbe dem Rate vorzutragen. Er habe bei seinem früheren Aufenthalte 
eine Ordnung verfertigt, aber trotzdem der Rat dieselbe für christlich erkannt 
habe, habe er sie nicht ausgeführt. Er müsse darum glauben, dass sie irgend 
einen Mangel habe, und es sei, weil sie nicht gehalten werde, merklicher Un- 
wille zwischen den Bürgern und Einwohnern entstanden. Die Papisten hielten 
noch immer zur Verkleinerung von Gottes Ehre Winkelmessen, weihten Kräuter, 
Kerzen und Wasser, und obwohl die Geistlichen die Ordination angenommen 
hätten, lägen noch etliche in Winkeln, wie der Propst mit den andern, die 
sprächen, sie hätten den rechten Glauben. Der Rat möge ihm antworten, ob er 
seine Ordnung für christlich halte oder nicht. 

Der Rat ging nach einer Beratung nicht direkt auf die Frage ein: Er 
habe sich redliche Mühe gegeben, um die Ordnung Urbans, welche man ange- 
nommen habe, auszuführen und thäte dies noch. Er wolle sich auch gern mit 
Rhegius und andern Sachverständigen über weitere Massregeln beraten. Dass 
aber noch dergleichen abergläubige Ceremonien vorgenommen und Winkelmessen 
gehalten würden, davon wisse er nichts. — Aber Rhegius verlangte zunächst 


1) Über die Vorgänge der ganzen folgen- 
den Woche sind wir vortrefflich unterrichtet 
durch einen Bericht des Stadtschreibers Georg 
Tilitz (Wolfenbtittl. Bibi.), welchen auch Uhl- 
horn ziemlich gründlich benutzt hat : Anno 
1532. Handlung zwischen einem erb. Rat und 
gemeine Bürgerschaft belangend die Huldigung 


und Hülfe unserm gn. Hera. Item. Von der 
Disputation D. Urbani Rhegii mit den Papisten 
daselbst gehalten“. Vgl. über die Ansicht 
Bertrams , welcher diese Disputation mit einer 
jener gewöhnlichen Disputationen des Rhegius 
verwechselt, worin man ihm bis auf Uhlhorn 
gefolgt ist: Uhlhorn a. a. 0. p. 361, Anm. 16. 


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183 


kurze klare Antwort auf seine Frage; und als der wortführende Bürgermeister 
Hartwich Schomaker ihm geantwortet hatte, der Rat halte seine Ordnung für 
christlich, fuhr er fort, dass dann sich nicht gezieme durch die Duldung von 
solchen Misbräuchen dem Worte Gottes zu widersprechen. Die Mitglieder der 
Brüderschaften hätten gesagt, dass sie auch übers Jahr die Brüderschaft feiern 
wollten; sie zögen sich aus der christlichen Einigkeit heraus, vermeinten Gott 
einen grosseu Dienst damit zu thun und einen näheren Weg zum Himmel zu 
haben, während doch Christus, nicht die Brüderschaften, Ablass der Sünde ver- 
dient habe. Er wolle seine Lehre wohl gegen Coller und Getelen verteidigen, 
sie sei nicht neu. Der Rat möge den Brüderschaften gebieten, keine neue Mit- 
glieder melir aufzunehmen, wie das noch dies Jahr geschehen sei, und wodurch 
die Unruhe nur gemehrt werden würde; denn dann wäre der Bürger gegen den 
Bauern, und die Bürger selbst wären untereinander uneins. 

Er fordert deshalb, dass in der Johanniskirche eine öffentliche deutsche 
Disputation gehalten würde, in welcher die Prädicanten von ihrer Lehre Rechen- 
schaft ablegen sollten. Eine solche Disputation sei nötig, denn es ginge in der 
Stadt ein Büchlein von einem zum andern, worin gelehrt würde, dass die Werke 
zur Seligkeit behülflich wären. Darum möge der Rat durch ein Mandat allen 
Geistlichen und Weltlichen gebieten am nächsten Montage dabei zu erscheinen. 
Ein jeder solle freies Geleit haben und berechtigt sein Fragen an die Prädi- 
canten zu stellen. 

Diesem Anträge stimmte dann auch nach kurzer Beratung die Bürgerschaft 
hei, und der Wortführer derselben, Cord Roleff, forderte den Rat auf, sofort die 
nötigen Schritte dazu zu thun: Man habe bislang nichts in die Armenkiste — 
sie war durch die Ordnung des Urbanus Rhegius eingerichtet — bekommen 
können, obwohl der Rat die Macht dazu gehabt habe. Die Brüderschaften 
seien Gottes Wort entgegen, sie müssten abgeschafft werden. Es erscheine ih- 
nen wunderbar, dass der Rat die Misbräuche leugne, an welchen etliche seiner 
Mitglieder selbst teil hätten. Bei der Disputation sollten alle Geistlichen „be- 
kappet und unbekappet“ erscheinen, das solle der Rat denselben bei Verlust 
ihrer Einkünfte und ihrer Stadtwohnung gebieten. 

Der Rat suchte Zeit zu gewinnen, er gestattete die Disputation und ver- 
sprach auch ferner für die Durchführung der Kirchenordnung wirken zu wollen; 
über das Mandat müsse man sich jedoch erst beraten. 


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184 


Auf diese Antwort erfolgte eine Beratung der Bürger; man fürchtete wohl 
mit Recht durch diese Versprechungen hingehalten zu werden und liess daher 
durch Rhegius dem Rate mitteilen, dass man in betreff der Brüderschaften bis 
nach der Disputation warten wolle, diese selbst aber müsse abgehalten werden, 
denn es sei „periculum in mora“ , die Bürger wollten Ruhe haben vor dem Ge- 
rumpel, das in den Winkeln gemacht werde. Auch das Mandat sei nötig; der 
Propst sei nicht so krank, dass er nicht zu der Disputation kommen könne. 
Wenn es möglich sei, so solle auch Getelen kommen, Gefahr brauche er nicht 
zu fürchten; freundlich, gütig und sanftmütig solle disputiert werden. 

Der Rat sagte die Disputation auf den Dienstag zu und versprach auch 
das Mandat anschlagen zu lassen; dies teilte Rhegius den Bürgern mit und be- 
gab sich dann nach Hause, da er nicht länger ohne Nahrung bleiben konnte. 
Sein Gehen war für die Bürger eine Befreiung von einem lästigen Zwange; 
heftige Reden liess man gegen den Rat hören; es „fiel manch’ ungeschicktes 
Wort“, so dass „der Rat die Bürger mit grosser Sorge und Gefahr kaum ab- 
weisen konnte bis auf den folgenden Tag“ 1 ). Der Rat sollte alle Gilden auf- 
heben, Rhegius auf Lebenszeit als Superintendenten annehmen, dafür sorgen, dass 
„der Kaland sein Mass bekäme“, uud dergleicheu Forderungen wurden jetzt er- 
hoben. Ähnliche Vorgänge wiederholten sich am folgenden Tage; was den 
Boten des Rates von etlichen widerfuhr, ist nicht zu sagen“*). 

Der Rat wollte die Disputation noch wieder bis nach dem Markte ver- 
schieben und wollte aus dem Mandate die Strafbestimmung „bei Verlust des 
Einkommens und der Stadtwohnung“ entfernt wissen. Er suchte Rhegius zu ge- 
winnen und verhandelte durch ihn mit den Bürgern. Am 18 . September über- 
brachte der Stadtsekretär Tilitz dem Rhegius das Mandat des Rates, dasselbe 
enthielt weder einen festen Tag für die Disputation noch die geforderte Straf- 
bestimmung*). 

Rhegius teilte dasselbe am folgenden Tage den versammelten Bürgern mit, 
denen es natürlich durchaus nicht genügte. Durch Rhegius liess man ein an- 
deres aufsetzen und dem Rate übersenden: Alle Geistlichen und Ordensleute der 
Stadt, auch alle weltlichen Bürger, Mann und Weib, welche sich durch die Lehre 

L. A. Dort befinden sich auch die übrigen 
Mandate des Rates, meist in Copie, nur das 
vom 20. September im Original mit Siegel. 


1) Schomaker a. a. 0. 

2) Schomaker a. a. 0. 

Primum mandatum senatus. Copie im 


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\ 


des Prädicanten beschwert glauben, werden durch dasselbe bei Verlust ihres 
Einkommens und ihrer Stadtwohnung aufgefordert bei der Disputation zu er- 
scheinen. 

Der Rat liess durch Tilitz dem Rhegius Vorstellungen machen, und dieser 
versprach auch bei den Bürgern darauf hinwirken zu wollen, dass man es bei 
dem alten Mandate lasse; aber bald musste er dem Rate mitteilen, dass er 
nichts ausrichten könne, und dass die Bürger forderten, ihr Mandat solle bis zum 
folgenden Morgen 6 Uhr an der St. Johanniskirche angeschlagen werden. Nur 
mit Mühe gelang es, noch zwei Stunden Aufschub zu erlangen, damit der Rat 
um 7 Uhr erst noch beraten könne. 

Am 20. September morgens um 8 Uhr sandte dann der Rat abermals eine 
Botschaft an Rhegius: Man beschwerte sich bitter über die Forderungen der 
Bürger, berief sich auf Luther und Melanchthon und verweigerte die Annahme 
des Mandats, welches die Bürger aufgestellt hatten; lieber wolle man das Amt 
überhaupt niederlegen. Rhegius wandte seinen Einfluss bei den Bürgern an, um 
sie zur Nachgiebigkeit zu bewegen, und er konnte um 2 Uhr wenigstens dem 
Rate melden, dass die Mönche von St. Michaelis und die Einwohner mit ihren 
Frauen in das Mandat nicht mit eingeschlossen werden sollten. So fertigte deun 
der Rat ein neues Mandat aus und sandte es noch am Abend des 20. Sep- 
tembers besiegelt und zum Anschlägen fertig an Rhegius. Aber man hatte 
dasselbe nicht den Wünschen der Bürger entsprechend abgefasst. Zwar war 
der Dienstag als Tag der Disputation festgesetzt, und es wurde Jedermann, 
wes Standes er sei und insonderheit die Geistlichen“ zum Erscheinen aufgefor- 
dert, aber die Strafbestimmung fehlte ganz. Die Bürger waren ausserordentlich 
erzürnt In seinem und der Prädicanten Namen schlng Rhegius die Aufforderung 
zur Disputation an die Johanniskirche und gab Tilitz das Mandat des Rates 
wieder zurück 1 ). 

Die Bürger schienen zunächst zufrieden, aber nach Mittag versammelten 
sie sich wieder in grosser Menge im Marienkloster und erklärten, sie würden 
nicht eher auseinandergehen, bis der Rat ihr Mandat angeschlagen habe. Der 
Rat musste nachgeben, mit einigen kleinen Änderungen wurde das Mandat der 
Bürger publiciert: Bei Verlust der Stadtwohnung wurde jedermann und „intli 


1) Daraus erklärt es sich auch, dass sich | das Original mit Siegel noch im L. A. befindet« 

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erste den Geistlichen und Ordensleuten, die bisher gemeint waren mit dieser 
Lehre beschwert zu sein“, befohlen, am Dienstag, dem 24. September, morgens 
um 8 Uhr, in der Johanniskirche bei der Disputation zu erscheinen. Wer sich 
von der Disputation „absentiert“ , wo doch keine Gefahr zu befürchten ist, soll 
seine Stadtwohnung verlieren und für einen Feind des Evangeliums und Mis- 
gönner des christlichen Friedens gehalten werden. 

Am festgesetzten Tage fand die Disputation statt. Rhegius mit den Prä- 
dicanten, die Abgeordneten des Rates, unter ihnen der Syndicus Stefan Gerkens, 
der Doctor medicinae Crabatus, Ludolf Stöterogge 1 ), Hieronymus Witzendorf, 
Lutge Semmelbecker, Georg Tilitz u. a., deren Erscheinen von den Bürgern ge- 
fordert war, nahmen auf einer Erhöhung des Chores Platz*). Viel Volk, Frauen, 
Kinder und Mägde füllten die Kirche. Rhegius begann mit einer Ansprache, 
in welcher er auseinandersetzte, dass die Disputation gehalten werde, um Friede 
und Einigkeit herzustellen. Jedermann solle dieselbe mit Fleiss anhören, damit 
er erfahre, was an der Lehre sei, die man eine Ketzerei schelte. Obwohl man 
niemanden zum Glauben zwingen könne, so könne doch jeder gedrungen werden 
das göttliche Wort anzuhören. Gemeinsam liess er dann ein Vater unser beten 
und Gott um Erkenntnis der Wahrheit anrufen. 

Dann fuhr Rhegius fort: „In dem seligmachenden Namen Jesu, Amen! 
Ihr Geliebten, zuvor und ehe die Disputation angeht, will ich euch alle gebeten 
haben, dass ihr dem Namen Gottes Reverenz erweiset und stille seid. Niemand 
verachte den andern, jeder möge sich selbst für den kleinsten halten, auch möge 
niemand die Disputation übel nehmen, angesehen dass auch die heiligen Apostel 
zur Erforschung der Wahrheit disputiert haben“. Er führte dann weiter aus, 
dass man nicht sprechen möge, mit Ketzern gezieme sich nicht zu disputieren. 
Augustinus habe gesagt: errare possum, haereticus esse non possum. Haeresis 
sei ein griechisches Wort und bedeute einen, der sich von der christlichen Kirche 
und Communion absondere, und das könne man von den Evangelischen doch 
wahrlich nicht sagen. Er geht auf seine letzten Tage in Augsburg ein, wie er 
dort mitgewirkt habe bei der Abfassung der Artikel und der Apologie, die noch 
immer nicht widerlegt sei Er habe mit Eck disputieren wollen, der habe auch 


1) Nicht der Bürgermeister St., welcher 
Hartwig hiess. 


2) Vgl. Schomaker a. a. 0. 


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die alte Abweisung gehabt und gesagt, er disputiere mit keinem Ketzer. Da 
habe er ihm geantwortet: „Bist du denn mein Richter mit der Schrift?“ Denn 
es genügt nicht die Schrift zu allegieren; auch Arius der Ketzer habe 42 locos 
scripturae für sich gehabt. Es soll einem jeden freistehen, auf das Concil zu 
warten , aber die Concile und die Päpste haben oft geirrt und gegen einander ge- 
redet, ein Provincialconcil ist oft durch ein Generalconcil abgethan worden. Wo 
wir etwas aus der heiligen Schrift erfahren, da bedürfen wir der Concilien nicht, 
wie in betreff der Priesterehe und des Abendmahls unter beiderlei Gestalt „Wo 
ich stehe“, so schloss Rhegius, „da sollte der Erzbischof von Bremen stehen und 
den Glauben verteidigen. Ich stehe hier wie ein scopus, darein jedermann 
schiessen kann“. 

Dann wurden die Thesen der Disputation, die vorher noch nicht ange- 
schlagen worden waren, durch Heinrich Botzenberger, Prädicant von St Johann, 
in niederdeutscher Sprache verlesen Die meisten katholischen Geistlichen hatten, 
wie uns berichtet wird, es vorgezogen, dem Gebote des Rates zu trotzen und 
nicht bei der Disputation zu erscheinen Nur wenige von ihnen, nur drei 1 2 * ), 
wagten sich an der Disputation selbst zu beteiligen. Rudolf Roleves, ein papi- 
stischer Prediger von St. Michaelis, stellte einige Fragen über die guten Werke, 
und ein Canoniker von Bardowik, Heinrich Lampe hatte gleichfalls einige Be- 
denken zu äusscrn*). Der Sieg, den die evangelische Partei errang, war leicht, 
kaum ein Sieg zu nennen, da die Feinde fehlten. Schomakers Bericht über die 
eigentliche Disputation ist kurz, aber charakteristisch: „Aber da waren nur we- 
nige Opponenten, allein neun*) Papisten, und Mag. Heinrich Lampe brachte et- 
liche Quaestiones vor den Doctor, aber der Doctor redete den ganzen Tag und 
dabei blieb es den ganzen Tag. Et causa evanuit 4 ). 


1) Tilitz sagt in seinem Berichte, dass nur 
drei orguiert hätten; nicht aber, dass nur drei 
erschienen wären (Uhlhorn p. 198). 

2) Schomaker erwähnt die Anwesenheit 

Heinrich Lampes; Bacmeister in der angegebe- 
nen Rede nennt ausser ihm auch noch Roleves. 
Heinrich Lampe trat später zum Luthertume 
über und verheiratete sich ; 1543, als der früher 
erwähnte Vertrag mit Herzog Ernst abgeschlossen 

wurde, war er gerade Propst. Ihm wurde da- 
mals gestattet, stets in Lüneburg zu wohnen. 


Vgl. auch den Bericht des Anonymus bei Ber- 
tram a. a. 0. p. 74. 

8) In dem von mir benutzten Exemplar der 
Chronik war die Zahl nicht angegeben, ich er- 
gänze dieselbe aus dem Drucke dieser Stelle 
bei Bertram a. a. O. p. 70. 

4) Bertram setzt diese Disputation auf den 
17. Juni 1532 und bezieht darauf die Thesen, 
welche Opp. lat IH, p. 72 ff. stehen. Wie 
Uhlhorn (p. 361 , Anm. 16) nachgewiesen hat, 
gehören sie erst in das Jahr 1533 (in den 

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Gerade diese letzte Bemerkung halte ich für durchaus richtig und be- 
achtenswert Ich kann mich der Ansicht nicht anschliessen, als ob die Dispu- 
tation so ausserordentlich weitgehende Folgen gehabt habe 1 ). Das allerdings 
ist richtig, dass der Bürgerpartei — denn man kann hier nicht immer von dem 
religiösen Gegensätze reden — der Mut noch mehr wuchs; es mögen seihst 
einige Schwankende jetzt sich ganz der evangelischen Sache ergeben haben; (so 
mag der Ausgang der Disputation den Abfall eines Teils der Klosterherren von 
St Michaelis vom Katholicismus beschleunigt haben). Aber an eine Durchfüh- 
rung des Mandates, an eine Vollstreckung der darin angedrohten Strafen an den 
Vielen, die nicht erschienen waren, daran hatte der Rat nie gedacht, und der 
Ausfall der Disputation veranlasste ihn nicht zu energischem Vorgehen. Auch 
die Bürger dachten nicht ernstlich daran, sie hatten ihren Willen in betreff der 
Disputation durchgesetzt, andere Angelegenheiten traten in den Vordergrund — 
et causa evanuit 

Weit schlimmer aber war es, dass Urbanus Rhegius durch diese Dispu- 
tation und die Vorgänge bei derselben in eine schiefe Stellung zum Rate ge- 
bracht wurde. „Er verlor“, wie Schomaker berichtet, „seine Gunst, und es 
wurde die Hand von ihm abgezogen“, denn er war „ein hastiger, unduldsamer 
Mann, mit dem man nicht gut auskommen konnte“. Das ist durchaus richtig; 
allmählich vollzog sich zu seinen Ungunsten eine Wandlung in der Stimmung der 
Stadt, die ihm den Aufenthalt in Lüneburg verleidete. 

Alle Nachrichten, die wir aus der folgenden Zeit bis zum Fortgange des 
Rhegius haben, zeigen, dass eine Abnahme der alten Klagen, welche man durch 
die Disputation zu beseitigen gehofft hatte, noch nicht stattgefunden hatte. Noch 
immer hielt Rhegius Disputationen im Kreise der Prädicanten ; zu einer derselben 
in der Mitte des Jahres 1533 lud er alle Geistlichen ein, „sie seien, wer sie 
wollen, die mit ihrer Werklehre bisher die Welt verführt haben, unter noch bes- 
serem Frieden und Geleite, als er selbst habe“ *). Und kurz vor seiner Abreise 
aus Lüneburg schreibt er an den Kanzler Förster 8 ): „Wir haben hier einen 


Werken des Rhegius war nur das Datum, nicht 
aber das Jahr angegeben). Der Bericht Scho- 
makers wird bei Bertram „widerlegt“. Das 
hat eine grosse Verwirrung in die Reformations- 
geschichte von Lüneburg gebracht, die auch 
Havemann nicht beseitigt hat. 


1) Vgl. Uhlhorn a. a. O. p. 198. 

2) Opp. lat. HI, p. 73. 

3) Rhegius an Förster, am 27. August 1533 
(Orig. H. St. A. Des. 49 , Reform, der Stifte 
und Klöster 1). 


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unevangelischen Doctor bei uns in Lüneburg, dem Rate, wie ich höre, angenehm, 
ist des Hauptmanns zu Wittenberg Bruder; was der bei uns thut, weiss ich 
nicht, hoc unum scio, sum ovis in medio luporum u . Das sieht nicht gerade wie 
eine Verbesserung der Sachlage nach der Disputation aus. Das Wirken des 
Rhegius in der letzten Zeit seines Aufenthaltes in Lüneburg war auf allen Seiten 
gehemmt; dem Rate ging er zu weit und den Bürgern war er nicht radical 
genug, so war er den Angriffen beider Parteien ausgesetzt Im Spätsommer 
1533 verliess er die Stadt und kehrte nach Celle zurück. Vor seiner Abreise 
aber rief er noch einmal die Bürger auf dem Fürstenhause zusammen und er- 
mahnte sie zum Ausharren und zur Beständigkeit im Glauben *). Er konnte mit 
dem Bewusstsein scheiden, treu gewesen zu sein in seinem Berufe und nach 
besten Kräften die Ausbreitung des Evangeliums gefördert zu haben. 

Nach der Disputation trat die Frage, was mit den Brüderschaften ge- 
schehen solle, welche man vorläufig hatte ruhen lassen, wieder in den Vorder- 
grund*). Es gab in Lüneburg im ganzen etwa 30 Brüderschaften, unter ihnen 
war die bedeutendste der Kaland, zu dem ausser vielen andern hohen Geist- 
lichen und Patriciern auch der Abt von St Michaelis gehörte. Vier „Diflini- 
toren“ hatten die Verwaltung der Kalandsgüter, der Rat hatte eine Oberauf- 
sicht, ihm musste alljährlich Rechenschaft abgelegt werden. Die Kalandsgüter 
müssen in jener Zeit sehr beträchtlich gewesen sein, noch im 18. Jahrhundert 
hatte der Kaland ein jährliches Einkommen von 6000 Thalern; um ihn drehte 
sich daher der Streit ganz besonders. 

Die evangelischen Bürger forderten die Aufhebung aller geistlichen Brüder- 
schaften. Der Kaland, so hiess es, sei verführerisch und dem rechten Glauben 
entgegen; seine Güter seien zum Gottesdienste gegeben und würden zur Gottes- 
lästerung verwandt Sie müssten zum Besten des Armenkastens eingezogen 
werden. 

Rhegius wurde (im Jahre 1531 oder 1532) um sein Urteil in dieser Frage 
ersucht Wir haben bereits auf einen Teil des Gutachtens, soweit dasselbe das 
Kloster St Michaelis betraf, hingewiesen. Über die allgemeine Frage betreffs 


1) Bericht bei Bertram a. a. O. p. 112. 

2) Vgl. Bodemann, die geistlichen Brüder- 
schaften, insbesondere die Kalands- und Kagel- 
brüder der Stadt Lüneburg im Mittelalter (Zts. 


d. hist. V. für Niedersachsen 1882, p. 84 ff. 
und Uhlhorn a. a. O. p. 190 f. , dem ich hier 
z. T. folgen muss, da die betreffenden Akten 
des L. A. nicht aufzufinden waren.) 


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der Verwendung der Kirchengüter gab er den „Ratschlag, zu was Brauch die 
Kirchengüter fürnemlich sollen gewendet werden“ 1 ). 

Es geziemt, so schreibt er, der Obrigkeit nicht, geistliche Güter zu ent- 
wenden, oder zu etwas anderem als zu geistlichem Nutzen zu gebrauchen. Frei- 
lich sind aber auch die geistlichen Güter der weltlichen Gewalt unterworfen. 
Man muss untersuchen, ob die geistlichen Güter mit Recht oder mit Betrug an 
die Geistlichen gekommen sind; die wissentlich unrechtmässig erworbenen darf 
die Obrigkeit an sich nehmen, aber sowohl diese, als auch die bereits eingezo- 
genen sollen zum Unterhalt von Predigern, Schulen und Schullehrern verwandt 
werden, auch die Armen soll man aus denselben unterstützen. 

Über die Kalandsgüter stellte Rhegius ein besonderes Gutachten aus; er 
sagte in demselben, dass sie den Besitzern, die sie frei erhalten hätten und nach 
weltlichem und geistlichem Rechte besässen, nicht genommen werden dürften; 
man müsse mit den Diffinitoren des Kalands einen Vertrag herbeizuführen suchen. 
Die Bürger sollten lieber, statt so eifrig darauf zu dringen, dass fremdes Gut 
zu Almosen verwandt würde, selbst Almosen geben. 

Derartige Ermahnungen gefielen den Bürgern aber nur sehr wenig. Sie 
schalten auf Rhegius, wiederholten ihre Forderungen und machten zugleich Vor- 
schläge, wie die Beneficien u. dgl. verwandt werden sollten. Nach Erledigung 
der geistlichen Lehen sollten dieselben, soweit sie nicht Lüneburger Bürgern ge- 
hörten — denn gegen sich und ihre Genossen waren diese Herren, von deren 
guter evangelischer Gesinnung jeder überzeugt sein musste, natürlich menschlich 
gesinnt — , zur Besoldung der Prädicanten und Lehrer verwandt werden. Jeder 
Prädicant sollte für die verflossene Zeit 100 Gulden erhalten; die Gehalte der 
Geistlichen und Lehrer sollten genau festgesetzt werden, man schlug vor, dem 
Superintendenten 300, seinem Coadjutor 200, jedem Pfarrer 180 Gulden zu 
geben. 

Der Rat befolgte die Vorschläge, welche Rhegius in seinem Gutachten ge- 
macht hatte; er leitete Verhandlungen ein mit den Diffinitoren des Kalands. 
Diese verlangten und erhielten Bedenkzeit, aber vor Ablauf derselben verliessen 
sie die Stadt Der Rat forderte ihre Rückkehr und nahm inzwischen ein In- 
ventar ihrer Güter auf. Das Resultat dieser Inventarisation erbitterte die Bürger 


1) Opp. germ. III. p. 102 (undatiert, Ori- | ginal im L. A. 


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aufs höchste, denn die Diffinitoren hatten, wie ihnen das wohl nicht mit Unrecht 
vorgeworfen wurde, einen Teil ihrer Güter in Sicherheit gebracht Der Ausfüh- 
rung eines Vertrages, der zwischen ihnen und dem Rate zustande gekommen 
war, entzogen sich die Diffinitoren durch die Flucht nach Verden, von wo aus 
sie gegen denselben protestierten. 

Als aber der Rat nach der Disputation, von den Bürgern gedrängt, An- 
stalten machte, ihre Güter einzuziehen, hielten die Diffinitoren es doch für das 
Beste, sich zu fügen, und so wurde am 12. November 1532 ein endgültiger Ver- 
trag abgeschlossen, zu welchem auch der Bürgerausschuss seine Zustimmung 
gab 1 ). Die Bedingungen desselben waren nicht so radical, wie die Bürger es 
verlangt hatten, sie näherten sich den Forderungen des Rhegius. Alle Siegel 
und Briefe und sonstigen Akten kommen auf das Rathaus und werden dort in 
einer Kiste mit drei Schlössern bewahrt, zu welcher ein Ratsherr, einer der Dif- 
finitoren und ein Bürger je einen Schlüssel hat. Jährlich soll im Beisein des 
Rates von den Gütern des Kalands Rechenschaft abgelegt werden. Die Mit- 
glieder des Kalands sollen ihre Einkünfte auf Lebenszeit behalten, auch dürfen 
die Diffinitoren in ihren bisherigen Wohnungen bleiben. Alle Bestimmungen ge- 
schehen vorbehaltlich eines freien Concils oder eines Reichstagsbeschlusses, der 
sich mit diesen Verhältnissen beschäftigt 

Damit wurde wenigstens hier ein Ausgleich herbeigeführt Die Diffinitoren 
durften in die Stadt zurückkehren, bis zu ihrem Tode blieben sie unbehelligt 
Später wurde dann das Vermögen des Kalands zum Besten des Armenkastens 
eingezogen. Auch die andern geistlichen Brüderschaften lösten sich allmählich 
auf. So übergaben 1533 die Vorsteher der Nicolaigilde bei ihrer Auflösung der 
Armenkiste ein Kapital von 280 Mark. — Das Vermögen der Heiligenleichnams- 
gilde wurde 1536 mit dem Kirchenvermögen der St Lambertskirche vereinigt; 
1538 ging das Vermögen der Gertrudengilde an die Armenkiste über*). Nach 
der Reformation erhielt sich von den geistlichen Brüderschaften allein die Brüder- 
schaft vom gemeinsamen Leben oder der Kagelbrüder. „Um die Misbräuche 
abzustellen“, wurden ihre Statuten 1539 abgeändert; sie widmeten sich jetzt haupt- 
sächlich der Armenpflege. Eine Vicarie an der St Johanniskirche, welche die 


1) Der Vertrag vom Dienstag nach Martini 
1532 ist abgedruckt in der Zts. d. hist. Ver. f. 


Niedersachsen 1882, p. 109 ff. 

2) Vgl. Bodemann a. a. O. p. 70, 71 f., 75. 


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Brüder zu verleihen hatten, wurde 1540 in ein Stipendium „tho behoff eines 
christlichen Studii“ umgewandelt 1 ). 

Im unteren Volke war man freilich mit dieser Aufhebung der Gilden durch- 
aus nicht zufrieden, und die Sache wurde von den evangelischen Prädicanten 
auch zu weit getrieben. Man verweigerte den Sülzknechten, welche an ihrer 
Gilde festhielten, die Zulassung zum Abendmahl, und man predigte öffentlich gegen 
ihre Gilde, welche doch nicht einmal zu den rein religiösen Brüderschaften ge- 
hörte. Das rief unter diesen Leuten eine grosse Aufregung hervor, die sich 
kurz vor Ostern 1533 in einem kleinen Aufstande Luft machte. Ein dabei Be- 
theiligter, der Barmeister Johann Döring, hat uns denselben geschildert*). 

Ein ziemlich gleichgültiger Umstand brachte die Gährung zum Ausbruch. 
Einer der Büttel auf der Sülze hatte den Knechten dort etwas befohlen, was 
nach ihrem Dafürhalten gegen das Herkommen war. Man hatte den Büttel 
durchgeprügelt, und die Thäter sollten nun bestraft werden. Da begab sich an 
einem Mittage (der Tag wird uns nicht genannt) ein Schwarm Knechte zum 
Barmeister Johann Döring, welcher die auf der Sülze vorkommenden Streitig- 
keiten zu entscheiden hatte, um sich zu beklagen. Als dann die Sache vor den 
Rat kam, beschwerten sich die Knechte, dass man ihnen ihre Gilde nehmen 
wolle und baten, ihnen dieselbe zu lassen und ihnen beizustehen gegen die Mar- 
tiner, die ihre Gilde in die Kiste haben wollten. Sie könnten 300 Mann auf- 
bringen; andere Gewerke: Maurer, Zimmerleute, Schiffsleute u. dgl. würden ihnen 
beistehen; sie wollten die Evangelischen aus ihren Betten holen und die be- 
strafen, welche den Rat so oft durch ihre Conventicula überfallen hätten. Der 
Rat hielt die Leute zunächst für betrunken, und der Barmeister bestellte sie auf 
den folgenden Morgen in die Lambertikirche; drei Patricier, unter ihnen der Bar- 
meister und der Sothmeister, wurden vom Rate abgeordnet, um mit den Knech- 
ten zu verhandeln. Dort ging es stürmisch her. Die Forderungen wurden heftig 
wiederholt; der Rat möge ihnen beistehen, dann wollten sie die Hundert (den 
Bürgerausschuss), die den Rat regierten, wohl strafen. Die Prädicanten schölten 
auf den Rat und die Sülftmeister, das könnten sie nicht leiden. Sie wollten ihre 
Gilde nicht in die Kiste geben, ihre saure Arbeit stecke in derselben, und die 

1) Die Statutenänderung ist vom Sonntag 2) Abgedruckt in der Zts. des hist. Vereins 
Quasimodo geniti 1539, abgedruckt bei Bode- f. Niedersachsen 1881, p. 181 ff. 
mann a. a. 0. p. 1 23 ff. Vgl. auch daselbst p. 117. 


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Kistenherren teilten nicht recht aus. Der Sothmeister Tobing antwortete, man 
wolle ihnen das Ihrige nicht nehmen , ein jeder möge nach Gewohnheit seinen 
Beitrag in die Gilde bringen, aber das schwere Saufen auf der Sülze müsse un- 
terbleiben. Darauf erhob sieb ein lautes Beifallsgeschrei, so dass die drei Pa- 
tricier eilends die Kirche verliessen. Nun hielten es aber auch die Knechte für 
ihre Pflicht, sich gegen den Rat dankbar zu erweisen. Als der Barmeister Dö- 
ring am folgenden Tage ganz ruhig in der Kirche sass, wurde ihm plötzlich die 
Nachricht gebracht, dass die Sülzknechte und die mit ihnen verbundenen Gewerke 
im Begriffe ständen, sich mit den Evangelischen zu schlagen. Mit Mühe gelang 
es ihm, ernstliche Streitigkeiten zu verhindern. 

Von Seiten des Herzogs erging jetzt aber ein Befehl gegen die Gilden, 
welcher Ostern 1533 von den Kanzeln abgekündigt wurde: „dass niemand inner- 
halb oder ausserhalb der Stadt Lüneburg sich unterstehen solle, in eine gottlose 
Gilde zu gehen“ ‘). — Man hielt die Bürger für die Veranlasser dieses Mandats 
und wohl mit Recht. 

Je mehr der Rat sich selbst dem Luthertume zu wandte, um so mehr ge- 
wann er seine alte dominierende Stellung wieder. Der Ausschuss verliert all- 
mählich au Bedeutung, nur selten wird derselbe nach dem Jahre 1533 noch 
erwähnt. 

Zwar erhalten sich Spuren und letzte Reste des Katholicismus noch auf 
längere Zeit in der Stadt, aber wir können doch etwa vom Jahre 1534 an da- 
von sprechen, dass Lüneburg voll und ganz in die Reihe der evangelischen 
Städte eingetreten ist 

Rhegius nahm sich auch, als er bereits wieder in Celle war, mit Rat und 
That der Stadt an. Bald nach seiner Abreise wurde im Jahre 1534 heimlich 
eine Schrift an die Johanniskirche angeschlagen, in welcher die lutherische Feier 
des Abendmahls unter beiderlei Gestalt angegriffen wurde. Man hielt in Lüne- 
burg allgemein Getelen für den Verfasser; Rhegius, dem man die Schrift mit- 
geteilt hatte, hielt dies jedoch nicht für richtig. Er schrieb eine deutsche Schrift: 
„Von beiderlei Gestalt des Sacramentes zu empfahen“*) und zugleich eine Wi- 
derlegung des katholischen Büchleins. Warnend ruft er in der Vorrede den 
Lüneburgern zu: „Wer verloren geht, der mag durch seine Schuld verloren gehen, 


1) Dörings Bericht a. a. 0. | 2) Deutsche Schriften IV, 97 ff. 

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wer unrein ist, der sei immerhin unrein. Die Zeit wird kommen, wo sie, durch 
traurige Erfahrung belehrt, einsehen werden, dass ich Christum rein gepredigt 
habe“ *). 

An die Stelle des Rhegius als Superintendent trat wieder der frühere Abt 
von Scharnebeck, Heinrich Ratbrock, der dies Amt dann auch bis zu seinem 
im Jahre 1536 erfolgten Tode bekleidete. Wir lernten ihn bereits früher kennen 
und sahen, dass er schwach und schwankend war. Jetzt waren die Verhältnisse 
geordneter, er selbst kam dem Rate entgegen und beschleunigte auf diese Weise 
auch wohl den Ausgleich. Er traf mit dem Rate die Übereinkunft, dass die 
Prediger, wenn etwas Irriges in betreff der Religion vorkomme, dies nicht gleich 
von der Kanzel aus in das Volk bringen, sondern sich zunächst mit ihrer 
Klage an den Rat wenden sollten 8 ). Diese Massregel mag sehr heilsame Folgen 
gehabt haben. 

Unter Ratbrock scheint man noch immer in Lüneburg den Katholicismus 
geduldet zu haben, wir hören wenigstens nichts von einer Verfolgung desselben. 
Sein Nachfolger Paulus a Rhoda, welcher (nach Schomaker) Pfingsten 1537 
Superintendent in Lüneburg wurde, scheint energischer gewesen zu sein, hm 
Jahre 1538 wies man papistische Priester aus der Stadt 3 ), und im November 
1540 richten die Prediger noch eine Beschwerde an den Rat, in welcher sie 
über das Überhandnehmen der papistischen Irrlehren klagen. Besonders die 
wenigen Mönche, die man noch in dem Marienkloster gelassen hatte, trieben 
damals noch immer ihre Misbräuche weiter, hielten Vigilien, Messen u. dgl. 

Aber allmählich starb das alte Geschlecht aus, nach dem Jahre 1540 wird 
es schon als etwas besonders Merkwürdiges berichtet, wenn ein Katholik in 
Lüneburg stirbt. Die durch den Tod katholischer Priester erledigten Bene- 
ficien werden eingezogen und zum Besten der Armen in der Stadt verwandt 

Grössere Gefahr als von den Katholiken drohte dem Luthertume eine Zeit 
lang von den Widertäufern. Wir hören bereits von Anhängern derselben in 
Lüneburg im Jahre 1533. Rhegius war eifrig gegen sie thätig und schrieb 
mehrere Schriften gegen sie. Mit der Vernichtung von Münster schwand auch 


1) Confutatio libelli cuiusdam Luneburgi 
affixi. Opp. lat. II, 80 ff. 


2) Die Diener des Evangeliums an den Kat, 
am 15. November 1540 (Orig. L. A.). 

3) Schomaker a. a. O. 


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die Furcht, welche man bis dahin vor ihnen im Fürstentume Lüneburg ge- 
habt hatte. 


Die Streitigkeiten dee Herzoge mit der Stadt Lüneburg 1 2 ). 

Die Streitigkeiten zwischen dem Herzoge und der Stadt Lüneburg erfuhren 
durch diesen allmählichen Übergang des Rates vom Katholicismua zum Luther- 
tume keine Unterbrechung. Urbanus libegius vermochte, selbst als er noch bei 
dem Rate in Gunst stand, keinen Ausgleich herbeizuführen. Er scheint sich auch 
von dieser Sache, die ihn ja notwendig in eine schiefe Stellung zum Rate bringen 
musste, völlig fern gehalten zu haben. Der Herzog hatte, allerdings, wie es 
scheint, die Absicht, sich seiner und der Bürgerpartei gegen den Rat zu be- 
dienen und forderte daher bei einer Verhandlung zu Lüne am 10. Juni 1533, 
dass auch Deputierte der Bürger und Urbanus Rhegius daran teilnehmen soll- 
ten; aber der Rat lehnte dies sehr entschieden ab; es sei bislang nicht Sitte ge- 
wesen, jemanden ausser den Deputierten des Rates zu senden*). 

Schon im Jahre 1531 schien man einem Ausgleiche nahe zu sein. Man 
hatte von beiden Seiten die Forderungen schriftlich fixiert ; beide Parteien gaben 
in etwas nach; um Nebenpunkte drehte sich die weitere Verhandlung. Herzog 
Franz sollte seine Zustimmung geben, forderte der Rat; das verweigerte Herzog 
Ernst, da sein Bruder sich „zur Zeit noch keiner Regierung angemasst“ hätte. 
Die Lüneburger wollten nicht zugeben, dass eine Änderung in dem früher mit 
Herzog Heinrich abgeschlossenen Compromiss vorgenommen würde. Dort war 
nämlich u. a. bestimmt, wenn wieder Streitigkeiten stattfänden, sollten „zwei 
geistliche und zwei weltliche Räte des Herzogs“ mit der Stadt verhandeln. Der 
Herzog wollte nun, da es für ihn keine geistlichen Räte des Fürstentums mehr 
gab, dass die geistlichen Räte durch weltliche ersetzt würden. Das hielt der 
Rat von Lüneburg aber für eine Verletzung des Vertrages und wollte nicht 
darein willigen*). 

Die Verhandlungen zerschlugen sich wieder, es kamen neue Streitigkeiten 


1) Die hierfür benutzten Akten befinden 
sich, sofern nichts anderes angegeben ist, im 
H. St. A. und zwar Des. 55, Nr. 8, 10, 11 
und 14. 

2) Der Rat an die Hofräte zu Celle, 1533 
am Sonntage Trinitatis (Orig. H. St. A Des. 


50, 2). — Auch seine Räte wies der Herzog 
| einst an, sich direkt an die Bürger zu wenden : 
Schreiben des Herzogs, Sonnabend nach Can-, 
täte. 

3) Die hierauf bezüglichen Akten befinden 
sich im H. St. A. 

25 • 


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196 


hinzu. Immer dringender wiederholte der Herzog die bereits 1531 gestellte 
Forderung, dass ihm von den auf der Sülze belegenen Gütern der ausländischen 
Geistlichen eine Abgabe gegeben werden solle. Ein Gutachten des Syndicus der 
Stadt Braunschweig, Levins von Emden, gab dem Herzoge darin völlig recht'). 
Er könne die Hälfte des auf der Sülze belegenen Einkommens der ausländischen 
Geistlichen zum Wohle des Landes beanspruchen; das geschehe auch anderswo. 
Werde die Forderung nicht gewährt, so möge sich der Herzog an die andern 
im Lande belegenen Güter der ausländischen Geistlichen halten. Der Rat lehnte 
diese Forderung ebenso fest ab, wie wir das bereits in betreff der Güter von 
Bardowik gesehen haben. 

Es wurden durch diese Forderung besonders Geistliche der Lübecker Diöcese 
betroffen, und diese wandten sich jetzt klagend an den Kaiser, von dem sie denn 
auch am 12. Februar 1533 ein Mandat erlangten, in welchem dem Herzog und 
dem Rate bei Strafe geboten wurde, die Güter der Lübecker Geistlichen nicht 
anzutasten. Zugleich wurde der Herzog vor das Reichskammergericht geladen*). 

Das bestärkte natürlich den Widerstand des Rates, wenn er auch das Man- 
dat nicht veranlasst haben wollte 8 ). 

Ein anderer Streitpunkt war der Vertrag, welchen der Rat mit den Mönchen 
von Heiligenthal abgeschlossen hatte. Wie wir bereits erwähnten, erkannte der 
Herzog diesen Vertrag nicht an; und im Jahre 1533 liess er alle ausserhalb Lü- 
neburgs gelegenen Güter des Klosters mit Beschlag belegen 4 ). 

Weit schlimmer aber wurde die ganze Sache, als der Streit um das Kloster 
St. Michaelis sich erhob, auf dessen Anfänge wir bereits eingegangen sind. 

Der Herzog war damals aufs äusserste gegen die Stadt erbittert. Es em- 
pörte ihn, dass der Rat ihm das verweigerte, was dieser für sich selbst in Anspruch 
nahm, denn die Geistlichen in der Stadt mussten erhebliche Beiträge zum Wohle 
der Stadt zahlen. Er gab dem Rate schuld, dass im Kloster St Michaelis die 
Abtswahl beschleunigt sei; ihn kränkten die Gerüchte, als ob er das Kloster 
befestigen und zum Nachteile der Stadt besetzen wolle. Ja, man nahm in Lü- 

1) Levin von Emden an Förster , Braun- 4) Urk. vom Dienstag nach Margarethae 

schweig, Montag nach Luciae 1531. 1533. In derselben wird beiläufig erwähnt, 

2) Mandat des Kaisers, Speier, 12. Februar dass der Herzog Arrest auf die Güter von 

1538. Heiligenthal und St. Michaelis legen wolle. 

3) Der Rat an Heinrich von Mecklenburg, I 

1534 Donnerstag nach Fabiani. | 


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197 


nebarg Reiter und Fussvolk in Dienst, um sich gegen einen etwaigen Überfall 
von Seiten des Herzogs zu sichern 1 2 3 ). Diener des Herzogs wurden auf offener 
Strasse verwuudet und gefangen*). 

Neue Verhandlungen fanden in Lüne im Anfang des Jahres 1533 statt, 
aber sie verliefen ebenso resultatlos, wie die früheren*). Der Rat schien aber 
jetzt eine friedliche Lösung des ganzen Streites zu wünschen, er bat Herzog 
Heinrich von Mecklenburg, den Schwiegervater Ernsts, um seine Vermittlung. 
Allein der Herzog wollte von einer neuen Verhandlung nichts wissen, bevor nicht 
die Sache in betreff Heiligenthals, des Klosters St Michaelis und der Stifter 
Bardo wik und Ramelsloh, wie er wünschte, entschieden sei 4 ). Doch gelang es 
den Bemühungen Herzog Heinrichs, ihn dazu zu bewegen, und so begannen am 
9. October die Beratungen in Scharnebeck, deren Verlauf Herzog Ernst von Bar- 
dowik aus verfolgte*); allein man gelangte auch hier zu keiner Übereinstimmung. 

Der Herzog behauptete, das Kloster St Michaelis sei von seinen Vorfahren 
gegründet, und er, als alleiniger Patron desselben, habe auch allein das Recht, 
über das Kloster zu verfügen. Dagegen machte der Rat geltend, dass das 
Kloster, welches früher auf dem Kalkberge gelegen und bei Eroberung des dort 
sich befindenden Schlosses durch die Bürger mit zerstört worden war, 1375 von 
der Bürgerschaft in der Stadt ganz neu gegründet worden sei, und dass damit 
die herzoglichen Rechte erloschen seien. Man berief sich auf die früheren Pri- 
vilegien der Kaiser für das Kloster, in welchen der Rat mit zum Verteidiger 
des Klosters ernannt sei; allein der Herzog entgegnete darauf, dass diese nie 
in Wirksamkeit getreten seien und daher auch jetzt nicht herangezogen werden 
könnten. Auch innerhalb anderer Städte läg£n Klöster, ohne dass dadurch die 


1) Der Herzog an Levin von Emden, Gif- 
horn, Dienstag nach Valentini (18. Febr.) 1533. I 

2) Gegenschrift der herzoglichen Räte gegen i 
die von Lüneburg verbreiteten Behauptungen | 
(ohne Jahr, aber wohl hierher zu setzen). 

3) Eine ausführliche Nachricht über die Ver- 
handlungen in Lüne von 1532 und Anfang 

1533 findet sich in der erwähnten Handschrift i 
der Wolfenbüttler Bibliothek. Der Rat erbot j 
sich damals, 40 000 Mark zu der Tilgung der 
Schulden beizutragen, wollte davon aber 13 500 
Gulden abziehen, die der Herzog noch schuldig 
war. Die herzoglichen Räte verlangten jedoch 


40 000 Gulden und Erlass der Schuld, dafür 
wollte der Herzog dem Rate die Hälfte der 
Einkünfte der ausländischen Geistlichen auf 12 
Jahre überlassen. — „Zinsen, Wucher und 
Schadgeld u der Schuld betrugen damals über 
200 000 Goldgulden. 

4) Botschaft etlicher Adligen an den Rat, 
Dienstag nach Margaretha 1533 (15. Juli). Da- 
mals hatte der Herzog bereits auf die Güter 
von St. Michaelis Arrest durch den Hauptmann 
von Winsen legen lassen. (Vgl. vorige Seite 
an 4.) 

5) Vgl. Schomaker a. a. O. 


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198 


Rechte der Fürsten gekränkt würden. Die Forderung der Inventarisierung sei 
nicht unbillig gewesen; der Rat aber habe den Abt, wie etliche Adlige dem 
Herzoge mitgeteilt hätten, gezwungen, sie von der Stadt aus geschehen zu lassen. 
Die Güter, Briefe und Siegel des Klosters gebührten, weil sie vom Patron her- 
kämen, auch dem Patron, aber man habe ihm sogar die Rechenschaft darüber 
verweigert Es sei nicht recht, dass bei der Not des Landes so wenig Per- 
sonen die Einkünfte des Klosters in Gotteslästerung und Unehren, mit Schwelgen, 
Saufen und sonst in Unzucht verbrauchen sollten. — Dann werden dem Rate 
noch die anderen Streitpunkte vorgehalten, wegen Bardowik und Ramelsloh, wegen 
der Verschleppung der Urkunden von Oldenstadt nach Lüneburg u. dgL 1 2 3 ). 

Von dem Wittenberger Rechtsgelehrten Hieronymus Schurpf wurde in dieser 
Zeit — wann, lässt sich nicht genau entscheiden — ein Gutachten in betreff des 
Klosters St. Michaelis gefordert; aber dasselbe fiel durchaus nicht im Sinne des 
Herzogs aus, der jetzt die völlige Aufhebung des Klosters beabsichtigte. „Die 
überlieferte Gewalt des Papstes und der Bischöfe zu negieren und damit die 
Kirche selbst aufzulösen, verbot auch den evangelisch gesinnten Rechtsgelehrten 
ihre juristische Überzeugung“ *). Nur das, so führt Schurpf aus, kann der Pa- 
tron oder Fundator des Klosters in weltlichen Dingen verlangen, was ihm bei 
der Stiftung desselben ausdrücklich Vorbehalten ist „Excommunicandi sunt fun- 
datores sive patroni, qui bona ecclesiastica pro eorum arbitrio distribuunt“ Nur 
das Recht der Verteidigung gegen die Verschleppung der Güter besitzt der 
Fürst*). 

Kurz, man kam zu nichts. Der Herzog von Mecklenburg verhandelte 


1) Concept Försters über diese Verhandlun- j 
gen im H. St. A. 

2) Stinzing, Geschichte der deutschen Rechts- j 

Wissenschaften p. 274 f. I 

3) Schurpfii consilia I, cons. 48, p. 175 ff., 
dasselbe ist undatiert. Unbegreiflich erscheint 
es mir, wie man stets hat schreiben können, 
die Juristen hätten in ihren Gutachten dem 
Herzoge beigestimmt (Havemann p. 130, Uhl- 
horn p. 205, der Name Schnepf bei Uhlhorn 
ist wohl ein Druckfehler). — Nicht schon in 
das Jahr 1532 oder 1533 darf man die Gut- 
achten von Modestinus Pistons (consilia I, cons. 
43) und von Wesenbeck (cons. posthum. V, p. 


373 cons. 210) setzen, wie man das bisher ge- 
than hat. Modestinus Pistons war erst 1516 
und Wesenbeck 1531 geboren. 

Uhlhorn citiert p. 361, Anm. 21 ganz ge- 
nau die Consilia der Rechtsgelehrten. Das Ci- 
tat findet sich ebenso bei Gebhardi Bd. XIV 
und ist wohl einfach von dort herübergenom- 
men. Auch die obige irrige Ansicht geht auf 
G. zurück. Gebhardi Bd. XIV erwähnt auch, 
dass der Abt Herbord sich von einem katholi- 
schen Juristen ein Gutachten habe anfertigen 
lassen, welches in deutscher Sprache abgefasst 
gewesen sei. 


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199 


zwar noch eine Zeit lang mit den beiden Parteien, aber er konnte nichts aus- 
richten. 

Herzog Ernst brach die Verhandlungen ab. Es fanden zwar noch von 
herzoglichen Beamten Vermittlungsversuche statt, aber dieselben geschahen, wie 
der Herzog ausdrücklich forderte, nicht im Namen des Fürsten, es waren rein 
private Bemühungen, die der Herzog erst dann anerkennen wollte, wenn sie zu 
einem greifbaren Resultate geführt hätten. Das thaten sie jedoch nicht 1 2 * ). 

Die Not des Fürstentums zwang den Herzog immer wieder zu neuen Ver- 
handlungen zurückzukehren. Die Vermittlung, die Joachim von Brandenburg 
ihm anbot, lehnte er freilich ab; nicht einmal einer Antwort würdigte er ihn*}. 

Eine Zeit lang war Hans Wildefür, der Bürgermeister von Hildesheim, 
Vermittler zwischen den streitenden Parteien. Denn mit Hildesheim stand die 
Stadt Lüneburg seit Ostern 1535 in sehr enger Verbindung. Beide Städte 
hatten damals ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen zur Erhaltung der alten 
Freiheiten und Privilegien; „Vorbehalten kaiserliche Majestät und die Landes- 
fürsten“ freilich, aber es ist kein Zweifel, dass sich dasselbe zum Teil wenig- 
stens gegen Herzog Ernst richtete"). Es ist das sehr bezeichnend, dass Lüne- 
burg mit dem damals noch katholischen Hildesheim — Wildefür selbst war ein 
sehr eifriger Papist — sich in ein derartiges Bündnis einliess. 

Eine Verhandlung im Juli 1535 4 ) führte ebensowenig zu einem Ziele wie 
eine andere im Jahre 1536"), wo der Herzog ziemlich weitgehende Concessionen 
machte in Bezug auf Zoll, Jagd, Gericht und Holzrecht, die Bestätigung der 
Privilegien versprach, dagegen Huldigung und eine Geldhülfe forderte. Die 
Mönche von St Michaelis sollen zu christlichem Leben, Wesen und Unterricht 


1) Simon Rei necke (Administrator von Eb- 
storf) an den Herzog. Schreiben: Ostern und 
Sonnabend in der Osterwoche. Antwort des 
Herzogs, Mittwoch in Ostern 1534. Reinecke 
schreibt , der Bürgermeister Lutge von Dassel 
habe den Wunsch nach Aussöhnung zu er- 
kennen gegeben. Er meint im ersten Schreiben, 
der Rat könne dem Herzoge wohl 100000 
Gulden geben und 100000 Gulden auf die 
StilzgÜter zu 4 % leihen. Im 2. Schreiben 
redet er jedoch nur noch von 60000 Gulden. 

2) Vgl. das Schreiben Joachims vom Mon- j 

tag nach Laetare 1535 und Herzog Ernsts | 


vom Mittwoch nach Judica 1585. 

3) Dienstag in den heil. Ostern 1535. Das 
Original des Vertrages mit zwei anhängenden 
Siegeln im L. A. Für den Kriegsfall leistet 
Lüneburg Hildesheim eine Hülfe von 325 guten 
Kriegsleuten (oder 4 Gulden pro Mann monat- 
lich); Hildesheim 300 Mann (oder 3 Gulden 
monatlich pro Mann). 

4) Havemann a. a. O. p. 142 

5) Instruction der herzoglichen Räte für 
die V erhandlung mit Lüneburg. J udica (2. April) 
1536. 


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angehalten werden. Die Hälfte des Einkommens von Abt und Convent soll 
zur Erhaltung der Klosterherren , die andere zur Erziehung und zum Unterhalt 
der herzoglichen Kinder verwandt werden ; ausserdem sollen sechs vom Adel und 
drei Bürgerskinder (davon zwei aus Lüneburg) mit Stipendien unterstützt werden. 
Von Seiten des Herzogs und der Landschaft soll ein Verwalter des Klosters ein- 
gesetzt, die Kleinode u. s. w. sollen vom Fürsten, den Räten und der Landschaft 
verwahrt werden, bis ein christliches Concil über ihre Verwendung bestimmt 
Dann sollen sie verkauft und zur Tilgung der Landesschulden verwandt werden. 
Nach dem Tode oder dem Abfinden der Mönche sollen die Gebäude des Klosters 
gegen eine Zahlung an den Herzog der Stadt verbleiben 1 ). Da der Rat stets 
sage, Bardowik und Ramelsloh gehe ihn nichts an, so soll er auch nicht hin- 
dern, dass die von dem Herzoge mit Präbenden dieser Stifter Belehnten ihre 
Renten einzögen 2 ). Die innerhalb der Mauern gelegenen Güter des Klosters 
Heiligenthal und ein Holz desselben wollte der Herzog der Stadt überlassen, das 
andere wollte er für sich behalten. 

Die Änderung in den Plänen des Herzogs in betreff des Klosters St Mi- 
chaelis war wohl veranlasst durch die Forderungen des Adels, welche freilich noch 
weiter gingen. Man bat, wie es scheint, schon ziemlich früh darum, das Kloster 
für den Adel zu erhalten und es in eine Schule umzugestalten, in welcher die 
Söhne von Adligen und des Herzogs erzogen würden 8 ). Dieselbe Forderung 
wurde auch im Jahre 1541 auf einem Landtage zu Uelzen wiederholt und hier 
nicht bloss für das Kloster St Michaelis, sondern auch für die Frauenklöster. 

Vorläufig kam es aber nicht zu einer derartigeu Umwandlung des Klosters. 
Weder die Vermittlung Wildefürs noch auch die Verhandlung der streitigen 
Fragen vor den Hansestädten, die man bereits öfter versucht hatte 4 ), führten zu 
einer Versöhnung. 

Im Jahre 1538 war die Stimmung in Lüneburg sehr erregt Die Kanzler 


1) Die Stadt soll dem Herzoge 8000 Gulden j 
dafür geben; auf die Güter der ausländischen : 
Geistlichen 25000 Gulden. Der Rat geht in 1 
der mündlichen Verhandlung darauf nicht 
weiter ein. 

2) Darunter war auch der herzogliche Hof- 
prediger Wilhelm von Cleve, welcher sich 1534 
und 1539 beschwerte, dass ihm der Rat seine 


Renten nicht ausfolgen lassen wolle. 

3) Die verordneten Räte und die von der 
Landschaft zu Lüne, versammelt am Montag 
(weiteres Datum fehlt), an den Herzog. Das 
Schriftstück scheint nach andern Anzeichen be- 
reits in das Jahr 1533 oder 1534 zu gehören. 

4) Vgl. Hämmenstädt zu den Jahren 1535 
und 1538. 


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201 


Förster und Klammer verhandelten (vom 17. Januar an, etwa 14 Tage lang) mit 
Wildefür in der Stadt selbst 1 ). 

Es waren natürlich die alten Streitpunkte, über die man hin und her redete, 
nur finden wir jetzt bei dem Herzoge eine ihm sonst nicht eigene Schroffheit 
Die alte Forderung, dass die Briefe und Siegel von Bardowik in Uelzen ver- 
wahrt werden sollten, tritt wieder hervor. Der Herzog besteht auf der Leistung 
der Hülfe, auf seinen Absichten in betreff des Klosters St Michaelis und wirft 
Drohungen hin, falls der Rat sich nicht willfährig erzeige. Das rief eine un- 
geheuere Aufregung in der Stadt hervor; man war auf die Kanzler sehr er- 
bittert, sie waren kaum vor Mishandlungen sicher. Spottverse gegen sie und 
den Herzog wurden am Thore angeschlagen. Einer derselben lautete: 

„Das den Gott sehende, der alle ding anfenget beim Unrechten eude 
„Und so alle recht vorkeret und doch gut vor ogen gebereth! 

„Hob püthen und stive kratzen können wol unsere leven katzen“*). 

Der Herzog beklagt sich bitter, dass die Lüneburger mit ihren Kniffen 


1) Es beziehen 6ich darauf die Schriften 
des Herzogs vom Dienstag nach Fabian and | 
Seb&st. (22. Jan.) 1538 und Sonnabend nach 
Ancherii 1538. Der Bericht Försters ist vom 
Mittwoch nnd Donnerstag nach Sebastiani. j 

2) H. St. A. Des. 55, 15. Dort findet sich 

noch ein anderes Spottgedicht, welches am i 
Montag nach Conversionis Pauli (28. Jan.) 1538 j 
an das Thor geschlagen worden war, unter der 
Überschrift: „Lies und lache nicht 14 . Es lautet: 
Herzog: Alles, was nur der pfaffen, münch 

und nunnen mag sein, 

Nehme ich alles unter einem guten 
evangelischen schein. 

Narr: Ja, welcher teufel hat dir die 

gewalt verlehnt, 

Zu rauben, das alleine zu gottes 
ehren und gebrauch gewent. 
Kanzler: Das thut m. g. h. behuf seiner 
land und leute, 

Damit er kome aus schulden , 
auch derselbigen schaden ver- 
hüten. 

Narr: Ja, wer sicht nicht grosse besse- 

rung dar van; 

Man schindet und schabet doch 
gleichwol jedermann. 


Edelmann: Ich wolt, das m. g. h. were aus 
schulden , 

Das der paur mich auch konte 
zalen meine gülden. 

Narr: Ja ihr herren habt ihn mit eurem 

wucher darnach zugebracht 
Und zum dickern darüber in die 
faust gelacht. 

Bürger: Ach lierre gott, wie leuft diese 

Sachen doch gar arglistig finan- 
zisch und geschwinde vor , 

Das man alte Privilegien, löbliche 
herkumpt alleine mit stolz reden 
plützlich vorleggen däre. 

Narr: Ja, das sein wol schlechte Sachen, 

Man wolte sie gern was nidriger 
machen. 

Paur: Barmherziger gott, wo dieser plage 

nicht wird ein ende zu hand, 
So muss ich verlaufen aus dem 
land. 

Narr: Eia, wohin wiltu laufen oder gehn, 

Weistu es nicht zu sein der letzen 
Zeichen ein, 

Muss den der narre stets der 
deuter sein? 


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202 


stets etwas von seinen Forderungen „abfeilen" wollten. Das könne er sich nur 
so erklären: „dass sie sich zu vertragen nicht geneigt und uns abermals mit 
vergeblicher Handlung umführen und ihren Bürgern das Maul auiisperren, als 
wollten sie gern vertragen sein und doch ihr Herz anders gericht und ihre That 
und Handlung das Gegenteil bezeugen, so müssen wir es abermals geschehen 
lassen und den Schimpf zu andern, so uns von ihnen vielfältig ist begegnet, 
kommen lassen", so schreibt der Herzog an seinen Kanzler am Sonnabend nach 
Ancherii 1538. Die Verhandlungen wurden abgebrochen. 

Schon seit etwa acht Jahren hatte man die Stadt nicht mehr zu den Land- 
tagen herangezogen. Die Beschlüsse wurden stets ausdrücklich nicht auf Lüne- 
burg ausgedehnt 1 ). Als aber im Jahre 1540 im August ein Landtag abge- 
halten wurde, forderte der Herzog auch die Stadt zur Teilnahme auf. 

Es hatten sich Streitigkeiten zwischen Herzog Ernst und seinem jüngeren 
Bruder Franz erhoben. Seit dem Ende des Jahres 1536 war dieser in die Re- 
gierung aufgenommen, aber bereits im October 1539 mit dem Amte Gifhorn und 
Isenhagen abgefunden. Dies war damals ohne Genehmigung der Landschaft 
geschehen; Franz war später nicht damit zufrieden und brachte die Sache vor 
die Stände des Fürstentums. Aber diese standen auf seiten Ernst»; erst später, 
Anfang December 1540, wurde der Streit durch den Kurfürsten von Sachsen 
geschlichtet*). 

Das war dem Herzoge eine Gelegenheit auch die Verhandlungen mit Lüne- 
burg, welche seit dem Jahre 1538 geruht hatten, wieder aufzunehinen. Man 
war mistrauisch gegen ihn: die beiden Bürgermeister ritten unter starker Be- 
deckung nach Uelzen. Aber sowohl jetzt, als auch im October desselben Jahres, 
als er in Medingen den Gesandten des Rates Audienz erteilte, bezeigte sich der 
Herzog sehr gnädig und freundlich gegen die Abgeordneten der Stadt und gab 
seinem Wunsche nach Frieden offen Ausdruck*). 

So wurden im folgenden Jahre die Verhandlungen wieder aufgenommen. 
Ein Landtag zu Uelzen beschäftigte sich mit der Lüneburger Frage. Hier war 
es, wo der Adel jene oben erwähnten Forderungen in betreff des Klosters St 
Michaelis und der Frauenklöster wiederholte. Denn die Ritterschaft mochte 


1) Vgl. Jacobi, Landtagsabschiede I, 163. ] Jahre. 

2) Vgl. Schomaker a. a. 0. zu diesem | 3) Schomaker a. a. 0. 


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wohl fürchten, dass bei einem Vertrage des Herzogs mit der Stadt das Kloster 
St. Michaelis zwischen den beiden streitenden Mächten geteilt werden möchte. 
Wenn der Herzog ihre Bitte gewähren würde, so versprach man treulich auf 
Seiten des Fürsten zu stehen, „wenn die Stadt auf ihrem Mutwillen beharre" 1 ). 

Es ist sehr deutlich zu bemerken — das mag gleich hier ausgesprochen 
werden — wie sehr durch die vollzogene Reformation die Macht des Fürsten 
sich gesteigert hat Ernst war dem Absolutismus, zu dem ja seine ganze Per- 
sönlichkeit hinneigte, bedeutend näher gekommen, auch trotz der noch immer 
gesteigerten Finanznot, trotzdem noch immer neue Steuern von der Landschaft 
bewilligt werden mussten. Es zeigt sich das schon in der Umwandlung des von 
Heinrich dem Mittleren eingesetzten Landgerichts zu Uelzen in ein Hofgericht, 
welche im Jahre 1535 vorgeuommcn wurde; es zeigt sich das auch in den 
Klagen des Adels, die auf jenem Landtage zu Uelzen vorgebracht wurden. Der 
Herzog nahm alle Rechte der säcularisierten Klöster und Propsteien für sich in 
Anspruch. Dadurch wurden oft die alten Gewohnheiten der Ritterschaft be- 
schränkt oder aufgehoben; Holzrecht, Jagd und Fischerei des Adels wurden 
eingeschränkt 

Characteristisch sind auch die Klagen der kleineren Städte. Sie beschweren 
sich in Uelzen über eine Emancipation der Dörfer. Man fände jetzt in den 
Dörfern eigne Kaufmannschaften, eigne Waagen, Krüge und Brauereien; auslän- 
dische Städte kauften auf dem Lande Flachs und andere Erzeugnisse des Acker- 
baus und der Viehzucht auf; wovon man sich denn nähren solle, wenn dies alles 
verloren ginge? Auch dies ist bezeichnend für den Herzog. Ernst wollte den 
Bauernstand heben und ihn soviel als möglich von den Lasten befreien, da er 
durch immerwährende Leistungen sehr heruntergekommen war. 

Trotz jener absolutistischen Neigungen hatte sich der Adel im Laufe der 
Jahre enger an den Herzog angeschlossen. Man erkannte die Verdienste des 
Fürsten um das Land an, und Ernst that ja auch soviel er konnte, um die Last 
des Landes zu erleichtern. Seine eigne Hofhaltung schränkte er möglichst ein 
und zeigte sich auch hier als ein ernster und strenger Hausvater, der auf gute 
Zucht und Ordnung in seinem Hause sieht 8 ). 

1) Gemeiner Landschaft Beschwerung auf j 2) Vgl. die Hofordnung Ernsts bei Heim- 
dem Landtage zu Uelzen übergeben, 1541 Mitt- bttrger a. a. 0. p. 184 ff. 
woch nach Dionysii (12. Octob.) (Des. 47, 2.) | 

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204 


Dass seine Macht gewachsen war, zeigte sich auch in seinem schrofferen 
Auftreten gegen die Stadt Lüneburg. Als im December 1541 abermals Ver- 
handlungen mit der Stadt begannen, da stellte der Herzog, wie uns Schomaker 
berichtet, Forderungen, „die sich dahin streckten, dass der Rat ohne des Fürsten 
Bewilligung keine Macht hätte“. Soweit war der Fürst bislang noch nicht ge- 
gangen. 

Es gelang dem Herzoge nicht einen Vergleich zustande zu bringen, ob- 
wohl es an Versuchen dazu auch in den folgenden Jahren nicht gefehlt hat, 
und eine ganze Reihe von Streitpunkten durch die Verträge mit Bardo wik und 
Ramelsloh, sowie durch das allmähliche Aussterben der katholischen Geistlichen 
in Norddeutschland von selbst eine Erledigung gefunden hatte. 

Mit dem Kloster St. Michaelis kam der Herzog ebenfalls nicht weiter. 
Das Kloster hatte sich völlig an die Stadt angeschlossen und betrachtete sich 
als Glied derselben. Die Verhandlungen führte ja auch, wie wir gesehen haben, 
seit dem Jahre 1533 nicht der Abt, sondern der Rat Als im Jahre 1542 im 
Fürstentume Lüneburg die Türkensteuer erhoben wurde, sollte alles in Uelzen 
bezahlt werden. Allein die Stadt Lüneburg stellte für ihre Bürger eine Kiste 
auf dem Rathause auf und schickte ihren Beitrag dann direkt nach Braun- 
schweig 1 ). Auch das Kloster St Michaelis schickte seinen Beitrag in die Kiste 
auf dem Rathause, obwohl der Herzog das ausdrücklich verboten hatte*). Dar- 
aus ersieht man, wie eng die Verbindung zwischen der Stadt und dem Kloster war. 

Durch diesen Anschluss an die Stadt entging das Kloster der Säculari- 
sation oder wenigstens der Umwandlung in ein gemeinnütziges Institut durch 
den Herzog, denn in etwas hätte Ernst doch wohl den Wünschen des Adels 
Rechnung tragen müssen. 

Aber eine andere Gefahr lag jetzt nahe: das Kloster drohte völlig an die 
Stadt überzugehen. Bereits im Jahre 1543 hatte sich der Rat für den Fall des 
Aussterbens des Klosters vom Bischöfe von Verden zum beständigen Admini- 
strator desselben ernennen lassen, und dies war auch vom Kaiser im Jahre 
1544 bestätigt worden®). Die Klugheit des Abtes Herbord von Holle fand 


1) Die Stadt hatte sich zunächst als Hanse- 
stadt überhaupt geweigert die Steuer zu zahlen, 
wurde aber später dazu durch ein kaiserliches 
Mandat, welches Herzog Ernst (1545) aus- 


wirkte, gezwungen. 

2) Schomaker a. a. 0. 

3) Vgl. v. Weihe-Eimke p. 149 f. 


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205 


einen Aasweg in dieser schwierigen Lage. Zwei Jahre nach dem Tode Herzog 
Ernste, im Jahre 1548, schloss er mit den die vormundschaftliche Regierung 
führenden Räten einen Vertrag, wodurch das Kloster wieder in den vollen Be- 
sitz seiner Güter und seiner früheren Rechte gelangte. Dasselbe musste jedoch 
einen Teil der Güter, den der Herzog verpfändet hatte, selbst wieder einlösen 
und einen Beitrag zu der Erziehung der „jungen Herrschaft“ leisten 1 2 * ). 

Der endliche Ausgleich des Herzogs mit der Stadt Lüneburg erfolgte erst viel 
später. Erst im Jahre 1563 gelang es den Bemühungen Klammere und des Abtes von 
St Michaelis, Eberhard von Holle (Herbord war im Jahre 1555 gestorben), den 
Streit, welcher nun fast 40 Jahre lang gedauert hatte, zu schlichten, ln dem 
Vertrage wurde in betreff der Kirchengüter im ganzen der Status quo bestätigt. 
So behält der Herzog die eingezogenen Güter von Heiligenthal ausserhalb, der 
Rat die innerhalb der Stadt. Die anderen Vertragspunkte gehören dem Gegen- 
stände unserer Darstellung nicht an’). 

Das Fürstentum und die Klöster seit der Ankunft des Urbanus Shegius. 

Es bleibt uns noch übrig einen Blick auf die weitere Entwicklung der re- 
ligiösen Verhältnisse des Fürstentums seit der Ankunft des Urbanus Rhegius 
zu werfen'). 

Früher haben wir bereits erwähnt, dass der Herzog in der Mitte des 
Jahres 1531 an die Domherren von Bardo wik die Forderung stellte, ihre Kirchen- 
geräte bis auf vier Kelche abzugeben. Dieselbe ist keine vereinzelte. Bei allen 
Kirchen, über welche der Herzog das Patronat von vornherein besass oder an 
sich genommen hatte, liess er im Jahre 1531 die Kleinodien aufschreiben und 
einziehen, nur die zum Gebrauche nötigen liess man denselben 4 ). An der Spitze 
der Commission, welche durch den Herzog beauftragt war, dies vorzunehmen, stand 


1) Vgl. Havemann a. a. O. p. 464. 

2) Vgl. Havemann p. 478 f. 

8) Für diese Verhältnisse wnrden beson- 

ders folgende Aktenfascikeln des H. St. A. be- 
nutzt: Des. 49, Reformation der Stifte und 
Klöster 1; Des. 49, 8; Des. 49, Ebstorf 2; 
Des. 48, 6; Des. 48, Kirchen- und Pfarr- 


sachen 2. Die Schriftstücke waren meist im Ori- 
ginal oder im Concept vorhanden. 

4) Betreffs Schwanns tädt findet sich die 
Bitte: der Herzog möge gestatten, aus mehreren 
Kelchen einen zu machen, da einer für das 
viele Volk nicht genüge. 


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206 


der fürstliche Rentmeister Simon Qoppener; ausser ihm waren noch vier Männer 
thätig, deren jeder einen bestimmten Bezirk unter sich hatte. 

Dass bei dieser Massregel eine Anregung des Urbanus Rhegius anzunehmen 
ist, möchte ich sehr bezweifeln ; viel mehr, so scheint es mir, sind dabei finanzielle 
Gesichtspunkte als religiöse massgebend gewesen. Nur ein Nebenzweck war es, 
alles zu beseitigen, was noch an das Papsttum erinnern konnte ; der Hauptzweck 
war jedenfalls der, Geld durch diese Massregel zu erlangen. Der Wert der Ge- 
räte wird manchmal, namentlich in den Klosterkirchen, denn auch diesen wurden 
die Kleinode genommen 1 2 3 ), nicht gering gewesen sein. Zahlte doch im Jahre 
1532 der Rat von Lüneburg, der dem Vorgehen des Herzogs nachgefolgt zu 
sein scheint, für 10 Kleinode: Crucifixe, Monstranzen u. dgL 5750 Mark*). Dass 
es gerade auf den Metallwert der Kostbarkeiten den herzoglichen Beamten an- 
kam, zeigen einzelne Zusätze in den Registern. In den kleineren Städten, wie 
z. B. in Uelzen, behielt der Rat nur ein beschränktes Verfügungsrecht über die 
Kirchenklcinode : nicht ohne Genehmigung des Herzogs durften dieselben ver- 
kauft werden. Schon früher, im Jahre 1527, als Uelzen zum 16. Pfennig 400 
Gulden beisteuern sollte, hatte der Rat mit herzoglicher Bewilligung zwei sil- 
berne Bilder (Maria und Johannes), die eine Elle hoch waren, nebst Monstranzen, 
Ampullen u. dgL zu Gelde gemacht, um die Steuer zahlen zu können*), und der 
„Viehschatz“ von 1535 wurde zum grössten Teil vom Rate zu Uelzen mit den 
Kleinodien der dortigen Kirche bezahlt 4 ). 

Es entsprach ganz den Ansichten des Herzogs, wenn er jetzt auch eine 
fortlaufende Rechnungsablage über das Kirchenvermögen in seinen Kirchen for- 
derte. Dieselbe geschah, wie die vorhandenen Rechnungen beweisen, von 1531 
an alle drei Jahre. Die Juraten oder Kirchengeschworenen, welche die Rech- 
nung zu führen hatten, mussten vor dem herzoglichen Rentmeister in Celle 
Rechenschaft ablegen ; für ihre Bemühungen erhielten sie gewöhnlich je einen 
Gulden ; den Überschuss zog der Rentmeister ein. Man scheint dabei stets mit 


1) Walsrode gab Palmarum 1532 folgende 
Gegenstände an den herzoglichen Rentmeister 
ab : 1 grosses vergoldetes Kreuz, 1 vergoldetes 
Sacramentshaus, 2 silberne Ampullen, 2 kleine 
silberne Kreuze, 5 Kelche nebst Patenen u. a. 
Vgl. Urkundenbuch von Walsrode Nr. 375. 

2) Uhlhorn a. a. 0. p. 192. 

3) Schilling, historischer Grundriss der Stadt 


Uelsen p. 68. 

4) Schreiben von Bürgermeister und Rat 
von Uelzen an die Statthalter und Räte zu 
Celle , Dienstag nach Assumptionis Mariae 
1548. (Des. 47, 2). Hämmenstädt berichtet 
zum Jahre 1528, dass der Herzog viele Klei- 
nodien bekommen hätte, womit sonst nichts an- 
zufangen gewesen sei 


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207 


Milde vorgegangen zu sein; wo gerade die Not der Kirche es erforderte, da 
wurde ein Zuschass und eine Unterstützung gewährt 1 2 * * ). 

Mag man es bedauern, dass so manches alte Stück von vielleicht künstle- 
rischem Werte in jener Zeit seinen Weg in die Münze gefunden hat, so kann 
man die Massregel selbst, bei der schweren Not des Fürstentums, als eine durch- 
aus richtige und gute bezeichnen. Das Land wurde von dieser Einziehung der 
Kleinode nicht bedrückt, und einer augenblicklichen Not des Fürstentums wurde 
gesteuert Allerdings hätte ja wohl rechtlich der Ertrag aus dem Verkauf dieser 
Schätze den betreffenden Kirchen verbleiben müssen. Dass der Herzog denselben 
für sich in Anspruch nahm, zeigt eben, dass hauptsächlich finanzielle Momente 
bei der ganzen Angelegenheit in Betracht kamen. Dass diese Gegenstände, 
welche durch die inzwischen völlig durchgeführte Reformation und die Umge- 
staltung des Gottesdienstes unbrauchbar geworden waren, überhaupt verkauft 
wurden, das war jedenfalls auch aus anderem Grunde sehr vernünftig. Denn 
dieselben konnten höchstens dazu dienen, im Volke abergläubische Gedanken zu 
nähren. Dem Aberglauben neigte ja das Landvolk in jener Zeit stark zu; 
muss es doch fast in allen Kirchenordnungen strenge geboten werden, das Tauf- 
wasser sofort nach der Taufe wegzuschütten, damit man es nicht zu irgend 
welchen abergläubischen Handlungen verwende. 

Als Rhegius Ende Juni 1531 von Lüneburg nach Celle zurückkehrte und 
dort das Amt eines Landessuperintendenten übernahm, war die Reformation im 
Lande selbst durchgeführt. Nur die Klöster, mit Ausnahme von Oldenstadt und 
Scharnebeck, widerstrebten noch. 

In den beiden letzteren Klöstern waren, wie gesagt, die Mönche zum grossen 
Teil zurückgeblieben, jetzt gelang es — vielleicht dem Einflüsse des Rhegius *) — 
die meisten von ihnen zu bewegen, dem Klosterleben völlig zu entsagen. 

Es wird uns von katholischer Seite berichtet, der herzogliche Verwalter 
habe die zurückgebliebenen Mönche in Oldenstadt hart behandelt, ihnen das 
ihnen zukommende Bier entzogen und am Brennholz zu sparen gesucht 8 ). 


1) Die Register und Rechnungen befinden 
sich im H. St. A. 

2) Gerade in diese Zeit, in welcher die 

Klöster völlig aufgelöst wurden, fRllt auch eine 

Visitation der Frauenklöster durch Rhegius, so 


dass man dies damit vielleicht in Verbindung 
bringen könnte. 

3) Chronicon Bothonis bei Leibniz, Ss. rer. 
Bruns wie. II, 365. 


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208 


Aber nicht das wird der Grund gewesen sein, weshalb die Mönche das Kloster 
verliessen. Je mehr sich dieselben von dem Katholicismns abwandten, um so 
mehr mussten sie auch erkennen, dass nicht das Klosterleben das Richtige sei 
Im October 1531 wiederholten Abt und Convent des Klosters Oldenstadt (es sind 
im ganzen noch neun Personen) ihren früheren Verzicht auf die Güter des Klo- 
sters und erklärten alle ihre früheren Privilegien, sowie die Urkunden, welche 
Tzarstede dem Kloster entfremdet hatte, für erloschen. Der Herzog bestätigt 
ebenfalls seine früheren Verfügungen, wonach er dem Abte und Convente lebens- 
länglichen Unterhalt versprochen hatte 1 ). 

Auch in Scharnebeck waren die meisten der Conventualen zurückgeblieben, 
der Abt Ratbrock dagegen hatte sich, wie bemerkt, nach Lüneburg begeben. 
Für die Mönche wurden jetzt die früheren Versprechungen des Herzogs wieder- 
holt, und genauer die Lieferungen präcisiert. welche der herzogliche Verwalter 
ihnen zu geben hatte 2 * * ); aber die Mönche, welche jetzt noch im Kloster znrück- 
blieben, sind von nun an nur noch Privatleute, sie haben keinerlei Ansprüche 
weiter an das Kloster zu machen. Mehrere, welche sich dazu eigneten, wurden 
von dem Herzoge nach Bardowik geschickt und dort in die gerade erledigten 
Präbenden und Vicarien eingesetzt. Damit erlosch ganz oder teilweise die Ver- 
pflichtung des herzoglichen Klosterverwalters, sie noch fernerhin zu versorgen. 
Sie werden jedoch, um einen Haushalt beginnen zu können, vom Herzoge noch 
ganz besonders ausgestattet, sie erhalten zwei Schweine, zwei Kühe, Roggen und 
10 Mark bares Geld. Allen denen, die in den Dienst des Herzogs traten, sei 
es als Pfarrer, oder als Verwalter von Klosterhöfen, als Küster u. dgl., wurden 
in besonderen Urkunden diese Zusicherungen wiederholt 8 ). Von den 20 Kloster- 
personen, welche im Jahre 1529 (den Abt mitgerechnet) im Kloster gewesen 


1) Drei Urkunden vom Sonnabend nach 
Dionysii (14. Octob.) 1531. In der einen wie- 
derholt und erweitert der Herzog die Lieferun- 
gen für den Abt. Dem Convente wird nur 
ganz allgemein Unterhalt für Lebenszeit ver- 
sprochen. Von demselben Datum ist auch die 
Urkunde, welche Abt und Convent dem Her- 
zoge ausstellten. 

2) Sie erhalten Kleidung, Kost, Wohnung 

im Kloster und jährlich 4 Gulden. Urkunde 

Ernste, Scharnebeck, Dienstag (s. d.). Dass 


diese Urkunde nicht bereits in das Jahr 1529 
zu setzen ist, ergiebt sich unzweifelhaft aus eini- 
gen Bemerkungen derselben. 

3) Es sind etwa 8 Urkunden in Copien vWi 
Montag nach Undecim milia Virginum (23. Oc- 
tober) 1531. Die Namen der Conventualen 
giebt ein bei den Akten liegender Zettel. Einer 
der Conventualen wird Pfarrer zu Handorf, ein 
anderer bleibt noch auf drei Jahre Verwalter 
des Klosterhofes zu Benderstedt , ein dritter 
Küster zu Handorf. 


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209 


waren, blieben jetzt noch neun dort zurück, und auch von diesen verliessen 
einige dasselbe in den nächsten Jahren, um in den Dienst des Herzogs zu treten l 2 * ). 
Im Jahre 1535 trat eine Änderung in der Verwaltung des Klosters ein: es 
wurde verpachtet oder verpfändet , und daher wurden die wenigen alten 
Leute, welche dort noch wohnten, von dem Herzoge anderweitig versorgt Sie 
erhielten ihre Lieferungen von jetzt an aus den Einkünften des Klosters Lüne, 
und von dort aus sollen auch die 14 Prövener und armen Leute des Klosters 
Scharnebeck unterhalten werden*). Auch dem ehemaligen Abte wurde jetzt eine 
neue Urkunde ausgestellt, in welcher festgesetzt wurde, dass seine Pension von 
jetzt an durch den Verwalter von Lüne ihm ausgezahlt werden solle*). 

Die austretenden Mönche von Oldenstadt wird der Herzog in ähnlicher 
Weise versorgt haben. Der Abt blieb Zeit seines Lebens im Kloster und 
wohnte in dem ehemaligen Krankenhause, auch einige Ordensleute blieben für 
immer in Oldenstadt 4 '. Im Jahre 1535, so scheint es, wurde hier ebenfalls eine 
Veränderung vorgenommen. Zwar finden wir nur eine Urkunde aus dem Jahre 
1535, in welcher der Herzog einen früheren Angehörigen des Klosters versorgt*), 
aber es wurde in diesem Jahre der grösste Teil der Klosterbibliothek nach 
Uelzen geschafft und dem Propste dort zur Verwahrung übergeben. Das Ver- 
zeichnis derselben ist uns erhalten. Der Abt durfte nach seinem Belieben für 
seinen Gebrauch Bücher zurückbehalten. Er hatte eine Vorliebe für historische 
Werke; unter seinen Büchern finden wir Sallust, Sueton, Caesar und Plutarch; 
Eusebius, Einhard, Sigeberts Chronik, Otto von Freising, Schriften des Aeneaa 
Silvius, des Johann Trithemius, Gersons Werke, die Orationes Ulrichs von 


1) Am Tage Simonis und Judae 1582 wird 
Johann Rademaker Küster in Netze, und am 
Tage Antonii 1583 der ehemalige Portarius des 
Klosters Prädicant zu Scharnebeck. 

2) Die hierauf bezüglichen Urkunden des 
Herzogs sind vom Sonntage Palmarum 1535. 
Jeder der Prövener des Klosters erhält vom 

Herzoge 1 4 Mark und 1 x jt Wichhimpten Roggen 
jährlich , ausserdem Kleider und Schuhe ; ihr 
Haus nebst Garten behalten sie, mit Holz soll 

sie der neue Herr des Klosters, Dietrich von 
Elten, versorgen. Von demselben Datum sind 
auch die Urkunden des Herzogs für die letzten 
im Kloster sich noch aufhaltenden Mönche. 
Schon am Freitag nach Oculi hatten dieselben 


noch einmal auf alle Ansprüche an das Kloster 
verzichtet. 

8) Die Urkunde des Herzogs für Heinrich 
Ratbrock ist undatiert , aber auch wohl vom 
Sonntage Palmarum 1535. 

4) Abbas mansit in suo claustro degens in 
infirmatorio cum una famula eum procurante 
usque ad mortem. Aliqui de monachis manse- 
runt ibidem induti laicis vestibus , et aliqui 
abierunt retro et post sathanum. (Tagebuch 
von Lüne bei dem Bericht von 1629.) 

5) Urkunde des Herzogs, Freitag nach Trium 
Regum 1535, für Hermann Lucmann. Aus der- 
selben geht hervor, dass sich noch etliche der 
früheren Mönche im Kloster befanden. 

27 


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210 


Hutten u. dgl. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre in stiller Beschaulich- 
keit Der Herzog hatte ihm mehr gegeben, als er brauchte, er konnte von 
seinem Überflüsse noch den Armen Wohlthaten erweisen. Bei seinem Tode hin- 
terliess er, so wird uns berichtet, kaum 24 Thaler, alles übrige hatte er den 
Armen gegeben; niemanden, der hülflos und hülfsbedürftig war, liess er ohne 
Gabe von sich ziehen. Er starb am 9. November 1541, hochbetagt, betrauert 
von allen, die ihn gekannt hatten. Ein Mann wie wenige rein und edel, schlicht 
und fromm. — Im Jahre 1545 wurde der Rest der Bücher des Abtes und der 
andern Brüder, sowie auch die Chorbücher nach Uelzen gebracht. Es scheint 
damals keiner der früheren Mönche mehr im Kloster gewesen zu sein 1 ). 

Der völlige Ausgleich mit diesen beiden Klöstern hatte dem Herzoge keine 
grosse Schwierigkeiten gemacht; schwerer und heftiger war der Kampf, den er 
mit den Frauenklöstern zu führen hatte. 

Alle Befehle und Ermahnungen hatten nichts genützt, man verwarf die An- 
nahme des „Ratschlages zu Notdurft der Klöster“, welcher, wie wir sahen, im 
Anfänge des Jahres 1530 den Conventen der Frauenklöster zugesandt wor- 
den war. 

Als nun Rhegius Superintendent des Fürstentums geworden war, da unter- 
nahm er im Aufträge des Herzogs eine Visitation der Frauenklöster und richtete 
dahei sein Augenmerk besonders auf die Beichtväter der Nonnen, wie das der 
Ratschlag ja auch forderte. Die Prüfungen derselben fanden zum Teil in Ge- 
genwart des Herzogs statt. — Auch der Beichtvater der Nonnen von Lüne war 
auf den 9. September 1531 zur Prüfung nach Ebstorf beschieden, die Nonnen 
beteten inzwischen für ihn sieben Paternoster. Der Kanzler und Rhegius prüf- 
ten denselben. Man fragte ihn nach der Absolutionsformel und nach der RegeL 
Als dann Herr Dietmarus Spitzbart, so erzählt eine Lüner Nonne, antwortete, 
die Regel sei auf dem Evangelium gegründet, da nahm man dies Wort zum 
Vorwand und befahl ihm, binnen drei Tagen den Klosterhof zu verlassen. Die 
Lüner Nonnen versorgten ihn; sie gestatteten ihm in ihrem Hause in Lüneburg 
zu wohnen und traktierten ihn auch, wenn er gelegentlich einmal wieder in das 
Kloster kam, mit einem Glase Malvasier*). 


1) Die Nachrichten finden sich in dem Ver- j Wemaring in Uelzen. 


zeichnis der Bücher von Oldenstadt (abgedruckt 
in der Zts. des hist. Vereins für Niedersachsen 
1856, p. 122 ff.), sie sind von dem Propste 


2) Vgl. die Berichte Über die Beformation 
in Lüne von 1629 und Hannov. Magazin 1821, 
p. 410 f. 


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211 


Das traurige Ergebnis dieser Visitation veranlasste ßhegius noch im Ok- 
tober 1531 za der Schrift: „Eine wunderbarliche , ungeheure Absolution der 
Klosterfrauen im Fürstentume Lüneburg“ 1 ). 

Keiner der Beichtväter, von denen zwei über 70 Jahre alt waren, kannte, 
so berichtet uns Rhegius, die Absolutionsformel, keiner wusste, was claves eo- 
clesiae wären. Endlich batten sie eine Absolutionsformel zusammengeflickt: 
„Das Leiden unsere Herren Jesu Christi, das Verdienst der herrlichen Jungfrau 
Maria und das Verdienst aller Heiligen, die Demütigkeit eurer Beichte, die 
Härtigkeit und Gehorsam eurer Regel, die guten Werke, die ihr gethan, und 
die Übel und Widerwärtigkeiten, die ihr erlitten habt, erledigen euch von der 
Sünde“. Das war die Absolutionsformel, welche die Klosterfrauen ihren Beicht- 
vätern vorschrieben. Alle diese sieben einzelnen Punkte werden von Rhegius 
in seiner Schrift besprochen, und der geistige Hochmut der Nonnen, die sich auf 
die Demütigkeit ihrer Beichte absolvieren lassen, scharf gegeisselt Warum ab- 
solviert man nicht auch Reiter und Landsknechte auf ihren harten Orden? so 
fragt Rhegius. Und was die Widerwärtigkeiten anbetrifFt, die sie erduldet haben, 
so verweist er auf jenen Cardinal, der einmal gute Fische habe essen wollen 
und, als man ihm dann nur Salm vorsetzte, wehmütig ausrief: „0, quanta pati- 
mur pro regno dei!“ Sündenhäuser müsse man die Klöster nennen, denn vom 
Keller bis ans Dach steckten sie voll Sünde und Ungerechtigkeit Dann setzt 
er ihnen auseinander, was rechte christliche Busse sei und zeigt ihnen, dass sie 
nur durch Christum die Seligkeit erlangen könnten. 

Aber diese Schrift half wenig; der Widerstand der Klöster, selbst gegen 

das Anhören der Predigt, dauerte fort Dies wenigstens zu fordern, dazu hielt 

» 

sich der Herzog für berechtigt und auch für verpflichtet; wir kennen seine An- 
sichten über diesen Punkt bereits, und Rhegius stimmte auch hierin, wie in so 
vielen Punkten, mit seinem Fürsten völlig überein. 

Besonders waren es, wie wir das schon hervorhoben, die drei Klöster der 
Verdener Diöcese: Lüne, Medingen und Ebstorf, welche den Wideretand am 
längsten und hartnäckigsten durchgeführt haben. Auch die anderen Frauen- 
klöster widerstrebten heftig, und es ist z. B. eine ganz falsche Ansicht, dass Wals- 
rode schon etwa im Jahre 1530 die Reformation angenommen habe. Aber der 

1) Deutsche Schriften TV, 83, gewidmet den I Matthaei, datiert Celle, Simonie und Jndae (28. 
Predigern in Celle, Valentin Th am und Johann | October) 1531. 

27* 


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212 


Widerstand der Klöster der Hildesheimer und Mindener Diöcese ist nicht so gut 
organisiert, als der in der Verdener Diöcese gelegenen, welche durch den Erz- 
bischof Christoph oder durch Augustin von (Jetelen Belehrung und Ermutigung 
erhielten. 

Im Februar und März des Jahres 1533 besuchte Herzog Ernst abermals 
verschiedene Klöster des Fürstentums; am 15. Februar war er in Lüne, wo er 
jedoch nichts ausrichtete. Die Nonneu verweigerten die Annahme der lutheri- 
schen Schriften, welche der Herzog ihnen mitgebracht hatte 1 ). 

In Isenhagen dagegen, wo wir ihn am 9. März finden, hatte seine An- 
wesenheit besseren Erfolg. In Gegenwart seines Prädicanten, den er mitgebracht 
hatte, fragte der Herzog, ob es wahr sei, dass etliche im Kloster das Abendmahl 
auf lutherische Weise zu feiern wünschten. Da trat „kindlich und dreist, un- 
gefordert und ohne Erlaubnis“ die jugendliche Anna von Knesebeck vor und 
bekannte, „dass sie solches von Herzen zu thun begehrte“. Ihrem Beispiele 
folgten noch fünf andere Bewohnerinnen des Klosters, drei Puellen und zwei Con- 
versen. Der Fürst war hocherfreut über diese erste lutherische Regung in dem 
Kloster und gab dem Convente den strengen Befehl, diese lutherisch Gesinnten 
in keiner Weise zu hindern und zu schädigen 2 ). — Das war aber nur eine ein- 
zig dastehende Erscheinung, und der Convent blieb bei seinem Widerstande. 
Noch immer stand derselbe in steter Verbindung mit dem abgesetzten Propste 
Burdian in Braunschweig, welcher die Nonnen wohl in ihrer Trübsal getröstet 
und sie zum freudigen Ausharren in der allein seligmachenden Religion gestärkt 
haben wird. Augenblicklich arbeitete man daran, mit möglichster Schnelligkeit 
dem Propste eine dem Kloster zuständige Vicarie in Steimke zu übertragen, da- 
mit dieselbe nicht „wegen der lutherischen Sekte vernichtet werde“. 

Verschiedene Schreiben ergingen an Lüne und die anderen Klöster, in 
denen der Herzog sie zur Abschaffung der Misbräuche aufforderte und ihnen 
nochmals befahl, sich nach der ihnen übersandten Ordnung zu halten und das 
Sacrament unter beiderlei Gestalt zu feiern*). Die katholischen Beichtväter 

1) Hannoversches Magazin 1821, p. 412. 1 an Lüne (Des. 49, 1 und Verz. d. Manuscripte 

2) Memorials des Klosters Isenhagen (abge- j J. 76). Auf das letztere derselben bezieht sich 

druckt in der Zts. des hist. Ver. für Nieder- | wohl die Bemerkung im Hannov. Magaz. (p. 410), 
Sachsen, 1867), verfasst von einer damals leben- i dass 1582 ein Schreiben an das Kloster, von Ur- 
den Nonne. i banus Khegius verfasst, ergangen sei. 

3) Zwei undatierte Schreiben des Herzogs j 


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waren, wie es scheint, schon nach jener Visitation durch lihegius den Klöstern 
genommen. 

Anch an Ebstorf schrieb der Herzog und übersandte den Nonnen zu- 
gleich noch einmal den „Ratschlag". Er könne nicht länger mehr zulassen, 
dass sie ohne alle christliche Religion mit Verachtung des göttlichen Wortes 
und der Predigt des Evaugeüi zur Beschwerung der Seligkeit und dem Nächsten 
ein Ärgernis, wie das nun jetzt seit etlichen Jahren der Fall sei, in ihrer Her- 
zens Härtigkeit beharrten. Darum sei seine ernstliche Meinung gewesen, dass 
sie wöchentlich dreimal den Prediger anhören sollten. Aber sie hätten nicht 
einmal den „Ratschlag" angenommen, viel weniger sich daran gehalten, sondern 
alles in den Wind geschlagen. Jetzt wolle er ihnen abermals einen Prediger 
schicken, der dreimal wöchentlich in ihrer aller Gegenwart auf dem Chore pre- 
digen solle. Würden sie seinem Befehle nicht folgen, Gottes Wort nicht hören 
und das Sacrament nicht richtig feiern, so sollten sie spüren, dass ihm, dem Her- 
zoge, Gottes Wort und seine Seligkeit mehr am Herzen lägen, als die Rücksicht 
auf sie. Nicht länger werde er sie bei ihrem unchristlichen und unleidlichen 
Vorhaben und ihrer Verachtung alles christlichen Verstandes dulden 1 ). — Als 
keine Antwort erfolgte, wiederholte der Herzog seinen Befehl noch einmal kurz 
und drohend*). 

Auch den andern Klöstern müssen ähnliche Schreiben zugegangen sein. 
Von Ebstorf lief eine Antwort ein , die , wie Rhegius gewiss mit Recht meint, 
nicht in Ebstorf selbst entstanden war. Wenn sie gemerkt hätten, so schreiben 
die Nonnen, dass in den zugeschickten Artikeln nur göttliche Lehre ent- 
halten sei, so würden sie sich nicht geweigert haben, dieselben anzunehmen. 
Nun aber wüssten sie, dass ausserhalb der Kirche kein Heil sei; die Kirche 
aber sei die, welche von der Apostel Zeit bis heute gedauert habe und noch 
dauere. Von dieser sich zu trennen, dafür sei für sie gar kein Grund vor- 
handen, sie könnten es ihrer Seligkeit wegen nicht. Es wolle ihnen, als in 
solchen Sachen nicht gelehrten Frauensbildern, nicht geziemen, gegen den über- 
sandten Druck zu kämpfen, das überliessen sie der Kirche und ihren Häuptern. 
Es sei aber nicht nur gegen die Sitte der Kirche, sondern auch gegen die jung- 

1) Herzog Ernst an Ebstorf, Celle, am j 2) Herzog Ernst an Ebstorf, Celle, Frei- 
Sonnabend nach Jacobi (26. Joli) 1538. (Con- 1 tags Assompt Mariae (15. August) 1533. 
cept.) | 


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frauliche Klosterzucht, dass der Herzog einen gottseligen, gelehrten Prädicanten 
schicken wolle; daraus werde manche Unbequemlichkeit und Verführung der 
Seelen entspringen, und sie hofften, der Herzog werde sich noch anders besin- 
nen. Der Prädicant solle Glottes Wort rein und ohne Zusatz predigen, aber 
man kenne das aus eigner und anderer Erfahrung. Diese Art Leute hielten 
weder auf jungfräuliche Ehre, Zucht und Redlichkeit, noch trügen sie derselben 
Rechnung. Vor ihnen, den unschuldigen Kindern, breiteten sie manches aus, was 
besser ungesagt bliebe. Was man denn von Männern erwarten solle, welche 
die höchste Obrigkeit lästerten und darauf hinarbeiteten, den Stand der Kloster- 
jungfrauen ganz zu vernichten, der doch in der Schrift und der Väter Lehre gut 
begründet sei Darum möge man sie sowohl mit dem Prädicanten, als auch mit 
allem andern verschonen 1 ). 

Diese Antwort wurde an Rhegius nach Lüneburg gesandt, sie hatte den 
Herzog heftig erregt Er merke wohl, erwiderte Rhegius dem Kanzler, dass 
die Nonnen im Fürstentume sich verbänden, dem Evangelio keine Statt zu gebea 
„Eine geschwinde Vorbedeutung“ sei es, dass die von Ebstorf und nicht die von 
Lüne geantwortet hätten, das sei geschehen, damit man den heimlichen Anschlag 
weniger merke. Unmöglich könnten die Nonnen etwas derartiges selbst verfasst 
haben, denn der Schreiber habe viele Ränke und heimliche Griffe und Stiche ge- 
braucht Auch die Mönche von St Michaelis beriefen sich zur Bestätigung des Klo- 
sterlebens auf die Gelehrten, er vermute, es werde „vielleicht ein Dichter sein (doch 
ohne Geist) bei der Verantwortung der Mönche und Nonnen“. Die Nonnen wider- 
riefen alle ihre Lehre und Regel und eigne Absolution, wenn sie sagten, öaim 
sie allein durch Christus selig zu werden hofften. Ihre Antwort stelle den 
Fürsten ausserhalb der Kirche, als einen Ketzer hin, die Ehre der Prädicanten 
werde angegriffen, diese mögen sich Verteidigern Zwei Entgegnungen möge man 
auf den Brief der Nonnen verfertigen; wer aber antwortet, der muss vorsichtig sein 
und dem bösen Geiste auf alle heimlichen Griffe klare Antwort geben: 1) Der 
Herzog soll den Nonnen eine kurze Erwiderung zukommen lassen, dass solche 
spitzige Antwort, die weit von der Wahrheit abwiche, ihnen nicht gezieme, er 
brauche nicht von Priorinnen und Äbtissinnen belehrt zu werden. 2) Die Prä- 


I) Elisabeth Priorissa und Convent von , martyris ( 18 . August) 1588 . 
Ebstorf an Hersog Ernst, am Tage Agapeti j 


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dicanten sollen ans der Schrift, den Historien und alten Lehrern die Behaup- 
tungen der Nonnen widerlegen, dazu will auch Rhegius sein Bestes thun 1 2 ). 

Für die Antwort des Fürsten gab Rhegius ausserdem eine Reihe von Ge- 
sichtspunkten und Bemerkungen, welche Förster, der die Entgegnung verfasst 
hat, zum Teil wörtlich in dieselbe aufgenommen hat*). 

Er geht darin auf die Einwände der Nonnen ein. Auch der Herzog 
kenne nur eine Kirche, welche von den Aposteln auf Christum gegründet worden 
sei; aber die Lehre derselben sei verderbt gewesen. Freilich lobe Paulns den 

jungfräulichen Stand, aber es solle kein Zwang dabei herrschen, auch könne das 

Klosterleben nicht aus den alten Lehrern bewiesen werden. Man habe die Irr- 
tümer erkannt und wolle ihnen das Evangelium in apostolischem Sinne predigen 
lassen, rechtschaffen und Gott angenehm und nicht gegen Zucht und gute Sitte; 
dagegen hätten sie sich gesträubt. Weil aber der Fürst durch kaiserliches und 
göttliches Recht Macht und Gewalt habe, sie zum Anhören des Wortes Gottes 
zu zwingen, so ermahne er sie nochmals sich zu fügen, damit er nicht schärfer 
gegen sie vorzugehen brauche. Dem Prediger habe er befohlen, alles in seiner 
Predigt zu meiden, was Anstoss erregen könne; thue er das nicht, so solle er 
bestraft werden. 

Die Prädicanten hatten inzwischen eine längere Schrift verfasst, welche 

Rhegius vorgelegt und von diesem noch verbessert wurde. Es ist das die 

„Warnung des hochgeborenen Fürsten und Herrn Ernsts, Herzogs zu Braun- 
schweig und Lüneburg au alle Frauenklöster seines Fürstentums, dass sie das 
heilige Evangelium zu hören sich nicht weigern“*). 

Bislang — so lassen die Prädicanten den Herzog schreiben — hätten ihm 
die Klöster in seinem Vorhaben widerstrebt, er glaube aber seinem Amte schuldig 
zu sein, alles, was möglich sei, zu versuchen. Darum wolle er ihnen und ihren 
Glaubens- und Blutsverwandten jetzt gründliche Rechenschaft geben, damit sie 


1) Rhegius an Förster, Lüneburg, am 27. 
August 1533. Dabei liegt ein Zettel, welcher 
die Vorschläge in betreff der beiden Antworten 
enthält. 

2) Mir lag nur das undatierte Concept der 
Antwort in der Handschrift Försters vor. 

8) Ich halte diese Schrift um so mehr für 
die von Rhegius geforderte Antwort der Prä- 
dicanten, als mir ein Exemplar derselben vor- 


lag, welches mit eigenhändigemCoirecturen von 
Urbanus Rhegius versehen worden war. Die 
Schrift ist undatiert. Uhlhorn setzt sie in das 
Jahr 1533, aber etwa Ende Juli, vor jenen 
Brief der Nonnen von Ebstorf vom 18. August; 
während ich dieselbe, da sie erst auf Anregung 
des Briefes von Urbanus Rhegius (am 27. August 
1533) entstanden ist, frühstens Anfang September 
i ansetzen kann. 


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klar sähen, dass er nur das fordere, wozu er Fug und Recht habe, und worin 
ihn daher niemand hindern dürfe. 

Als die seligmachende Wahrheit des Evangeliums so klar erschienen sei, 
dass man habe erkennen können , in welcher Finsternis man bisher gewandelt^ 
da habe er geglaubt, nicht bloss seihst in der Gnade verharren, sondern 
auch die ihm Befohlenen dazu führen zu müssen. Zur christlichen Wahrheit 
aber könne man nur durch das göttliche Wort kommen: darum sei vor allen 
Dingen nötig, dass man das Evangelium höre, lauter, rein und einfältig, wie 
Christus und die Apostel dasselbe gepredigt hätten, und wie es jetzt zum Preise 
Gottes im ganzen Fürsten turne gepredigt werde. Wenn aber jemand aus Ver- 
stocktheit und Frevel seine Seligkeit verscherzen will, so darf der Fürst ihn 
wenigstens zum Anhören des Evangeliums zwingen. Die weltliche Obrigkeit 
kann keinen Glaubensartikel machen, die Leute aber zum wahren Glauben zu 
führen und die Verächter zu strafen — das erlauben die göttliche Schrift, das 
kaiserliche Recht und selbst die „ guten w Canones des geistlichen Rechts. Wenn 
jemand spricht, man solle keinen zum Glauben zwingen und nicht „fictos catho- 
licos“, Heuchler, machen, so muss man demselben antworten: Zum Glauben kann 
man allerdings niemanden zwingen, denn der Glaube ist ein freies Werk. Der 
heilige Geist giebt ihn durch das Anhören des göttlichen Wortes. Ein 
Vater kann seine Kinder züchtigen, warum soll der Fürst, der pater patriae, 
seine Unterthanen nicht wenigstens zwingen die reine Lehre anzuhören? Dass 
selbst das gezwungene Hören des göttlichen Wortes eine grosse Frucht bringe, 
das hat schon Augustin in seiner Schrift gegen die Donatisten bewiesen. Der 
Fürst handelt, wie er es verantworten kann, ohne Ansehen der Person. Er darf 
nicht dulden, dass die, welche aus Unwissenheit gegen Gottes Wort sich sträuben, 
in derselben gelassen werden. Dies mögen sich die Klosterpersonen zur War- 
nung gesagt sein lassen. Reich ausgestattet ist die Schrift mit Citaten ans der 
Bibel, aus Augustin und Gregorius Magnus. Die Edicte der Kaiser Marcian, 
Valentinian, Gratian und Constantin werden angeführt, so dass die Schrift einen 
durchaus gelehrten Charakter trägt und auch darin der Forderung des Rhegius 
völlig entspricht. 

Das Rundschreiben wurde den Klöstern zugeschickt, allein es half gar 
nichts. Sämtliche Klöster beharrten in ihrem Widerstande, und seihst per- 
sönliche Verhandlungen mit den herzoglichen Räten, die uns z. B. für Lüne be- 


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zeugt sind, führten zu keinem besseren Resultate. Da glaubte der Herzog end- 
lich zu schärferen Mitteln greifen zu müssen, seine Geduld war erschöpft Er 
gab deshalb Ende des Jahres 1533 seinen Verwaltern zu Ebstorf, Lüne, Me- 
dingen, Isenhagen, Wienhausen und Walsrode den Befehl, noch einmal die Con- 
vente aufzufordern, den Prädicanten wöchentlich vier Mal auf dem Chore predigen 
zu hören. Geschehe dies nicht, so sollen die Stricke von den Glocken abge- 
schnitten und die Klöppel aus denselben genommen werden. Sobald der Herzog 
andere Geschäfte erledigt habe, werde er Ernst damit machen nnd die Nonnen 
zum Anhören der Predigt zwingen 1 ). 

In Medingen forderte der Hauptmann Thomas von Görden von den Nonnen, 
den lutherischen Prädicanten entweder auf dem Chore predigen zu lassen, oder 
ihm eine Kanzel zu bauen, die so hoch sei, dass er den Jungfrauenchor übersehen 
könne. Dessen weigerte man sich entschieden, und so kam der Befehl des Herzogs 
in betreff der Glocken zur Ausführung ; derselbe wurde auch nicht aufgehoben, als 
der Convent sich deshalb an den Herzog wandte und demütig bat, sie bei ihrem 
Glauben und Stande zu lassen und sie nicht irre zu führen. Sie versprachen 
sogar den Prediger anzuhören und niemanden zu hindern dies zu thun, nur sollte 
derselbe an seiner bisherigen Stelle bleiben*). 

Die Antwort des Herzogs, die wohl zum Teil aus der Feder des Rhegius 
geflossen ist, zeigt nochmals scharf den Standpunkt des Fürsten. Zur Anhörung 
des Wortes Gottes werde er sie zwingen, aber nur dies und die Feier des Abend- 
mahls unter beiderlei Gestalt fordere er von ihnen, er wolle sie dagegen hei 
ihren Statuten, ihrer Regel und ihrem Orden lassen, obwohl sich auch dagegen 
vieles anfuhren Hesse*). 

Das Schreiben ist im wesentlichen theologisch gehalten und geht noch be- 
sonders anf die Klage der Nonnen ein, dass sie der Messe beraubt seien. Sie 
sollten das Sacrament recht feiern, dann würde ihnen weder jetzt noch jemals 
die Messe fehlen. 

Da Widerstand der Nonnen wurde dadurch nicht gebrochen; sie wurden 


1) Das Schreiben ist gedruckt bei Lyss- 
mann a. a. 0. p. 142, d. d. Celle, Donnerstag 
nach Ludae (18. December) 1533; dass es an 
alle Fraucnklöster gerichtet wurde, beweist die 
Adresse des im H. St. A. vorhandenen Conoepts. 


2) Der Convent von Medingen an den Her- 
sog, am Tage Silvestri 1534 (31. December 
1533). 

3) Der Herzog an Medingen, Celle am Mon- 
tage nach Eesnzdseere (2. März) 1534. 

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um so hartnäckiger, je mehr sie sich als Märtyrer ihres Glaubens fühlten. 
Mit Gewalt ging der herzogliche Hauptmann in Medingen gegen sie vor: am 
Klosterhofe liess er Thore und Pforten zerschlagen, in die Mauer des Jungfrauen- 
chors liess er ein grosses Loch brechen, durch welches der Prädicant predigen 
musste 1 ). Dafür machte man ihm aber auch das Lehen so sauer, dass er schon 
1535 seinen Abschied nahm. 

Isenhagen nimmt durch den erwähnten Übertritt mehrerer Nonnen zum 
Luthertume eine Ausnahmestellung unter den Klöstern ein. Ernst beschäftigt 
sich mit diesem Kloster ganz besonders, seine Strenge gegen den Convent ist 
grösser als in anderen Klöstern, welche noch vollständig katholisch waren. 
Als er nach Ostern 1533 vom Convente in Isenhagen eine Summe von 700 
Gulden forderte, und man sich weigerte dieselbe zu geben, „da untersagte er“, 
wie uns eine Nonne berichtet, „Brot und Trank, Milch und Butter, Käse, Holz 
und alles, was uns von unserer Propstei zu Fuhrwerk gehört, so dass wir un- 
sere Conversen müssen aussenden und lassen bitten Freunde und Fremde zu 
Uelzen und Lüneburg um Brot und Trank. Das Holz müssen wir uns selbst 
durch Pfütze und Dreck Zusammentragen, waten und fällen auf unsern eignen 
Schaden. Sothane Gewalt und unerhört unchristlich Leidwesen trugen wir zehn 
Wochen; unsere Dienste waren uns ja so ungnädig als der Fürst samt der 
Bauerschaft“ *). 

Es musste ja jetzt durch die Verschiedenheit der Religion im Kloster not- 
wendig eine Lockerung der Klosterzucht herbeigeführt werden. Lutherische 
Schriften kamen in Menge nach dort, und die lutherischen Klosterpersonen 

kehrten sich nur noch wenig an die Befehle der Domina. Man benutzte sie 

gegen die andern, fragte sie fleissig, ob sie auch bedrückt würden und Not 
leiden müssten. Der Schreiber des Klosters, Heinrich Krege, war als Verwalter 
in den Dienst des Herzogs getreten, und auch über ihn wird wehklagend das 
Urteil gefällt: „0, du ungetreuer Knecht“. 

Der Befehl in betreff der Glocken erging auch wegen fortdauernden 

Widerstandes an Isenhagen. Als Krege in Gegenwart des Prädicanten dem 

Convente denselben mitteilte, antwortete man zunächst mit Scheltworten. Aber 

1) Lyssmann a. a. 0. p. 142. j Sachsen, 1867, p. 147. 

2) Zeitschrift des hist. Vereins für Nieder- j 


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am folgenden Tage erklärte man sich doch — wie in Medingen — zum An- 
hören der Predigt bereit, nur solle der Prädicant nicht auf dem Chore predigen. 
Die Stricke von den Glocken abzuschneiden, war nicht möglich, da man nur vom 
Kloster aus in den Turm gelangen konnte, und die Nonnen alles stets sehr 
sorgfältig verschlossen. 

Der Herzog war sehr wenig mit der Antwort der Nonnen, welche Krege 
ihm mitteilte, zufrieden. Gr drohte, aber das half nichts 1 ). Die lutherisch Ge- 
sinnten klagten über schlechte Behandlung von Seiten des Convents. Daher 
sandte Herzog Ernst am 21. April 1534 seinen Bruder Franz in Begleitung 
des Licentiaten Klammer an den Convent, und liess durch sie die Forderung 
stellen: den lutherischen Klosterpersonen zu gestatten, so oft sie wollten, das 
Abendmahl unter beiderlei Gestalt in der Klosterkirche zu feiern. Aber zu einer 
solchen Entweihung wollte man seine Einwilligung nicht geben. „Da sprach“, 
so berichtet unsere Nonne, „der Licentiat Klammer: er verstände es wohl in 
unsern Reden, wir wollten uns halten als die Papisten und nicht an die Wahr- 
heit, derohalben hätten wir Conscientiam Pharaonis“. Im Zorne schied mau von 
einander. 

Eine Zeit lang ruhten die Verhandlungen mit den Klöstern. 

Urbanus Rhegius hatte sich inzwischen des Landes eifrig angenommen. 
Er hatte dem Herzoge jetzt versprochen, Zeit seines Lebens bei ihm zu bleiben 
und hatte daher verschiedene günstige Anerbietungen, welche ihm von anderen 
Seiten gemacht worden waren, zurückgewiesen. 

Zu dem Herzoge und seinem ganzen Hause stand er in einem sehr engen 
Verhältnisse. 1535 widmete er den drei herzoglichen Brüdern das „Handbüch- 
lein eines christlichen Fürsten“, in welchem alle jene Sätze von dem christlichen 
Berufe eines Fürsten, der das Recht und die Pflicht hat, seine Unterthanen zum 
Worte Gottes zu führen, noch einmal auseinandergesetzt werden. Wir haben sie 
ja schon längst als Ernsts innerste Überzeugung kennen gelernt Der Schwester 
des Herzogs, jener Apollonia, die Ernst 1527 ziemlich gewaltsam aus dem 


1) Vgl. folgende Schreiben: Krege an den 
Hersog, Dienstag nach Thomae apostoli (28. De- 
cember) 1584 (das Jahr ist jedenfalls ver- 
schrieben , das Schreiben gehört , wie die Ant- 
wort des Hersogs seigt, noch in das Jahr 


1538). Der Hersog an Krege, Montag nach 
Trinm Begnm (12. Januar) 1534. Krege an 
den Hersog, Donnerstag nach Hilarii (15. Ja- 
nuar) 1584. 

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Kloster Wienhausen fortgenommen batte, widmete Rhegius eine seiner schönsten 
Schriften, den Dialog Christi mit den Jüngern von Emaus. 

Als Superintendent des Fürstentums hatte Rhegius die Prüfung und Ordi- 
nation der Geistlichem Viele Pfarrstellen des Landes waren noch unbesetzt 1 ); 
gute Prediger zu bekommen, darauf musste sein Hauptaugenmerk gerichtet sein. 
Der Entwurf einer Prüfung der Geistlichen ist uns erhalten und zeigt, dass es 
Rhegius sehr ernst damit nahm. Reinheit der Lehre und des Lebens fordert 
er vor allem; aber der Prediger muss auch geschickt sein zu lehren. Seine 
Lehre ist das Evangelium, daraus soll er zweierlei predigen: Busse und Verge- 
hung der Sünden. So soll er auch über diese beiden Punkte besonders geprüft 
werden, den Schluss soll dann eine Prüfung über die Sacramente bilden. Wird 
der Geprüfte durch den Superintendenten zum kirchlichen Amte zugelassen, so 
soll er zunächst noch eine Probe bestehen und dann dem „Senate“ präsentiert 
werden, welchem die Wahl der Geistlichen zusteht*). Dieser „Senatus ecclesia- 
sticus“, der auch sonst noch erwähnt wird 8 ), und welchem u.a. die Entscheidung 
in Ehesachen zustand, bezeichnet den ersten Ansatz zu dem späteren Consisto- 
rium. Über die Zusammensetzung desselben wissen wir nichts, über seine Com- 
petenzen nur das Wenige, was soeben angegeben worden ist. 

Eine ähnliche Stellung, wie jene Instruction des Herzogs für seine Prediger, 
nimmt eine Schrift des Rhegius ein, welche noch auf lange hinaus grossen Ein- 
fluss geübt und die Instruction völlig verdrängt hat. Es sind das die „Formulae 
quaedam caute et citra scandalum loquendi“. Man kann sie als eine Erweite- 
rung jener früher erwähnten herzoglichen Instruction bezeichnen, dieselben Ge- 
danken kehren in beiden wieder. Rhegius geht auf die einzelnen wichtigen 
Punkte der kirchlichen Lehre ein und giebt dann gewöhnlich am Schlüsse eines 
solchen Abschnittes eine kurze deutsche Zusammenfassung (während die Schrift 
sonst lateinisch geschrieben ist), wie man über den betreffenden Gegenstand in 
richtiger Weise, ohne Anstoss zu erregen, reden soll. Auch diese Schrift ist 
ganz in dem Geiste des Herzogs geschrieben und geht völlig auf die Gedanken 


1) Vgl. Uhlhorn p. 362 Anm. 6. 3) VgL Unschuldige Nachrichten, 1706, 

2) Vgl. Examen episcopi in dueatu Lüne- p. 362. 
bürg. Opp. latt. II, 46 ff. 


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— 221 — 

desselben ein ; auch sie ist schonend and milde, conservativ, so weit als möglich : 
jede Übertreibung nach der einen oder anderen Seite wird vermieden 1 ). 

Es ist hier nicht der Ort, auf die schriftstellerische Thätigkeit des Urbanus 
Rhegius überhaupt einzugehen, erwähnen wollen wir nur, dass derselbe bei seiner 
Sorge für die Pfarren auch die Sorge für die Schulen nicht vernachlässigte. Er 
schrieb mehrere Katechismen, von deneu er den einen den Söhnen Ernste, Franz, 
Otto und Friedrich widmete. Dieselben sind mehr für die höheren Schulen als 
für das Volk bestimmt 

Doch wir kehren zu den Bemühungen Ernsts um die Reformation der 
Klöster zurück. 

Von Urbanus Rhegius, Martin IJndermark und seinen weltlichen Räten be- 
gleitet finden wir den Herzog Mitte Juli 1535 abermals in Isenhagen. „Die 
Theologen thaten“, so heisst es in jenem erwähnten Tagebuche, „in einem halben 
Tage drei Sermonen, Martinus zwei, Urbanus eine in die dritte Stunde, der 
Kanzler auch eine Stunde, der Fürst selbst auch in grosser und harter Be- 
dräuung Leibes, Lebens und Gutes; denn er war ein gewaltig Mann und auch 
gewandt neues zu beweisen, und uns strafen konnte". 

Damit schliesst der eigentliche Bericht, und wir irren wohl nicht, wenn wir 
annehmen, dass auch die anfangs papistische Klosteijungfrau sich dem Neuen 
angeschlossen hat Sich selbst anklagend und entschuldigend schliesst sie ihr 
Tagebuch über die erduldeten Leiden. Die Mehrheit der Klosterbewohnerinnen 
scheint zum Luthertume übergetreten zu sein; noch nicht freilich die Äbtissin. 
Als im Jahre 1539 Herzog Franz mit Gifhorn auch Isenhagen bekam, liess er 
durch den von ihm eingesetzten neuen Hauptmann schärfere Massregeln gegen 
den Rest der noch katholischen Nonnen ergreifen. Das veranlasste im Jahre 
1540 die Äbtissin Margarethe von Boldessen, unter Mitnahme der wertvollsten 
Papiere nach Halberstadt in das Burchardskloster zu fliehen, mit ihr verliessen 
die Priorin Lucke von Gilten und Sillien von Mahrenholz das Kloster. An ihrer 
Stelle wurde die bereits gut lutherische Judith von Bülow Äbtissin, und die Re- 
formation des Klosters war damit vollendet Als die besser geordneten Verhält- 
nisse ihr Duldung versprachen, kehrte auch Margaretha von Boldessen im Jahre 


1) Die erste Ausgabe erschien Wittenberg | 1585. Gedruckt Opp. latt 1, 76 ff. 


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1554 nach Isenhagen zurück; sie starb dort dem katholischen Glauben treu bis 
zu ihrem Tode 1 2 ). 

Im Jahre 1537 oder 1538 gelang es dem Herzoge auch mit Walsrode 
einen Ausgleich herbeizuführen. Die bisherige katholische Domina Anna Behr 
legte ihr Amt nieder, und an ihre Stelle trat eine der bereits lutherischen Con- 
ventualinnen, Anna von Weige. Die Briefe und Siegel, welche man aus Furcht 
vor dem Herzoge ins Ausland gebracht hatte, sollen baldigst zurückgeholt und 
im Kloster in einer Kiste mit drei Schlössern verwahrt werden, zu welchen die 
alte Domina, die neue und die Küchenmeisterin je einen Schlüssel haben soll 
Verschiedene Bestimmungen werden getroffen, ähnlich denen, welche wir früher 
in den Männer -Klöstern kennen lernten, nur weniger umfangreich, durch welche 
der Herzog die in den Ruhestand tretende Äbtissin auf Lebenszeit versorgte*). 

Mit dem Kloster Lüne stand man eigentlich fortwährend in Verbindung. 
Immer aufs neue bemühte man sich, die Nonnen dem Luthertume zu gewinnen, 
aber immer erhielten der Herzog oder seiue Räte dieselbe Antwort : es sei gegen 
ihr Gewissen, den Forderungen nachzugeben. 1535 starb die Äbtissin Mathilde 
Wilden; am folgenden Tage kam der Kanzler ins Kloster, auch der Fürst wurde 
erwartet Man schwebte in grosser Angst, dass die Neuwahl beeinflusst werden 
würde und wählte daher auf den Rat etlicher guter Freunde aus Lüneburg 
so schnell als möglich die streng katholische Elisabeth Schneverding wieder. 
Ohne Priester, in aller Stille wurde die Beerdigung der alten Domina vorge- 
nommen. 

Ähnlich wie in Isenhagen versuchte der Herzog auch hier im Jahre 1537 
zum Ziele zu kommen. Er kam im Juli in Begleitung seines Bruders Franz, 
des Urbanus Rhegius, Ginderichs und seiner weltlichen Räte in das Kloster und 
forderte: Die Nonnen sollen die Predigt anhören, das Abendmahl unter beiderlei 
Gestalt feiern und nicht mehr den Gesang Salve regina singen. Der Fürst 


1) Vgl. di© „Ertzelung und Beschreibung 
des Clo sters Isenhagen“. Zts. d. hist. Vereins 
f. Niedersachsen, 1867, p. 150. Hier ist irrig 
als Ort der Flucht Hildesheim angegeben. Vgl. 
darüber Urkundenbuch von Isenhagen p. VTU, 
Anm. 5. 

2) Die Urkunde (vom Montag nach Kiliani) 
findet sich im Concept (anscheinend in der 


Handschrift Klammere) im H. St. A. (Des. 
49, 1). Ein Auszug aus derselben ist gedruckt 
in dem Urkundenbuche von Walsrode Nr. 872. 
Die Urkunde ist ohne Jahr, aber sie ist ausge- 
stellt von Ernst und Franz, sie gehört daher 
in die Zeit, in welcher Franz wirklich Mit- 
regent gewesen ist (December 1586 — October 
1589). 


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selbst, Rhegius, der Kanzler redeten auf den Convent ein, mehrere Tage blieb 
man im Kloster, and es gelang endlich, die Nonnen zu dem Versprechen zn be- 
wegen, den Prediger anhören zu wollen. Durch die Mauer des Jungfrauenchores 
wurde ein Loch gebrochen, so dass der Prediger in der Kirche dort verständlich war 
und sehen konnte, ob niemand von den Nonnen die Predigt versäumte. Dann 
wurde dem Convente eine Reihe von Gesängen namhaft gemacht, welche nicht 
mehr öffentlich gesungen werden durften. Mehr hat man dann bis zum völligen 
Übertritt aller Nonnen zum Luthertume, der erst im Jahre 1573 erfolgte, nicht 
erreichen können 1 ). 

In Medingen war seit dem Jahre 1535 Cord Küsel Verwalter geworden; 
derselbe ging gegen den widerstrebenden Convent sehr scharf vor. 1536 kam 
Herzog Ernst mit Rhegius auch nach Medingen und blieb dort einige Zeit; 
täglich predigte und katechesierte Rhegius in Gegenwart der Nonnen, aber er 
richtete nichts aus. Da wurde zu härteren Massregeln gegriffen. 1539 liess 
der Herzog eine Kapelle und sieben Altäre abbrechen und die Glocken bis auf 
eine aus dem Kloster entfernen. Im folgenden Jahre wurde etwa der dritte Teil 
der Klostergebäude, das Capitel- und Schlaf haus, 1541 ein Teil der Propstei 
und der Glockenturm auf dem Kirchhofe abgerissen und das Baumaterial nach 
Celle geschafft, wo es zum Bau eines Herrenhauses verwandt werden sollte. 

Die Äbtissin wurde nach Celle gefordert, sie zog es aber vor, sich in das 
Magdalenenkloster nach Hildesheim zu begeben und trotz oft wiederholter Auf- 
forderung kehrte sie nicht zurück. Auch ein Teil der Conventualinnen hatte 
das Kloster verlassen, und eine völlige Auflösung desselben schien bevorzustehen *). 
Es zeigt sich gerade hier sehr deutlich, dass der Herzog nicht die Aufhebung 
der Frauenklöster beabsichtigte, denn gerade bei Medingen hätte er dieselbe 
jetzt mit leichter Mühe durchsetzen können. 

Eine besondere Stellung nimmt das zur Hildesheimer Diöcese gehörige 
Kloster Wienhausen ein. Dort hatte ja der Propst Heinrich von Kramm schon 
sehr früh dem Herzoge die Propstei übergeben, und schon früh scheint man 
energisch gegen das Kloster vorgegangen zu sein. 1531 wurden die Propstei- 


1) Vgl. ttber die Vorgänge in Ltine: Han- nuscripte J. 37). 
noversches Magazin, 1821 p. 414 and den Kn- 1 2) Vgl. ttber Medingen: Lyssmann a. a. 0. 

lender von Lttne im H. 8t A. (Vera, der Ma- | 


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gebäude abgebrochen 1 2 3 ), nnd in demselben Jahre (am 27. Mai) floh die Äbtissin 
Katharina Remstedt in das Magdalenenkloster nach Hildesheim*). Dies hatte 
aber auf die Stellung des Conventes zur Reformation gar keinen Einfluss. Die 
Nachrichten über das Kloster sind nur spärlich, aber sie lassen erkennen, dass 
der Widerstand hier nicht weniger heftig gewesen ist als in den Klöstern der 
Verdener Diöcese*). Noch im Jahre 1537 fühlte sich Rhegins veranlasst, seinen 
„Sendbrief an das gantz Convent des Jungfrauen Closters Wynhusen wider das 
unchristlich gesaug Salve Regina“ zu schreiben. Er hält in demselben den 
Nonnen das Verwerfliche derartiger Gesänge vor und zeigt ihnen, dass sie gegen 
Gottes Gebote handeln, indem sie Maria nnd andern Heiligen eine Ehre geben, 
die nur Christus gebührt, denn er allein soll unser Fürsprecher sein im Himm el 4 ). 
Die Rückkehr der Äbtissin Katharina Remstedt im April 1539 besserte nnd 
änderte nichts. 

Rhegius hat es nicht mehr erlebt, die Klöster dem Lnthertume gewonnen 
zu sehen. Am 23. Mai 1541 machte ein Schlagfluss seinem Leben ein Ende. 
Sein Nachfolger Martin Undermark hat in seinem Geiste das Werk weiter 
geführt. 

Der Widerstand der Klöster wurde, wie wir bereits früher erwähnt haben, 
durch die stetige Verbindung mit auswärtigen Freunden, wie dem Bischöfe von 
Verden und Augustin von Getelen genährt Gerade jetzt, im Anfang des Jahres 
1542, hatte Christoph an Medingen, Lüne und Ebstorf ein Rundschreiben er- 
gehen lassen, in dem er sie zum treuen Ausharren und zur Beständigkeit in 
Glauben ermahnte 6 ). Das war der Grand, weshalb der Herzog in der Mitte 
des Jahres 1542 seinen Klosterverwaltern in Medingen, Lüne und Ebstorf (und 
wahrscheinlich auch in Wienhausen) den Befehl erteilte, den Nonnen jeden Ver- 
kehr mit der Aussenwelt abzuschneiden. Die Thore sollten geschlossen werden, 
und Briefe sollten die Bewohnerinnen nur durch die Hand des Prädicanten er- 
halten 6 ). 


1) Vgl. Leukfeld Antiquitates Winhusanae, 
p. 123. 

2) Vgl. Zeitschrift des hist Vereins f. Nie- 
dersachsen, 1855, p. 255. 

3) Vgi. Lemkfeld, Antiquitates Winhusanae, 

p. 119 ff. 


4) Deutsche Schriften IV, 33 ff. 

5) Lyssmann a. a O. p. 145, d. d. 6. Fe- 
bruar 1542. 

6) Herzog Ernst an Ooard Kttsel, Befehls- 
haber von Medingen, am Tage LauieBftai (10. 
August) 1542. Dass diese Massregel auch 


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Im Jahre 1543 wurde eine allgemeine Kirchenvisitation gehalten, und in 
Folge derselben erliess der Herzog eine Ordnung, durch welche einige Misstände 
im Lande abgestellt werden sollten. Die Gebühren des kirchlichen Amtes werden 
geordnet; es wird verboten, dass an Sonn- und Festtagen vor Schluss der Predigt 
der Kram geöffnet oder Bier verkauft werde. In betreff der Eheschliessung 
werden bestimmte Normen festgestellt so lässt man — das zeigt, wie conser- 
vativ der Herzog war — die Pathenschaft auch fernerhin als Ehehindernis 
gelten) *). 

Bei Gelegenheit dieser Visitation wurden auch die Klöster noch einmal 
vom Herzoge besucht, kurz vor Fronleichnam war er in Wienhauseu und bald 
darauf in Lüne, aber, wie zu erwarten war, richtete er nichts aus. An Me- 
dingen erging sogar damals — wenn uns recht berichtet wird — der Befehl 
zur Räumung des Klosters; da wandten sich die noch im Kloster befindlichen 
Mitglieder des Conventes an Erzbischof Christoph, übersandten ihm auf seine 
Forderung eine ganze Reihe von Beschwerden gegen den Herzog, und er säumte 
denn auch nicht, seine Klage sowohl beim Kaiser als auch beim Kammergerichte 
anhängig zu machen. 1544, am 29. Februar, erwirkte er ein Pönalmandat gegen 
den Herzog und am 1. December 1544 einen kaiserlichen Schutzbrief für Lüne, 
Ebstorf und Medingen, den er im Anfang des Jahres 1545 mit einem Ermah- 
nungsschreiben den Klöstern übersandte. Er nahm natürlich noch jetzt alle die 
Rechte, welche er früher gehabt hatte, in Anspruch, und die Klöster betrachteten 
sich auch noch immer in erster Linie als Unterthanen des Bischöfe von Verden 
Auf den Rat Cliristophs kehrte jetzt auch Margaretha von Stöteroge nach Me- 
dingen zurück 1 ). 

Ernst wollte jetzt wirklich zu schärferen Massregeln greifen, allein das 
verhinderte sein, wie es scheint, plötzlicher Tod. Als er im Anfang des Jahres 
(am 11. Januar) 1546 starb, standen die vier Klöster Lüne, Ebstorf, Medingen 
und Wienhauseu noch auf demselben Standpunkte, auf dem sie im Jahre 1542 
standen, und dabei blieben sie auch noch längere Zeit Ebstorf unterhielt 

gegen Lüne und Ebstorf im Jahre 1542 ange- 1) Die Kirchenordnung, gedruckt bei Richter, 

wandt wurde, ergiebt sich aus dem Kalender Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts II, 
von Lüne (H. St. A. : Verz. der Manuscripte 54 ff., ist datiert vom Donnerstag nach Mar- 
J. 37) und einem Schreiben des Lambertus i tini (15. November) 1543. 

Germ an us, dee Predigers von Ebstorf, d. d. die I 2) Die Urkunden sind gedruckt bei Lyss- 

Jovis post Matthaeum 1546. I mann a. a. 0. p. 146 ff. 

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im Jahre 1546 stetige Verbindung mit dem Propste Joachim Schütte zu Halber- 
stadt, der das Kloster mit Berichten über den Schmalkaldischen Krieg versorgte *). 

Der günstige Verlauf des Krieges mochte allerdings neue Hoffnungen bei 
den Nonnen erwecken, als aber die Jahre vergingen und keine Änderung ein- 
trat, da trat ein Kloster nach dem andern zum Protestantismus über. 

Zuerst Medingen, wo die Äbtissin Stöteroge durch ihren Bruder Nicolaus, 
der damals Bürgermeister von Lüneburg war, dem evangelischen Glauben ge- 
wonnen wurde. Im Juli 1554 feierte der Convent zum ersten Male das Abend- 
mahl unter beiderlei Gestalt*). 

In Lüne hatte man sich nach dem Tode Ernst» an die Räte des Fürsten- 
tums mit der Bitte um Erleichterung der Olausur gewandt. Man gewährte die- 
selbe und erneuerte zugleich die von Ernst gegebenen Versprechungen. Das 
trug wesentlich zur Versöhnung bei; das alte Geschlecht starb allmählich aus, 
aber erst im Jahre 1573 erfolgte, wie bemerkt, der völlige Übertritt des Con- 
ventes zum Luthertume *). 

Von Ebstorf wissen wir nichts Genaueres, nur wenig auch von Wienhausen. 
Nach dem Tode von Katharina Remstedt (1549) wurde die streng katholische 
Dorothea Spörken zur Äbtissin gewählt, ihre Nachfolgerin Anna von Langelen 
war die letzte katholische Domina Wienhausens. 

Wir stehen am Ende. Ohne Zweifel ist Herzog Ernst der eigentliche 
Mittelpunkt des ganzen Werkes gewesen, wenn er auch gewiss ohne die tüch- 
tigen und kräftigen Männer, welche ihm als Theologen und Juristen zur Seite 
standen, es nicht so leicht hätte durchführen können. Unter dem Schutze des 
Fürsten schlug das Luthertum bis zum Jahre 1526 tiefe Wurzeln im Lande; 
unter seiner thätigen Hülfe wuchs es empor und breitete sich nach den Land- 
tagen von 1527 schnell über das Fürstentum aus. Bis zum Jahre 1530 war 
das Schwerste gethan. Was später kam, diente allerdings der Befestigung und 
dem Ausbau des Begonnenen, aber es nimmt sich im ganzen mehr aus wie letzte 
weitausgesponnene Scenen eines Dramas, in welchem die Entscheidung schon ge- 
fallen ist; es zeigt gewiss einzelne interessante Entwicklungen, aber wenn man 

1) Vgl. den Bericht des Predigers Lam- 3) Vgl. den Kalender von Lüne im H. 

bertus Germanus im H. St. A. St. A. und Zts. d. hist. Vereins für Nieder- 

2) Vgl. Lyssmann a. a. 0. p 159. Sachsen 1830, p. 108. 


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die Vorgänge mit einiger Vollständigkeit und Genauigkeit darlegen will, so muss 
man manche fruchtlose Verhandlung, nicht erfüllte Versprechung und nicht aus- 
geführte Drohung erwähnen, die kaum unser Interesse fesseln kann. 

Politische Erwägungen haben keine unwichtige Rolle bei dem Vorgehen 
des Herzogs gespielt, und er hat nicht alles, wie das eine theologisierende Ge- 
schichtschreibung gern annimmt, nur zur Erhöhung der Ehre Gottes, ohne welt- 
liche Rücksicht gethan. Aber niemand wird darum leugnen können, dass den 
besten Anteil an seinem Lebenswerke die religiösen Gedanken hatten, yon 
welchen er ergriffen und erfüllt war. Ernst wollte sein Volk glücklich machen. 
„Aliis inserviendo consumor“, war sein Wahlspruch. Durch die That hat er 
ihn bewährt Sein Name wird stets mit Ehren unter den Fürsten Deutschlands 
genannt werden. 


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Oftttligei, 

Druck der Dieterich’schen Univ. - Buchdruckerei. 
W. Fr. Kaestner. 



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